ADHS – Hirnentwicklung in Bildgebung nachweisbar?

Am Freitag gegen 19 Uhr kam ein über 40 jähriger Patient in unsere Klinik, der eigentlich schon am Donnerstag vormittag anreisen sollte. Er wirkte auf die Schwestern bzw. die aufnehmende Ärztin wie ein steckengebliebener Teenager.

Er war in seiner ganzen emotionalen Entwicklung, aber auch vom Aussehen deutlich jünger, als es dem Personalausweis entspricht. Eigentlich ja auch ganz schön, aber in seiner Biographie bzw. persönlichen Entwicklung fehlten offenbar auch ganz entscheidende Entwicklungsschritte zum Erwachsenwerden.

Thema der ADHS-Gruppe gestern war dann auch die neurobiologisch bedingte Entwicklungsverzögerung der Hirnentwicklung bzw. von neuronalen Netzen.

Leider einen Tag zu spät habe ich passend dazu einen Artikel in den Pressenachrichten gefunden, die in der funktionalen Bildgebung (fNMR) versuchen, diese Entwicklungsverzögerung / Reifeentwicklungsabweichung in bestimmten neuronalen Netzen auch bildgebend nachzuweisen.  Sie nutzen dabei eine spezielle Technik der Darstellung, die sie “connectomic” nennen. Im Wesentlichen werden dabei Verbindungen zwischen Nervenzellen / den neuronalen Netzwerken im Gehirn dargestellt. Also mehr oder weniger “Ameisenstrassen im Gehirn”, die immer wieder bzw besonders häufig aktiviert und damit genutzt werden.

Aufmerksame Leser des Blogs werden wissen, dass ich mich (aus gutem Grund) besonders für das sog. Default Mode Network (DMN)  interessiere. Das ist so eine Art “Leerlauf-Modus” bzw. Ruhemodus im Gehirn. Aber eben doch sehr wichtig, für die Verarbeitung und das Sortieren und Löschen von unnützen Informationen.

Dieses mehr oder weniger auf innere Verarbeitung ausgerichtete Netzwerk hat dann Verbindungen zu zwei für Außennreize wichtige Netzwerke im frontoparietalen Bereich bzw. im Ventralen Aufmerksamkeitsnetzwerk.

In der Bildgebung können nun besonders in diesen Bereichen gegenüber neurotypischen Kindern (“Stinos”) Entwicklungsverzögerungen bzw. Abweichungen nachgewiesen werden.

Das sind erstmal statistische Aussagen über eine größere Gruppe von Kindern. Die Forscher hoffen, dann irgendwann auch Aussagen auf den Einzelfall machen zu können.

Da bin ich noch skeptisch, ob das nun sinnig und/oder überhaupt möglich ist.

Wichtig erscheint mir aber eben, dass man möglicherweise dann doch Aussagen machen kann, bei welchen Jugendlichen bzw. Erwachsenen sich diese Entwicklungsverzögerungen zu einer Entwicklungsbehinderung oder einem Entwicklungsstillstand entwickelt. Sprich: Wer eben diese zeitliche Verzögerung gar nicht mehr aufholt und neuronal gesehen auf dem Stand eines Kindes oder Jugendlichen verharrt.

Das wäre durchaus eine relevante Aussage auch für das Ansprechen auf verschiedene Therapiemethoden.

Mehr zur Studie u.a. hier.

 

ADHS-App (5)

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4

Gerne nehme ich den Kommentar von  “leidenschaftlichwidersynnig” zum Anlass, um einerseits das Anforderungsprofil einer ADHS-App weiter zu präzisieren. Andererseits bietet dieser Kommentar einmal mehr die Gelegenheit, Grundsätzliches zum Verständnis der ADHS darzulegen.

“leidenschaftlichwidersynnig” schieb:

Was ich immer nicht nachvollziehen kann, ist die Sache mit der Belohnung. Schon als Kind waren mir Urkunden egal. Sogar in der VT wurde man damit genervt. Ich kauf mir doch nicht am Ende der Woche was Schönes zur Belohnung (für was?), wenn ich es genauso gut gleich machen kann…. Und motivierend ist das schon gar nicht. Mein ADHS Kind ( Hypo) hat zwar gerne Sternchen und Co gesammelt, aber niemals eingetauscht. Und wenn es etwas blöd fand, haben auch Belohnungssysteme nix gebracht. Wenn es aber ein SELBST gesetztes Ziel hatte, hat es kein Belohnungssystem gebraucht. So geht es mir auch.  Wenn MEIN Ziel ist, mein Leben besser zu organisieren, weniger chaotisch, muss sichtbar für mich sein, was ich konkret erreicht habe. Dafür brauche ich keine nicht mit dem Ziel in Verbindung stehende künstliche Marker wie Credits. Spiele sind übrigens nicht für alle ADHSler interessant. [...] Mein Fazit: Belohnungssysteme werden überbewertet.

Danke für diesen berechtigten Einwand. Tatsächlich müssen wir diesen Aspekt präzisieren. Dazu Folgendes:

Belohnungssysteme sind dazu gedacht, positives Verhalten zu verstärken. Damit soll deren Auftretenshäufigkeit gesteigert werden. Aber:

Belohnungssysteme können nur dann funktionieren, wenn das Belohnungssystem mehr oder weniger gut funktioniert.

“Hallo?” wird der oder die eine oder andere jetzt vielleicht denken …

Ja, der Begriff des Belohnungssystems umfasst mehrere Bedeutungen. Einmal als pädagogische oder verhaltenstherapeutische Methode zur Förderung des erwünschten Verhaltens. Dann aber auch als Begriff in der Neuropsychologie, welche diesen ungefähr so versteht:

Beim “Belohnungssystem” handelt es sich um neuronales Netzwerk im Gehirn eines jedes Menschen (Mesolimbisches System). Es sitzt vor allem im Nucleus accumbens, welcher bei Vorliegen einer ADHS bei Belohnungen zu wenig aktiviert wird.

Dieses Belohnungssystem soll unter anderem gewährleisten, dass wir Menschen auch dann handlungsfähig sind, wenn wir an einer Sache keinen Spass haben. Beispiel:

  • Sina (ohne ADHS) macht Hausarbeiten. Sie hat kein “Bock”. Und man sieht und hört ihr das auch an. Trotzdem erledigt sie die doofen Hausaufgaben, weil sie weiss, dass sie anschliessend zum geliebten Eiskunstlaufen in die Halle darf. Das mit dem Eiskunstlaufen verbundene “gute Gefühl” sitzt fest in ihr drin und kann in verschiedenen Situationen reaktiviert werden. Also nicht nur dann, wie sie in der Halle ist. Sondern auch zwei Stunden vorher. Das ermöglicht es ihr, vorauszusehen und vorauszufühlen. Dies führt zu einer Aktvierung ihres (gesunden) Belohnungssystems. Und das ermöglicht es Sina (eine grundlegende Motivation vorausgesetzt), ihre Hausarbeiten zu erledigen, ohne dass sie besonders Lust darauf hat (wer hat das schon?).
  • Mike, Sinas Bruder (mit ADHS, aber ohne spezifische Therapie), sollte Hausaufgaben erledigen. Er hat Null “Bock”. Und man sieht und hört ihm das auch an. Und wie. Durch nichts ist Mike zu bewegen, endlich anzufangen und vor allem dranzubleiben. Immer wieder steht er auf, geht’s aufs WC oder an den Kühlschrank. Mutters Pegelstände für Hilflosigkeitsgefühle + Ärger steigen und steigen. Wie immer schon perlen auch diesmal alle Androhungen, Strafen und Belohnungen an Mike ab wie Wassertropfen. Sina ist inzwischen fertig mit den Hausaufgaben und freut sich nach wie vor aufs Eiskunstlaufen. Schliesslich kommt es – wie so oft – zwischen Mike und seiner Mutter (und umgekehrt) zu einem Megakrach: Zuerst kocht die Mutter, dann schreit sie Mike an. Dieser wird ebenfalls ausfällig, schreit ebenfalls umher. Und zwar, weil ihm seine Mutter den iPod wegnimmt. Schmeisst dann das Arbeitsheft auf den Boden, knallt die Tür zu und verlässt – natürlich ohne das OK der Mutter – tobend die Wohnung.
    Mike geht ins Karate. Und dies gerne. Trotzdem nützen ihm die guten Gefühle, die er während des Karatetrainings hat, bei den Hausaufgaben nichts. Das bei Mike mit dem Karate verbundene “gute Gefühl” kann er ausserhalb des Karates nicht reaktivieren. Dazu wurde es in Mikes Belohnungssystem syndrombedingt zu wenig gut verankert. Er kann – im Gegensatz zu Sina – keine Vorfreunde entwickeln und sein Belohnungssystem wird nicht aktiviert. Da hilft die beste Grundmotivation (welche Mike durchaus hat), nichts. Den Rest des Teufelskreises kennen wir.

Was folgt daraus?

  1. Erzieherische oder therapeutische Verstärker- bzw. Belohnungssysteme können nur dann funktionieren, wenn die Betroffenen in der Lage sind, aus ihren positiven Erfahrungen, die mit den Belohnungen (und Bestrafungen) einhergehen, lernen können. Menschen mit einer unbehandelten ADHS können das bestenfalls ansatzweise. Meistens aber gar nicht.
  2. Lernen aus den eigenen Erfahrungen geht nur dann, wenn man zusammen mit diesen Erfahrungen a) positive Gefühle empfinden, b) diese auch abspeichern und zu verschiedenen Zeitpunkten reaktivieren kann.
  3. Bei vielen Menschen mit einer ADHS ist es so, dass Belohnungen (sofern sie “frisch” sind) nur sehr kurzfristig positive Emotionen zu wecken vermögen. Leider sind diese Emotionen immer an den jeweiligen aktuell vorliegenden Stimulus gebunden (zum Beispiel an einen Schokoriegel) und zudem nur von kurzer Dauer (wie auch der eben vertilgte Schokoriegel). Sobald die Belohnung “abgefrühstückt” ist, ist bei vielen ADHS-Menschen auch das positive Gefühl weg.  Aus der Ofen. Es hält also nicht an, da nur im Augenblick des Eintreffens der Belohnung wirkt.
    Mit andere Worten: In langweiligen und “doofen” Situationen handlungsfähig werden via Vorfreude auf etwas Schönes und den damit verbundenen “guten Gefühlen”, welches demnächst eintreten wird, können viele ADHS-Betroffene nicht.
  4. Bestünde eine fachgerechte Behandlung der ADHS, zu welcher primär (aber natürlich nicht ausschliesslich!) eine Therapie mit Stimulanzien zählt, hätte Mike bessere Voraussetzungen, um seine Hausaufgaben auch ohne Lust erledigen zu können. Vereinfacht ausgedrückt, stimulieren und aktivieren Stimulanzien quasi künstlich die bei Bestehen einer ADHS chronisch zu wenig aktivierten neuronalen Netzwerke, welche das Belohnungssystem, die Reizselektion und die Impulsregulation steuern.
  5. Therapeutische und pädagogische Verstärkersysteme können bei ADHS-Betroffenen also nur dann wirken, wenn die unter anderem für das Belohnungssystem (dessen zentraler Neurotransmitter Dopamin ist), relevanten, aber unteraktivierten neuronalen Netzwerke durch den Einsatz von Stimulanzien auf ein mehr oder weniger normales Aktivierungsniveau gebracht werden können.
  6. In der Schule benötigen Kinder mit einer ADHS besondere pädagogische Anreize, um motiviert Lernen zu können. Klassische Belohnungen wie Punktsysteme nützen bei ADHS-Schüler/-innen wenig. Die Anreize müssten vorher ansetzen. Sie müssen ermöglichen, das ADHS-Kinder “in Stimmung” kommen.
  7. Warum sich hierzu Games wie Gameboy definitiv nicht eignen, habe ich im letzten Beitrag dargelegt.
  8. Dieses “in Stimmung” kommen, von Martin und mir gerne als “Vorglühen” bezeichnet, ist das A & O von pädagogischen Massnahmen bei ADHS-Kindern, aber auch bei Erwachsenen. Erst auf dieser Basis können traditionelle Belohnungs- und Verstärkersysteme nützlich sein. Aber selbstverständlich besteht hierfür nur dann eine gute Aussicht, wenn die Betroffenen qualifiziert behandelt werden. Es ist ähnlich wie bei einem Kind, bei welchem eine Lesestörung und eine Sehschwäche festgestellt wird: Erst, wenn durch eine Brille eine passende Korrektur erfolgt, machen Lern- und Therapieprogramme zur Förderung des Lesens überhaupt Sinn.
  9. Das “Vorglühen” ist wohl auch das A & O einer ADHS-App. Die damit verbundenen guten Gefühle sollen massgeblich helfen, an den selbst gesteckten Zielen dranzubleiben. Wie könnte das konkret aussehen? Die Stimulatoren in einer ADHS-App sollen also den Stimulationshunger nicht direkt befriedigen, sondern wecken. Also nicht nur wie eine Droge im Moment ihrer Benutzung wirken.

Wir laden die Leserinnen und Leser ein, weitere Gedankenanstösse und Vorschläge zum Thema ADHS-App einzubringen.

ADHS-App (4)

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3

Der Kommentar von Chris bietet mir die Gelegenheit, auf einen wichtigen Punkt hinzuweisen. Und zwar nicht nur hinsichtlich einer möglicherweise einmal real werdenden ADHS-App, sondern auch zum Verständnis der ADHS generell. Chris schrieb hier unter anderem Folgendes:

2. Um das Interessantbleiben zu erhalten, kann man spielerische Aktzente einbauen, Niveau 1, 2, 3 etc. Das Problem ist, finden alle ADHSler das dann auch amüsant und motivierend? Welche spielerischen Akzente lassen sich einbauen? Nach welchem Vorbild? Angry Birds, Mario, Autorennen etc?

Richtig. Angry Birds, Mario, Autorennen und viele andere Games haben auch für viele Erwachsene eine stark stimulierende Wirkung.

Motivierend hingegen sind Games aber nie. Das können sie nicht.

Denn sie wirken immer nur so lange, wie man sich mit ihnen befasst. Schaltet man den PC oder das Smartphone aus, ist der Effekt weg. Das gilt übrigens auch beim Fernsehen.

Games sind genau genommen nicht nur nicht motivierend, sondern haben – das zeigen viele klinische Erfahrungen – auf viele Betroffene eine demotivierende Wirkung. Erst recht gilt das, wenn eine ADHS vorliegt. Games decken quasi künstlich das Bedürfnis, sich zu spüren und sich wohl zu fühlen ab, ohne das man im Leben etwas dafür tun muss. Der Hunger nach einem guten Gefühl wird, ähnlich einem Konsum einer Droge, quasi auf eine schnelle und bequeme Art gestillt. Und weil diese Kicks allseits verfügbar sind,  unkompliziert funktionieren und prima wirken, wird schon bei nächster Gelegenheit noch eine Runde gegamt. Games können das eh schwache Belohnungssystem von ADHS-Betroffenen also zusätzlich schwächen. Das ist vor allem bei Jugendlichen mit einer ADHS unbedingt zu berücksichtigen.

Was es in einer ADHS-App (und im Leben von ADHS-Betroffenen) braucht, sind Stimulatoren, welche den Stimulationshunger nicht direkt befriedigen, sondern wecken und vor allem nicht nur Moment ihrer Benutzung wirken. Sie sollen dazu beitragen, die Stimmung der Benutzer/-innen so anzuheben, dass Betroffene für Handlungen im realen Leben aktiviert werden. Und auf diesem Weg zu einem befriedigenden Gefühl gelangen (und eben nicht durch Pseudo-Erfolgserlebnisse, wie sie unter anderem Games ermöglichen). Die Wirkung von spielerischen Elementen in einer ADHS-App soll also nicht lähmen, sondern aktivieren. Das ist gemeint, wenn wir von “Vorglühen” sprechen.

Zum Thema ADHS & Bildschirmmedien siehe unter anderem auch hier.

ADHS-App (3)

Teil I / Teil II

  • Eine ADHS-App sollte die Benutzer/-innen täglich dazu einladen, heute etwas absichtlich zu verlauern, etwas nicht zu erledigen, etwas weiter vor sich hin zu schieben oder etwas absichtlich nicht aufzuräumen. Dies wäre ein Beitrag, um der lähmenden und demotivierenden Tyrannei des Solls entgegenzuwirken. Nebeneffekt: Wahrscheinlich würden dann genau diese Dinge erledigt. Die ADHS-App könnte die Benutzer/-innen zudem täglich mehrfach auffordern, faul zu sein und/oder auch faul sein zu dürfen.
  • Die ADHS-App sollte nicht nur den “Zusammenreiss-Modus” bzw. den “Selbstmanagement-Modus” aktivieren, sondern unbedingt auch die Spontaneität und die Lockerheit fördern. Sie könnte die Benutzer/-innen beispielsweise abfragen, welche verrückte Sache sie heute machen wollen. Die ADHS-App könnte auch entsprechende Aktionen vorschlagen. Oder es könnten die “verrückten Aktionen” anderer eingeblendet werden.
  • Dann könnte eine ADHS-App die Benutzer/-innen fragen, wem er oder sie heute eine Freude bereiten will, wann und wie das erfolgen soll. Hintergedanke: Die Rückmeldung des oder der Beglückten wird der oder dem ADHS-App-Benutzer/-in gut tun.
  • Die ADHS-App könnte die Benutzer/-innen jeden Abend fragen, wofür er oder sie sich belohnt hat und womit. Und dafür Sterne verteilen. Und damit anregen, sich generell mehr positive Aufmerksamkeit zu schenken, wenn etwas gut lief. Das Sterne-Ranking könnte auf dem Startbildschirm eingeblendet werden, um die Benutzer/-innen anzufeuern, noch häufiger positives Verhalten zu verstärken (und dadurch die Auftretenswahrscheinlichkeit desselben zu erhöhen).

 

ADHS-App (2)

Teil 1 / Teil 2

Hier habe ich in einem ersten Anlauf einige Eigenschaften umrissen, welche eine wirklich brauchbare ADHS-App auszeichnen könnten.

Meines Erachtens bestünden die wohl wichtigsten Funktionen einer ADHS-App für Jugendliche und Erwachsene ADHS-Betroffene darin, dass diese die Benutzerinnen und Benutzer individuell unterstützt, sich

  1. auch bei subjektiv unangenehmen oder langweiligem (aber halt erforderlichen) Tätigkeiten in Stimmung zu bringen, um loslegen zu können (“Vorglühen”) und
  2. am Ball bleiben zu können, auch wenn der “Kick” weg und es nicht mehr so interessant ist.

An zweiter Stelle stünden wohl wenige, aber sinnvolle Tools, welches das Selbstmanagement unterstützt (wie zum Beispiel ein einfaches Reminder-Tool).

Zuerst aber zum Wichtigsten.

Die grösste ADHS-spezifische Herausforderung einer ADHS-App bestünde meines Erachtens darin, dass sie nicht langweilig werden darf. Wie aber könnte eine ADHS-App nachhaltig die Aufmerksamkeit der Benutzer/-innen sicherstellen? Das ist meines Erachtens elementar, denn die beste ADHS-App nützt nichts, wenn sie nicht täglich zur Anwendung kommt. Und das nicht nur zwei, drei Tage lang.

Eine ADHS-App müsste also nicht nur interessant sein, sondern vor allem interessant bleiben.

Sie müsste nicht nur individuell anpassbar sein, sondern zum Beispiel ihr Aussehen immer wieder verändern. Auch der innere Aufbau (Menüstruktur) müsste sich nach jedem Gebrauch nach einem Zufallsprinzip ändern. Die ADHS-App selbst müsste also nicht nur “gut” sein, sondern täglich auf ein Neues dazu auffordern, mit ihr zu “spielen” und sie wieder neu zu entdecken. Sie selbst müsste also immer wieder neu Spass machen und zudem den ADHS-typischen Hunger nach Veränderung stillen. Und täglich dafür sorgen, dass formal und inhaltlich “Nachschub” kommt. Schliesslich müsste eine funktionierende ADHS-App für ausreichend Überraschungen sorgen.

Wie könnte für Euch eine ADHS-App ausschauen? Was müsste sie können?

Ich möchte Euch einladen, Ideen und Vorschläge einzubringen. Wer weiss, vielleicht entsteht daraus tatsächlich eine ADHS-App.

 

 

 

 

 

 

Aktive Bewegungspausen in der Schule

Es gibt Nachrichten, die schaffen es ins Wall Street Journal. Wie die Botschaft “Exercise Helps Children with ADHD in Study“.

Bewegung ist wirksam gegen psychische Probleme und ADHS

30 Minuten Bewegung bzw. aerober Sport VOR dem Unterricht wären danach hilfreich bei ADHS. Mit einem “moderaten” Effekt, der nun sich sowohl für die ADHS-Kinder wie auch bei neurotypischen Kindern zeigen lässt.

Es wäre also schon hilfreich, wenn der Schulweg zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurück gelegt würde. Und nicht mit dem Auto oder Bus, wie es in den USA halt eher die Regel ist.

Das Bewegung für die geistige Leistungsfähigkeit bzw. die Aufmerksamkeit hilfreich ist, ist nun eine nicht gerade revolutionäre Erkenntnis. Sie wurde aber in den letzten Jahren im Land der Bewegungsmuffel USA in Form von einigen Trainingsprogrammen bzw. Büchern quasi neu entdeckt. Ehrlich gesagt hatte ich schon in den letzten beiden Jahren erwartet, dass dies nun als Mega-Hype bei uns durch die Presse zieht: Mehr Sport macht ADHS-Medikamente überflüssig. Oder: Bewegungsmangel von ADHS – Kids erklärt Medikationsanstieg.
Dann kommt gerne noch: Freie Zeit im Grünen ist gut bei ADHS.

Bewegungspausen bei ADHS immer seltener möglich

Wenn es mal so einfach wäre. Das sind nämlich alles Allgemeinplätze, die für Kinder mit und ohne Entwicklungsbesonderheiten gelten. Für ADHS-Kinder wird es sicher so sein, dass sie von Aus-Zeiten bzw. Bewegung und naturnahen Ansätzen sicher auch profitieren. Warum auch nicht. Es ist nur kein Ersatz für eine störungsspezifische Therapie.

Gleichzeitig wird aber aus Kostengründen und/oder wegen fehlender Räumlichkeiten und Lehrkräfte Sportunterricht immer weiter eingeschränkt. Bewegungspausen gibt es immer seltener. Schon gar nicht systematisch angeleitet durch Fachkräfte.

Der Effekt von Bewegung auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns wäre nun vergleichbar mit den Auswirkungen von Verhaltenstherapie durch qualifizierte Fachkräfte. Das ist schon mal eine Ansage.

Könnte aber auch aussagen, dass eben die Effekte der Verhaltenstherapie in einer Studienpopulation im Giesskannenprinzip auch nicht so dolle sind. Immerhin kann bisher in Metastudien die behaviorale Intervention bei ADHS nicht statistisch überzeugen.

Was man aber schon längst weiss: Bewegung von 20-30 Minuten und besonders auch Unterbrechungen des Unterrichts durch Bewegungspausen haben einen positiven Effekt auf die Stimmung. Bewegung wirkt genauso gut wie Antidepressiva oder Psychotherapie bei Depressionen.

Und ich habe keinen Zweifel, dass dies im Kern auch für ADHS gilt.

Man müsste nur in Bewegung kommen und in Bewegung bleiben, solche Bewegungsangebote bzw. Bewegungspausen auch anzubieten !

Die Frage wäre daher eher: Wie bringe ich Bewegungspausen in den Unterricht? Und noch spezieller: Sind die bisherigen Konzepte dazu dann auch ADHS-gerecht?

Einmal Google benutzt ergibt,  dass die Idee von Bewegungspausen mehr oder weniger so alt wie Schule ist. Wie immer kann man hier locker behaupten, dass früher ALLES anders und damit besser war.

Die Bosch-Stiftung hat 2005 dazu Gelder bereit gestellt und Anregungen für aktive Bewegungspausen gibt es dann u.a. hier  oder hier.

Anders ausgedrückt  Material und Anregungen für Bewegungspausen gibt es in Hülle und Fülle. Es muss auch nicht immer ein ganzer Zumba-Kurs sein.

Die Frage ist also eher: Wie könnte man Lehrerinnen und Lehrer dazu motivieren, dass sie an die Bewegungspause denken und sie anbieten? Und zwar nicht nur in der 1. oder 2. Klasse, sondern in allen Schulklassen?

Welche Ideen für Bewegungspausen im Unterricht bzw. Alltag habt Ihr?  Welche Ansätze an den Schulen haben sich als hilfreich herausgestellt, auch wenn ein Förderprogramm einer Versicherung oder einer Stiftung beendet wurde?

 

ADHS-App (1)

LearningByDoing schrieb im Beitrag: ADHS Survival-Pack: Was gehört in einen ADHS-Haushalt? folgenden Kommentar:

Evernote ist eine feine Sache, und hat mir selbst im Studium gute Dienste geleistet. Habe mit dem Teil mal eine komplette Seminararbeit zusammengewurstelt. Hinterher noch formatieren, und fertig war der Spittel. Für Kalender- bzw. Erinnerungsfunktionen bietet sich Google Calendar an, synced auch prima auf allen gängigen Plattformen. Für ToDo-Listen geht das prima mit Wunderlist oder TaskDuck.

Danke für den Tipp!

Die Krux an der Sache ist, dass der allein schon der Umgang mit diesen Tools für viele ADHS-Betroffene mit zu hohen Anforderungen verbunden ist. Meistens wird mit Elan gestartet: In Evernote werden Notizbücher angelegt und mit Wunderlist (beides übrigens wirklich gute Programme) all das zusammengetragen, was man erledigen sollte.

Und spätestens nach einer Woche ist dann die “Luft raus”.

Denn das Pflegen dieser Daten in den Tools erfordert genau das, was viele ADHS-Betroffene eben nicht können. Nämlich Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Und zwar auch dann, wenn der “Kick” weg ist und alles es nicht mehr so neu und interessant ist.

Aus meiner Erfahrung nützen die meisten dieser Tools nur dann, wenn keine ADHS vorliegt oder dann, wenn die ADHS schon gut behandelt werden konnte.

Was es meines Erachtens bräuchte (aber leider noch nicht gibt), sind ADHS-spezifische Speicher- und Erinnerungstools. Diese müssten unter anderem der Spontaneität von ADHS-Betroffenen Rechnung tragen. Die App müsste – wie auch immer – die anstehenden Aktivitäten flexibel und kurzfristig in jene Zeitfenster verschieben können, in welcher die Benutzer/-innen stimuliert und damit motiviert und handlungsfähig sind. Um das etwas zu vereinfachen, müsste eine ADHS-Planungs-App ein individuell einstellbares “Vorglüh-Funktion” aufweisen. Diese hat den Zweck, für eine Voraktivierung des Belohnungs- und Motivationssystems zu sorgen. Dann bräuchte diese App ein eingebautes und adaptives Belohnungssytem. Dieses soll Aktivitäten, welche geplant und umgesetzt wurden, positiv verstärken (und damit deren Auftretenswahrscheinlichkeit erhöhen).

Neben vielen weiteren ADHS-spezifischen Hilfen müsste eine ADHS-Planungs-App aber vor allem dafür sorgen, dass die Betroffenen sich nicht zu viel aufhalsen. Die von LearningByDoing erwähnten und viele andere ‘grenzenlose’ Tools laden nämlich geradezu ein, alles total zu überfrachten. Es bräuchte eine automatisch und im Hintergrund arbeitende “Weniger-ist-mehr-Funktion”, welche dafür intelligent sorgt, dass sich die Benutzer/-innen nicht zu viel vornehmen und somit genügend unverplante und spontan nutzbare Zeit verbleibt.

Falls eine App-Programmiererin oder ein App-Programmierer Zeit und Interesse hat …. Ich wäre dabei.