ADHS Survival-Pack : Was gehört in einen ADHS-Haushalt ?

Ich möchte mal Euch Leser bitten, mir Vorschläge für eine Art Notfall-Ausrüstung für ADHS-Familien bzw. Erwachsene zu machen. Ich möchte eine Art Liste der wichtigsten hilfreichen Tools wie z.B.

gute Wecker, Timer / Kalender /

Haushaltshilfsmöglichkeiten

Bücher

Apps

Ferienziele

und sonstige Dinge erstellen.

Das,  was also in keinem Chaoten-Haushalt fehlen darf.

Einfach, praktisch, ADHS-erprobt.

Habt ihr Ideen ? Seid kreativ !

ADHS und Parkinsonsche Gesetze

Nein, hier geht es nicht um G. Hüther und seine Ratten, die angeblich unter Methylphenidat Parkinson bekommen.

Ich bin auf die Parkinsonschen Gesetze in der Wikipedia gestossen. Sie beziehen sich eigentlich auf den Zuwachs von Bürokratie in der Verwaltung. Im Kern lautet die Grundaussage :

Arbeit dehnt sich in genau dem Maße aus, in dem Zeit zur Verfügung steht

Tja, sehr viel treffender könnte man es für Alltagsaufgaben bzw. Bürokratie-Notwendigkeiten kaum ausdrücken.

Die Zeitwahrnehmung bei ADHSlern ist ja eh subjektiv. Und gerade lästige Aufgaben scheinen eine merkwürdige Tendenz zu haben, sich auszudehnen, wenn mehr Zeit zur Verfügung steht. Aber eben auch quälend lang bzw. scheinbar perspektivlos zu sein.

Umgekehrt müsste nun nach dem Parkinsonschen Gesetz eigentlich ja Arbeit auf den Punkt gebracht werden, wenn keine Zeit da ist.

Kennen die meisten ADHSler auch ganz gut als Torschlusspanik, in der dann (manchmal, meistens,  irgendwie) eine Arbeit doch noch abgegeben, ein Badezimmer saubergemacht oder die Steuererklärung erledigt wird…

Eine weiterer Lehrsatz aus den Parkinsonschen Gesetzen scheint auch für ADHSler geschrieben

Angestellten schaffen sich gegenseitig Arbeit

Übertragen auf ADHS :
ADHSler schaffen sich gegenseitig Arbeit….

Wäre ja schön, wenn es um Arbeitsplätze ginge. Aber ich meine das Phänomen, dass sich das Chaos bzw. Probleme in ADHS-Familien eben häufig multiplizieren bzw die Alltagsaufgaben scheinbar nie abgearbeitet werden können.

ADHS und Bürokratie passen irgendwie nicht so ganz zusammen.

Schaut einfach mal in den oben verlinkten Artikel rein und macht Euch eigene Gedanken zu den Zusammenhängen. Vielleicht ergeben sich ja weitere Gesetzmässigkeiten :-)

ADHS Überleitungen und Information

Gestern hatten wir eine sehr notwendige (aber auch totlangweilige) Pflichtfortbildung zum Thema Hygiene in einer Reha-Klinik. Falsche Uhrzeit und eben “Pflicht”.

Ich bin sehr für Hygiene. Und es ging um Problemkeime, genauer gesagt multiresistente Keime.
Unsere Klinik ist in einem Netzwerk von Sachsen-Anhalt, die sich für die Krankenhaushygiene einsetzt. Das wusste natürlich keiner von uns, ist aber ja schon gut zu wissen.  Mit vergleichsweise einfachen Veränderungen in der Klinik auf Seiten der Mitarbeiter und der Patienten (aber auch zukünftig der Angehörigen) lässt sich das Risiko für multiresistente Keime verringern. Nachprüfbar effektiv.

Interessant fand ich nun, dass es ein Formular gibt. Ich mag an und für sich Formulare nicht. Ich habe also gedanklich erstmal noch weiter abgeschaltet.

Aber mit diesem Formular sollte die Überleitung eines “Problempatienten” von der Einrichtung A in die Einrichtung B bzw. dann zum Hausarzt , ambulanter Pflegedienst etc. erleichtert werden. Ich will nun ADHS oder Asperger nicht mit Problemkeimen gleichsetzen.
Aber gemeinsam ist die Tatsache, dass allein schon das Wissen wie man mit den Besonderheiten dieser tollen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen umgehen kann (und soll) und die Weitergabe der Erfahrungen mit einer gemeinsamen Kommunikation viel helfen könnte.

Aber so ein Kommunikationsmanagement erfolgt eben gerade nicht. Weil die Eltern mehr oder weniger berechtigt fürchten, dass die Erfahrungen aus der Kita oder gar einem sonderpädagogischen Kindergarten sich dann nachteilig auf die Grundschule auswirken, weil die Lehrer voreingenommen sein könnten.

Also fängt da das Spiel neu an. Zu Lasten der Kinder.

Es setzt sich dann fort, weil Fördermöglichkeiten gar nicht bekannt sind bzw so auch gar nicht vorgeschlagen werden könnten.

Ich habe noch keine konkrete Idee, wie nun so eine “standardisierte Übergabe” aussehen könnte. Ich weiss noch nicht einmal, ob ich sie nun wirklich gut oder schlecht fände.

Ich finde es nur eine Überlegung wert, darüber mal nachzudenken.

 

Insofern war die Hygiene-Fortbildung doch sinnvoll.

 

Neuer Blog zur Positiven Psychologie, Imagination und Erklärvideos

Ich probiere ja gerne mal neue Dinge aus. Auch oder gerade in der Therapie, wo ich viel mit Imagination bzw. Emoflex(R) arbeite.

Ich finde aber auch sonst die Positive Psychologie bzw. lösungsorientierte Verfahren interessant. Da ich derzeit ein wenig mit einer Software für Erklär-Videos herumspiele, ist daraus die Idee für ein “spin-off” Blog entstanden. Die Seelenklempnerei soll sich mit Ansichtssachen aus der Psycho-Welt beschäftigen.

Beruflich sehe ich ja weit mehr als nur ADHS, speziell derzeit Depressionen und Erschöpfungssyndrome, Schlafstörungen, Chronische Schmerzstörungen, Konversionsstörungen und eben Dissoziative Störungen.

Dies dann patientennah und lösungsorientiert zu erklären, macht Spass. Ist aber auch eine Herausforderung.

Wer also mal reinschauen mag bzw.  mir inhaltlich mit eigenen Ideen oder Beiträgen oder durch das Teilen von Blogposts in anderen Blogs oder Sozialen Netzwerken helfen mag : Hier geht es zur Seelenklempnerei Winkler

ADS und Vigilanzstörungen

In unserer Kinder-Rehaklinik sollte ich ein junges Mädchen bzw. ihre Familie beurteilen. Es ging u.a. um die Frage, ob möglicherweise psychische Probleme der Mutter bzw. familiäre Faktoren zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptomatik bei der kleinen Patientin beitragen könnten. Das ging soweit, dass auch an ein Münchhausen-by-Proxy  gedacht wurde

Vom Aspekt her sah ich ein 9 jähriges Mädchen, das gegen 16 Uhr sehr müde bzw. “schlaff” wirkte. Das ist nun bei den derzeitigen Wetterverhältnissen nicht so ganz unüblich. Sie rutschte aber ständig auf dem Stuhl rum, rieb sich die Augen bzw. wollte unbedingt mit dem Kugelschreiber der Mama “spielen”. Auf ein “Nein” reagierte sie heftig mit einem inneren Gefühlsabsturz.

Hellhörig wurde ich aber, da nun quasi seit der Geburt Störungen der Vigilanz bzw. der Grundspannung, des Schlaf-Wach-Rhythmus bzw. der Selbst- und Fremdwahrnehmung bestanden. Sie sei eigentlich schon vom ersten Tag ihres Lebens “anders” und eben häufig krank. Dementsprechend dick war ihre Krankenakte bzw. entsprechend viele (meist ergebnislos) Arztkonsultationen gab es.

Bei mir gingen die inneren “Signale” für ADS vom unaufmerksamen Subtyp an. Zumal mir die Mutter von Ordnungszwängen berichtete, die jetzt zunehmend ein Problem darstellen würden. Auch hier gibt es überzufällig häufig einen Zusammenhang von ADS und Zwängen.

Dabei hat das Mädchen (natürlich) keine deutliche motorische Unruhe, auch die Schulleistungen in der 2. Klasse seien “gut”. Sie sei nur sehr still und schüchtern, ihre Handschrift sei sehr schlecht und ab 14 Uhr sei mit ihr dann überhaupt nichts mehr anzufangen. Auch das Schlafen sei ein riesiges Problem, u.a. sei ein fraktionierter (= unterbrochener) Schlaf bekannt, wenn sie denn überhaupt zur Ruhe komme.

Bisher beschäftigen sich aber zumindest nach meiner Kenntnis nur wenige Experten genauer mit dem Zusammenhang von Vigilanzstörungen und psychiatrischen Störungen.

Bereits im Säuglingsalter fiel das Mädchen mit Obstipationsbeschwerden auf. Natürlich kann Verstopfung (bzw. Enkopresis) ganz viele Ursachen haben. Der Zusammenhang mit ADS ist aber relativ unbekannt. In einem vergleichsweise aktuellen Beitrag zum Thema ADHS und Obstipation wurde immerhin eine Häufigkeit von über 4 Prozent angegeben (gegenüber einer Häufigkeit von 1,5 Prozent bei Kindern einer Normalpopulation). Ich hatte in einem früheren Blockbeitrag mal auf die amerikanische Studie verwiesen (hier).

Die frühkindliche Entwicklung war durchaus auch weiterhin auffällig im Sinne eines “Schreibabys). Ansonsten muss sie als Kind aber eben eher auffällig “schlaff” bzw. auch eher still gewesen sein.

Entwicklungsstörungen bzw. Regulationsstörungen bei Kleinkindern können, müssen aber nicht auf eine späteres ADS / ADHS hinweisen. Hier hatte ich mal die Besonderheiten der Regulationsdynamik mit einem schlaffen Luftballon verglichen.

Im Falle dieses Kindes wurde aber in der Folge in alle möglichen (bzw. unmöglichen) organischen Richtungen gedacht. U.a. wurde wegen einem leichten Schlaf-Apnoe-Syndrom eine umfangreiche schlafmedizinische Diagnostik bzw. auch Maskentherapie ohne Erfolg versucht. Das Kind wurde wegen einer (angeblich) zu grossen Zunge operiert.

Die Tonusregulationsstörung bzw. Müdigkeit und sehr schnelle Erschöpfung verblieb (erwartungsgemäss).

Ich habe mich dann über das ADD-Forum Berlin u.a. mit Kollegen ausgetauscht, wobei insbesondere der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Droll sich schon sehr lange mit der Thematik Vigilanzstörungen beschäftigt.

Er sieht die ständige Müdigkeit und Erschöpfung als Ausdruck eines anhaltend abgesenkten Aktivierungs- und Vigilanzniveaus. Auch das leichte obstruktive Schlaf-Apnoesyndrom kann auf einen anhaltend abgesenkten Muskeltonus  (bzw. schlaffe Mundmotorik) bzw. einer zu stark abgesenkten Hirnaktivierung hinweisen

Hierdurch resultiert eben häufig auch ein unterbrochener Schlaf durch die Weckreize der wiederkehrenden Hypoxie-Zustände (relativer Sauerstoffmangel). Natürlich wird dadurch einerseits die Konzentrationsfähigkeit, aber natürlich auch die Wachheit verschlimmert und letztlich ein Dauerzustand von Müdigkeit und Erschöpfung erklärt.

Diese Kinder fallen in der Schule eher dadurch auf, dass sie nicht auffallen (wollen). Sie sind schüchtern, eher zu langsam bzw. versuchen über Überanstregung die Störungen der Aufmerksamkeit bzw. der Vigilanzregulation auszugleichen.
Die Hirnaktivierung über das Anstrengungs- und Alarmsystem führt aber zu einer Tendenz von Ängstlichkeit bzw. später eben auch sozialer Ängstlichkeit bzw. Rückzugsverhalten. Das innere Selbstkontrollsystem ist quasi ständig “überaktiv”.

Leider kann dann die Störung der Vigilanzregulation gerade nach dem Mittagessen zu Problemen führen. So auch bei diesem Mädchen. Neben dem biologischen Mittagstief war jetzt die Tonusabsenkung so stark, dass sie quasi ab dem frühen Nachmittag völlig aus der Bahn geworfen war.

Nicht nur die Hausaufgaben gelingen jetzt nicht mehr wirklich. Sie wird zur Tyrannin der Familie (und ihrer Schwester). Jetzt imponieren dann schon eher typische Symptome eines oppositionellem Trotzverhaltens bzw. es muss so laufen, wie die Kleine es erwartet. Sonst sind Gefühlsabstürze die Folge.

Natürlich hat dies auch Auswirkungen auf das Familienleben, aber auch das Selbstwertgefühl bzw. Selbstbild des Mädchens, die man dann (familen-)therapeutisch mitbegleiten bzw. -behandeln muss. Aber man sollte eben erst einmal genauer schauen, ob nicht eine neurobiologische Grundlage für die Störungen besteht.

Leider ist es heute noch häufig so, dass Kinder- und Jugendpsychiater nicht im Traum bei einer solchen Problematik an ADHS denken würden. Zumal es ja immer noch Kliniken gibt, die ADHS für eine neumodische Erfindung halten bzw. ihre Hauptaufgabe darin sehen, ADHS-Diagnosen in Frage zu stellen.
Wenn sich also die Familie in einer KJP-Praxis oder einer allgemeinen Uni-Ambulanz vorstellt, kann es gut und gerne sein, dass sie ganz und gar nicht ernst genommen werden.

Schliesslich scort ein solches Kind bei den ADHS-Fragebögen natürlich überhaupt nicht hoch. Es hat (noch) keine Schulleistungsprobleme, es klagt nicht über Unruhe und Konzentrationsstörungen. Es stört nicht. Und in den Fremdbeobachtungen der Lehrer muss es nicht unbedingt auffällig sein.

Also müssen dann die Eltern bzw. die Familie gestört sein.

Daher suchte ich dann speziell eine Anlaufstelle in der erweiterten Region, die über das Schubladendenken der “Hyperaktivität” hinaus, sich mit der Thematik auseinander setzen kann und eine umfangreiche Diagnostik unter Einbeziehung von Vigilanzregulation, neuropsychologischen Begleit- und Folgeproblemen bzw. weiteren Teilleistungs- und Wahrnehmungsstörungen (und -stärken) machen könnte.

Sowas zu finden ist aber verdammt schwer…

NDR Info Redezeit heute 17.7.

Heute am Abend gibt es eine interessante Diskussion zur Situation von ADHS-Kindern (und sicher auch deren Familien) u.a. mit Roy Murphy aus Bad Bramstedt bzw. der ADHS-Selbsthilfe aus Sassenburg. Reinhören lohnt sich sicher….

https://www.ndr.de/info/sendungen/redezeit/Sorge-um-hyperaktive-Kinder,sendung247310.html