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ADHS und Einschulungsalter

Derzeit kommt es ja in der Presse knüppeldicke. Aber die folgende Studie ist schon interessant und relevant. In Kanada wurde der Einfluss des Alters bei Einschulung auf die Diagnosestellung bzw. etwaige Medikation für ADHS untersucht. Ergebnis: Kinder an der Grenze des Einschulungstermins (dort ist der Dezember das Kriterium) haben ein erhöhtes Risiko eine ADHS-Diagnose zu bekommen. Originalstudie ist hier, der Artikel der derzeit ja offenbar ständig zu findenden Anti-ADHS-Hetze von SPON hier.

Was natürlich wieder nicht zu lesen ist: ADHS ist ja auch eine Reifeverzögerung der Hirnvernetzung, d.h. die ADHS-Kids sind eh schon um ca 1/3 jünger als ihre Klassenkameraden. Es ist doch relativ offensichtlich, dass nun jüngere Schüler mit einer entsprechenden ADHS-Disposition in einer Klasse eher auffallen als die hinsichtlich der Selbststeuerung und Aufmerksamkeitskontrolle / Impulskontrolle schon etwas “reiferen” Burschen und Mädels.

Sind das nun “Fehldiagnosen”? Nur dann, wenn man das Entwicklungsalter des Kindes mit seinen Klassenkameraden und nicht der ALTERSNORM vergleicht. Und ein wenig “Spielraum” (sowohl in der Schule, aber auch in der Entwicklung) lässt.

Natürlich ist es also keine so schlaue Idee, ein “Kannkind” auch wirklich so “jung” einzuschulen. Bei unserem Sohn standen wir genau vor dieser Frage. Gönnt man ihm ein Jahr Kindergarten und hofft, dass die Hirnvernetzung bzw. “Vernunft” in Hinblick auf Selbststeuerung “besser” wird? Oder ist er dann eher unterfordert hinsichtlich seiner ja durchaus stark ausgeprägten “intellektuellen” Begabung. Was dann in der 1. oder 2. Klasse zu Langeweile und Unterforderung führen könnte.

Nun wir hatten uns damals (vor über 2 Jahren) also für die Kann-Einschulung entschlossen.

Tendentiell rate ich aber Eltern von Kids mit einer entsprechenden Disposition eher zum späteren Termin des nächsten Jahres, also kein KANN.

So ist unser 2. Sohn halt ein Jahr zurückgestellt (wegen Entwicklungsverzögerung).

Nicht umsonst gibt es ja auch Einschulungsuntersuchungen, die eigentlich den individuellen Entwicklungsstand des Kindes erfassen sollen. Und danach die Eltern mitberaten.

ADHS und Entwicklungsverzögerung

Wenn man sich damit beschäftigt, was nun eigentlich ADHS / ADS beziehungsweise das Hyperkinetische Syndrom eigentlich ausmacht, so muss man sich erstmal gegen eine ganze Reihe von populärwissenschaftlichen Unsinn durchlesen. Jeder scheint eine Meinung zu haben, aber selten wird wirklich deutlich, wo denn nun das spezifische Kennzeichen von ADHS liegt. Was dazu führt, dass vorschnell die Existenz von ADHS angezweifelt oder aber andersherum nun jedes zweite Kind mit einer gewissen Lebendigkeit als hyperaktiv bezeichnet wird.

ADHS ist eine Entwicklungsstörung der Selbstbeherrschung. Die indiviuelle Fähigkeit zur Selbststeuerung bzw. auch “Bremsen” (sowas wie Selbstdisziplin) ist (besonders in emotional herausfordernden Situationen) deutlich geringer ausgeprägt als bei Kindern gleichen Alters. Sie können also nicht so altersgemäss Gefühle oder Verhalten regulieren (und sich beispielsweise selber beruhigen), wie man es von einem Kind in diesem Alter erwarten würde.

Ich komme gerade von einem Elterngespräch mit der Lehrerin von meinem Sohn Jonas. Sehr schön wurde mir da nochmal deutlich, dass es eben wirklich auf den Vergleich mit den ANDEREN ankommt. Aber auch darauf, wie nun die anderen Schüler bzw. Kinder eben in diesen Situationen sich verhalten und ob es der Lehrerin gelingt, eine Struktur bzw. Ruhe vorzugeben. Anders ausgedrückt : Die Entwicklungsprobleme oder ADHS-Symptome werden besonders dann deutlich werden, wenn es sich um eine emotional belastete Situation mit geringer äußerer Strukturvorgabe handelt.

Bei einer interessanten, herausfordernden Situation in einer 1:1 Situation oder aber ruhigen Atmosphäre kann ein ADHS-Kind sich meist gut anpassen.

Allerdings kann es sein, dass eben die Selbstbeherrschung der Selbstkontrolle leichter erschöpft bzw. eben nicht so lange besteht, wie es bei den Mitschülern der Fall wäre.

Wichtig ist und bleibt aber, dass sowohl die Eltern, Erzieher oder Lehrer aber eben auch Ärzte und Psychologen sich mit den normalen Variationen der kindlichen Entwicklungsgeschwindigkeit auskennen. Als wir vor dem Klassenraum sassen fragte ich mich beispielsweise, wieviel Prozent der Lehrer in der Grundschule männlich sind. In der Schule meines Sohnes würde ich auf Null Prozent tippen.

Das muss man so nehmen wie es ist. Aber es ist natürlich nicht hilfreich, wenn den Schülern quasi die “Leitplanken” beim Erlernen von Steuerung von Aggressionen oder Unruhe aus männlicherer Sicht fehlt. Dann wird vorschnell ein Verhalten als “krank” bezeichnet, was aber eben noch nicht altersgemäss entwickelte Fertigkeiten darstellt.

Ganz klar, hier muss man vorsichtig sein, wenn man ADHS diagnostiziert. Daher schauen sich die meisten Therapeuten bzw. Diagnostiker eben gerade die Entwicklung im Verlauf an und sind vorsichtig, nach einem Erstkontakt von Hyperaktivität zu sprechen. Erst wenn eben in mehreren Lebensbereichen diese Probleme der Selbststeuerung überdauernd (und eben nicht geschlechtstypisch) auftreten, wird daraus ein “Syndrom” im klinischen Sinne.

Hier sprechen wir von sogenannten Exekutivfunktionen = Handlungsfunktionen des Gehirns. Sie entsprechen unter anderem auch ein wenig dem Ausmaß der Vernetzung der Hirnzellen beziehungsweise auch dem Anteil der sogenannten grauen äußeren Hirnstrukturen. Hier scheinen ADHSler im Vergleich zu den “Stinos” ohne ADHS eben jeweils bezogen auf das Geburtsalter eben eine Verzögerung von ca. 1/3 in der Reifung zu haben. Die typischen ADHS-Probleme sind aber nicht allein durch diese neurobiologischen Reifungs- oder Exekutivfunktionsstörungen zu erklären. Vielmehr fehlen eben Lernerfahrungen, die einfach noch nicht gemacht werden konnten, weil eben die “Hirnsoftware” die Anforderungen eben noch nicht so verarbeiten kann. Die damit verknüpften Misserfolge bzw. verzweifelten Versuche der Eltern, hier “Besserung” zu erzielen, hinterlassen aber Wunden, die immer und immer wieder aufbrechen. Somit sind die lebenslangen Folgen der nicht erkannten und nicht behandelten Folgen dieser Reifungsprobleme beziehungsweise der Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungsprobleme häufig “schlimmer”, als das neurobiologische Problem an sich.