Neuer Blog zur Positiven Psychologie, Imagination und Erklärvideos

Ich probiere ja gerne mal neue Dinge aus. Auch oder gerade in der Therapie, wo ich viel mit Imagination bzw. Emoflex(R) arbeite.

Ich finde aber auch sonst die Positive Psychologie bzw. lösungsorientierte Verfahren interessant. Da ich derzeit ein wenig mit einer Software für Erklär-Videos herumspiele, ist daraus die Idee für ein “spin-off” Blog entstanden. Die Seelenklempnerei soll sich mit Ansichtssachen aus der Psycho-Welt beschäftigen.

Beruflich sehe ich ja weit mehr als nur ADHS, speziell derzeit Depressionen und Erschöpfungssyndrome, Schlafstörungen, Chronische Schmerzstörungen, Konversionsstörungen und eben Dissoziative Störungen.

Dies dann patientennah und lösungsorientiert zu erklären, macht Spass. Ist aber auch eine Herausforderung.

Wer also mal reinschauen mag bzw  mir inhaltlich mit eigenen Ideen oder Beiträgen oder durch das Teilen von Blogposts in anderen Blogs oder Sozialen Netzwerken helfen mag : Hier geht es zur Seelenklempnerei Winkler

ADS und Vigilanzstörungen

In unserer Kinder-Rehaklinik sollte ich ein junges Mädchen bzw. ihre Familie beurteilen. Es ging u.a. um die Frage, ob möglicherweise psychische Probleme der Mutter bzw. familiäre Faktoren zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptomatik bei der kleinen Patientin beitragen könnten. Das ging soweit, dass auch an ein Münchhausen-by-Proxy  gedacht wurde

Vom Aspekt her sah ich ein 9 jähriges Mädchen, das gegen 16 Uhr sehr müde bzw. “schlaff” wirkte. Das ist nun bei den derzeitigen Wetterverhältnissen nicht so ganz unüblich. Sie rutschte aber ständig auf dem Stuhl rum, rieb sich die Augen bzw. wollte unbedingt mit dem Kugelschreiber der Mama “spielen”. Auf ein “Nein” reagierte sie heftig mit einem inneren Gefühlsabsturz,

 

Hellhörig wurde ich aber, da nun quasi seit der Geburt Störungen der Vigilanz bzw. der Grundspannung, des Schlaf-Wach-Rhythmus bzw. der Selbst- und Fremdwahrnehmung bestanden. Sie sei eigentlich schon vom ersten Tag ihres Lebens “anders” und eben häufig krank. Dementsprechend dick war ihre Krankenakte bzw. entsprechend viele (meist ergebnislos) Arztkonsultationen gab es.

Bei mir gingen die inneren “Signale” für ADS vom unaufmerksamen Subtyp an. Zumal mir die Mutter von Ordnungszwängen berichtete, die jetzt zunehmend ein Problem darstellen würden. Auch hier gibt s überzufällig häufig einen Zusammenhang von ADS und Zwängen.

Dabei hat das Mädchen (natürlich) keine deutliche motorische Unruhe, auch die Schulleistungen in der 2. Klasse seien “gut”. Sie sei nur sehr still und schüchtern, ihre Handschrift sei sehr schlecht und ab 14 Uhr sei mit ihr dann überhaupt nichts mehr anzufangen. Auch das Schlafen sei ein riesiges Problem, u.a. sei ein fraktionierter (= unterbrochener) Schlaf bekannt, wenn sie denn überhaupt zur Ruhe komme.

 

Bisher beschäftigen sich aber zumindest nach meiner Kenntnis nur wenige Experten genauer mit dem Zusammenhang von Vigilanzstörungen und psychiatrischen Störungen.

Bereits im Säuglingsalter fiel das Mädchen mit Obstipationsbeschwerden auf. Natürlich kann Verstopfung (bzw. Enkopresis) ganz viele Ursachen haben. Der Zusammenhang mit ADS ist aber relativ unbekannt. In einem vergleichsweise aktuellen Beitrag zum Thema ADHS und Obstipation wurde immerhin eine Häufigkeit von über 4 Prozent angegeben (gegenüber einer Häufigkeit von 1,5 Prozent bei Kindern einer Normalpopulation). Ich hatte in einem früheren Blockbeitrag mal auf die amerikanische Studie verwiesen (hier).

Die frühkindliche Entwicklung war durchaus auch weiterhin auffällig im Sinne eines “Schreibabys). Ansonsten muss sie als Kind aber eben eher auffällig “schlaff” bzw auch eher still gewesen sein.

Entwicklungsstörungen bzw. Regulationsstörungen bei Kleinkindern können, müssen aber nicht auf eine späteres ADS / ADHS hinweisen. Hier hatte ich mal die Besonderheiten der Regulationsdynamik mit einem schlaffen Luftballon verglichen.

Im Falle dieses Kindes wurde aber in der Folge in alle möglichen (bzw. unmöglichen) organischen Richtungen gedacht. U.a. wurde wegen einem leichten Schlaf-Apnoe-Syndrom eine umfangreiche schlafmedizinische Diagnostik bzw. auch Maskentherapie ohne Erfolg versucht. Das Kind wurde wegen einer (angeblich) zu grossen Zunge operiert.

Die Tonusregulationsstörung bzw. Müdigkeit und sehr schnelle Erschöpfung verblieb (erwartungsgemäss).

Ich habe mich dann über das ADD-Forum Berlin u.a. mit Kollegen ausgetauscht, wobei insbesondere der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Droll sich schon sehr lange mit der Thematik Vigilanzstörungen beschäftigt.

Er sieht die ständige Müdigkeit und Erschöpfung als Ausdruck eines anhaltend abgesenkten Aktiviierungs- und Vigilanzniveaus. Auch das leichte obstruktive Schlaf-Apnoesyndrom kann auf einen anhaltend abgesenkten Muskeltonus  (bzw. schlaffe Mundmotorik) bzw. einer zu stark abgesenkten Hirnaktivierung hinweisen

Hierdurch resultiert eben häufig auch ein unterbrochener Schlaf durch die Weckreize der wiederkehrenden Hypoxie-Zustände (relativer Sauerstoffmangel). Natürlich wird dadurch einerseits die Konzentrationsfähigkeit, aber natürlich auch die Wachheit verschlimmert und letztlich ein Dauerzustand von Müdigkeit und Erschöpfung erklärt.

Diese Kinder fallen in der Schule eher dadurch auf, dass sie nicht auffallen (wollen). Sie sind schüchtern, eher zu langsam bzw. versuchen über Überanstregung die Störungen der Aufmerksamkeit bzw. der Vigilanzregulation auszugleichen.
Die Hirnaktivierung über das Anstrengungs- und Alarmsystem führt aber zu einer Tendenz von Ängstlichkeit bzw. später eben auch sozialer Ängstlichkeit bzw. Rückzugsverhalten. Das innere Selbstkontrollsystem ist quasi ständig “überaktiv”.

Leider kann dann die Störung der Vigilanzregulation gerade nach dem Mittagessen zu Problemen führen. So auch bei diesem Mädchen. Neben dem biologischen Mittagstief war jetzt die Tonusabsenkung so stark, dass sie quasi ab dem frühen Nachmittag völlig aus der Bahn geworfen war.

Nicht nur die Hausaufgaben gelingen jetzt nicht mehr wirklich. Sie wird zur Tyrannin der Familie (und ihrer Schwester). Jetzt imponieren dann schon eher typische Symptome eines oppositionellem Trotzverhaltens bzw. es muss so laufen, wie die Kleine es erwartet. Sonst sind Gefühlsabstürze die Folge.

Natürlich hat dies auch Auswirkungen auf das Familienleben, aber auch das Selbstwertgefühl bzw. Selbstbild des Mädchens, die man dann (familen-)therapeutisch mit begleiten bzw. behandeln muss. Aber man sollte eben erst einmal genauer schauen, ob nicht eine neurobiologische Grundlage für die Störungen besteht.

 

Leider ist es heute noch häufig so, dass Kinder- und Jugendpsychiater nicht im Traum bei einer solchen Problematik an ADHS denken würden. Zumal es ja immer noch Kliniken gibt, die ADHS für eine neumodische Erfindung halten bzw. ihre Hauptaufgabe darin sehen, ADHS-Diagnosen in Frage zu stellen.
Wenn sich also die Familie in einer KJP-Praxis oder einer allgemeinen Uni-Ambulanz vorstellt, kann es gut und gerne sein, dass sie ganz und gar nicht ernst genommen werden.

Schliesslich scort ein solches Kind bei den ADHS-Fragebögen natürlich überhaupt nicht hoch. Es hat (noch) keine Schulleistungsprobleme, es klagt nicht über Unruhe und Konzentrationsstörungen. Es stört nicht. Und in den Fremdbeobachtungen der Lehrer muss es nicht unbedingt auffällig sein.

Also müssen dann die Eltern bzw. die Familie gestört sein.

Daher suchte ich dann speziell eine Anlaufstelle in der erweiterten Region, die über das Schubladendenken der “Hyperaktivität” hinaus, sich mit der Thematik auseinander setzen kann und ein umfangreiche Diagnostik unter Einbeziehung von Vigilanzregulation, neuropsychologischen Begleit- und Folgeproblemen bzw. weiteren Teilleistungs- und Wahrnehmungsstörungen (und -stärken) machen könnte.

Sowas zu finden ist aber verdammt schwer…

NDR Info Redezeit heute 17.7.

Heute am Abend gibt es eine interessante Diskussion zur Situation von ADHS-Kindern (und sicher auch deren Familien) u.a. mit Roy Murphy aus Bad Bramstedt bzw. der ADHS-Selbsthilfe aus Sassenburg. Reinhören lohnt sich sicher….

https://www.ndr.de/info/sendungen/redezeit/Sorge-um-hyperaktive-Kinder,sendung247310.html

Medizinischer Einsatz von Cannabis bei ADHS

Vorweg: Aktuell gibt es Pressemitteilungen und Artikel, in denen behauptet wird, einem ADHSler sei der Anbau von Cannabispflanzen für die Behandlung von ADHS erlaubt worden.

Ein wenig Suche ergibt, dass dies genau NICHT der Fall ist. Ralf H. ist ziemlich bekannt geworden und er ist einer von zwei Typen, die in Köln mit der Klage gescheitert sind. Wenn auch wohl eher aus baulichen Gründen seiner Wohnung und weniger inhaltlich begründet.

Aber immerhin.

Ralf H. hat über Jahre dafür gestritten sein ADHS mit Cannabinoiden behandelt zu bekommen. Angeblich vertrage er Ritalin nicht. Dann habe er wohl mal von einer Ärztin ein Cannabispräparat bekommen und das war dann die Wunderheilung. Gekifft hat er aber schon länger.

Dann stiess er auf Experten der Verkehrsmedizin in Heidelberg. Durchaus sehr bekannt in Sachen Fahrtauglichkeitsuntersuchungen und auch sehr nette und kompetente Referenten. Aber keine Experten für ADHS.

Nun ja. Dort wurden Fahrtauglichkeitstests gemacht, die angeblich unter dem Einfluss von einem medizinischen Cannabis-Präparat erfolgten. Sie zeigten, dass sich die Fahrtauglichkeit nicht so sehr von den Kontrollprobanden unterschied.

Nun kann man mit derartigen neuropsychologischen Tests genau KEINE Aussage über ADHS oder die Behandlungsmöglichkeiten / Wirksamkeit von ADHS machen.

Da Ralf H. dann aber mal wieder verhaftet wurde, kam heraus, dass er das medizinisch verordnete Cannabispräparat gar nicht (oder nicht nur)  genommen hatte (da zu teuer und wohl auch zu umständlich und überhaupt). Er hat also munter weiter gekifft und die Ärzte mal so eben dreist angelogen.

Sicher keine gute Voraussetzung für einen Modellversuch mit Cannabistherapie aus meiner Sicht.

Nun hat er halt weiter munter die Gerichte beschäftigt und wollte durchsetzen, dass er sich sein Cannabis selber anbaut.

Tja, Pech gehabt. Er wollte wohl neben den Cannabispflänzchen schlafen, was die Richter nicht wollten. Baulich gesehen erfüllt seine Wohnung nicht die Voraussetzungen.

Ehrlich gesagt: Gut so.

Ich persönlich habe eine klare Position, dass in seinem Fall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit andere Behandlungsoptionen für die Therapie der ADHS möglich wären.

Die er aber nicht wollte. Dafür hat er sein eigenes Ding gedreht (was nun bei ADHSlern durchaus “normal” ist, Rechtsverstösse aber nicht rechtfertigt). Er hatte verdammt viel Glück, dass er durch die MPU-Tests gekommen ist. Nicht wegen den neuropsychologischen Tests. Sondern wegen der psychologischen Eignung bzw. Einsichtsfähigkeit.

Die scheint mir doch zumindest etwas “vernebelt” (meine persönliche Einschätzung).

Ralf H. wird weiter gegen Windmühlen kämpfen. Dafür hat er offenbar das Geld, was ihm für den Kauf von Medikamenten fehlt.

Radio-Feature: Klarheit im Kopf …

Auf einer Autofahrt habe ich am Sonntag ein interessantes Feature im DLF gehört.

Es ging u.a. um Tätigkeiten bzw. auch Berufe, die mit Monotonie bzw. langer Dauer der Aufgabe verbunden sind. Und die eine Art innerer Zufriedenheit gerade dadurch auslösen. 10 km zur Schule laufen und wieder zurück. Socken stopfen in der DDR, Perlen ansticken an einen Hut … Strassenfegerin …

Eine Art Entschleunigung, die dann eine Klarheit im Kopf erzeugt. Eine 99 Jährige sagte dann sinngemäss : Ich bin ganz klar im Kopf. Das Gegenteil wäre ja, dass alles verschwommen bzw. unklar wäre, dann wäre sie ja unruhig …

Ich finde, dass es hörenswert ist. Und man auf die Suche nach Aufgaben gehen sollte, die Klarheit im Kopf machen.
Zur DLF Seite des Beitrags ->  DLF

ADHS hört nicht mit dem Erwachsenenalter auf…

… liest man in einer selten inhaltsleeren Mitteilung einer Apothekerin der Techniker-Krankenkasse hier.

Und bevor man nun die Erwachsenen leitliniengerecht mit Methylphenidat bzw. Stimulanzien behandele, solle eine multimodale Therapie bzw. Betreuung durch Experten für Verhaltensstörungen erfolgen.

Prima.

Nur : Diese gibt es eben gar nicht für Erwachsene mit ADHS. Zumindest sind mir kaum Angebote bekannt, bei denen eine Psychotherapie oder gar Coaching für Erwachsene wohnortnah angeboten werden.

Selbst die Uni-Ambulanzen bieten für eigene Forschungszwecke nur Diagnostik und vielleicht auch mal eine Studie zur Medikation an. Psychotherapie vielleicht noch im Rahmen einer Gruppentherapiestudie zum Freiburger Konzept (das war das von Hesslinger mit dem DBT-Ansatz, der aber auch schon wieder in der Versenkung verschwindet).

Damit soll nicht gesagt werden, dass nun die alleinige Medikation der Königsweg bzw. eine Lösung wäre. Sicher nicht.

Sondern ich lege den Finger auf die Wunde, dass eben Psychotherapie bzw. Versorgung für Erwachsene im Sinne einer multimodalen Therapie einfach nicht existent ist.

Letzte Woche hatte ich dazu auch einen Mailwechsel mit einer Betreuerin, deren Klient mal in Homburg diagnostiziert wurde. ADHS und sicher auch Suchtprobleme, Traumata bzw. eben ein ganzer Sack voller Probeme. Sie sucht mehr oder weniger bundesweit nach einer Therapie.

Schön, wenn dann die Techniker-Krankenkasse solche Verlautbarungen macht. Ich habe übrigens für einen ADHS-Klienten dann mal bei der TK angerufen. Und tatsächlich : Sie haben mir ein Angebot gemacht : Bei einer Psychotherapeuten-Ausbildungsambulanz könnte man einen Termin innerhalb kurzer Zeit vereinbaren. ADHS-Erfahrung hätten die zwar nicht, aber es wäre dann ja wenigstens….

Ah ja… Danke.

Die Eltern bzw. die Ärzte wenden sich sicher nicht an mich als “Experte”, wenn sie dann mit einem Ausbildungskandidaten ohne ADHS-Erfahrung klar kommen könnten….

Realität und Wunschdenken der Krankenkasse liegen da doch etwas sehr weit auseinander….

Inklusion : Wenn Schulbegleitung vom Haushalt bestimmt wird

Man könnte ja annehmen, dass das Sozialrecht auf individuelle Förderung nach der Bedürftigkeit des Kindes und nicht nach der desolaten Haushaltslage bestimmt wird.

Schliesslich gibt es ein im Grund- bzw. Sozialrecht verbrieftes Recht, dass kein Kind (bzw. überhaupt ein Mensch) aufgrund einer Behinderung benachteiligt werden darf. Die Schulbegleitung stellt gerade bei Kindern mit Asperger bzw. ADHS und begleitenden Wahrnehmungs- , Lern- und Verhaltensstörungen eine sehr wirksame Hilfe dar.

Natürlich könnte man sich wünschen, dass die Schule ein Ort wäre, wo dies auch ohne Schulbegleitung möglich wäre. Ist es aber nicht.

Umso befremdlicher, dass jetzt offenbar Recht durch Haushaltsvorgaben gebeugt werden kann. So wie in Hamburg plötzlich Schulbegleitung für verhaltensauffällige Kinder von einem Schulsenator entschieden wird. Und nicht nach der Notwendigkeit, die ein Arzt bzw. Psychotherapeuten festlegen. Siehe hier

Wenn man weiss, wofür in Hamburg Geld verschwendet wird (Stichwort Elbphilharmonie) bzw. welche Gehälter ein Senator bekommt, so bleibt einem bei solchen Darstellungen die Spucke weg.

Eigentlich sollte man den Senator persönlich haftbar machen können. Stattdessen müssten aber Eltern eben vor Gericht  für ihr Kind Recht durchsetzen. Was aber Jahre dauern kann.

Leider nicht nur in Hamburg eine sehr bittere Realität. Auf dem Rücken der Kinder.