Bildschirmmedien und ADHS (Teil 9)

Positive Wirkungen von Video-Games?
In vielen Video- und Online-Spielen wird durch die beruhigende Bezeichnung „Strategiespiel“ suggeriert, die Kinder würden im Spiel strategisches, planerisches und intelligentes Handeln trainieren. Das ist eine Irreführung, welche einzig der Verkaufsförderung dient.

Alle mir bekannten „Strategiespiele“ sind nämlich recht einfach gestrickt. Die Spieler/-innen haben nie echte Wahlfreiheit: Die wenigen Entscheidungs- beziehungsweise Handlungsoptionen wurden allesamt von den Programmierern vorgespurt. Ausserdem sind zahlreiche sogenannte Strategiespiele in Tat und Wahrheit nicht anderes als Kriegsspiele oder Games, in denen es lediglich darum geht, sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Als Gegenbeispiel will ich das Schachspiel erwähnen, welches den Spieler/-innen unendlich viele Möglichkeiten eröffnet, strategisch denken, planen und handeln zu können. Und man lernt das Warten, das Abwägen, ja, echtes strategisches Denken.

Herr Hoffmann wandte daraufhin ein, dass es im Alltag doch durchaus vorteilhaft sein könne, schnell reagieren zu können sowie gleichzeitig einen „Rundum-Überblick“ zu haben. Das könne beispielsweise helfen, Unfälle im Strassenverkehr zu vermeiden. Seine Schwiegermutter sei ihm heute noch dafür dankbar, dass er eine alte, geerbte, offenbar wertvolle Vase, die ihr Eric im Spiel so nebenbei vom Tisch fegte, im Flug aufgefangen habe und sie unbeschadet in einer höheren, für seinen damals noch kleinen Sohnemann nicht erreichbaren Ebene versorgt habe.

Die Fähigkeit, schnell reagieren zu können, ist in der Tat überlebenswichtig und somit alles andere als nutzlos. Nur: Dies müssen Kinder nicht zusätzlich am PC üben. Die Fähigkeit, in der Not schnell reagieren zu können, ist nämlich angeboren. Auf dem Spielplatz, beim Basteln, im Sportunterricht und bei tausend anderen Gelegenheiten, wird dieser angeborene Reflex weiter verfeinert. Ballspiele etwa oder das Herumtollen mit dem Hund oder das Jonglieren trainieren ausserdem die Reaktionsschnelligkeit des ganzen Körpers (und nicht nur diejenige des rechten Zeigefingers).

Zum Thema Unfälle im Strassenverkehr noch Folgendes: Kinder mit einer ADHS haben nachweislich ein sehr viel höheres Risiko als gesunde Kinder, an Verkehrsunfällen beteiligt zu sein. Einer der Hauptgründe ist die ADHS-typische Impulsivität, also das zu schnelle Reagieren, das Dreinschiessen. Das kann im Strassenverkehr schlimme Folgen haben.

Beim Gamen lernen die Kinder, auf einen Reiz blitzschnell zu reagieren. Und dies, ohne dass sie in einem dreidimensionalen Raum – zum Beispiel beim Überqueren einer Strasse – verschiedene andere Reize miteinrechnen müssen. Einen „Rundum-Überblick“, von dem Herr Hoffmann sprach, lernt man nicht vor dem Monitor. Im Gegenteil: Kinder, welche viel gamen und fernsehen, trainieren das schnelle Reagieren unter Ausklammerung der räumlichen Dimension. Speziell im Strassenverkehr ist das sehr gefährlich.

Fortsetzung: Morgen 20:00, gleicher Kanal

Tipp: Fritz & Fertig – Schach für Kinder

Übersicht über alle Beiträge zum Thema: “ADHS & Bildschirmmedienkonsum”

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4 Gedanken zu „Bildschirmmedien und ADHS (Teil 9)

  1. Dipl.-Psych. Piero Rossi Autor

    Hilfreiche Computerspiele: Da fällt mir ehrlich gesagt herzlich wenig dazu ein!
    Allgemeine Spiele: OK sind alle Spiele, bei welchem der gesunde Menschenverstand auf “Grün” schaltet.

    Wir könnten ja hier (oder vielleicht noch besser im ADHS-Forum.ch) einmal zusammentragen, welche Spiele für ADHS-Betroffene in welchem Alter positiv sind (und wieso sie das sind). Ich denke, dass konkrete Erfahrung von Eltern gefragt sind.

    Zum ADHS-Game “TAIL” werde ich demnächst etwas hier im Blog schreiben.

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    1. lin

      Herzlichen Dank, mache ich gerne

      Allerdings ist mein Spezialgebiet ADS bei Erwachsenen. Und so war meine letzte Antwort klar aus Erwachsenensicht gesehen.

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  2. lin

    Ich wäre dankbar, wenn du zu guter Letzt aufzählen würdest, was für dich dem ADSler hilfreiche Computerspiele und allgemein Spiele (ausser Schach) wären. Ich persönlich tendierte dazu, dass Puzzle und lösbare Patiencen (die man immer wieder von vorne beginnen kann) und ev. ein Mah Jongg hilfreich wären.

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    1. M. L.

      Gerade heute habe ich Lumosity (http://www.lumosity.com/) entdeckt und mein erster Eindruck ist sehr positiv: Ich werde als Benutzer freundlich an der Hand genommen und sehr viel ist angenehm automatisiert – so kann ich mich aufs Wesentliche konzentrieren, nämlich mein Gehirn zu trainieren.
      Wenn ich den Service zu 100% nutzen wollte, müsste ich etwas bezahlen – aber ich bin sogar froh, dass nur 60% gratis sind, dann bleibe ich weniger lange hängen!

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