Medizinischer Einsatz von Cannabis bei ADHS

Vorweg: Aktuell gibt es Pressemitteilungen und Artikel, in denen behauptet wird, einem ADHSler sei der Anbau von Cannabispflanzen für die Behandlung von ADHS erlaubt worden.

Ein wenig Suche ergibt, dass dies genau NICHT der Fall ist. Ralf H. ist ziemlich bekannt geworden und er ist einer von zwei Typen, die in Köln mit der Klage gescheitert sind. Wenn auch wohl eher aus baulichen Gründen seiner Wohnung und weniger inhaltlich begründet.

Aber immerhin.

Ralf H. hat über Jahre dafür gestritten sein ADHS mit Cannabinoiden behandelt zu bekommen. Angeblich vertrage er Ritalin nicht. Dann habe er wohl mal von einer Ärztin ein Cannabispräparat bekommen und das war dann die Wunderheilung. Gekifft hat er aber schon länger.

Dann stiess er auf Experten der Verkehrsmedizin in Heidelberg. Durchaus sehr bekannt in Sachen Fahrtauglichkeitsuntersuchungen und auch sehr nette und kompetente Referenten. Aber keine Experten für ADHS.

Nun ja. Dort wurden Fahrtauglichkeitstests gemacht, die angeblich unter dem Einfluss von einem medizinischen Cannabis-Präparat erfolgten. Sie zeigten, dass sich die Fahrtauglichkeit nicht so sehr von den Kontrollprobanden unterschied.

Nun kann man mit derartigen neuropsychologischen Tests genau KEINE Aussage über ADHS oder die Behandlungsmöglichkeiten / Wirksamkeit von ADHS machen.

Da Ralf H. dann aber mal wieder verhaftet wurde, kam heraus, dass er das medizinisch verordnete Cannabispräparat gar nicht (oder nicht nur)  genommen hatte (da zu teuer und wohl auch zu umständlich und überhaupt). Er hat also munter weiter gekifft und die Ärzte mal so eben dreist angelogen.

Sicher keine gute Voraussetzung für einen Modellversuch mit Cannabistherapie aus meiner Sicht.

Nun hat er halt weiter munter die Gerichte beschäftigt und wollte durchsetzen, dass er sich sein Cannabis selber anbaut.

Tja, Pech gehabt. Er wollte wohl neben den Cannabispflänzchen schlafen, was die Richter nicht wollten. Baulich gesehen erfüllt seine Wohnung nicht die Voraussetzungen.

Ehrlich gesagt: Gut so.

Ich persönlich habe eine klare Position, dass in seinem Fall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit andere Behandlungsoptionen für die Therapie der ADHS möglich wären.

Die er aber nicht wollte. Dafür hat er sein eigenes Ding gedreht (was nun bei ADHSlern durchaus “normal” ist, Rechtsverstösse aber nicht rechtfertigt). Er hatte verdammt viel Glück, dass er durch die MPU-Tests gekommen ist. Nicht wegen den neuropsychologischen Tests. Sondern wegen der psychologischen Eignung bzw. Einsichtsfähigkeit.

Die scheint mir doch zumindest etwas “vernebelt” (meine persönliche Einschätzung).

Ralf H. wird weiter gegen Windmühlen kämpfen. Dafür hat er offenbar das Geld, was ihm für den Kauf von Medikamenten fehlt.

Radio-Feature: Klarheit im Kopf …

Auf einer Autofahrt habe ich am Sonntag ein interessantes Feature im DLF gehört.

Es ging u.a. um Tätigkeiten bzw. auch Berufe, die mit Monotonie bzw. langer Dauer der Aufgabe verbunden sind. Und die eine Art innerer Zufriedenheit gerade dadurch auslösen. 10 km zur Schule laufen und wieder zurück. Socken stopfen in der DDR, Perlen ansticken an einen Hut … Strassenfegerin …

Eine Art Entschleunigung, die dann eine Klarheit im Kopf erzeugt. Eine 99 Jährige sagte dann sinngemäss : Ich bin ganz klar im Kopf. Das Gegenteil wäre ja, dass es Alles verschwommen bzw. unklar wäre, dann wäre sie ja unruhig …

Ich finde, dass es hörenswert ist. Und man auf die Suche nach Aufgaben gehen sollte, die Klarheit im Kopf machen.
Zur DLF Seite des Beitrags ->  DLF

ADHS hört nicht mit dem Erwachsenenalter auf…

… liest man in einer selten inhaltsleeren Mitteilung einer Apothekerin der Techniker-Krankenkasse hier.

Und bevor man nun die Erwachsenen leitliniengerecht mit Methylphenidat bzw. Stimulanzien behandele, solle eine multimodale Therapie bzw. Betreuung durch Experten für Verhaltensstörungen erfolgen.

Prima.

Nur : Diese gibt es eben gar nicht für Erwachsene mit ADHS. Zumindest sind mir kaum Angebote bekannt, bei denen eine Psychotherapie oder gar Coaching für Erwachsene wohnortnah angeboten werden.

Selbst die Uni-Ambulanzen bieten für eigene Forschungszwecke Diagnostik und vielleicht auch mal eine Studie zur Medikation an. Psychotherapie vielleicht noch im Rahmen einer Gruppentherapiestudie zum Freiburger Konzept (das war das von Hesslinger mit dem DBT-Ansatz, der aber auch schon wieder in der Versenkung verschwindet).

Damit soll nicht gesagt werden, dass nun die alleinige Medikation der Königsweg bzw. eine Lösung wäre. Sicher nicht.

Sondern ich lege den Finger auf die Wunde, dass eben Psychotherapie bzw. Versorgung für Erwachsene im Sinne einer multimodalen Therapie einfach nicht existent ist.

Letzte Woche hatte ich dazu auch einen Mailwechsel mit einer Betreuerin, deren Klient mal in Homburg diagnostiziert wurde. ADHS und sicher auch Suchtprobleme, Traumata bzw. eben ein ganzen Sack voller Probeme. Sie sucht mehr oder weniger bundesweit nach einer Therapie.

Schön, wenn dann die Techniker-Krankenkasse solche Verlautbarungen macht. Ich habe übrigens für einen ADHS-Klienten dann mal bei der TK angerufen. Und tatsächlich : Sie haben mir ein Angebot gemacht : Bei einer Psychotherapeuten-Ausbildungsambulanz könnte man einen Termin innerhalb kurzer Zeit vereinbaren. ADHS-Erfahrung hätten die zwar nicht, aber es wäre dann ja wenigstens….

Ah ja… Danke.

Die Eltern bzw. die Ärzte wenden sich sicher nicht an mich als “Experte”, wenn sie dann mit einem Ausbildungskandidaten ohne ADHS-Erfahrung klar kommen könnten….

Realität und Wunschdenken der Krankenkasse liegen da doch etwas sehr weit auseinander….

Inklusion : Wenn Schulbegleitung vom Haushalt bestimmt wird

Man könnte ja annehmen, dass das Sozialrecht auf individuelle Förderung nach der Bedürftigkeit des Kindes und nicht nach der desolaten Haushaltslage bestimmt wird.

Schliesslich gibt es ein im Grund- bzw. Sozialrecht verbrieftes Recht, dass kein Kind (bzw. überhaupt ein Mensch) aufgrund einer Behinderung benachteiligt werden darf. Die Schulbegleitung stellt gerade bei Kindern mit Asperger bzw. ADHS und begleitenden Wahrnehmungs- , Lern- und Verhaltensstörungen eine sehr wirksame Hilfe dar.

Natürlich könnte man sich wünschen, dass Schule ein Ort wäre, wo dies auch ohne Schulbegleitung möglich wäre. Ist es aber nicht.

Umso befremdlicher, dass jetzt offenbar Recht durch Haushaltsvorgaben gebeugt werden kann. So wie in Hamburg plötzlich Schulbegleitung für verhaltensauffällige Kinder von einem Schulsenator entschieden wird. Und nicht nach der Notwendigkeit, die ein Arzt bzw. Psychotherapeuten festlegen. Siehe hier

Wenn man weiss, wofür in Hamburg Geld verschwendet wird (Stichwort Elbphilharmonie) bzw. welche Gehälter ein Senator bekommt, so bleibt einem bei solchen Darstellungen die Spucke weg.

Eigentlich sollte man den Senator persönlich haftbar machen können. Stattdessen müssten aber Eltern eben vor Gericht  für ihr Kind Recht durchsetzen. Was aber Jahre dauern kann.

Leider nicht nur in Hamburg eine sehr bittere Realität. Auf dem Rücken der Kinder.

Intoleranz für Ungerechtigkeit

Vor einiger Zeit habe ich hier im Blog über Tobias und den Kommentar seiner Lehrer über fehlende Stärken berichtet. Papillionindigo hat diesen Beitrag aufgegriffen, was wiederum für mich Anlass war, nochmal über Tobias nachzudenken.

Einer der Hauptgründe für seine wechselnde Teilnahme bzw. sein Interesse an den Unterrichtsstunden sind die Lehrer. Nicht so sehr das Thema, weniger die pädagogische Methodik bzw. die Vermittlung des Lernstoffes. Sondern mehr oder weniger der Grad der Ungerechtigkeit bzw. Willkür, mit der die Lehrerinnen und Lehrer gegenüber Konflikten bzw. Spannungen im Unterricht vorgehen.

Der Uelzener Kinderarzt Karsten Dietrich hatte auf dem ADHS-Symposium in HH in einem Nebensatz erwähnt, dass ADHS-Kinder weniger ein hohes Gerechtigkeitsempfinden sondern ein hohes Ungerechtigkeitsempfinden haben. Dr. Diedrich ist übrigens am 28.6.2014 in Uelzen beim ADHS-Symposium einer der Referenten. Neben Dr. Wolff aus Hannover und dem ADHS-Experten Roy Murphy von der Schön-Klinik Bad Bramstedt.

Wenn Ungerechtigkeit als Spannung im Raum liegt bzw. als Willkür von einem ADHS-Kind empfunden wird, dann kommt es zu einem emotionalem Systemausfall im Gehirn. Na ja, so in etwa jedenfalls.

Viele ADHSler (und auch Aspies) möchten dann genau erklärt bzw.. begründet haben, WARUM es denn so sein soll, wie es gerade mehr oder weniger willkürlich von einem Erwachsenen (oder auch mal Mitschülern) gemacht wird.

So wie aber Konflikte nun mal sind, ist Ungerechtigkeit in der Schule mehr oder weniger die Regel. Das gilt für viele ADHSler besonders in “Laberfächern” bzw. bei Lehrerinnen und Lehrern, die eher nach dem Augenaufschlag bzw. “Einschleimfaktor” gehen und weniger die Leistung bzw. noch weniger die Leistungsverbesserung bewerten bzw. loben.

Das kann regelrecht krank machen.

Es gibt Hinweise darauf, dass ADHS-Kinder bzw. auch Erwachsene nicht nur ein Problem mit Belohnungen haben, sondern primär in der Verarbeitung von negativen Rückmeldungen bzw. Gefühlen. Besonders beim unaufmerksamen Subtyp soll sich dann ein negatives Feedback wie Narben im Gehirn einbrennen.

Hier geht es darum möglichst frühzeitig Strategien für die emotionale Regulation von “negativen” Gefühlen zu vermitteln.

Projekt “Kinder & ADHS”

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Für das Internet-Projekt Kinder & ADHS suche ich weitere Autorinnen und Autoren. In erster Linie geht es um den Ausbau und die Optimierung des ADHS-Lexikons. Dieses richtet sich primär an Kinder und Jugendliche, aber auch an andere Interessierte.

Wer beim  Ausbau mitwirken und neue Einträge für das Lexikon vorschlagen, verfassen oder bereits bestehende Einträge überarbeiten möchte, kann sich hier melden. Gerne auch gleich mit einer Kurzvorstellung.

Voraussetzungen sind, dass die Autorin oder der Autor über eigene Erfahrungen mit ADHS-Kindern/Jugendlichen verfügt (z.B. als Mutter oder als Lehrperson) und bereit ist, namentlich in der Mitarbeiter/-innen-Liste aufgeführt zu werden.

Diese Anfrage richtet sich auch, aber nicht in erster Linie an Fachpersonen (wobei Beiträge auch von Kolleginnen und Kollegen sehr willkommen sind).