Achtsamkeit ist nicht gleich Aufmerksamkeit oder Konzentration. Achtsamkeit ist mehr eine Haltung bzw. Einstellung, die man als Lehrer, Betreuer oder Eltern vorlebt bzw. selber praktiziert. Und die ADHS-Kinder zunächst eigentlich gut können. Bis man es ihnen halt wieder “austreibt” oder zumindest verleidet. Achtsam bedeutet, sich den Erfahrungen in der Gegenwart (also im “Jetzt”) hinzuwenden und anzunehmen, was gerade ist. Ohne emotionale Bewertung in “gut” oder “schlecht” und erst recht nicht in Form von Etikettierungen oder moralischen Zuschreibungen. Offen sein für die Erlebniswelt des Kindes und auch bereit sein, aus dieser Perspektive sich einmal auf die Schulwelt einzulassen.
Im Zusammenhang mit Schule und Lernen ist dabei der Anfängergeist interessant.
Fast jeder Erstklässler geht ja mit einer gewissen Begeisterung zu seinem ersten Schultag. Alles ist neu, ein wenig unsicher. Die Lern-Welt Schule will entdeckt, neue Freundschaften geschlossen und überhaupt ganz viel gelernt werden.
Häufig treffen unsere ABC-Schützen dabei zunächst auf eine sehr freundliche Atmosphäre der Einschulung. Und die Lehrerin schafft es zunächst auch, das Gefühl von Willkommensein zu vermitteln.
Eigentlich ist dies Achtsamkeit in reinster Form : Den Augenblick so erleben, als ob man ihn das erste Mal erlebt. Mit Offenheit und Neugier und einer gewissen Unerschrockenheit.
Für das ADHS-Schulkind ist es häufig so, dass es jeden Tag, jede Aufgabe mit diesem Anfängergeist erlebt. Ungewollt. Denn vom inneren Erleben fehlt ein Zeitgefühl. Das Kind lebt bzw. erlebt sich und die Umwelt im Hier und Jetzt. Und damit wieder neu.
Der Anfängergeist kann anstecken und sich auch auf die Lehrer positiv auswirken. Wenn das ADHS-Kind ungewöhnliche Fragen stellt, einen neuen interessanten Blickwinkel in ein Problem bringt. Oder schlicht mit seiner Begeisterung so voll und ganz bei der Sache ist. Nicht umsonst wecken viele ADHS-Erstklässler erstmal grosse Erwartungen bei ihren Klassenlehrerinnen. Sie werden zunächst ganz innig ins Herz geschlossen.
Doch das bleibt nicht unbedingt so….
Calvin und Hobbes-Comics sind hier zunächst einmal Pflichtlektüre, wenn man sich eine Vorstellung von einem ADHS-Hypie und seine Wahrnehmung der Welt machen will. Und die kleinen und grossen Alltagskatastrophen, die dann den Schul-Weg pflastern. ADHS-Kinder werden innerlich nicht älter. Sie schauen (lange Zeit) auf die Welt aus dem Blickwinkel eines begeisterten Kindes. Bis man ihnen diesen Blickwinkel zerstört.
Nun kehrt ja mit der Achtsamkeitsbasierten Therapie (mindfulness based therapy) genau der Anfängergeist als eine wesentliche Grundhaltung zurück in die Therapie bzw. Pädagogik.
Für die Arbeit mit ADHS-Kindern (aber natürlich auch mit jedem anderen Schulkind) hilft das Praktizieren von Achtsamkeit enorm.
Anfänger-Geist wäre also, jeden Tag (oder jede Schulstunde) so zu beginnen als ob es die erste Begegnung mit dem Thema bzw. dem Schüler ist. Und dabei doch eine Vertrautheit und Konstanz zu vermitteln.
Dies bezieht sich nicht nur auf das Datum im Kalender bzw. die Tage bis zum Beginn der Sommerferien, es bedingt auch eine Haltung gegenüber positiven wie etwaigen negativen Erlebnissen mit dem ADHS-Kind (oder seinen Eltern). Und es bedeutet auch, dass man Kinder eben bei Erfolgen erwischen soll. Wenn sie erstmals etwas verstanden, etwas selber zum ersten Mal gemacht haben. Loben und herausstellen, wenn sie Anfänger-Geist zeigen. Und das nicht nur zu Events wie Jugend forscht.
Ich könnte jetzt etliche Beispiel vorjammern, wo Lehrerinnen und Lehrer meiner Söhne noch nicht mal ihren Frust aus der grossen Pause aus dem Lehrerzimmer ablegen können und sich unachtsam in den Unterricht quälen. Und eben mehr oder weniger demonstrativ den Schülern zeigen, dass sie verbraucht sind, dass sie in ihrer inneren Einstellung mindestens so faltig sind wie im Gesicht. Dass es ihnen nicht mehr gelingen will einen eigenen Anfänger-Geist zu leben und damit eine Neugier auf Lernen zu vermitteln. ADHS-Schüler erleben sie dann nicht als Quell von Anfängergeist, sondern als Qual. Leider gilt auch umgekehrt, dass unachtsame Lehrer für einen ADHSler eine Qual sind. Das kann Dauer-Stress bis hin zu schweren Traumatisierungen auslösen.
Leider werden zu viele Kinder mit Disziplinarmaßnahmen belegt. Und eindeutig zu wenig Lehrer wegen erwiesenem Störverhalten auf die Kinder von der Schule verwiesen. Verkehrte Welt halt.