Chaotisch anders – Unternehmer / Selbstständige mit ADHS

Der folgende Artikel entstand vor einigen Monaten angelehnt durch eine „echte“ Anfrage.  Der Geschäftspartner von „Kevin L.“ (natürlich ist Name und Branche geändert) hatte seinen Freund und Partner aus dem Urlaub direkt zu mir verfrachtet … Lest aber selber zu den Stärken und Problemen von

ADHS bei Erwachsenen im Beruf

Kevin L. (33) kam nicht freiwillig zu einer Beratung. In den vergangenen Monaten hatte er mit einem früheren Schulfreund ein innovatives Projekt im IT- und Mobiltelefonbereich auf die Beine gestellt. Doch nicht zum ersten Mal drohte jetzt eine aussichtsreiche Idee buchstäblich kurz vor Marktreife zu scheitern, da es im Team zunehmende Spannungen und Ärger mit Kevin L. gab. Während sich sein Schulfreund noch auf seine Marotten einstellen konnte, wuchs die Spannung mit zunehmenden Anforderungen an Abstimmungen in einem größer werdenden Team. Kevin L sah das Problem – aber eben aus seinem ganz speziellen Blickwinkel …

Aus Sicht eines Menschen mit einer ADHS-Konstitution sind „stinknormale Menschen“ – nennen wir sie „STINOS“ –  wie folgt zu charakterisieren :

–         Verarbeiten Informationen und Reize zu langsam

–         Denkt und handelt in vorgefahrenen Bahnen und wagt bzw. findet selten neue innovative Lösungen

–         Ergreift selten die Chancen, die sich ihm bieten

–         Zentriert auf Details

–         Übersieht Zusammenhänge und Vernetzungspotential

–         Langsame Entscheidungsfindung

–         Fehlendes Gespür für den richtigen Weg

–         Geringe Fähigkeit zur Anpassung an Veränderungen und Unsicherheiten

–         Kopflos in Krisensituationen, wenn es drauf ankommt

–         Kann andere Menschen nicht begeistern

–         Unfähig als Verkäufer oder beim Überzeugen

Unvorstellbar, dass bei diesen Menschen nun so etwas wie Unternehmergeist mit Mut zum persönlichen Risiko erwachsen könnte? So überrascht es nicht, dass mindestens 25 Prozent der Unternehmer mehr oder weniger deutlich Hinweise auf eine entsprechende neurobiologische Veranlagung mit Beginn im frühen Kindesalter aufweisen. „Ungerade Lebensläufe“ mit Schwierigkeiten, das eigene Leistungspotential auch in eine entsprechende Schul- oder Studienkarriere zu übertragen, sowie häufigere Wechsel der Arbeitsstätten kennzeichnen ihre Lebensläufe. Nicht zuletzt aus der schmerzvollen Erfahrung heraus, nicht in einem Angestelltenverhältnis existieren zu können, wagen sie den Sprung in die Selbstständigkeit. Und dies häufig mit Erfolg.

Stärken und Herausforderungen bei ADHS-Veranlagung im Beruf

Menschen mit einer ADHS-Konstitution sind flexibel und passen sich unmittelbar einer neuen Situation oder Herausforderung an. Leider treten diese „Eingebungen“  häufig für Andere scheinbar unvermittelt und impulsiv auf, selten wird das Umfeld auch nur ansatzweise in den Entscheidungs- und Veränderungsprozess mit einbezogen oder können die Begründungen klar kommuniziert werden. „Ich wusste, dass man es nur so und nicht anders machen kann“, ist dann eine zu hörende Erklärung, die aber die Kollegen vor den Kopf stossen muss.

Routinemässige Besprechungen sind für Kevin L eine Qual. Sie öden ihn an, da er ein Projekt in seiner Vorstellung gedanklich längst abgeschlossen hat, wenn ihn die Kollegen mit den Projektabläufen und Zwischenergebnissen, Excel-Zahlenkolonnen oder Details der Umsetzung quälen. Spätestens nach 20 bis 30 Minuten schaltet sein Gehirn auf „Stand by“. „Natürlich würde ich gerne zuhören, wenn es um die Quartalszahlen und die geplanten Investitionen geht, da davon unsere gemeinsame Zukunft abhängt und ich auch meinen Senf dazu geben möchte“, so Kevin L. . „Doch mein Gehirn spielt sein eigenes Spiel. Im Kopf rattern schon zahlreiche neue Ideen und Projekte gleichzeitig, ich hätte Ideen für 100 Startups, wenn mir die Zeit nicht davonlaufen würde. Hätten Sie es gleich so gemacht, wie ich es im Kopf hatte, wäre uns viel Zeit und Geld erspart geblieben“. Doch die für ihn „so lästigen“ Details der Finanzierung, Absprachen mit Projektpartnern und auch strategische Ausrichtungen sind gerade in der Gründungsphase von entscheidender Bedeutung. Es fällt Kevin L. schwer, sich in die Köpfe seiner Mitarbeiter hineinzuversetzen, die Schritt für Schritt Ablaufpläne des Projektes entwickeln und abhaken. Eigentlich vertraut er nur seinem Einfallsreichtum, seinem Bauchgefühl und seiner Redekunst. Die besten Lösungen kommen ihm dann, wenn es drauf ankommt. Vorbereitungen hindern ihn da nur, selten gelingt „auf Befehl“ ohne entsprechende emotionale Voraktivierung durch andere Personen oder die Herausforderung so eine Aufgabe.  Dabei habe er bisher noch jeden Geldgeber überzeugen können, wenn der jungen Firma mal wieder der Geldfluss klemmte. „Letztlich habe ich uns doch immer wieder den Arsch gerettet“, so Kevin L. Nur leider übersieht er dabei, dass gerade das Aufschieben von Entscheidungen und das Versäumen wichtiger Deadlines bei der Antragsförderung das Projekt überhaupt erst an den Rande des Abgrunds gebracht hatte. Zudem musste wiederholt 1 Tag vor Ablauf der Antragsabgabe der Projektantrag neu formuliert werden, da er nicht dem Perfektionismus von Kevin L entsprach. Bis buchstäblich in letzter Minute wurde der Projektantrag für EU-Fördermittel neu bearbeitet und dann mit einem Kurier nach Luxemburg gebracht. „Just in time eine Punktlandung“, wie Kevin L. meinte. Eine Katastrophe nach Ansicht seines Teams, die allen anderen Beteiligten nicht nur den Schlaf raubte, da 2 Tage vor Abgabe noch keinerlei schriftlichen Projektunterlagen vorlagen. Zukünftig wolle man Kevin L kurz vor Deadline am liebsten in die Wüste schicken, da seine Änderungswünsche nicht umsetzbar seien und er selber aber nie seinen Anteil fertig stelle. „Ich bräuchte Fertigmacher“, so schildert er freimütig.

“Wenn mich der interessante Teil einer Aufgabe nicht mehr fesselt, werde ich die Schlussdetails und Formulierungen letztlich nie abschliessen oder ständig mit neuen Ideen und Veränderungen verbessern. Da komme ich nie zu einem Punkt“. Mit „Fertigmachern“ meint Kevin L. dann seine Kollegen, die letztlich dann sein gutgemeintes Chaos in eine präsentationsfähige Form bringen sollen.

Vollgas oder Standgas. Grautöne oder eine Regulation „dazwischen“ existieren für ihn nicht. Nur wenn eine Herausforderung neu und damit spannend,  quasi „unmöglich“ oder ein Wettkampf mit einem Konkurrenten besteht, in Torschlusspanik und als gutmütiger Helfer in der Not, da fühlt sich Kevin L. in seinem Element. Langeweile, Monotonie und Routine, mögliche Kritik und Ungerechtigkeit bzw. unsinnige Bürokratierichtlinien blockieren sein Gehirn.

ADHS – Blockaden im Beruf

Und ist erst einmal eine Blockade aufgetreten, ist der Absturz vorprogrammiert. Mehrere Tage war Kevin L. nach einer kritischen Besprechung mit seinem Geschäftspartner nicht erreichbar. „Abgetaucht“, wie er hinterher sagte. „Ich war drauf und dran den Mist aufzugeben, kurz vor der Geschäftseröffnung. Ich fiel in ein Loch und nichts und niemand hätte mich da herausholen können“. So sehr er also auch für sein Projekt mit Haut und Haar sich einsetzt und „brennt“, so schnell kann auch eine „Eiszeit“ einsetzen, die für seine Kollegen völlig unverständlich zum Fernbleiben von der Arbeit, Aufschieben von ganz entscheidenen Projektzwischenschritten und schliesslich auch bis tief in den persönlichen Bereich gehende Beleidigungen gehen können.

ADHS: Krankheit oder Segen?

ADHS ist per se keine Störung, ADHS kann aber Störungen verursachen. Die andere Art der Wahrnehmung und Vernetzung von Informationen kann zweifelos schwere Entwicklungs- und Funktionsstörungen im Alltag bedingen. Im medizinischen Sinne geht man heute von einer angeborenen neuropsychiatrischen Besonderheit u.a. im Belohnungs- und Reizfiltersytem des Gehirns  aus, die sich mit dem typischen Symptomen des Zappelphillipps vom Frankfurter Kinder- und Erwachsenenpsychiater Heinrich Hoffmann um 1847 manifestiert. Übrigens existierte der Phillipp wirklich – und wurde erfolgreicher Arzt … Hyperaktivität bzw. ADHS ist also keine Modeerscheinung der heutigen Zeit. ADHS oder auch Hyperkinetisches Syndrom sind also angeboren, so dass häufig weitere Familienmitglieder ebenfalls betroffen sind. Schlechte Erziehung erklärt ADHS nicht, kann aber einen Einfluss auf die Ausprägung von Stärken oder Schwierigkeiten im Leben mit dieser Veranlagung haben. Unsere heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen können zudem ebenso Segen wie Fluch für Menschen mit einer entsprechenden Disposition sein.

Nun ist das Vollbild des Hyperkinetischen Syndroms mit den klassischen Leit- und Leidsymptomen der motorischen Unruhe, Störungen der Impulskontrolle und Problemen der Aufmerksamkeitssteuerung und leichter Ablenkbarkeit üblicherweise bereits in der Kindheit so deutlich ausgeprägt, dass diese Kinder in der Schulzeit auffallen sollten.  „Ich fühlte mich schon immer anders als die Anderen“, so eine häufige Aussage von ADHS-Klienten. Mit zunehmendem Alter lässt  übrigens die deutlich sichtbare motorische Bewegungsunruhe nach und wird eher durch ein Nesteln an den Haaren oder Stiften, Kibbeln auf dem Stuhl oder innere Unruhe und Daueranspannung ersetzt. Der Griff zur Zigarette ist dann eine häufig zu findende Form der Selbstmedikation …

Häufig werden aber in der Kindheit andere Erklärungen wie mangelnde Beachtung und Struktur, alleinerziehende Eltern oder aber andere Lern- und Teilleistungsschwächen wie Legasthenie als Erklärung für die scheinbar unerklärlichen Leistungsschwankungen und schulischen Probleme herangeführt. „Meine Eltern waren selbstständig in der Gastronomie und später mit einem Franchisebetrieb. Das reichte meinen Lehrern als Begründung für mein Schulversagen“, so Kevin L. „Und mein Vater hat letztlich eine ganz ähnliche Kindheit wie ich, da wurden meine Lern- und Schulprobleme als Lausbubenflegelei abgetan“.

Kevin L. berichtet, dass seine schulischen Leistungen starken Schwankungen unterworfen waren. Interessierte ihn ein Fach bzw. war der Lehrer ihm sympathisch, so brachte er gute Noten nach Haus. Gerade zu Beginn eines Schuljahrs überraschte er seine Lehrer nicht selten mit neuen und richtigen Lösungswegen. Meist hatte er den Kern des Lernstoffs weit vor den anderen verinnerlicht. Wenn das Schuljahr nur nicht so elend lang werden würde … Üben oder Hausaufgaben und das Automatisieren von Aufgaben und Lernerfahrungen waren sein Ding nicht. Je häufiger eine Aufgabe gleich zu machen war, desto schlechter seine Leistungen. „Je mehr ich für ein Diktat geübt hatte, desto schlechter das Resultat. Daher übte ich – wenn überhaupt – mal 20 min vor der Klassenarbeit“. Die Langeweile nimmt von Schuljahr zu Schuljahr zu. Dies ist nicht nur die Erkenntnis von Kevin L. sondern wurde auch in einer kürzlich publizierten Studie des Universitätsprofessors Manfred Spitzer im Rahmen des Projektes „Fokus Kind“ bei 957 Schülern im Alter von drei bis zwölf Jahren ermittelt. Ob diese Kinder nun ADHS hatten, bleibt offen. In Kindergarten und Grundschule sind ADHS-Kinder häufig noch mit Feuereifer bei der Sache. Bekannt ist aber, dass ADHS-Kinder häufig zu Indikatorkindern eines pädagogisch freudlosen Unterrichts und ständig wechselnder Unterrichtsmethoden werden. Gerade Kinder mit einer Disposition für Hyperaktivität fehlt dann zudem der  Schulsport in den morgendlichen Unterrichtsphasen als Ausgleich. Stillsitzen in der Schule wird für sie zur Qual, wobei bei Jugendlichen dann eher eine innere Unruhe und Anspannung auffällt.

„Logisch , dass ich da beim Kiffen hängenblieb“, so Kevin L. Während fast alle Klassenkameraden eine vorübergehende Phase des Ausprobierens beim Kiffen berichteten, so war Cannabis für ihn über viele Jahre eine spürbare „Hilfe“ gegen die Unruhe. Eine berauschende Wirkung wie bei den anderen Freunden habe er nicht verspürt. Erstmals fühlte er sich hinsichtlich seiner Reizoffenheit und verstärkten Ablenkbarkeit etwas ruhiger oder sogar klarer. Mit allerdings langfristig desolaten Folgen: Unter Cannabis mag die Reizfilterung und innere Unruhe etwas besser sein, dafür ist Lernen bzw. auch gerade eine soziale Reifungsentwicklung unter dem Dauerkonsum von Cannabis nicht möglich.

Fortsetzung zur „Therapie“ folgt (irgendwann später….)

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5 Gedanken zu „Chaotisch anders – Unternehmer / Selbstständige mit ADHS

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  3. Annette Jung

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich stecke in der Existenzgründung und bin, da ich wegen Wegfalles des wichtigsten Geschäftspartners umsatteln musste, gezwungen, in meinem alten Berufsbereich wieder anzufangen. Ich bin eine sehr gut qualifizierte Fachkraft, mit Sonderausbildung, die zwischen Angestellten und Vorgesetzten immer zwischen 2 Stühlen sitzt. Ich bin 57 Jahre alt, unternehmenslustig und – ausgebrannt.

    Jetzt erst habe ich aufgrund von Tests die Überzeugung bekommen, dass ich hochsensibel bin und dass ich offenbar ADS habe. Ich habe zwei Kinder im Alter von 14 und 15 Jahren und einen thailändischen Ehemann, der mit seinem Beruf nicht mehr lange weitermachen kann (unzufriedener Masseur, während sein Bruder in Thailand demnächst General ist).

    1 bis 2 x wöchentlich arbeite ich noch bei einem Notar. Ich fühle mich überhaupt nicht imstande, in diesem Beruf wieder voll einzusteigen. Die Arbeit ermüdet mich dermaßen. Meine Qualifikation wird ausgenutzt. Ich muss funktionieren. Die Arbeit ist wesentlich belastender, als sie früher ledigich im Anwaltsbereich war. Sie wird sehr schlecht bezahlt, die Chefs sind oft noch in der früheren hierachischen Struktur verankert.

    Ich habe immer Neider gehabt, denen es mit List und Tücke gelungen ist, meine Fehler hochzustylisieren.

    Ich sehe für die Zukunft meinen Weg in der Selbständigkeit, bekomme aber wegen meines Alters kaum noch eine Weiterbildungsförderung. Ich hatte bei einem Franchisenehmer angefangen als Immobilienmaklerin. Leider war die dortige Ausbildung völlig unzureichend. (Ich hatte nicht gesehen, dass das Bildungsangebot sich ständig wiederholende Themen hat, die Kollegen sind selbst hilflos).

    Bisher bin ich zwar einerseits gut durch das Leben geflutscht, aber ich habe eine schlechte Fehlerkultur und erlebe, dass meine Fehler auf die Goldwaage gelegt werden. Urkunden entwerfen und abwickeln nebst Kontenüberwachung etc. ist nicht gerade ideal, denke ich, wenn man ADS hat. Jedenfalls hat mich die Zuverlässigkeit immer eine unglaubliche Anstrengung gekosten und mit zunehmendem Alter fühle ich mich der Anstrengung schlecht gewachsen.

    Ich gehe joggen, fühle mich einerseits fit, aber ich ermüde halt schneller und sehe in meinem alten Beruf keine Perspektive mehr, abgesehen davon, dass ich völlig die Freude daran verloren habe.

    Mein Ziel: Ich hätte gerne noch Weiterbildung bewilligt und auch noch einen Zeitraum zugebilligt (ich müßte jetzt Hartz IV-beantragen, möchte aber nicht mehr vermittelt werden, sondern ich will mich noch einmal weiterbilden (als Immobilienmaklerin), wenn das Arbeitsamt das bezahlt).

    Könnte mich wohl ein Arzt für Psychatrie unterstützen, dass so etwas bewilligt werden kann, obwohl ich schon 57 Jahre alt bin?

    Mit freundlichen Grüßen
    Annette Jung

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