ADHS-Retardpräparate bei Erwachsenen

Bereits seit mehreren Tagen schleiche ich um die Korrektur eines Artikels über das Vorgehen der ADHS-Ambulanz der Universitätsklinik für Psychiatrie in Zürich herum. Ich kann einfach nicht verstehen, wie eine Universitätsklinik auf die Idee kommen konnte, 378 mg Concerta an einen Stimulantiensüchtigen mit “recreational cannabis use” zu verschreiben.

Nun ist es Pfingstmontag und ich habe Bereitschaftsdienst. Und nehme einen jungen Mann auf, der alle 2 Stunden 10 mg Medikinet adult einnimmt. Insgesamt dann 8 mal = 80 mg Medikinet adult. Sicher, die Gesamtdosis ist vielleicht noch nicht einmal “hoch”. Aber: Die Sinnhaftigkeit, sich so selbst zu medizieren (noch dazu mit einem zusätzlich gegebenen atypischen Neuroleptikum als Antipsychotikum, da bei ihm zusätzlich in der Vergangenheit eine psychotische Störung diagnostiziert wurde), erschliesst sich natürlich zunächst nicht. Verständlich (?) wird es allenfalls, wenn man eben die völlig verlorene Tagesstruktur bzw. den frustranen Versuch sieht, gegen die immer weiter auftürmenden Berge von Arbeit bzw. Chaos sich durch immer längeres (vergebliches) Arbeiten in eine völlige Aufhebung der Tag-Nacht-Ryhthmik zu manövrieren.

Ich könnte noch zahlreiche weitere Beispiele von Patienten und Patientinnen im Erwachsenenalter benennen, die sagen wir mal “ungewöhliche” Einnahmeintervalle bzw. Dosierungen von Methylphenidat aufweisen.

Aber nochmal zu den Grundlagen der Stimulantienbehandlung: Ein Psychostimulans ist auch ein Weck-amin, d.h. es wirkt unspezifisch als Wachmacher. Wenn man nicht richtig geschlafen hat, bzw. überhaupt der Schlaf gestört ist (was eben bei ADHSlern häufiger der Fall ist), oder aber auch, wenn sich quasi eine ganze Menge “seelischer Sondermüll” angesammelt hat, dann ist der REM-Schlaf behindert, bzw. vermindert und das Gehirn kommt tagsüber nicht in einen korrekten Arbeitsmodus. Etwa so:

Nun kann man versuchen, mit viel Kaffee sich dennoch irgendwie über Wasser zu halten. Und man kann natürlich auch andere psychotrope Substanzen missbrauchen, um das Gehirn in einen subjektiv “angenehmen” Zustand zu bringen. Kennzeichen für diesen von mir als “missbräuchlichen” MPH-Einsatz bezeichnete “Wirkung” von Methylphenidat sind dann:

- scheinbar kurze “Wirkdauer”, d.h. kürzer als 1,5 h bei kurz-wirkendem MPH wie Medikinet bzw. Ritalin bzw. unter 6 h bei den eigentlich ca 6-8 h wirkenden Retardpräparaten wie Medikinet adult bzw. unter 8 h bei Concerta.
- Bedarf von hohen Einzeldosierungen , d.h. über 20 – 30 mg Einzeldosis bzw. entsprechende Äquivalente von Retardpräparaten

Hier geht es überhaupt nicht mehr um ADHS-spezifische Effekte der Pharmakotherapie, sondern allein um ein “Funktionieren”.

Was aber sollte daran schlimm sein, wenn es den Betroffenen doch besser geht?

Ich höre schon meine Kolleginnen und Kollegen aufschreien, dass sie doch zahlreiche Patienten haben, bei denen MPH-Retard eben kürzer wirke, die einfach “mehr” brauchen. Diese Patienten habe ich auch zuhauf gesehen und eben auch lange genauso falsch behandelt. Fast wöchentlich habe ich dann Patienten gehabt, die 2 mal täglich Concerta 54 bzw. 72 mg erhielten oder 3 oder gar 4 mal tägliche Gaben von Medkinet retard / adult 30 bis 40 mg.

Ich halte es auch für ein Unding, wenn bei den Patienteninformationen zu Medikinet adult von der Gabe “morgens” und “mittags” gesprochen wird. Das führt dann zu der sinnlosen Verabreichung von einer Kapsel Retardpräparat um 8 und um 12 Uhr? Mehrfach schon erlebt….

Aber wird es dadurch richtiger?

Natürlich NICHT !

Dafür ist die Medikation einfach nicht gedacht und es wird damit überhaupt kein Problem gelöst. Ausser, dass der Patient eben überhaupt irgendwie unspezifisch “wach” bzw. subjektiv weniger angespannt erscheint.

Es gibt nämlich noch ein zweites Problem dabei, was häufig auch ein Grund ist, warum diese Patienten dann eben doch häufig wieder auf kurz wirkendendes MPH in “Eigenregie” umsteigen bzw. sich einen Beikonsum besorgen: Bei den Retardpräparaten tritt nach Erreichen eines ausreichenden Wirkspiegels (häufig so 1 – 2 h nach Einnahme) bei einigen Patienten ein Phänomen auf, das ich “Kanalratten” nenne. Plötzlich nimmt der Patient Ängste / Depressionen, bzw. eigentlich noch treffender Konfusionszustände bzw. Dissoziative Lücken war, die jetzt fälschlich als ADHS-Symptome bzw. Anzeichen eines Rebound-Effektes missdeutet werden.

->; Der Patient legt nochmal eine Schippe MPH drauf. Weil es ihm der Arzt halt so beigebracht hat oder schlimmer noch: Weil er / sie es so verordnet…

Dissoziative Phänomene bei ADHS

Soweit ich weiss, wurde u.a. auch bei Studien bei ADHS im Erwachsenenalter mit Concerta genau hier ein erheblicher Fehler gemacht. Die Studienteilnehmer erhielten 54 mg und klagten dann über Angst, Unruhe / Irritation etc. Was man teilweise dem Medikament als Nebenwirkung zusprach. Teilweise wurde dann schlicht die Dosis erhöht. Was natürlich totaler Mist ist. Das sind diese “Kanalratten” = Erlebnisse / Trauma / Dissoziative Phänomene aus der Vergangenheit der lebenslangen ADHS-Konstitution.

Wenn man so eine Zulassungsstudie macht, muss man sich nicht wundern, wenn das Präparat durchfällt. Hier sind die Studienzentren schlicht wegen eigener Unkenntnis über die richtige Anwendung der Stimulantientherapie daran mitschuld, dass die Zulassung für Erwachsene versagt wird (zumindest gilt dies derzeit für Concerta).

Nochmal: Retardpräparate haben von der “Bauart” ein vorgegebenes Freisetzungsprinzip bzw. auch Voraussetzungen für die Wirkung. Wenn man aber als Arzt so fundamental diese Vorgaben missachtet, bzw. überhaupt nicht versteht, wie die Wirkung sein sollte, bzw. was man beachten muss, darf man sich auch nicht wundern, wenn die Stimulantientherapie so in Verruf gerät. Und ich finde, dann völlig zu Recht.

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46 Gedanken zu “ADHS-Retardpräparate bei Erwachsenen

  1. Hans-Peter

    Boah.. also bei mir ist die Verwirrung nun absolut perfekt wie ich Medikinet richtig oder falsch einnehme. Kleine Vorgeschichte, nach der Diagnose sollte ich morgends 5 mg , Mittags 10 mg und bei Bedarf Abends nochmal 5 mg einnehmen. Hintergrund: Ich musste lernen für eine Fortbildung.
    Die Konzentration wurde zwar besser, der richtige “wow-Effekt” blieb aber aus. In der Prüfung versagte meine Aufmerksamkeit sogar komplett. Frustriert brach ich die Medikation ab !
    Dann besuchte ich aus Neugier eine ADHS-Stammtischgruppe, mit zum Teil sehr unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen in Sachen Medikinet Dosierung. In Absprache mit meinem Therapeuten und auf der Grundlage meiner Notfallmedizinischen Ausbildung, einer vorsorglichen Krisenvorbereitung und unter ständiger Eigen-Kontrolle von Herzfrequenz, RR, Vigilanz und evtl. vegetativer Abweichung
    erhöhte ich die Dosis zunächst in 2 Phasen a. xx mg im Abstand von 5 Std.
    Das Resultat war auf der Ebene von Konzentration und Aufmerksamkeit, erstaunlich positiv bis unglaublich. Die Nebenwirkungen (Kopfschmerzen, schwindelgefühl u.s.w.) jedoch mehr als Unangenehm bis erängstigend. Ich führte das Experiment mit Absprache meines Therapeuten fort.
    Die Nebenwirkungen sind dabei täglich geringer geworden und obwohl ich noch zu keinem endgültigen Resultat gekommen bin und ich derzeit noch an der Feinjustierung Arbeite, habe ich die letzten Wochen Lern,- Konzentrations und Verhaltenserfolge erzielt, die ich in meiner Lebensgeschichte, gerne schon früher gehabt hätte.
    Das mit der Retardwirkung lt. Dr. Winkler, wurde mir bisher zwar nicht so vermittelt, aber leuchtet mir durchaus ein. Das Absinken der Wirkung liegt bei mir ebenfalls in einem Bereich von 4-5 Std. Dann habe ich bisher die zweite Dosis nachgeschoben, weil ich dachte, was ich da fühle sei der Rebount.
    Wenn es zutrifft was Dr. Winkler hier schreibt, dann würde das so manche Nebenwirkung erklären, die ich nach der zweiten Einnahme verspürte.
    Werde es ab sofort einmal ausprobieren nichts nachzuschieben und beobachten ob eine zweite Wirkungsphase einsetzt. Wenn dem so ist, bin ich dankbar hier gelandet zu sein, denn dadurch könnte sich meine Tagesdosis tatsächlich verringern. Werde gerne darüber berichten

    Antwort
  2. Pingback: MPH Kurve - Seite 2 ADHS Erwachsenen Forum

  3. Angela l Bra

    Puh zu faul alle Kommentare zu lesen.;-)
    Ich nahm wirklich bis 60 mg Medikinet adult durch vieles langes Autofahren zur Fortbildung ein.
    Als es mir im Winter und durch meine Lebensumstände noch schlechter ging (meine Ärztin ist wirklich eine sehr gute) verschrieb sie mir noch Elinotril (schreibweise unsicher) dazu, wegen meiner weider auftauchenden Depressionen. Da fingen noch meine Panikattaken an und Angstzustände obendrein aber so heftig das ich mich selbst nicht wiedererkannte. Ich setzte Elnotil wieder ab da ging es mir Besser. Ich vertrage keine Antidepressiva mehr, entweder machen sie mich körperlich fertig ( wie Venlaflaxien) oder sie haben psychische Nebenwirkungen.
    Selbst in letzter Zeit habe ich unendliche Schwierigkeiten (hatte für 2,5 Tage einen Job und muss klagen wegen ordentlicher Kündigung, (denn ich glaube der Chef ist noch verrückter als ich)), lebe von nicht´s. Muss H4 beantragen.
    Doch zu Hause nehme ich nur im Höchstfall 2 * 10 mg Medikinet ein oder gar nichts, dabei merke ich keinen Unterschied. Nur das wenn ich kein Medikinet nehme wieder schlecht einschlafen kann dafür aber wieder auf 9 h komme. Medikinet nehme ich erst seit 2012 August bis dahin habe ich Venlaflaxin genommen wie beschrieben hat es mich körperlich fertig gemacht und vor den Himmelhoch jauchzend nicht geschützt.
    Noch dazu bin ich 57 und erst mit 53 Diagnostiziert.
    Die Kanalratten, kenne ich auch von Antidepressiva. Mir ging es oft auch darunter in meinen Denken und fühlen sehr schlecht.
    seit 2007 bin ich bei einen Therapeuten, der sehr Human ist. Normaler weise bin ich aus therapiert. War auch schon in einer Ergo um mit mir und den Leben Besser klar zu kommen, doch ich stehe auf der Stelle.
    Ich weiß wirklich nicht wie ich noch das Medikinet einnehmen soll. Für mich zeigt es nicht mal eine beruhigende, konzentrierende Wirkung. Ich merke keine Unterschiede wenn ich es mal für paar Tage absetze. Bin ein Mischtyp und das als Frau, habe Depressionen seit dem ich 10 bin.

    Antwort
  4. TimThaler

    Ach Sorry, noch was wichtiges vergessen: bei mir äußert sich der “Zwischenrebound” in erster Linie als Müdigkeit. Das sind keine verdeckten Depressionen etc.!

    Antwort
  5. TimThaler

    Hallo Dr. Winkler,

    ja klar, beim Medikinet adult wird die 2. Phase nach ca. 4 Std. “gezündet” und man kommt insgesamt auf mindestens 6 Std. Wie aber kommen Sie darauf, dass die erste schnell freisetzende Dosis 4 Stunden wirkt? Tut sie bei mir nämlich nicht.
    Es funktioniert einfach nicht so wie es soll. Ich habe nach ca. 3Std (das variiert auch) einen unangenehmen “Zwischenrebound”.
    Und zwar bis zur Freisetzung der 2. Hälfte. Die übrigens dann auch noch schwach ist. Leider muss ich es aus finanziellen Gründen nehmen, bin es aber leid, immer wieder zu hören, dass Medikinet adult. doch funktioniert. Da dieser “Zwischenrebound” bei meiner Arbeit vollkommen inakzeptabel ist, MUSS ich nach 3 Std. erneut einnehmen!

    Antwort
    1. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

      Ganz ehrlich : Das widerspricht meiner persönlichen Therapieauffassung so diametral, dass ich es nicht weiter kommentieren möchte. Finanzielle Gründen können kein Grund sein, ein Medikament falsch zu verwenden. Und letztlich würde ich eher auf jegliche Medikation bei ADHS verzichten als so zu therapieren. Noch dazu, ohne offensichtliche Führung durch den Arzt.

      Antwort
  6. phyll

    hallo!

    mir gefällt der vergleich/begriff kanalratten sehr gut. das ist sehr treffen! aber genau dazu stellt sich mir dann gleich die frage, was tut man gegen die kanalratten. diese info hätte ich gern noch in dem beitrag gefunden.
    ich gehöre auch zu denen die 3 mal am tag medikinet adult nehmen. morgens, mittags gleiche dosis, abends geringe dosis zur rebound prävention. nach der einnahme geht es mir die ersten beiden stunden am besten, dann kommt ein kleiner einbruch und die nächsten 2 stunden sind ok. aber nach 4 stunden geht es mir dann richtig mies. ich denke mal das sind dann die kanalratten. um denen nicht zu begegnen nehme ich genau nach 4 stunden die nächste dosis. das wäre ja dann ihrem beitrag zu urteilen genau die falsche herangehensweise. aber gut, wünschte ich hätte eine andere lösung. was würden sie denn jetzt sagen wie man mit damit umgehen soll? das tief ist übrigens dann nicht nach 30 min wieder verschwunden wie es beim rebound oftmals der fall ist.

    sonnige grüsse
    phyll

    Antwort
    1. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

      Es ist leider hier kaum möglich, darauf eine Antwort zu geben. Kanalratten kann man über Traumatherapie fangen. Entweder EMDR oder aber das von mir bevorzugte Emoflex (www.emoflex.de).

      Antwort
      1. phyll

        Hallo,

        dazu habe ich dann doch noch mal zwei Fragen:
        1. zur medikation, ich bin mir nicht sicher ob ich das jetzt richtig verstanden habe.
        Ich gehe jetzt mal von einer 3 x Einnahme von beispielsweise 10-10-5 mg aus.

        1. Einnahme 10 mg
        Schnelle Freisetzung von 5 mg / 4 Stunden später weitere 5 mg, richtig?

        Das würde dann aber bedeuten, dass bei der 2. Freisetzung nach 4 Stunden und einer zeitgleichen erneuten Einnahme von 10 mg (wegen der Knalratten) statt 5 mg dann 10 mg im Körper unterwegs sind. Diese »falsche« Dosierung zeiht sich dann natürlich weiter über den gesamten Tag. Oder habe ich etwas missverstanden?

        2. Kanalratten
        Nach Ihrer Aussage würde das ja dann bedeuten dass alle MPH-User die Probleme mit Kanalratten haben, ein Trauma haben, richtig? Ich bin mir eigentlich sicher kein Trauma zu haben…
        Denken Sie, die Problematiken könnten mit einem kurz wirkendem MPH verschwinden?
        Ich weiß, das können sie nicht definiv sagen, aber wie sind da Ihre erfahrungswerte?

        Emoflex klingt trotzallem sehr interessant. Kennen Sie ein angebot in Hamburg?

        Freue mich auf Feedback
        Phyll

      2. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

        Medikinet adult nimmt man eigentlich nur einmal täglich, einige aber eben auch 2 mal täglich.
        Aber eben nicht 3 mal

        Es ist so, dass die erste Hälfte sofort wirkt. Wenn diese Hälfte aufgebraucht ist, wirkt dann der retardierte Anteil. Damit ist eine Wirkdauer von 6-8 h zu erreichen.

        Längst nicht alle ADHSler brauchen dann noch nachmittags MPH. ADHS ist ja kein Methylphenidat-Mangel-Syndrom.

        Bei einigen ist es aber sinnvoll, dann auch nachmittags eine Gabe zu haben. Dabei ist immer noch ein Restwirkspiegel im Blut bzw. Gehirn. Auch für die 2 Tablette gilt dann wieder, dass sie 6-8 h wirkt. So wie eben 2 einzelne kurz wirkende MPH-Tabletten.

        In HH gibt es ein ADHS-Institut, das Emoflex im Programm hat. Einfach mal Google befragen.

        Das Kanalrattenproblem betrifft natürlich nicht alle ADHSler. Aber nach meiner Erfahrung zumindest im Klinik-Kontext viele. Dabei ist eben unerheblich, ob es ein Trauma im ganz schwerwiegenden Sinne ist. Es kann eben auch eine Anhäufung von Erlebnissen sein (Nadelstich-Traumata)

  7. Volker Diehm

    Guten Tag!
    Ich habe diesen Artikel gelesen und bin jetzt verwirrt. Mir ist nicht klar was die Aussage sein soll. Ich habe gerade mit Medikinet Adult begonnen und soll nun auch anfangs 2 mal täglich 1 Kapsel nehmen mit ca 6h Zeitabstand. Ist das nun falsch?
    Ich meine Medikinet Adult kann einen ja unmöglich mit 1 Kapsel über den ganzen Tag bringen, also muss man irgendwann nochmal “nachlegen”. Was ist daran denn verkehrt?
    Oder geht es darum, dass die Regeln zu rigide sind nach dem Motto alle 4h ne neue Kapsel? Wielange das Mittel bei einem wirkt muss man ja selbst testen aber da man Medikinet Adult ja mit dem Essen nehmen muss befürchte ich, dass es auch zu starken Abweichungen kommen kann je nachdem wieviel man vor der Einnahme gegessen hat. Isst man viel dauert es vermutlich länger bis die blauen Kügelchen wirken, isst man wenig wirken sie schneller. Das ist aus meiner Sicht eine Schwachstelle.

    ps: Was ich noch fragen wollte. Ich habe gehört, dass es bei Ritalin angeblich so ist, dass man auf keinen Fall mit der nächsten Dosis warten darf, bis die vorherige Dosis ihre Wirkung verliert und man “abgestürzt” ist weil dann auch eine neue Dosis angeblich nichts bringt und man dann bis zum nächsten Tag warten muss mit der nächsten Dosis. Stimmt das? Muss das immer so getimed sein, dass das absolut nahtlos übergeht? Das würde die Sache ja nochmal sehr viel schwerer machen.

    MfG
    Volker

    Antwort
    1. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

      Die Kapseln sind so gedacht bzw. auch hergestellt, dass sie aus 50 Prozent schnell wirkendem MPH und 50 Prozent verkapseltem / retardierten MPH bestehen. Die Wirkdauer der einzelnen Hälften liegt bei je 4 h. Die 2. Hälfte wird überhaupt erst nach 3,5 bis 4 h freigesetzt. Das wiederum setzt voraus, dass man was gegessen hat.

      Es gibt sicher individuelle Wirkunterschiede, aber unter 6 h Wirkdauer “geht nicht”. In aller Regel sind es eben 8 oder gar mehr Stunden. Das liegt daran, dass dann ja auch nicht die Wirkung bzw. der Spiegel “weg” ist, sondern nur geringer. D.h. eigentlich ist es ursprünglich so gedacht, dass man nur eine Retardkapsel am Tag einnimmt. Und gut.

      Nun kann es natürlich sein, dass dies bei Erwachsenen letztlich nicht ausreicht. Aber es ist eben auch nicht so, dass ADHS ein Methylphenidat-Mangel-Syndrom ist. Zu häufige Gabe von Medikinet adult (d.h. 3 mal oder gar mehr) spricht dafür, dass der verordnende Arzt schlicht und ergreifend sich nicht mit ADHS-Medikamenten auskennt. Das schliesst nicht aus, dass er oder sie sich als ADHS-Spezialist ansieht.

      Antwort
      1. Volker Diehm

        Sehr geehrter Herr Dr. Winkler,
        vielen Dank für Ihre Erklärung.

        Ich hätte da noch ein paar Frage. Was passiert denn, wenn man Medikinet Adult nimmt und vergessen hat etwas vorher zu essen würde dann die gesamte Dosis sofort absorbiert und man hätte man quasi dasselbe Resultat wie bei einer doppelten Einzeldosis nicht-retardierten Ritalins?

        Und wieviel sollte man denn vorher essen? Gibt es da Richtlinien? Morgens zum Beispiel esse ich oft nicht viel, zum Beispiel oftmals nur 1 Banane und das wars dann. Muss ich mich zwingen mehr zu essen, damit das Mittel richtig wirken kann? Das würde ich nämlich sehr beeinträchtigend empfinden.

        Und was sind denn Ihre Erfahrungen bezüglich der Dosis von Medikinet Adult, die ein Erwachsener braucht, um etwas zu “merken”? Ich bin derzeit bei 10mg jeweils 2 mal am Tag und ich merke von diesen 10mg absolut gar nichts. Nun entsprechen 10mg Medikinet Adult ja 5mg nicht-retardiertem Ritalin, wenn man es von der Wirkdosis her betrachtet. Sind 5mg als Einzeldosis einfach zu wenig, damit man davon etwas merkt? Ich bin ziemlich enttäuscht, denn ich hatte mir wirklich mehr erhofft. Mein Arzt meinte, dass ich schon etwas merken sollte im Kopf aber das ist leider nicht der Fall. Ich bin weder wacher noch konzentrierter. Bedeutet das, dass ich eventuell kein ADS habe, sondern etwas mit ähnlicher Symptomatik? Da bei mir auch keinerlei der Antidepressiva die ich bisher genommen habe (SSRI, SNRI; Elontril, Remergil) angeschlagen hat frage ich mich langsam ob es denkbar wäre, dass ich generell zu wenig Neurotransmitter habe, so dass Reuptake-Inhibitoren einfach nicht wirken können. Wäre das möglich?

        MfG
        Volker Diehm

      2. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

        In aller Regel muss man nicht “viel” gegessen haben. Wenn aber der Magen leer ist, ist der ph-Wert nicht so, dass nach 4 h die 2. Wirkhälfte der Retardkapsel freigesetzt wird. Die Wirkung hält also nur 4-5 h an. Es ist also nicht die “doppelte” Wirkung zu erwarten.

        Eine Banane sollte aber ausreichen.

        !0 mg ist in der Tat bei Medikinet retard eher wenig. In aller Regel geht man davon aus, dass ein Erwachsener ca 10 mg kurzwirkendes MPH = 20 mg Medikinet adult für eine Wirkung braucht.

        Ich persönlich würde immer mit kurz wirkendem MPH die Ersteinstellung machen (selbst wenn man das erstmal selber zahlen müsste). Und dann eben nach 3 Tagen von 5 mg auf 7,5 oder 10 mg erhöhen. Dann ggf. 15 bzw. auch 20 mg Einzeldosis des kurz wirkenden MPH.

        Ein genereller “Neurotransmittermangel” liegt nicht vor. Jedenfalls ist es nicht so simpel, dass nun ein “zu wenig” Neurotransmitter die Problematik erklärt. Und natürlich stellt man auch nicht anhand der Wirkung oder Nichtwirkung von Medikamenten die Diagnose

      3. Volker Diehm

        Sehr geehrter Herr Dr. Winkler,
        ich antworte auf Ihre 2. Antwort zu mir. Unter dem Beitrag selbst fand ich keine Antwort Option.

        Das sind höchst interessante Dinge, die Sie da sagen. Bedeutet das also wenn man morgens versehentlich nüchtern Medikinet einnimmt dann hat man nur die halbe Sofortdosis und der Rest ist praktisch futsch selbst wenn man direkt danach schnell etwas essen würde? Das macht die ganze Sache ja ziemlich kompliziert.
        Da wäre es mir persönlich auch lieber gewesen die Einstellung mit instant Ritalin zu machen um zu sehen wieviel man überhaupt braucht um etwas zu merken und dann hätte man immer noch auf Medikinet umsteigen können.

        Ich weiß auch nicht mal worauf ich überhaupt achten muss. Woran erkennt man denn ob es “wirkt”? Sind die Auswirkungen sehr subtil so dass man sich praktisch nur selbst davon vergewissern kann ob es eine Wirkung hat indem man nach einiger Zeit nochmal einen ADHS Fragebogen macht und dann die Antworten vergleicht zu den vorherigen? Das würde ja dann für eine Wirkung sprechen die eigentlich nur schwer festzustellen ist.
        Ich hatte eigentlich gedacht, dass es falls es wirkt wirklich offensichtlich ist und dass man wirklich etwas im Kopf merkt. Angenommen die Wirkung ist so schwach dass man nur erahnen kann anhand von paar Antworten auf einem Fragebogen ob es jetzt was bringt oder nicht dann wäre das für mich ziemlich enttäuschend. Das ist ja dann genau wie mit den Antidepressiva wo ich auch allenfalls erahnen konnte ob sie vielleicht ein ganz klein Wenig etwas gebracht hatten.
        Ich weiß einfach nicht was man realistischerweise erwarten sollte von Ritalin. Vielleicht habe ich auch überzogene Vorstellungen. Jedenfalls meinte mal ein Arzt zu mir, dass ich wenn es etwas bringt, es nach der Einnahme spüren sollte als würde ein Vorhang hochgehen. Daher bin ich an die Sache schon mit relativ hohen Erwartungen herangegangen. Angenommen Ritalin sollte nicht wirken dann stünde ich wieder bei 0 und wüßte nicht mal ob ich jetzt absolut sicher ADHS habe oder irgendwas Anderes mit änhlichen Symptomen.

        MfG
        Volker Diehm

      4. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

        Ganz ehrlich : Das sollten Sie mit Ihrem Arzt vor Ort besprechen. Die Behandlung macht doch gerade bei ADHSlern wirklich nur Sinn, wenn man eine kontinuierliche Begleitung durch einen ADHS-erfahrenen Arzt oder Psychotherapeuten hat. Gerade um die Selbstwahrnehmung bzw. Erwartunge mit der pharmakologischen Wirkung des Pröparates abzugleichen. Das geht Online nicht.

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  9. Pingback: massive Probleme mit Rebound und Einschleichen von MPH ADHS Erwachsenen Forum

  10. Samuel

    Guten Tag allerseits!
    Ich habe einige Fragen zu ADD ohne H, bei Erwachsenen, da ich bei mir befürchte sowas haben zu können. Ich finde mich in einigen, aber nicht allen Symptomen von ADHD wieder, und bin nun besorgt deswegen vor allem weil ich auch unter meinen Symptomen sehr leide. Zugleich habe ich aber auch Angst vor Ritalin und Co wegen der Nebenwirkungen. Ich leide nämlich auch unter Depression & Angst. Daher weiß ich nicht, ob selbst wenn ich wirklich ADD hätte, eine Therapie überhaupt möglich wäre. Können Sie mir sagen, ob und wie ich sicher herausfinden kann, ob ich wirklich ADD habe?
    Bei mir ist es nicht so, dass ich Stimulation suche, sondern eher, dass ich extrem irritabel bin und mich oft reizüberflutet fühle und ein großes Bedürfnis nach Ruhe habe. Ich weiß nicht, ob das für ADD typisch oder eher untypisch ist.

    MfG
    Samuel

    Antwort
    1. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

      Das kann man so nicht generell beantworten. ADHS wird ja nicht nur medikamentös behandelt. Bis vor ganz kurzer Zeit gab es ja kein zugelassenes ADHS-Medikament für Erwachsene. Hier wäre erst die Diagnostik bzw. Differentialdiagnostik wichtig, bevor man sich Gedanken über etwaige Nebenwirkungen einer Therapie macht.

      Nebenwirkungen der Stimulantien sind selten. Aber die Medikation wirkt eben auch nur, wenn das Kernproblem wirklich ADHS ist.

      Antwort
      1. Nadine

        Hi zusammen…
        Hallo Samuel.
        Falls du tatsächlich der Vermutung offen gegenüber trittst, evtl ADS zu haben,
        empfehle ich dir umgehend, einen Psychiater/oder Psychotherapeuten in deiner Nähe zu suchen, der mit dem Thema ADHS Erwachsene vertraut ist.
        Ich hatte es bisher auch belächelt, als nicht Betroffene
        und bin nun vor einem halben Jahr angefangen.
        Erst vorsprechen : Wieso, weshalb, warum, Vergangenheit, jetzt und überhaupt.
        Dann geht es daran auch auszuschließen, denn bevor wir dem Kind einen Namen geben können, müssen die anderen, welche sich in Symptomen ähneln, ausschließen.
        Aber es lohnt sich. Nachdem ich 27 Jahre wusste, anders zu sein (negativ), aber nie eine Ahnung davon hatte, wie gravierend anders, bin ich jetzt seit kurzem (2 Monate) mit der Diagnose ADHS. Seit kurzem auch mit Medikamenten. Ich will es nicht beschönigen, aber da es ja nur etwas im Hirn ersetzen soll, was schließlich fundamental fehlt, muss ich gestehen: Es ist toll. Momentan zwar gering, und wenig Auswirkung aber schon so ein immenser Unterschied.
        Von Nebenwirkungen kann ich momentan nichts berichten, da kommt es mit Sicherheit auch darauf an, ob es zutrifft oder nicht.
        Toi Toi Toi, Samuel. Trau dich .

        Hallo Herr Dr. Martin Winkler.

        Durch Zufall bin ich auf Ihren Artikel gestoßen und bin neugierig geworden.
        Wie soeben erwähnt bin ich seit kurzem in der Testphase der Behandlung mit Medikinet 20mg ret. und wäre interessiert daran ein paar weitere nährere Informationen zu erhalten, wie bzw. was sie darüber denken.
        Bei mir ist es so, dass ich eine Basisvorgabe der Einnahme habe, jedoch etwas nach Bedarf (in Maßen verständlich) variieren darf, um die Optimale Dosierung und Einnahmezeitpunkte für mich zu finden.

        MfG

      2. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

        Ich finde es sehr schwer, pauschale Hinweise zur Medikation zu geben. ADHS-Therapie ist halt keine Massenkonfektion, sondern individuelle Anpassung. Grundsätzlich bin ich sehr für die Medikation, da dadurch das Lernen bzw. auch Psychotherapie überhaupt erst möglich wird.

        Eins meiner übernächsten Projekte wird sein, ein Buch zur Pharmakotherapie zu schreiben. Aber das wird wohl erst in den nächsten 12-13 Jahren fertig :-)

        Teilweise versuche ich in Workshops und Vorträgen meine Erfahrungen weiter zu geben. Und eben auch als Arzt und Psychotherapeut in der Klinik (demnächst an neuer Wirkungsstätte und auch wieder wohl mehr im Bereich ADHS….)

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  14. Nicci

    Hi zäme,

    also, ich komme aus der Schweiz und nehme seit über einem Jahr Concerta 54mg ein.
    Ich habe die Tabletten schon in verschiedenen Apotheken bezogen, und immer war dasselbe drin.
    Ich habe auch schon mal so eine Tablette untersucht und aufgeschnitten.

    Also, es war in der Kapsel dasselbe drin, wie Dr. Winkler geschrieben hat.
    Also, aussen eine rote Umhüllung, dann eine Plastikkapsel mit einem kleinen Loch und drinnen drei verschiedene Farben.

    Es kann doch echt nicht sein, dass in einem Land verschiedene Präparate auf dem Markt sind????
    Eher Unkenntnis der Aerzte.

    LG Nicci

    Antwort
    1. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

      Nein. Natürlich sind auch in der Schweiz die gleichen Bestandteile drin. Es gibt zwar in Canada ein sog. Generikum = Nachahmerprodukt, das aber auch ähnlich aufgebaut ist. Ehrlich gesagt glaube ich, dass schlicht und ergreifend einige Ärzte in der Schweiz nicht informiert sind oder aber ihre Patienten mehr oder weniger verarschen. Es fällt mir schwer, das so zu schreiben. Aber in den letzten Wochen ist mein Glauben an die Fachlichkeit da doch erheblich angekratzt.

      Es ist ja eine Sache, eigenwillige Dosierungen zu verwenden. Die andere Sache ist aber eine falsche bzw mangelhafte Patientenaufklärung bzw. sogar Falschinformation. Das finde ich nicht mehr zu verantworten und würde dann doch dringend zu anderen Betätigungsfeldern raten.

      Antwort
  15. unbekannt_w

    Hallo.
    Ich habe lange überlegt, ob ich hier etwas schreiben soll. Aber ich tue es jetzt trotzdem, auch wenn nicht weiß ob ich eine Antwort erwarten kann.

    Also, ich hab das Gefühl, seitdem ich Medikinet adult nehme, sind meine Dissoziationen viel schlimmer geworden. Und ich weiß nicht, woran das liegt. Ich habe es bisher auf die Therapie geschoben (habe diverse Komorbiditäten), aber ich bin mir nicht sicher.

    Ich habe aus dem obigen Artikel auch noch nicht ganz verstanden, wie es zu den Dissoziationen in Verbindungen mit Medikinet adult kommen kann. Liegt es daran, dass sich die beiden Einnahmezeiten überlappen? Also, dass zu einem gewissen Zeitpunkt zu viel Medikinet in meinem Körper/Kopf ist? Dann müsste sich der Zustand ja nach wenigen Stunden bessern, tut er aber nicht?

    Wäre für jede Antwort dankbar

    MfG. L.

    Antwort
    1. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

      Methylphenidat wirkt “ent-täuschend”, d.h es deckt auch Täuschungen bzw. Dissoziationen auf. Leider merkt man eben dissoziative Phänomene selber ja nicht zwigend, weil es im Kern der Sache liegt, dass man dieses “Ausblenden” eben nicht merken soll. Gerade die Retardpräparate haben nun bei einigen Erwachsenen die Eigenschaft, dass sie eben anfänglich scheinbar gut wirken, dann aber eben die alten Traumata bzw. “Lücken” zum Vorschein kommen. Sie machen sich dann eher als Konfusion bzw. Spannungsgefühl bemerkbar. Mehr dazu findet sich derzeit in der Diskussion bei den ADHS-Choaten http://adhs-chaoten.net/ads-adhs-erwachsenen/17661-adhs-dissoziation.html bzw. der Extragruppe http://adhs-chaoten.net/gruppen/emoflex.html

      Antwort
  16. Pingback: Anonym

  17. christianegrossmann

    Hallo,

    Lin, schone deine Finger lieber weiter;) Die Löcher könntest du nur unter einem sehr starken Mikroskop sehen ;)

    @ Martin:
    Es gibt auch noch anderes als Concerta ;) Zumindest hier in der CH, in D sicher auch. Sicher ist, dass Concerta überall diesselbe Herstellungsweise hat, also Concerta in der CH ist in der Herstellungsform genau gleich als in D. Ich nehme auch an, dass hier ein Patent drauf liegt, denn sonst hätten andere Firmen ganz sicher nachgezogen.

    @ alle:
    Ein bisschen Geschichte der Medikamentenentwicklung:

    Ritalin war das erste MPH-Präparat. Wurde aber nicht immer von allen gut vertragen, vor allem von allergieanfälligen Personen nicht. Dann kamen Medikinet und Equasym, die sich in den Hilfsstoffen, bzw. den Bindemitteln von Ritalin unterschieden: Maisstärke statt Lactose, tlw. kein Gelatin in der Hülle. Da dies alles nur kurzfristig wirkende Medikamente waren (3-4 Std.), wurde nach länger wirkenden Möglichkeiten geforscht und verschiedene Firmen entwickeltenn die ersten Langzeitmedikamente, kurz Retard genannt. Allen diesen Produkten ist die 2-Stufen-Galenik gemeinsam, sie unterscheiden sich nur in der Zusammensetzung der Hilfsstoffe, wodurch je nach Verträglichkeit für den einen dieses oder jenes Retardmedikament verträglicher sein kann.

    Die ersten erhältlichen Retard-Präparate, also Ritalin SR, LA oder Medikinet Retard etc. funktionieren auch heute noch nach der 2-Stufen Galenik, d.h., 50% sofortige Freisetzung, 50% verzögerte Freisetzung des Wirkstoffes. Das kommt der Pups-Methode tatsächlich am Nächsten :) Die Wirkung soll ca. 6-8 Std. anhalten.
    Eine 3-Stufen-Galenik, also 3-Pups-Methode, wäre logischerweise auch denkbar, ist mir persönlich aber bisher nicht bekannt. Ist aber möglich, dass ich hier etwas verpasst habe. Soviel mir bekannt ist, wurde Ritalin SR durch Ritalin LA ersetzt, aber die 2-Stufen-Galenik wurde auch dort beibehalten. Sicher bin ich mir hier aber nicht.

    Concerta hat heute diesen Präparaten aber offenbar weitgehend den Rang abgelaufen, denn Concerta kam nach all den Retard-Produkten, die alle nicht mehr als 6-8 Std. Wirkung hinbrachten, als erstes Medikament auf den Markt, das durch das Osmose-Prinzip eine gleichmässigere, anhaltendere und vor allem noch längere Wirkdauer von 10-12 Std. versprach.

    Mich erstaunt jetzt ein bisschen, dass die Wirkdauer hier auf 6-8 Std. begrenzt gesehen wird, denn offiziell ist es das bisher am längsten wirkende Präparat mit 10-12 Std.! Aber die tatsächliche Wirkdauer variiert natürlich auch bei den anderen Präparaten je nach Individuum, da möchte ich nicht darüber urteilen.

    @ Martin:

    Möglicherweise ist dieser Irrtum auch in der Uni Zürich noch präsent oder die haben halt die Schweizer Version von Concerta speziale

    Wie gesagt, eine Version speziale von Concerta gibt es hier nicht, ich denke, manchmal sind die Ärzte einfach schlicht zu faul oder zu zeitgetrieben, um wirklich die unterschiedlichen Funktionsweisen der verschiedenen Medikamente zu erklären. Oder aber, sie halten uns Patienten für dumm. Beides ist tragisch genug und nicht das, was ich mir von meinem Arzt/Therapeuten erwarte.

    VG, Chris

    Antwort
  18. foxie

    Martin: Ja, in der Schweiz sind soweit ich weiss andere, va weniger Präparate (ausser das Focalin XR, was es meines Wissens bisher nur hier und in Amerika gibt) auf dem Markt als in Deutschland. Dass Concerta verschieden produziert werden soll, kann ich mir aber schlecht vorstellen. Müsste dann ja irgendwo eine Doku dazu geben…

    Als ich mich genauer bezüglich der Inhaltsstoffe informierte, hab ich die Originaldokus zusammengesucht, da die Informationen sonst meist sehr mangelhaft sind. Dort findet man dann auch das osmotische Prinzip erklärt.

    Antwort
  19. christianegrossmann

    Hallo,

    ich finde, hier braucht nichts gelöscht werden, weil es aufzeigt, wie viele Fragen bei den Betroffenen noch offen sind, bzw. wie derzeit die sogenannte “Aufklärung” stattfindet.

    Die Wirkweise der diversen Retardprodukte hängt von der Galenik ab, und da gibt es tatsächlich verschiedene Wirkweisen, nicht nur das osmotische Prinzip.
    Leider wird offenbar genau die jeweilige Wirkweise offenbar nicht oder nur sehr unzureichend von den Therapeuten erklärt. Ich frage mich da allerdings auch, ob sie selbst das auch wirklich wissen, denn wenn ich hier lese, dass Concerta in 3-Phasen wirken soll, frage ich mich ernstlich, ob die Ärzte/Therapeuten das selbst glauben und sich nicht weiter für die “technischen” Vorgänge interessieren, sondern eben einfach nnur noch “dosieren”, egal mit welchem Medikament.

    Zitat aus Wikipedia:
    Zeitlicher Verlauf der Freisetzung:

    Durch retardierende Arzneiformen lassen sich definierte zeitliche Verläufe der Arzneistofffreisetzung erzielen. Gängige Beispiele sind:

    -sustained release – Freisetzung mit konstanter Geschwindigkeit
    -prolonged release oder slow release – Freisetzung mit abnehmender Geschwindigkeit
    -delayed release – verzögerte Freisetzung

    Manchmal werden in einer Tablette oder Kapsel retardierende Formen mit einer schnellwirkenden Anfangsdosis (Bolus) kombiniert.

    Hier in der CH haben wir verschiedene Retardprodukte, Ritalin SR (gibts das noch?), Ritalin LA und Concerta.
    Vermutlich resultiert die Verwirrung daraus, dass eben Concerta im Gegensatz zu Ritalin SR und LA eben nach dem osmotischen Prinzip funktioniert, Ritalin SR und LA aber mit einer verzögerten Freisetzung, was oft auch als “schubweise” Freisetzung missverstanden wird.

    Ich selbst bin diesbezüglich nicht mehr so fit in der Differenzierung der verschiedenen Medikamente und deren Wirkweisen. Wenn ich also irgendwo Mist erzählt habe, baue ich darauf, dass mich irgendjemand korrigiert, der es besser weiss! ;)

    Es wäre aber hier eine gute Gelegenheit, die verschiedenen Wirkweisen der diversen Retardpräparate zu erklären und aufzuzeigen. So würde vielen verständlicher, dass nachdosieren bei diversen Retardprodukten kontraproduktiv ist und evtl. nichts weiter als Doping.

    VG, Chris

    Antwort
    1. lin

      Mir wurde es so erklärt: Es sind 3 Tabletten in der Retard-Kapsel drin, die mit der Magensäure in verschiedenen Zeitabständen freigegeben werden, also verschieden stark ummantelt sind. Die erste sofort, und wirkt wie eine normale Ritalintablette, dann die 2. nach ca. 2,5 Stunden, dann die 3. nach weiteren 2,5 Stunden. Je nachdem wir aktiv der Magen, bzw. der Darm ist. Das war mir als Laie in Bezug auf das Magen-Darm-Geschehen logisch.
      So war es für mich auch nur weiter logisch eine weitere Concerta nachzuwerfen, da mir nur 8-10 Stunden am Tag natürlich nie ausreichen – wer kommt auf die seltsame Idee ein Tag hat 8 Stunden? Auch wenn das Ding 10 Stunden hinhalten würde, was es bei den Wenigsten tut – mein Tag hat 16 Stunden und meine Ruhezeit beträgt 8 Stunden.
      Ja, Alex.. 3x Pups ;-)

      Antwort
      1. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

        Inzwischen glaube ich, dass in der Schweiz doch andere Präparate auf dem Markt sein müssen. Bei uns in Deutschland und dem Rest der Welt ist Concerta aufgebaut aus einer Kapsel. Auf der Oberfläche sind schnell wirkendes MPH, die wie ein Akut-MPH wirken.

        In der Kapsel ist auch MPH, dass aber über semipermeable Membrane über den osmotischen Druck freigesetzt werden. Dabei gibt es natürich auch dort Komportimente mit unterschiedlicher Konzentration. Aber die Freisetzung ist eben gerade so, dass es “gleichmässig” erfolgt.

        Die Erklärungen von deiner Ärztin bezogen sich auf ein 8 h Retardpräparat wie Ritalin LA oder Medikinet adult. Nur, dass die Zeitangaben nicht stimmen.

        Mäglicherweise ist dieser Irrtum auch in der Uni Zürich noch präsent oder die haben halt die schweizer Version von Concerta speziale

      2. lin

        Nur die Angst mir in die Finger zu schneiden, hat mich übrigen immer davon abgehalten mal eine Kapsel längs aufzuschneiden, denn ich war schon immer neugierig zu sehen wie das genau drinnen aussieht. War ein primärer Reflex von mir das zu untersuchen. ;-)
        Auch das Internet schwieg sich da hartnäckig aus.

      3. Alex

        Also wenn mir ein Arzt so einen völligen Unsinn verzapfen würde, dann könnte ich ihn (nach Abklingen der freudigen Belustigung) beim besten Willen nicht mehr erst nehmen.
        Mal laienhaft ausgedrückt besteht Concerta aus einer geschlossenen Kapsel, die an einem Ende ein kleines, genau definiertes, Laser-gebohrtes Loch hat.
        Die Kapsel selbst ist semipermeabel, lässt also Flüssigkeit (in dem Fall aus dem Magen-Darm-Trakt) langsam ins Kapselinnere eindringen.
        In der Kapsel befindet sich ein Mittel, das bei Flüssigkeitszufuhr aufquillt und dadurch den Wirkstoff langsam durch das Loch herausdrückt.
        Prinzipiell also ein recht einfacher Vorgang.
        Zusätzlich ist die Kapsel noch mit einer Zuckerhülle überzogen, die sich sofort auflöst und eine bestimmte Menge an Methylphenidat enthält.
        –> Das Quellmittel besteht tatsächlich aus zwei Komponenten, aber diese wirken als Einheit und somit ist das keine mehrstufige Retardierung.
        Raus kommt dabei ein Verlauf des Serumspiegels, den du hier in der Grafik erkennen kannst:

        http://adhs-chaoten.net/content/Plasmaspiegel_MPH_retard.png

        Also nix mit pups, sondern ein recht gleichmäßiger Verlauf. ;-)

      4. m-s

        @Alex
        Du schreibst Concerta gibt den Wirkstoff sehr gleichmäßig frei. Nach der angehängten Grafik verdoppelt sich die Menge MPH im Serum aber zwischen 4 und 7 Stunden nach der Einnahme.

        Kann man als normal Sterblicher die der Grafik zugrunde liegenden Studien und Zahlen einsehen? Nicht nur dass das mit Gleichmäßigkeit m. E. nichts zu tun hat, widerspricht es auch meinen eigenen Erfahrungen.

  20. lin

    Sorry, Martin, dein Artikel war etwas wirr.
    Retard-Produkte haben 2 oder 3 Ausstossphasen, so alle 2-2,5-3 Stunden, je nach Verstoffwechselung. Das sollte vom Patienten und einer nahestehenden Person gut beobachtet werden. Am besten alle 20-30 Minuten aufgeschrieben werden wie der ADSler auf die Kontaktperson wirkt – Tagebuchmässig. Dann sieht man, wie lange das Medikament wirkt und in welchen Zyklen. Und was danach passiert.
    Meine Beobachtung mit Concerta ist folgende: Ich nehme die erste Dosis um ca. 8:20. Das stösst 3x aus und hält bis ca. 15:10 an. Wenn ich keine weitere Dosis nehme, fühle ich ca. 17:30 eine unangenehme Ueberforderung.
    Also nehme ich gerne um 15:10 eine zweite Dosis und habe nach Ablaufen dieser Dosis keine Nachbeschwerden mehr. Für mich persönlich stimmt also diese Dosierung.
    Ganz selten brauche ich, nach einem aufregenden Abend, noch ein halbes Ritalin (also 0,5 mg) zum Einschlafen (damit das Drehen der Gedanken aufhört).
    Ich gehe 24 Uhr ins Bett, schlafe ca. 1:00 ein und schlafe bis 8:00 gut durch. Komme also auf 7h guten Schlaf. Im Winter brauche ich zusätzlich eine Taglichtlampe um am Morgen besser wach zu werden.
    Ich hoffe, dass das Neulingen eine klare Struktur aufzeigt ;-)

    Antwort
    1. Dr Martin Winkler Autor des Beitrages

      Also: Concerta nimmt man EINMAL täglich. In Zahlen 1.

      Und es hat auch keine zwei oder drei Ausstossphasen. Wo immer du diese Erkenntnis her haben willst, sie ist verkehrt.

      Der schnell wirksame Anteil wird sofort bzw. nach 20-30 Minutenfreigesetzt, der Rest nach dem osmotischen Prinzip gleichmässig während ca. 10 h.

      Bei den Retardpräparaten Medikinet adult oder Ritalin LA ist es so, dass 50 Prozent schnell wirkendes MPH und eben 50 Prozent retardiert in den Kapseln sind. Die Retardhälfte wird nach 4 h freigesetzt.

      Ich finde es falsch, Wirkkurven von lang wirkendem MPH so überlappend einzunehmen, sehr falsch sogar.

      Antwort
      1. lin

        Oh.. das wurde mir wirklich ganz anders erklärt und so wie ich es nahm immer für gut befunden. Und ich selber habe es auch immer als sehr angenehm empfunden. Nur eine am Tag geht nicht. Da müsste ich nach einer anderen Lösung suchen.

    2. Alex

      @ lin: Was stößt denn die Concerta-Kapsel da aus?
      Dreimal einen kleinen Concerta-Pups? ;-)
      Sowas hab ich ja noch nie gehört (und ich hab schon verdammt viel gehört).
      Es gibt im übrigen kein einziges MPH-Retardpräparat, das den Wirkstoff in drei Stufen freisetzt, sondern das ist immer eine Kombination von sofort freigesetztem Wirkstoff und verzögert (retardiert) freigesetztem Wirkstoff (Ausnahme: Ritalin SR, dort nur retardiertes MPH).
      @ Martin: Über die überlappende Einnahme mehrerer retardierter Dosierungseinheiten über den Tag hinweg kann man sicher streiten. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass das derzeit einzige MPH-Präparat mit einer Zulassung für Erwachsene ein retardiertes ist (Medikinet adult) und hier oft der Kostenfaktor für die Patienten eine Rolle spielt.
      I.d.R. ist es optimaler, morgens etwas retardiertes einzunehmen und gegen Nachmittag noch eine Einheit unretardiertes MPH.
      Trotzdem gibt es auch Fälle, wo überlappende Einnahmen retardierter Präparate funktionieren.
      @ lin: Um 15 Uhr nochmal ein Retardpräparat einzunehmen (auch noch ausgerechnet eine Concerta, bei der der Wirkstoff sehr lange im Körper verbleibt), halte ich auf Dauer für gar keine gute Idee (Stichwort: Akuttoleranz).

      Antwort
      1. lin

        Das mit dem 3xAusstoss scheine ich falsch mitbekommen zu haben. Löscht das mal bitte wieder.

      2. Alea

        Mir wurde auch immer von einigen Ärzten beigebracht, dass Concerta in 3-Phasen wirkt. Woanders sehe ich, dass es nur “festgepammtes” MPH ist und wenn man sie luscht, sieht man 2 verschieden farbige Kammern.

        Was ist nun Concerta genau?

        (Andererseits wurde mir auch beigebracht, dass MPH auf das Noradrenalin wirkt und damit theoretisch mit der Dopamin-Wirkung von Neuroleptika passen würde…)

        hmm…

      3. Alex

        Was du da siehst, ist zum einen der Kapselanteil mit dem (zwei-Komponentigen) Quellmittel und zum anderen der Anteil mit dem Wirkstoff.
        Und eben das Quellmittel quillt dann langsam auf und drückt das Gemenge mit dem Wirkstoff über mehrere Stunden durch das kleine Loch am anderen Ende heraus.
        Die Kapsel selbst verlässt den Körper dann nach ein bis drei Tagen auf dem “natürlichen Wege” und wird nicht aufgelöst.

        Dazu gibt es auch jede Menge Grafiken, z.B.

        http://img.medscape.com/slide/migrated/editorial/cmelive/2006/6068/images/biederman/slide046.gif

        Hier sieht man auch, dass das Gemenge mit dem Wirkstoff ebenfalls noch aus zwei Komponenten mit verschiedener Wirkstoffkonzentration aufgebaut ist, da eben das Aufquellen des Quellmittels nicht linear erfolgt, sondern mit der Zeit langsamer wird.

        Wahrscheinlich stammt daher auch das “Gerücht” der doppelten Retardierung (zusätzlich zum sofort freigesetzten Wirkstoff aus der Kapselumhüllung), die aber eben aufgrund der speziellen physikalischen Zusammenhänge pharmakologisch und galenisch nicht zutreffend ist.

        Dieses Osmoseprinzip wird übrigens bei immer mehr Präparaten angewandt, z.B. (um bei den Psychopharmaka zu bleiben) auch bei Venlafaxin Winthrop osmo, nur dass die Kapsel dort in etwa so aussieht:

        http://studydroid.com/imageCards/08/j3/card-9015162-back.jpg

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