ADHS und Schlafstörungen

Da wird immerhin über DPA u.a. beim Stern eine Meldung gebracht, Schlafstörungen würden ADHS verursachen können. Es wird ein Chefarzt einer Kinderklinik in Porz am Rhein als Quelle genannt. Dort ist Karneval. Sonst fällt mir keine Entschuldigung ein, warum ein Kinderarzt so eine Unkenntnis in seinem Fachgebiet auch noch an die Presse weitergeben kann. Alfred Wiater sollte mal zu einer Fortbildung im Bereich Kinderheilkunde oder noch besser in Kinder- und Jugendpsychiatrie eingeladen werden. Sonst könnte es selbst einem Assistenzarzt im ersten Weiterbildungsjahr nicht einfallen, ADHS mit motorischer Unruhe gleichzusetzen.

Natürlich könnte ein Laie müde Kinder für einen Zappelphilipp halten. Quengelige, übermüdete Kinder zeigen in der Tat einige Symptome von Hyperaktivität und auch von Konzentrationsmangel. Aber der Herr Chefarzt ist doch hoffentlich ausgeschlafener und weiss, dass das nun ganz und gar nichts mit ADHS zu tun hat (oder er hat wirklich die Fortschritte und Fortbildungen in seinem Fachgebiet verschlafen).

Nicht Schlafstörungen verursachen ADHS. Aber ADHS-Kinder weisen überdurchschnittlich Schlafstörungen auf! So wird das eine Nachricht für die DPA. Ich hege mal die Unschuldsvermutung, dass der Herr Chefarzt das auch wusste und für die Medien einfach falsch zitiert wird.

Natürlich finde ich auch, dass man Schlafstörungen und organische Ursachen für Schnarchen wie Polypen etc. abklären sollte. Schlafhygiene wird dann immer gefordert. Toll. Nur leider sind diese Maßnahmen nicht wirklich wirksam, wie andere Studien zumindest bei Jugendlichen und Erwachsenen belegen. Dumm, dass sich aber die Fachleute da zurückhalten mit Berichten in der Presse.

Im Hinblick auf Kinder mit Schlafstörungen ist neben dem immer wieder angeschuldigten Medienkonsum (Glotze aus) aber eher eine Verschiebung des natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus relevant. Das führt dann zu einem sog REM-Schlaf-Defizit, d.h. der Anteil des Traumschlafs ist zu niedrig. ADHS-Kids weisen 15 Min. weniger Traumschlaf pro Nacht auf. Zudem leiden sie stärker unter Bewegungsstörungen und anderen Formen des unruhigen Schlafs. Davon haben aber leider die meisten Schlaflabore und offenbar eben auch Chefärzte rheinische Kinderkliniken nur wenige Fachahnung (das ist jetzt eine fiese Behauptung, die ich nur auf Porz am Rhein beziehe, aber leider von anderen Kliniken ähnlich erlebt habe).

Was könnte man machen: Wenn Bewegung an der frischen Luft und/oder Lichttherapielampen nicht helfen, empfehle ich einen Therapieversuch mit dem Schlafhormon Melatonin. Melatonin ist leider „nur“ als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich (im Urlaub aus Italien oder Holland) oder „off-label“ als Circadin (off-label, da nur für über 55 Jährige zugelassen).  Melatonin synchronisiert das Schlafmuster wieder (zumindest wenn man jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett geht und dann nach 7,5 h wieder aufsteht).

Dann kann Melatonin übrigens scheinbar ein „wirksames“ ADHS-Medikament sein und wiederum das Vorurteil bestätigen, dass einfach nur Schlafmangel ADHS-Symptome auslöst.

Wiater und viele Laien im Bereich ADHS verwechseln wiederum Ursache und Wirkung. Ein fester Schlaf-Wach-Rhythmus ist in der Tat wichtig. Die Grundlage für einen guten Tag. Aber nicht der gestörte Schlaf-Wach-Rythmus löst die Symptome aus. Sondern ADHS-Regulationsstörungen verursachen Unregelmässigkeiten beim Schlaf-Wachrhythmus.

Mögen die anderen Schlafmediziner etwas ausgeschlafener als dieser Herr Kollege sein. Vielleicht nimmt er ja an dem Kongress der Schlafmediziner teil und lernt mal dazu. Wünschenswert für die Kids in Porz am Rhein und ihre Eltern wäre es.

Armes Deutschland, wenn man solche verschlafene Ärzte hat.

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5 Gedanken zu „ADHS und Schlafstörungen

  1. VerpeilterJunge

    Ich leide schoon seit Kindesalter unter massiven Ein- und Durchschlafstörungen. Seit dem ich auf Amphetaminsaft umgestiegen bin schlafe ich mittlerweile Problemlos ein. Jedoch in Kombination mit Schlafhygiene. Ich nehme abends um halb 7Uhr 20 mg und gehe um 11 Uhr BEWUSST schlafen. Ich habe zwar eigentlich kein Schlafbedürfnis wegen dem Amphetamin aber eine innere Ruhe ausgeglichenheit wie ich sie mir immer gewünscht habe. Ich lege mich ins Bett mache die Augen zu und geniese die Ruhe ohne ans schlafen zu denken. Und plötzlich ist der nächste morgen und ich hab sogar gut geschlafen 🙂 . Schlafmedikamente führten bei mir immer zu einem Hangover und ich konnte mich am nächsten morgen nicht selbst stimulieren, zumal die Dosierung immer hoch sein musste. Mit Amphetaminsaft klappt das aber wunderbar. Sorry für den langen Text, wollte eigentlich nur erwähnen das Schlafhygiene auch n bisschen was bringt. 🙂

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  2. Oliver Fliesgen

    Die böse Presse…. Sicherlich wagen sich Kollegen an Themen heran und recherchieren schlecht. Und dabei haben wir Journalisten eine besondere Sorgfaltspflicht. Wir müssen genau nachfragen und nicht nur bei einer Quelle. Denn sonst entstehen Missverständnisse.
    Beispiel: Im Forum http://web4health.info/de/answers/adhd-sleep-melatonin.htm finde ich folgende Headline: „Abstrakt: Schlaf und ADHS / ADS : Schlaf-Stoerungen und Morgenmuedigkeit koennen zu ADHS-ähnlichen Symptomen führen, andererseits aber auch Folge einer HKS-Symptomatik sein.“ Betrachte ich den Satz „Schlaf-Störungen [..] können zu ADHS-ähnlichen Symptomen führen [..]“ isoliert – und lese ich mir den Thread NICHT aufmerksam durch- stehen Tür und Tor für Missverständnisse weit offen. Wenn dann ein anderer Kinderarzt Herr XY etwas Ähnliches sagt, wird es zum Selbstläufer, nämlich zur Ente mit unabsehbaren Folgen. Ergo: Vorsicht bei Vereinfachungen, aber bitte auf BEIDEN Seiten! (Nein, ich bin nicht von der DPA). Oliver Fliesgen

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  3. skylark

    Die Medienberichterstattung über und rund um ADHS hat mich wegen Einseitigkeit oder gar beabsichtigter Desinformation schon oft geärgert…

    Hier habe ich nun eine Webseite gefunden, an die man sich wenden kann, wenns gar zu arg kommt – vielleicht ist das sogar wirkungsvoller als Beschwerden beim Presserat??

    Ich werds jedenfalls mal ausprobieren – und je mehr Menschen dort in Sachen ADHS-Berichterstattung anfragen, um so wirkungsvoller hoffentlich!

    http://www.medien-doktor.de/uber-uns/wer-sind-wir/

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  4. web4health Autor

    Mich wundert es auch, wie ein immerhin im Bereich Schlafmedizin offenbar engagierter Arzt, so eine Pressemitteilung verbreitet, um einen Kongress bekannt zu machen. Eigentlich meinte er wohl, dass 25 Prozent der ADHSler auch Schlafstörungen haben. Aber das ist eben keine Meldung.

    Für die Presse reichen Schlagwörter wie Ritalin und ein negativer Unterton, damit eine von vielen Pressemitteilungen zur Nachricht wird. Dementsprechend werden natürlich Falschmeldungen bzw. alle möglichen und unmöglichen Assoziationen zu Ursachen und Folgen von ADHS hergestellt. Irgendwas könnte ja dran sein.

    Natürlich sorgt dummerweise auch diese Presse dafür, dass sich nun viele Leute mit Allerweltprobleme der Konzentration (im Studium oder sonstwo) nun für verkannte ADHSler halten. Auch nicht toll. Dann wird ADHS zu einem Synonym für Selbstorganisationsprobleme. Was noch dämlicher ist.

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  5. thogold

    (tsz vom HGL::Block): »Da wird immerhin über DPA u.a. beim Stern eine Meldung gebracht, dass Schlafstörungen ADHS verursachen können.« Heiliger Bimbam! Trügt mich meine Wahrnehmung oder ist es wirklich in letzter Zeit besonders heftig mit diesen Falschmeldungen der Sorte: Das-und-das kann ADHS verursachen? In letzter Zeit kommen viele meiner lieben ganz normalen Freunde zu mir mit dem Verdacht, sie könnten ADHS entwickelt haben, sie könnten sich überhaupt nicht mehr konzentrieren…

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