Gastbeitrag: Aktuelle Situation in der Schweiz

Normalerweise bin ich sehr gerne lieber im Hintergrund, aber bisweilen gibt es noch immer Situationen, die mich auf die Palme treiben und ich mir einen Kommentar nicht verkneifen kann. Da hier im Blog nicht wenige Schweizer mitlesen, möchte ich den Blog nutzen, um dies zu veröffentlichen, da hier ausser der NZZ kaum eine Tageszeitung erwähnt hat. Falls mein Kommentar dazu nicht vollständig angezeigt wird, einfach auf “mehr anzeigen” klicken.

Die Redaktion hat freundlicherweise meinen Kommentar dazu nicht gekürzt, obwohl er offenbar wie immer zu lang war. Die Kommentare dazu findet man unter dem unten genannten Link. Über weitere Kommentare, vor allem in der NZZ,  würde ich mich freuen!

VG, Chris

Parlamentarische Vorstösse zu Ritalin

«Modephänomen für Zappelphilipp-Kinder»

Quelle:

http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/modephaenomen-fuer-zappelphilipp-kinder-1.18098500

ADHS und Essstörungen / Bulimie und Binge Eating Störung

In den vergangenen Jahren habe ich ja schwerpunktmässig in einer Klinik für Essstörungen und ADHS gearbeitet. Da ich demnächst diese Klinik verlasse ist es Zeit für einen gewissen Rückblick auf das Thema.

Ich selber bin ja über das Thema Borderline-Störungen damals 1998/99 in Bad Bramstedt auf das Thema ADHS bei Erwachsenen gekommen. Schon damals aber eben naturgemäss auch häufig auf Bulimikerinnen mit ADHS gestossen. Der Zusammenhang von ADHS und Borderline ist heute “etabliert”.

Schon häufiger haben wir auf das Thema ADHS und Übergewicht / Adipositas hingewiesen. Wenig überraschend finden sich gerade aktuell zahlreiche neue Studien, die auch einen Zusammenhang von ADHS-Konstitution und Binge Eating Störung bzw. Bulimie zeigen.

Beispielsweise hier.

In meiner derzeitigen Psychotherapiegruppe bestätigt sich dieser Trend mehr als eindeutig. Man könnte schon behaupten: Es ist heute ein Kunstfehler, wenn man bei Vorliegen von Purging (Erbrechen) bzw. Heisshungeranfällen und Bulimie NICHT eine ADHS-Diagnostik durchführt.

Gerade weil es eben auch für die Behandlung bzw. Rückfallprophylaxe eine grosse Rolle spielt. Bei vielen Patientinen hört die innere Anspannung bzw. der Symptomdruck unter Stimulantienmedikation (bei mir bevorzugt Amphetamine) schlagartig auf. Aber auch für das Störungsverständnis ist die Diagnostik wichtig (sollte aber unbedingt umfangreich auch etwaige traumatische bzw. dissoziative Phänomene beachten).

Nicht so ganz zustimmen mag ich der Einschätzung, dass ADHS bei Anorexie keine Rolle spielt. Ich denke, dass hier schlicht die Methodik der Untersuchung “zuschlägt”. Piero Rossi hatte ja ADHS bzw. ADS als “Krankheit der negativen Gefühle” beschrieben und zeigt dabei quasi die Grundlagen für die Entwicklung von Emotionsregulationsproblemen bzw. negativem Selbstwert auf. Bei hoher Aussenorientierung fällt dann eine entsprechende ADHS-Konstitution lange nicht auf. Aber gerade bei chronisch verlaufender Magersucht (mit Heisshungerphasen bzw. Erbrechen) sowie Selbstverletzungsdruck sollte man unbedingt eine ADHS-Diagnostik machen. Dann aber bitte durch Anamnese / Fremdanamnese und nicht allein über Fragebögen.

ADHS: Genetik oder Umgebungseinflüsse?

Eigentlich sollte es in der modernen Psychologie kein Gegensatz mehr sein. Umso mehr erstaunen mich immer wieder giftige Kommentare, die an der neurobiologischen Existenz bzw. der genetischen Prädisposition bei ADHS zweifeln. Anhand von Krankenkassenunterlagen einiger Gesetzlicher Krankenkassen in Deutschland wurde nun der Anteil von eineiigen und zweieigen Zwillingen in der ADHS-Population nochmal untersucht bzw. der genetische Einfluss nochmal bestätigt. Siehe hier …

Ich habe gerade einen interessanten entsprechenden Vortrag zur Genetik der Anorexia nervosa gehört. Der genetische Anteil bei der Anorexie liegt bei .57
Das ist schon vergleichsweise viel, aber eben doch gemessen an den beschriebenen sehr hohen Anteilen bei ADHS (.7 bis .8) eben doch wenig. Immer wieder wird dann behauptet, dass das gemeinsame familiäre Umfeld diese Häufung erklärt. Aber genau das ist eben nicht der Fall. Zumindest nicht so einfach.

Neu für mich (im Bereich Essstörungen) war aber, dass bestimmte Gene (hier speziell am Beispiel des 5-HTT) im Zusammenspiel mit Umweltfaktoren bzw. Erziehungseinflüssen zu einem positiven oder negativen Effekt führen. So ist es beispielsweise so, dass das 5-HTT Gene (aus dem Bereich des serotonergen Systems) offenbar mitbestimmt, welchen Einfluss negative Life-Events bzw. Traumatisierungen auf das Kind haben. Die Ausprägung bzw. Funktion dieses Genes bestimmt dann in Abhängigkeit von der Häufigkeit oder Schwere von Stress bzw. Traumatisierungen, ob sich eine Störung im klinischen Sinne entwickelt. Oder ob das Kind bzw. ein Jugendlicher im Sinne von Resilienz vielleicht gut bzw. ohne Schaden mit diesen Ereignissen umgehen kann. Ohne dieses Genmerkmal allein führen Life-Events bzw. ungünstige Erziehungsmuster eben nicht zu einer Störung. Das wurde für Depressionen und eben die Anorexie nachgewiesen und eben auch für ADHS diskutiert. Hier gibt es also quasi eine gemeinsame Wegstrecke auf der genetischen Ebene für neuropsychiatrische Störungen.

Diese Empfindsamkeit (Sensitivität) für Umweltreize bzw. Stress oder Traumatisierungen kann aber auch positiv genutzt werden. Das Wissen um eine besondere Empfindsamkeit bzw. den Besonderheiten der ADHS-Konstitution innerhalb der Familie kann dann eben auch zu einer positiveren Einflussnahme auf das Kind bzw. sein Umfeld führen. Wenn das Kind vulnerabler für “negativen” Stress ist, so würde eine positive Einflussnahme möglichst früh und möglichst kindgerecht eben auch zu einem “heilenden” bzw. protektiven Einfluss führen können.

Einführung von Elvanse als ADHS-Medikament zum 1.6.2013 in Deutschland

Es ist soweit. Zum 1.6.2013 wird das neue Amphetamin-Retardpräparat Elvanse(R) in Deutschland eingerführt.

Parodoxerweise zunächst zwar als verschreibungspflichtiges Medikament, aber (noch) nicht als BTM-pflichtiges Präparat. Obwohl es schon quasi auf der Liste der zukünftigen Betäubungsmittel steht (Anlage III des Betäubungsmittelgesetztes) wird es wohl einige Wochen zunächst auf Rezept erhältlich sein.

Für Kinder- und Jugendliche mit ADHS eine interessante neue Option in der Pharmakotherapie bei ADHS. Für Erwachsene eine teurere Angelegenheit. Die Tagestherapiekosten liegen je nach benötigter Menge zwischen 4,91 und 6,05.

Nun ist es ja auch nicht für Erwachsene zugelassen.

Für Kinder und Jugendliche gilt als Startdosis 30 mg /Tag (entsprechend ca. 9 mg D-Amphetamin), diese Dosis soll dann nach 1 Woche ggf. um 20 mg auf die 2. Kapselvariante 50 mg erhöht werden (entsprechend ca. 15 mg D-Amphetamin). Die Tageshöchstdosis beträgt 70 mg (entsprechend 20,8 mg)

Natürlich einmal täglich morgens (mit oder ohne Frühstück). Die Kapsel kann entweder sofort geschluckt oder auch als geöffnete Kapsel in Wasser aufgelöst und sofort getrunken werden.

Logisch : Die Medikation muss Teil eines multimodalen Therapieansatzes sein. Bei Kindern gilt derzeit, dass zuvor eine Behandlung mit Methylphenidat eben als nicht ausreichend galt.

Im Gegensatz zum bereits verfügbaren Attentin(R) von Medice gilt aber offenbar nicht, dass zuvor auch Strattera als unzureichend wirkend durchprobiert werden muss.

Warten wir mal ab, was die ersten Erfahrungen aus dem deutschsprachigen Raum bringen.

ADHS Anfängergeist und Achtsamkeit

Achtsamkeit ist nicht gleich Aufmerksamkeit oder Konzentration. Achtsamkeit ist mehr eine Haltung bzw. Einstellung, die man als Lehrer, Betreuer oder Eltern vorlebt bzw. selber praktiziert. Und die ADHS-Kinder zunächst eigentlich gut können. Bis man es ihnen halt wieder “austreibt” oder zumindest verleidet. Achtsam bedeutet, sich den Erfahrungen in der Gegenwart (also im “Jetzt”) hinzuwenden und anzunehmen, was gerade ist. Ohne emotionale Bewertung in “gut” oder “schlecht” und erst recht nicht in Form von Etikettierungen oder moralischen Zuschreibungen. Offen sein für die Erlebniswelt des Kindes und auch bereit sein, aus dieser Perspektive sich einmal auf die Schulwelt einzulassen.

Im Zusammenhang mit Schule und Lernen ist dabei der Anfängergeist interessant.

Fast jeder Erstklässler geht ja mit einer gewissen Begeisterung zu seinem ersten Schultag. Alles ist neu, ein wenig unsicher. Die Lern-Welt Schule will entdeckt, neue Freundschaften geschlossen und überhaupt ganz viel gelernt werden.

Häufig treffen unsere ABC-Schützen dabei zunächst auf eine sehr freundliche Atmosphäre der Einschulung. Und die Lehrerin schafft es zunächst auch, das Gefühl von Willkommensein zu vermitteln.

Eigentlich ist dies Achtsamkeit in reinster Form : Den Augenblick so erleben, als ob man ihn das erste Mal erlebt. Mit Offenheit und Neugier und einer gewissen Unerschrockenheit.

Für das ADHS-Schulkind ist es häufig so, dass es jeden Tag, jede Aufgabe mit diesem Anfängergeist erlebt. Ungewollt. Denn vom inneren Erleben fehlt ein Zeitgefühl. Das Kind lebt bzw. erlebt sich und die Umwelt im Hier und Jetzt. Und damit wieder neu.

Der Anfängergeist kann anstecken und sich auch auf die Lehrer positiv auswirken. Wenn das ADHS-Kind ungewöhnliche Fragen stellt, einen neuen interessanten Blickwinkel in ein Problem bringt. Oder schlicht mit seiner Begeisterung so voll und ganz bei der Sache ist. Nicht umsonst wecken viele ADHS-Erstklässler erstmal grosse Erwartungen bei ihren Klassenlehrerinnen. Sie werden zunächst ganz innig ins Herz geschlossen.

Doch das bleibt nicht unbedingt so….

Calvin und Hobbes-Comics sind hier zunächst einmal Pflichtlektüre, wenn man sich eine Vorstellung von einem ADHS-Hypie und seine Wahrnehmung der Welt machen will. Und die kleinen und grossen Alltagskatastrophen, die dann den Schul-Weg pflastern. ADHS-Kinder werden innerlich nicht älter. Sie schauen (lange Zeit) auf die Welt aus dem Blickwinkel eines begeisterten Kindes. Bis man ihnen diesen Blickwinkel zerstört.

Nun kehrt ja mit der Achtsamkeitsbasierten Therapie (mindfulness based therapy) genau der Anfängergeist als eine wesentliche Grundhaltung zurück in die Therapie bzw. Pädagogik.

Für die Arbeit mit ADHS-Kindern (aber natürlich auch mit jedem anderen Schulkind) hilft das Praktizieren von Achtsamkeit enorm.

Anfänger-Geist wäre also, jeden Tag (oder jede Schulstunde) so zu beginnen als ob es die erste Begegnung mit dem Thema bzw. dem Schüler ist. Und dabei doch eine Vertrautheit und Konstanz zu vermitteln.

Dies bezieht sich nicht nur auf das Datum im Kalender bzw. die Tage bis zum Beginn der Sommerferien, es bedingt auch eine Haltung gegenüber positiven wie etwaigen negativen Erlebnissen mit dem ADHS-Kind (oder seinen Eltern). Und es bedeutet auch, dass man Kinder eben bei Erfolgen erwischen soll. Wenn sie erstmals etwas verstanden, etwas selber zum ersten Mal gemacht haben. Loben und herausstellen, wenn sie Anfänger-Geist zeigen. Und das nicht nur zu Events wie Jugend forscht.

Ich könnte jetzt etliche Beispiel vorjammern, wo Lehrerinnen und Lehrer meiner Söhne noch nicht mal ihren Frust aus der grossen Pause aus dem Lehrerzimmer ablegen können und sich unachtsam in den Unterricht quälen. Und eben mehr oder weniger demonstrativ den Schülern zeigen, dass sie verbraucht sind, dass sie in ihrer inneren Einstellung mindestens so faltig sind wie im Gesicht. Dass es ihnen nicht mehr gelingen will einen eigenen Anfänger-Geist zu leben und damit eine Neugier auf Lernen zu vermitteln. ADHS-Schüler erleben sie dann nicht als Quell von Anfängergeist, sondern als Qual. Leider gilt auch umgekehrt, dass unachtsame Lehrer für einen ADHSler eine Qual sind. Das kann Dauer-Stress bis hin zu schweren Traumatisierungen auslösen.

Leider werden zu viele Kinder mit Disziplinarmaßnahmen belegt. Und eindeutig zu wenig Lehrer wegen erwiesenem Störverhalten auf die Kinder von der Schule verwiesen. Verkehrte Welt halt.

ADHS und Übergewicht

Hat ein Knabe mit einer ADHS ein erhöhtes Risiko für Übergewicht im späteren Leben? Das war die Frage, die sich ein internationales Team von Forschern gestellt hatte. Sie sammelten Daten von 207 Jungen, bei denen im Alter zwischen 8 und 12 Jahren eine ADHS diagnostiziert wurde. 178 Jungen ohne ADHS wurden für den Vergleich rekrutiert. Mit der Mehrheit der Teilnehmer wurden dann während mehr als 30 Jahren im Alter von 18, 25 und 41 Follow-up-Untersuchungen durchgeführt.

Die Ergebnisse? Männer mit der Kindheit ADHS hatten einen signifikant höheren Body-Mass-Index im Vergleich zu denen ohne ADHS (Durchschnitt BMI 30,1 gegenüber 27,6 der Kontrollgruppe). Fettleibigkeit (also ein nochmals deutlich höherer BMI) trat ebenfalls öfters auf bei Männern mit ADHS in der Kindheit (41,4 % versus 21,6 % in der Kontrollgruppe).

Warum dieser Zusammenhang zwischen ADHS und Übergewicht? Die Forscher sagen, mangelnde Impulskontrolle und reduzierte Planungsfähigkeiten könnten zu den schlechten Ernährungsgewohnheiten geführt haben.

Die Resultate und die postulierten Ursachen verwundern nicht. Wohl aber die Tatsache, dass die Untersuchung nur mit Männern durchgeführt wurde. Und dies, obwohl Frauen psychisch mehr unter ihrem Übergewicht leiden als Männer. Und das nicht erst seit 30 Jahren.

Da ich nur die Zusammenfassung, nicht aber die Studie selbst kenne, weiss ich nicht, ob die Forscher sich dazu geäussert haben oder nicht. Und auch nicht, ob und inwiefern andere mögliche Faktoren, welche diesen Zusammenhang bedingten, berücksichtigt bzw. herausgerechnet wurden.

Selbst wenn man vor dreissig Jahren noch fest daran glaubte, die ADHS sei Knaben vorbehalten, hätte man später meines Erachtens das Studiendesign anpassen können.

ADHS: Sieh es mal positiv

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mal wieder von besserwissenden Miesepetern kritisiert werde, möchte ich auf eine Radio-Comedy verweisen. Natürlich nicht (ganz) ernst zu nehmen. Und doch ein schönes Beispiel, wie man Dinge aus unterschiedlicher Sichtweise beleuchten kann.

Eine ärgerliche Situation so zu nehmen wie sie ist und sie sogar positiv zu sehen, ist so eine Sache. Ich sehe Belastungssituationen schon länger als Übungssituationen. Einerseits für divergentes Denken, d.h. dem Entwickeln von neuen Problemmöglichkeiten. Aber auch, um verschiedene Alternativen der Stressbewältigung oder Emotionsregulation auszuprobieren.

“HAACKE sieht´s positiv” ist aus meiner Sicht einfach “nett”. Gerade weil es häufig mehr als schräg bis hin zum schwarzen Humor geht. Natürlich ohne psychologischen Anspruch. Aber als tägliche Erinnerung an das konstruktive positive Umdenken eine sehr schöne Übung.

Hier entlang zum positiven Hören und Sehen.