Kinder und Jugendliche über ADHS informieren

Gerne möchte ich an dieser Stellte noch einmal auf das Projekt “Kinder & ADHS” aufmerksam machen. Worum geht es?

In meiner Praxis stelle ich immer wieder fest, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen (aber auch deren Eltern) auffallend wenig über die ADHS, deren Ursachen und Auswirkungen bei der Alltagsbewältigung wissen. Das erstaunt, denn im Rahmen einer qualifizierten multimodalen Therapie der ADHS sollte auch bei Kindern und Jugendlichen der direkten (und/oder persönlichen) Aufklärung und Informationsvermittlung ein grösserer Stellenwert zukommen. Und schliesslich leben wir im Jahr 2014.

Warum ist das wichtig? Die Betroffenen (und ihre Eltern) sollen die von ihnen persönlich als irritierend, behindernd und ich-fremd erlebten Auswirkungen der Aufmerksamkeits- und Impulskontrollstörungen verstehen und korrekt einordnen können.

Kinder mit einer ADHS benötigen ein stimmiges “Konzept” über sich und ihr Störungsbild. Sie sollen verstehen, „was die ADHS mit ihnen macht“. Das kann ihnen zum Beispiel dabei helfen, sich nicht mehr als “ganzer Mensch” als Versager/-in zu fühlen. Also: Nicht “Ich bin nicht normal”, sondern etwa: “Meine innere Bremse” oder „Meine Sortierstation ‚wichtig-unwichtig‘ funktionieren nur dann korrekt, wenn es interessant oder spannend ist.“

Das Wissen um die ADHS-assoziierten Funktionsstörungen und deren Auswirkungen im Zwischenmenschlichen sowie bei schulischen Anforderungen kann zudem helfen, Schuld- und Schamgefühle zu lindern und dem oftmals schon in der Primarschulzeit beschädigten Selbstbild etwas “Sachliches” und Entlastendes entgegenzusetzen. Dies wiederum kann die therapeutische Arbeit mit zahlreichen Betroffenen wesentlich verbessern, weil diese entspannter und zugänglicher sind. Die problematischen Reaktions- und Verhaltensweisen der ADHS-Betroffenen sind weniger mit Scham besetzt und können im Behandlungsgespräch etwas einfacher thematisiert werden. Dies wiederum kann uns Fachpersonen entscheidend helfen, die Wirkung der eingeleiteten therapeutischen Interventionen zu evaluieren und bei Bedarf zu optimieren.

Um Kindern ab ca. 11 – 12 Jahren und Jugendlichen Zugang zu Wissen über die ADHS und deren Folgen zu ermöglichen, habe ich vor einiger Zeit das Projekt “Kinder & ADHS” ins Leben gerufen (www.kinder-und-adhs.ch). Es handelt sich um eine Website mit ADHS-Infos für Kinder und Jugendliche. “Kinder & ADHS” enthält neben Erfahrungsberichten über und von Betroffenen ein ADHS-Lexikon für Kinder (sowie für Väter betroffener Kinder, welche leider noch zu oft “keine Zeit” finden, sich über ADHS mittels fachgerechterer Ratgeberliteratur zu informieren).

Gestützt auf bisherige Rückmeldungen von Kindern und Jugendlichen, welche “Kinder & ADHS” entdeckt haben, werden die Texte gerne gelesen. Selbst von Vätern erhielt ich Rückmeldungen, die sich auf diese Website bezogen. Soviel ich weiss sind es aber einmal mehr vor allem Mütter, welche die Infos auf “Kinder & ADHS” zur Kenntnis nehmen. Auch die Webstatistik meldet gute Besucherzahlen. Eine Einschränkung besteht wahrscheinlich insofern, dass die Infos auf „Kinder & ADHS“ Betroffene aus bildungsfernen Familien und Kinder/Jugendliche mit einer Lesestörung überfordern könnten. Denkbar wären zum Beispiel Comics, in welchen die Fachinformationen zielgruppengerecht verpackt und kommuniziert werden könnten. Oder möglicherweise der Einbezug etwa von YouTube-Filmchen.

Wer beim Projekt “Kinder & ADHS” mitwirken möchte, kann sich gerne bei mir melden. Voraussetzung ist, dass keine ADHS-relevanten Interessenskonflikte vorliegen.

Die Texte auf „Kinder & ADHS“ werden von mir (und/oder meinen Kolleginnen) – basierend auf Berichten von real existierenden ADHS-Betroffenen Kindern und Jugendlichen – verfasst oder redaktionell überarbeitet. Dabei wurden und werden alle Angaben zu den Protagonisten und ihren Angehörigen dahingehend abgeändert, dass Rückschlüsse zu den realen, hinter den ADHS-Stories stehenden Personen, ausgeschlossen sind.

ADHS-Kriterien nach DSM-V: Fluch oder Segen?

Das DSM-V ist die fünfte und damit neuste Auflage des von der American Psychiatric Association (APA) herausgegebenen Klassifikationssystems “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders”.

Seit 1952 wird der Inhalt des DSM – teils gestützt durch Feldforschungen, vorwiegend basierend aber auf Expertenmeinungen – alle paar Jahre neu festgelegt, um psychiatrische Diagnosen international verbindlicher zu gestalten. Das DSM umfasst auch eine Definition der diagnostischen Kriterien für die ADHS.

Zweck der DSM war und ist es, diagnostische Kriterien für die Festlegung von Ein- und Ausschlusskriterien für die Forschung sowie für Versicherungen zur Verfügung zu haben. Das DSM ermöglicht daher nur kategoriale, also rein theoretische “Entweder-oder-Diagnosen”.
Im klinischen Alltag spielen Diagnosen nach DSM keine grosse Rolle: Da werden Menschen behandelt und keine abstrakten Diagnosen. Und weil psychische Probleme schliesslich alles andere als statisch sind und einen fliessenden Ausprägungsrad aufweisen, also dimensionaler Art sind (und sich nicht mit einer “Entweder-oder-Logik” erfassen und behandeln lassen).

Auch bezüglich der ADHS enthält die DSM-V gegenüber der Vorgängerversion von 1994 Änderungen, auf die ich im Folgenden kurz eingehen will. Vorausschicken will ich, dass die Kernzüge der Definition der ADHS-Diagnose jener der Vorgängervision entsprechen: Die ADHS wird auch in der DSM-V definiert durch eine überdauernde und situationsübergreifend auftretende Symptomatik von Aufmerksamkeitsstörungen und / oder Hyperaktivität / Impulsivität, welche dem Alter, dem Entwicklungsstand und der Intelligenz der oder des Betroffenen nicht angemessen ist und zudem (für eine ADHS-Diagnose zwingend) in verschiedenen Lebensbereichen zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führt.

Neu bzw. geändert wurde in der DSM-V Folgendes:

  1. Bisher war die ADHS zusammen mit den Störungen des Sozialverhaltens in einer gemeinsamen Kategorie. Neu zählt sie zu den “Neurodevelopmental Disorders”.
    Kommentar: Das ist sicher sehr sinnvoll, denn in dieser Kategorie sind auch beispielweise der Autismus oder die Lese-/Rechtschreibstörung eingeordnet. Die neue Zuordnung kann dazu beitragen, die ADHS moralisch von sozial gestörtem Verhalten zu entkoppeln und damit zu “entkriminalisieren”.
  2. Die Zahl der für eine ADHS-Diagnose notwendigen Symptome werden in der DSM-V für Betroffene ab 17 Jahren (also auch für Erwachsene) für die Störungsbereiche der Aufmerksamkeitsprobleme und der Hyperaktivität/Impulsivität von sechs auf neu fünf Symptome reduziert.
    Kommentar: Vorteil ist, dass auch ADHS-betroffene Erwachsene, welche nicht mehr alle ADHS-Kernsymptome aufweisen (was nachweislich oftmals der Fall ist), aber trotzdem stark unter ihren verbleibenden ADHS-Problemen leiden, diagnostisch erfasst und behandelt werden können (genau genommen war das allerdings schon mit der Version IV möglich). Nachteil: Die Absenkung der erforderlichen Kernsymptome führt zu einem Anstieg der ADHS-Diagnosen. Dies kann damit einhergehen, dass noch häufiger als bereits heute mögliche Differenzialdiagnosen der ADHS übersehen werden: Einige Patientinnen und Patienten werden also durch die Symptomreduktion noch öfters eine falsche (oder unvollständige) Diagnose erhalten. Ausserdem: Die Pharmaindustrie, welche bei der Entwicklung der DSM von Beginn weg die Finger (und Geld) mit im Spiel hatte, wird sich ob der Reduktion der erforderlichen ADHS-Kriterien sicherlich freuen.
  3. DSM-V behält die 18 Kernsymptome, ergänzt diese aber teilweise. Beispiel: “Hat bei Aufgaben oder Spielen oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit längere Zeit aufrechtzuerhalten” wird neu ergänzt mit: “z.B. Schwierigkeiten während Vorlesungen, Tagungen, Unterhaltungen, Lesen längerer Texte fokussiert zu bleiben”.
    Kommentar: Diese Ergänzung ist bezüglich ADHS vollkommen sinnlos. Wer es schulisch soweit bringen konnte, dass er Vorlesungen und Tagungen besuchen kann, leidet mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an einer ADHS. Ausserdem: Auch diese Ergänzung führt über kurz oder lang zu einem ungerechtfertigten Anstieg der ADHS-Diagnosen und somit zu einer Ausweitung des Absatzmarktes für ADHS-Medikamente (Neuroenhancing für unkonzentrierte Akademiker und Fachpersonen in der Fortbildung auf Kosten der Krankenkassen?).
  4. Neu ist in der DSM-V die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS) kein Grund mehr dafür, dass keine ADHS-Diagnose gestellt werden darf. Die ASS zählt also neu zu den möglichen komorbiden Störungen der ADHS. Bisher schlossen sich diese Diagnosen aus.
    Kommentar: Eigene, langjährige Erfahrungen mit ADHS-Patientinnen und Patienten sowie mit ASS-betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zeigen mir immer wieder auf, dass es sich bei der ADHS und der ASS um zwei grundverschiedene Störungsbilder handelt. Siehe dazu das Fallbeispiel hier. Meines Erachtens führt auch diese Änderung zu einer ungerechtfertigten Ausweitung der Patientenkollektive, welche mit ADHS-Medikamenten behandelt werden können.
    Festhalten will ich, dass ich sehr wohl Patientinnen und Patienten kennengelernt habe, welche Symptome einer ADHS und gleichzeitig Merkmale einer ASS aufwiesen. In den mir bekannten Fälle war aber weder die Diagnose einer ADHS noch einer ASS gerechtfertigt. Die Möglichkeit, ADHS und ASS gleichzeitig zu diagnostizieren, könnte unter anderem die Erfassung und Erforschung eines neuen, bisher nicht präzis beschriebenen Störungsbildes erschweren.
  5. Neu wird in der DSM-V das Alterskriterium für die Erstmanifestation von ADHS-Problemen vom siebten auf das 12. Jahr angehoben (also bis Ende des 12. Lebensjahres).
    Kommentar: In Einzelfällen stelle auch ich fest, dass sich vor allem bei Mädchen eine ADHS nicht schon vor dem siebten Lebensjahr, sondern zum Teil deutlich später manifestieren kann. Das sind aber Ausnahmen, denn in der Regel führt eine ADHS schon deutlich vor dem siebten Lebensjahr zu handfesten syndromtypischen Regulations- und Verhaltensstörungen (gilt auch für Mädchen). Diese Sonderfälle rechtfertigen es meines Erachtens nicht, das Alterskriterium so deutlich anzuheben.
    Einmal mehr drängt sich die Frage auf, wer tatsächlich Nutzen aus dieser Anpassung der diagnostischen Kriterien der ADHS zieht. Klar ist, dass die Anhebung des Alterskriteriums zu einer weiteren Anhebung der ADHS-Prävalenz und damit zu einer Ausweitung des Absatzmarktes für ADHS-Medikamente führen wird. Einem möglichen Einwand, dass dank der Ausweitung mehr Betroffene in den Genuss einer ADHS-Therapie kommen werden, halte ich entgegen, dass es schon lange gängige Praxis ist, bei Vorliegen einer ernsten ADHS-Problematik auch dann eine ADHS-Therapie durchzuführen, wenn die Erstmanifestation nach dem siebten Lebensjahr erfolgte.
  6. DSM-V hebt hervor, dass neu mehrere Informanten bei der Diagnosestellung beigezogen bzw. berücksichtigt werden sollen. Dabei soll unter anderem klarer ersichtlich werden, ob die Problematik situationsübergreifend ist und sich tatsächlich in verschiedenen Lebensbereichen behindernd stark manifestiert.
    Kommentar: Volle Zustimmung. Nur: Wie dieser Anspruch in der Forschungspraxis und im klinischen Kontext konkret umgesetzt werden soll, ist mir noch ein Rätsel. Fact ist, dass sich Diagnosen in vielen Fällen primär auf Screeninginstrumente und einfache ADHS-Checklisten abstützen. Selbst für die Erhebung der frühen Krankengeschichte reicht in der Forschung, aber auch im klinischen Kontext oftmals ein kurzer, vom erwachsenen Betroffenen oder der Betroffenen selbst ausgefüllten Fragebogen (WURS). Von diesem ist bekannt, dass er alles andere als zuverlässig ist. Heute muss alles muss schnell gehen und vor allem billig sein. Gründliche Fremdanamnesen, welche für die Diagnose, die Differenzialdiagnose und die Erfassung von Komorbiditäten elementar sind, werden meines Wissens immer noch viel zu selten erhoben. Immerhin: DSM-V versucht, diesbezüglich wenigstens moralisch Gegensteuer zu geben.

Zusammenfassend hinterlässt die Aktualisierung der diagnostischen Kriterien des DSM für die ADHS bei mir einen fahlen Nachgeschmack. Man muss sich einfach immer bewusst sein, dass auch im Bereich der Medizin, Psychiatrie und der Forschung wirtschaftliche Interessen eine sehr grosse Rolle spielen. Es ist nicht immer einfach abzuschätzen, ob Neuerungen primär der Gesundheit der Betroffenen oder in erster Linie dem Gedeihen der Pharma-Aktienkurse dienen. Das gilt auch bei der Etablierung von diagnostischen Kriterien von psychischen Erkrankungen. Handelt es sich um eine den Betroffenen und deren Therapie dienlichen Präzisierung der Symptomatik oder um eine Aufweichung der diagnostischen Kriterien zum Zweck der Marktausdehnung? Vielleicht beides, könnte man annehmen. Nur: Ich jedenfalls sehe bisher nichts, was das DSM-V ADHS-Patienten konkret an Verbesserungen bringen könnte. Auch nicht indirekt (also etwa via ADHS-Forschung). Wahrscheinlich werde ich in Zukunft bei “Second Opinion”-Untersuchungen noch öfters als jetzt schon feststellen, dass eine vormals gestellte ADHS-Diagnose nicht gerechtfertigt ist.

Hinzu kommt, dass die Entscheidungen für die Neuerungen der DSM in erster Linie auf Expertenmeinungen beruhen. Gemeint sind Fachpersonen, bei welchen oftmals Interessenskonflikte vorliegen. Zudem spielen wissenschaftliche Untersuchungen bei der Definition der diagnostischen Kriterien nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Und schliesslich ist auch bei den empirischen Studien immer im Auge zu behalten ist, wer diese finanziert und möglicherweise beeinflusst hat.

Was heisst das alles ganz persönlich für Betroffene und Angehörige?

Nicht sehr viel. Denn im klinischen Alltag behandelt jede qualifizierte Psychologin und jeder sachkundige Psychiater Menschen und keine Symptome. Und sollte (was ich bisher nie gehört habe) einem Patienten oder einer Patientin eine ADHS-Diagnose und -Therapie allein aufgrund von nicht 100% erfüllten DSM-Kriterien verwehrt werden, könnte das Gespräch mit dem betreffenden Arzt gesucht und bei Ausbleiben einer für beide befriedigenden Lösung ein Arztwechsel in Betracht gezogen werden.

Ausserdem: Wie “abgehoben” es mit den diagnostischen DSM-Kriterien in der Praxis steht, erkennt man schon daran, dass jemand nach dem Erscheinen des Updates – quasi von einer Woche auf die andere – plötzlich nun doch an einer ADHS leiden kann, währendem bei der gleichen Person diese Diagnose  – gestützt auf die frühere DSM-IV – vormals verneint wurde. Das ist absurd. Auffallend ist zudem, dass das Umgekehrte durch das Update des DSM kaum möglich ist: Eine früher gestellte ADHS-Diagnose kann durch das Update nicht wirklich in Frage gestellt bzw. aufgehoben werden.

Das DSM-V macht es meines Erachtens definitiv einfacher, eine ADHS-Diagnose zu erstellen. Ob inhaltlich gerechtfertigt oder nicht. Wenn DSM-Kritiker also von einer Ausweitung  psychiatrischer Diagnosen sprechen, scheint mir das nicht gänzlich grundlos zu sein (zumindest hinsichtlich der ADHS).

Positive und negative Kommunikation bei ADHS und Depressionen

Heute hatte ich ein Gespräch mit einem ADHS-Erwachsenen, der im Rosenkrieg lebt. Er und seine Lebensgefährtin betreuen die vier Kinder. Die Mutter ist ausgezogen.

Die Mutter unterlässt jetzt keinen Versuch, Störungen in das System zu bringen. Das bedeutet, dass sie bevorzugt in den Abendstunden die Kinder anruft und emotional aufwühlt. Sicher sind an einer Trennung immer beide Partner beteiligt.  Es geht u.a. darum, wo die Jugendlichen dann später wohnen sollen,  aber auch um Geld.

Es geht mir nicht darum, wer jetzt hier Recht oder Unrecht hat. Aber es ist sehr auffällig, dass die Kinder nach den Telefonaten dann mit Spannungen und Verhaltensauffälligkeiten reagieren (müssen). Man muss kein Systemiker oder Familientherapeut sein, um das zu merken.

Leider ist es heute nahezu unmöglich, so einen Einfluss der Mutter zu begrenzen. Zumindest dann nicht, wenn es den Kindern und letztlich meinem Patienten bzw. seiner neuen Partnerin nicht gut tut. Die müssen dann nämlich die Suppe auslöffeln, die ihnen von aussen eingebrockt wird.

Mein Vorschlag war, dass man ein Billighandy anschafft, mit dem die Kinder jederzeit Kontakt mit der Mutter aufnehmen können. Die Mutter selber sollte dann auch auf diesem Handy anrufen. Aber eben nur bis 18 Uhr.

Auf den Handys der Kids würde ich persönlich eingehende Telefonate der Mutter zunächst blockieren lassen. Solange sie sich nicht an Besuchsrecht bzw. Vereinbarungen des Jugendamtes zur Häufigkeit der Anrufe hält und die Kinder offenbar leiden.

Warum ? Dazu folgender Artikel, der sich mit Depressionen bei Jugendlichen beschäftigt:

Depressionen bei Jugendlichen und Einfluss von positiver Kommunikation

Zum Thema  fiel mir eine Untersuchung zum Einfluss von Eltern-Kind-Kommunikation (also Interaktion jeglicher Art in Worten und Verhalten) bei Depressionen im Jugendlater auf.

Lisa Sheeber vom Oregon Research Institut hat sich dabei genauer mit der sog. Dysphorie bei Jugendlichen beschäftigt. Also eine Art depressive Gereiztheit, die aber Stimmungsabstürze der Pubertät hinaus geht. Sie untersuchte dazu 69 Jugendliche ohne Depression und 72 mit einer Depression und beobachtete dabei die Interaktion mit ihren Eltern.

Naturgemäss ergaben sich negative wie positive Diskussionsthemen und die Studie untersuchte nun das Ausmass von Ärger bzw. Wut und dysphorischen Verhaltens.

Für mich nicht unerwartet: Sheeber konnte zeigen, dass bei Jugendlichen mit depressiven Störungen sich das Ausmass bzw. die Auswirkungen von dysphorischem Verhalten signifikant erhöhte, wenn sie mehr in spannungsgeladenen, negativen Diskussionen und Auseinandersetzungen verwickelt waren.

Und das spielt sich halt überwiegend dann in den späteren Stunden des Nachmittags oder Abends ab.  Bei „gesunden“  Jugendlichen konnte sich dieser Einfluss so nicht nachweisen lassen. Ihre Stimmung blieb nahezu unbeeinflusst, wenn es in der Diskussion mal hoch her ging. Auch konnte sich in beiden Gruppen keine Veränderung des Ärger- bzw. Wutlevels nachweisen lassen.

Die Studie zeigt ganz schön, dass unsere Kinder und Jugendlichen (besonders im ADHS-Spektrum und/oder bei Vorliegen von depressiven Problemen) positive Kommunikation und positive Modelle für den Umgang mit Konflikten benötigen. Gerade dann, wenn also Stimmungsschwankungen und Stimmungsprobleme in Familien bekannt sind, helfen positive Nachrichten bzw. positive Kommunikation in den Familien.

Das möchte ich ja auch mit der Aktion der #ppp Poste Positive Postings erreichen. Die habe ich über meinen Zweitblock Seelenklempnerei begonnen.  Jeden Abend um 18 Uhr soll der Newsletter mich und Euch daran erinnern, dass wir mehr Positive Nachrichten an unsere Kinder, Jugendlichen, Partner etc. aussenden sollen. Ich schicke mir also selber eine Erinnungsmail, die mich an diese Aktion erinnern soll.

Wenn wir in Facebook dauernd negative Sachen zu lesen bekommen, dann noch Nachrichten im Fernsehen + Familienstress, dann wird unser Gehirn gerade zu den Familienzeiten bzw. vor dem Abschalten am Abend eben in die falsche (= negative) Richtung gelenkt.

Mach also mit:
1. Überlege mindestens eine positive Nachricht / Erfahrung um 18 Uhr und schreibe sie möglichst auch auf (z.B. auf www.facebook.com/seelenklempnerei) oder per Twitter mit dem Hashtag #ppp.

2. Teile Positive Nachrichten an mindestens drei weitere Personen und erreiche möglichst viele Nachahmer / Mitmacher der Aktion.

3. Übertrage die Erfahrungen in Deine Familie bzw. Deinen persönlichen Bekanntenkreis.

Reference:
Sheeber, Lisa B., Peter Kuppens, Joann Wu Shortt, Lynn Fainsilber Katz, Betsy Davis, and Nicholas B. Allen. Depression is associated with the escalation of adolescents’ dysphoric behavior during interactions with parents. Emotion 12.5 (2012): 913-18. Print.

ADHS und Partnerschaft

ADHS in der Paarbeziehung: Eine tolle, tägliche Herausforderung

Treue oder wenige treue Leserinnen und Leser von ADHSspektrum werden vielleicht bemerkt haben, dass das Thema ADHS und Partnerschaft bisher eher am Rande aufgegriffen wird.

Dabei sind tägliche Herausforderungen im Alltag einer Beziehung, aber eben auch Themen wie Treue oder Untreue schon ein Thema. Eher ein Thema, über das aber zu spät oder gar nicht gesprochen wird.

Gerade wenn dann eigene Kinder hinzukommen bzw. Kinderwunsch besteht und sich der Ärger des Alltags, finanzielle Probleme oder gar juristische Probleme häufen, sind Trennungsgedanken bzw. auch Scheidungen nicht selten.

Leider erlebe ich es in der Klink immer wieder, dass es eigentlich schon zu spät ist. Also erst nach der Trennung überhaupt das Thema ADHS in den Köpfen der Partner angekomen ist. Auch eine Form der Aufschieberitis ? Vielleicht. Sicher ist aber, dass eben gerade ADHS-Männer aufgrund der Besonderheiten der Selbst- und Fremdwahrnehmung bzw. der Unfähigkeit zum Perspektivenwechsel lange nichts von ADHS wissen wollen. Und sich immer mehr wie ein kleines Kind verhalten.

Welche Partnerin will aber an ihrer Seite einen Mann haben, der sich emotional bzw. hinsichtlich Verantwortungsübernahme wie ein 11 jähriger verhält ?

Ratgeber zum Thema ADHS und Partnerschaft

Zumindest auf dem deutschen Markt ist die Ratgeber-Literatur zum Thema ADHS und Partnerschaft bzw Sexualität schnell zusammengefasst. Im Prinzip gibt es hier quasi den Klassiker von Corrie Neuhaus “Lass mich, doch verlass mich nicht”. Auch wenn sich die ersten Seiten aus ADHSler-Sicht noch etwas schwierig lesen, ist dies vermutlich die erste Wahl. Kaum eine Therapeutin kann so gut die Besonderheiten von ADHS / ADS in Hinblick auf Selbst- und Fremdwahrnehmung, emotionale Regulation, Umgang mit Fremdgehen bzw. Angst vor dem Alleinsein und nicht zuletzt Auswirkungen auf die Kommunikation bzw. Fehlkommunikation darstellen. Das Frau Neuhaus sich auskennt, erlebt man auf jedem ihrer Vorträge. Hier eine schöne (ältere) Zusammenstellung eines ihrer Vorträge zu Thema ADHS und die verflixte Paarbeziehung

Dann gibt es noch die Bücher von Doris Ryffel-Rawak, die vermutlich auch in zahlreichen Bücherschränken von ADHSlerinnen stehen. Hier geht es eher anhand von Fallbeispielen (und häufig eher aus der Sicht der Frauen) um das Thema. “ADHS und Partnerschaft – Eine Herausforderung” wäre so ein Beispiel.

Englischsprachige Ratgeber gibt es dagegen in Hülle und Fülle.

Frau Dr. Neuy-Bartmann hat in diesem Zusammenhang eine ganz schöne Anleitung für das Leben mit einem ADHSler (oder ADHSlerin) für ADHS-Deutschland verfasst.
Aber eine Gebrauchsanleitung bzw. der gute Rat für das ganze Leben wird vermutlich schwierig sein. Und ungelesen in der Ecke liegen bleiben. Je länger sie ist, desto weniger wird sie aufgenommen. Daher empfehle ich gerne die Anleitung von Frau Neuy-Bartmann…

ADHS verstehen – Psychoedukation die halbe Miete

In den letzten Wochen hatte ich häufiger die Konstellation, dass ich bei einem Partner ADHS diagnostizierte und es dann gerade bei der Partnerin zu jeder Menge Fragen kam. Aber auch viele Auffälligkeiten bzw. Problembereiche erklärlicher wurden. Einen Namen hatten bzw. überhaupt klar wurde, warum Ermahnungen und Kritik nun scheinbar ungehört verpufften.

Verstehen lernen, was denn die Stärken und Besonderheiten von ADHSlern ausmacht und wie man dann etwaige Herausforderungen gemeinsam meistert, setzt also zunächst einmal Information über ADHS voraus. Ob hier Informationsbroschüren der Pharmaindustrie ausreichend sind, glaube ich nicht.

Aufklärung (oder neumodischer “Störungsbildteaching” bzw. Psychoedukation sollte dann ausgehend von neurobiologischen Grundlagen aus meiner Sicht besonders die Besonderheiten in folgenden Bereichen aufgreifen

* Selbst- und Fremdwahrnehmung (mit der Unfähigkeit zum Perspektivenwechsel)
* Stärken und Ressourcen: Was liebe ich an meiner Partnerin / meinem Partner
(schliesslich hat man sich ja nicht umsonst in seinen Partner verliebt…)
* Zeitgefühl bzw. Zeitwahrnehmung (Leben im Hier und Jetzt, Störungen des Zeitgefühls bzw. des sog. Prospektiven Gedächtnisses) und daraus verbunden
* Erwartungen an den Partner / Partnerin
* Emotionsregulation und Stress(in)toleranz
* Störungen bzw. Besonderheiten der höheren Handlungsfunktionen (Exekutivfunktionen) insbesondere im Bereich Planung, Prioritäten, Umgang mit Geld, Aufschieberitis (Prokrastination), Beginn von Aktivitäten = Selbstaktivierung

Wichtig ist dann, daraus abgeleitet sich spezieller mit Kommunikation zu beschäftigen. Miteinander reden ist die andere halbe Miete bei Beziehungsproblemen.

ADHSler haben häufig Probleme im Kurzzeitgedächtnis bzw. Zugriff auf Erfahrungen aber scheinbar ein Elefantengedächtnis für Kränkungen bzw. negative Erfahrungen. Häufig bezieht sich das auf Erlebnisse aus der Kindheit oder früheren Beziehungen für die der jetzige Partner aber gar nichts kann. Und von denen er oder sie nichts weiss.

Ich erkläre das gerne auch wie “Cookies” eines Internetbrowsers. Viele ADHSler sind Bilderdenker bzw. “-fühler”. Sie speichern Erlebnisse eben in inneren Bildern ab. Gerade negative Erlebnisse werden dann wie nicht löschbare Cookies verarbeitet. Und scheinbar urplötzlich werden dann gerade in Streit- bzw. Alarmsituationen alte “Fenster” bzw. Themen wieder eröffnet, die für den Partner / Partnerin überhaupt nicht vohersehbar sind.

Kommunikation, Selbstwert und Umgang mit Konflikten in der ADHS-Partnerschaft

Workshop : ADHS in der Paarbeziehung

Ausgehend von all diesen Überlegungen planen wir in unregelmässiger Reihenfolge in Bad Kösen (oder ggf. bei entsprechender Nachfrage auch vor Ort z.B. in Selbsthilfegruppen) Wochenend-Workshops mit dem Themenscherpunkt ADHS in der Paarbeziehung anzubieten. Dabei soll es ausdrücklich NICHT um ADHS bei Kindern gehen.

Vielmehr soll in einer entschleunigten und entspannten Atmosphäre das Miteinander reden gepflegt bzw. typische Stolperfallen in der Kommunikation bzw. Selbstwertregulation aufgegriffen werden.

Wir werden in einer kleinen Runde uns mit den Stärken und Ressourcen von ADHSlern und den Wünschen bzw. Erwartungen ihrer Partner / Partnerin auseinander setzen.

Einen Schwerpunkt wird dann die Erklärung der sog. Exekutivfunktionen bei ADHS in Hinblick auf die Paarbeziehung bilden. Wir werden gemeinsam erarbeiten, welche typischen Probleme es so geben kann bzw. welche Lösungsmöglichkeiten sich da so anbieten. Kurz- und Mittelfristig gesehen.

Natürlich wird dann das Thema Gefühlsabstürze bzw. Umgang mit Ärger, Frustration und Konflikten nicht zu kurz kommen.

Eben ein Workshop von und für ADHSler.

Interessiert? Der nächste Workshop ist bisher unverbindlich für den 17.- 19.Oktober 2014 in Bad Kösen geplant. Mehr dazu gerne per Email unter winkler(at)adhs.ch.

ADHS Rolle des Striatum bei sensomotorischen Reizen

Zugegeben ist es nun keine für mich weltbewegende Neuigkeit : Ein Teil der sogenannten Basalganglien im Gehirn, das sog. Striatum, ist in unserem Gehirn für die Verarbeitung bzw. Integration von externem Input in Form aller Art von Sinneseindrücken (Sehen, Hören, Geruch, Berührung etc) zuständig.

Unser Striatum sitzt quasi am Rande des Vorderhirns und spielt eine Rolle im dopamin-abhängigen Belohnungssystem, beim Lernen von Bewegungen und Aktivitäten, bei der Auswahl von Entscheidungen und eben allen möglichen sog. höheren Handlungsfunktionen (Exekutivfunktionen) des Gehirns.

Das untersuchen nun schwedische Wissenschaftler des Karolinska Instituts in Schwden genauer.

Das Striatum spielt eine besondere Rolle u.a. bei ADHS oder dem Tourette-Syndrom. Üblicherweise hat man es bisher eher im Zusammenhang mit motorischen Funktionen (= Bewegung) gesehen. Dabei spielt dann im Gehirn die Filterung bzw. besonders das “Bremsen” von Bewegungen eine Rolle.

Schaltstelle und Filterstation im Gehirn

Relativ neu ist jetzt, dass eben das Striatum auch eine wesentliche Rolle für sensorische Infos hat.

Die sogenannte Integration = Verknüpfung bzw. Filterung und Verarbeitung ist eine entscheidende Aufgabe unseres Gehirns.

Man muss sich das wie eine ständig ablaufende Datenverarbeitung vorstellen, bei der die verschiedensten Meldungen der äußeren Sinneseindrücke (wohl einschliesslich der Spiegelneuron-Informationen) abgeglichen werden und dann vom Gehirn entschieden werden kann, welche Bewegungsantworten bzw. sonstigen Handlungen aufgrund dieser Informationen nun im Körper erfolgen.

Das meiste davon bekommen wir gar nicht in unser Bewusstsein gemeldet.
Und die meisten dieser Informationen werden eben weggefiltert.

ADHS als Reizfilterschwäche

ADHS bzw. ADS bedeutet nun, dass die Qualität dieser Filtertätigkeitbzw. die Integration  nun offenbar nicht so besonders optimal ist. Oder aber letztlich zuviel Input auf diese Reizfilter stösst oder aber eine Art Datenverarbeitungsfehler dieser höheren Handlungsfunktionen resultiert.

Die schwedischen Wissenschaftler untersuchen nun mit der sog. Patch-Clamp Methode welche Unterarten der Neuronen im Striatum welche Aufgaben haben.

Soweit ich weiss, noch ohne ganz konkrete Auswirkungen bzw. Erkenntnisse im ADHS-Bereich.  Aber sie scheinen eben auf einem richtigen Weg.

Mehr zur Studie “Multisensory Integration in the Mouse Striatum” by Roman Reig / Gilad Silbergerg. Neuron, 21.8.2014

 

ADHS Survival-Pack: Was gehört in einen ADHS-Haushalt ?

Ich möchte mal Euch Leserinnen und Leser bitten, mir Vorschläge für eine Art “Notfall- oder Standard-Ausrüstung für ADHS-Familien Erwachsene mit ADHS” zu machen. Ich möchte eine Art Liste der wichtigsten hilfreichen Tools wie z.B.

  • gute Wecker, Timer / Kalender /
  • Haushaltshilfsmöglichkeiten
  • Bücher
  • Apps
  • Ferienziele

und sonstige Dinge erstellen. Das,  was also in keinem ADHS-Chaoten-Haushalt fehlen darf.

Einfach, praktisch, ADHS-erprobt.

Habt ihr Ideen? Seid kreativ!

ADHS und Parkinsonsche Gesetze

Nein, hier geht es nicht um G. Hüther und seine Ratten, die angeblich unter Methylphenidat Parkinson bekommen.

Ich bin auf die Parkinsonschen Gesetze in der Wikipedia gestossen. Sie beziehen sich eigentlich auf den Zuwachs von Bürokratie in der Verwaltung. Im Kern lautet die Grundaussage :

Arbeit dehnt sich in genau dem Maße aus, in dem Zeit zur Verfügung steht

Tja, sehr viel treffender könnte man es für Alltagsaufgaben bzw. Bürokratie-Notwendigkeiten kaum ausdrücken.

Die Zeitwahrnehmung bei ADHSlern ist ja eh subjektiv. Und gerade lästige Aufgaben scheinen eine merkwürdige Tendenz zu haben, sich auszudehnen, wenn mehr Zeit zur Verfügung steht. Aber eben auch quälend lang bzw. scheinbar perspektivlos zu sein.

Umgekehrt müsste nun nach dem Parkinsonschen Gesetz eigentlich ja Arbeit auf den Punkt gebracht werden, wenn keine Zeit da ist.

Kennen die meisten ADHSler auch ganz gut als Torschlusspanik, in der dann (manchmal, meistens,  irgendwie) eine Arbeit doch noch abgegeben, ein Badezimmer saubergemacht oder die Steuererklärung erledigt wird…

Eine weiterer Lehrsatz aus den Parkinsonschen Gesetzen scheint auch für ADHSler geschrieben

Angestellten schaffen sich gegenseitig Arbeit

Übertragen auf ADHS :
ADHSler schaffen sich gegenseitig Arbeit….

Wäre ja schön, wenn es um Arbeitsplätze ginge. Aber ich meine das Phänomen, dass sich das Chaos bzw. Probleme in ADHS-Familien eben häufig multiplizieren bzw die Alltagsaufgaben scheinbar nie abgearbeitet werden können.

ADHS und Bürokratie passen irgendwie nicht so ganz zusammen.

Schaut einfach mal in den oben verlinkten Artikel rein und macht Euch eigene Gedanken zu den Zusammenhängen. Vielleicht ergeben sich ja weitere Gesetzmässigkeiten :-)