ADHS bei Erwachsenen: Verhaltenstherapie (Teil 1 von x)

Kurz vor Silvester gab es das Journal Atten Def Hyp Disorder für lau im Netz. Sorry, dass ich darauf nicht aufmerksam gemacht habe. Dort fand ich den ausgesprochen lesenswerten (englischsprachigen) Artikel von zwei (weiteren) Schweizern. Patricia Newark und Rolf-Dieter Stieglitz von der Universität Basel haben in dem Artikel „Therapy-relevant factors in adult ADHD from a cognitive behavioural perspective“ bereits im Jahr 2010 (2:59-72) eine Fleissarbeit zum Thema ADHS-Psychotherapie bei Erwachsenen zusammengestellt. Eigentlich primär aus der Sicht der (mir eigentlich eher als Auslaufmodell geläufigen Schematherapie nach Piaget) und eben im Sinne einer eher kognitiven VT nach Beck.

Ich finde den Artikel gut. Ich muss ja den Inhalt nicht gut finden, da es ja nur eine Zusammenstellung des Wissens über die Grundlagen der VT bei ADHS ist. Die Autoren können ja nichts für die Inhalte des Reviews.

Ähnlich wie mir manchmal in der Diagnostik nicht so recht klar ist, worin mein Unbehagen eigentlich liegt, so ist es bei diesem Artikel auch. Eigentlich bin ich (eher) Verhaltenstherapeut (vielleicht mit Schwerpunkt DBT = dialektisch-behavioraler Therapie) mit besonderer Vorliebe für Immaginationsverfahren (die man als VTler durchaus benutzen darf). Aber so ganz warm bin ich mit der VT bei ADHS im Erwachsenenalter bisher nicht geworden. Vielleicht, weil ich es nicht richtig verstanden habe. Vielleicht, weil mir die vorliegenden Therapiemanuale eben nach einer gewissen Zeit nicht so richtig von der Hand gehen wollten, eher also so innere Widerstände erzeugten.

Ich möchte versuche, mich an der Struktur der Übersicht von Newark und Stieglitz dem Thema Therapierelevanz in der Psychotherapie bei ADHS zu nähern. Wie so häufig bei mir, wird es mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Befürchte ich jedenfalls.

Fangen wir mit dem Anfang an, den man (die Autoren) Introduction nennt. Da kann man schon einmal nicht so viel falsch machen, wenn man ADHS als eine neurobiologische und hochgradig vererbbare Störung mit chronischem Verlauf seit der Kindheit bezeichnet. (Nun ja, ob nun Störung oder Krankheit oder Veranlagung …).

Als überdauernde neuropsychologische Einschränkungen werden:
– Aufmerksamkeitsprobleme
– emotionale Instabilität (sic!)
– desorganisiertes Verhalten
– unzureichende Selbstregulation
– mangelnde Disinhibition (Selbstbeherrschung)
angegeben.
70-75 Prozent der Patienten in Behandlung weisen dabei mindestens eine psychiatrische Begleit- oder Folgeerkrankung auf.

Nun ist offenbar die Grundannahme der Autoren, dass die Ansammlung von negativen Erfahrungen sich negativ auf die Entwicklung von Selbstwertgefühl bzw. Selbstwirksamkeit auswirken. Schlimmer noch, es werden sogenannte innere Schemata bzw. Grundüberzeugungen über sich selbst und das Leben an sich erzeugt, die ungünstig sind. Vereinfacht ausgedrückt: Man sieht sich als Versager (sorry, das ist jetzt unfein, aber es ist ja auch meine persönliche Lesart des Artikels).

Nun sollen diese negativen Überzeugungen dazu führen, dass man in stressigen Lebensmomenten und ebensolchen Anforderungen ungünstige Bewältigungsstrategien anwendet. Hierzu zählen die Autoren Vermeidung und Prokrastination (Aufschieberitis). Weil man damit nun im verhaltenstherapeutischen Sinne keinen Blumentopf gewinnen kann (also keine Belohnungen, sondern eher negative Erfahrungen lernt) führt dies zur Aufrechterhaltung und Verstärkung von negativen Abläufen bzw. Teufelskreisen. Gefangen in diesem Mühlrad der negativen Erfahrungen verfestigen sich die negativen Selbstüberzeugungen.

Dann ist die Lösung aus VT-Sicht einfach und naheliegend: Da die ADHSler ja über jede Menge Ressourcen und Kreativität verfügen, muss man diese nur wieder für den Klienten nutzbar machen und damit schwupps halt mal die Teufelskreise auflösen. Wie das geht, lernen wir dann noch …

Mein Kommentar: Eigentlich kann man doch nicht auch bei diesen Grundweisheiten eine abweichende Meinung haben, oder?

Und doch …  Stimmen denn überhaupt diese Grundannahmen im Ansatz?

Ist ADHS eine erlernte (und damit durch Therapie verlernbare) Störung? Und sind nun die Erfahrungen erlernt oder eher erschreckt (= wiederkehrende traumatische Erfahrungen)? Das wäre hochgradig relevant, weil man Traumata eben völlig anders angehen müsste.

Wie berücksichtigt die VT von ADHS im Erwachsenenalter beispielsweise die sog. „Organismusvariable“, d.h. die ja beschriebene neurobiologische Disposition? Stimmt es überhaupt, dass ADHSler eine zu negative Selbstbeurteilung haben (oder überschätzen sich viele Betroffene nicht auch ?). Möglicherweise eckt man ja sogar gerade deshalb an, weil man eine „klare“ Sicht hat, diese aber in der Kommunikation und Interaktion falsch kommuniziert?

Fragen über Fragen, die ich jetzt nicht beantworten kann / will.

Zunächst also demnächst mehr über die Definition von Schemata bzw. Grundüberzeugungen nach Piaget / Young und Beck …

Sorry, jetzt haben wir gleich zwei Fortsetzungsromane parallel in diesem Blog.

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4 Gedanken zu „ADHS bei Erwachsenen: Verhaltenstherapie (Teil 1 von x)

  1. Dipl.-Psych. Piero Rossi

    Martin, ich teile Deine gefühlten Bedenken. Dies aus mehreren Gründen:

    Die mir bekannten Fachbücher zur Psychotherapie der ADHS erinnen mich mit ihren Manuals nämlich mehr an ADHS-Reparaturanleitungen oder an ein Kursprogramm für einen Workshop, als an Psychotherapie. In diesen verhaltenstherapeutischen Manuals werden zudem vorwiegend Symptome behandelt (statt Menschen).

    Erlernte vs. erschreckte Erfahrungen: Für mich ist es die grundlegende und chronische Erfahrung der Irritation (und deren Folgen), welche im Kern vieler meiner ADHS-Patientinnen und -Patienten steht. Zwar kennen ADHS-Betroffene bestens eine ganze Reihe innerer Schematas (z.B.: „Ich bin unfähig“), welche dank der kognitiven VT meistens ordentlich gut angegangen werden können. Gefestige, zentrale Grundannahmen hingegen begegen mir bei erwachsenen ADHS-Betroffenen eher selten (und wenn, dann peripher).

    Mir fällt vielmehr das Fehlen dieser verfestigsten inneren (und kontraproduktiven) Stukturen auf. Jahrelange Scheiternserfahrungen in Schule, Ausbildung, Familie, Beziehung und Beruf verhinderten den Aufbau von Identität, aber auch von ’stabilen‘ und klassischen psychischen Störungen. Aus meinen Beobachtungen führten die chronischen Irritationen („Wer bin ich?“, „Bin ich nun dumm oder nicht?“ usw.) zu einem Identitäts-Vakuum, welches für viele ADHS-Betroffene mit Selbstzweifeln, Kampf gegen innere Leere, einer hohen Verletzbarkeit, Scham wegen verpasster Chancen usw. einher geht.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Danke für diesen Kommentar !

      Inzwischen ist mir auch klarer geworden, warum ich so irritiert bin. Hauptsächlich wohl, weil in dem Artikel über Verhaltenstherapie soviel nicht drin steht. Also etwa, dass man in der Verhaltenstherapie eine individuelle Verhaltensanalyse auf Micro- und Makroebene machen muss. Kein Wort dazu.

      Ausserdem glaube ich, dass die Irritationen und der Umgang damit einen wesentlichen Kern der Therapie ausmachen sollten. Es wird also im Kern der falsche Moment bzw. falsche Symptome in den Mittelpunkt einer klassischen VT gestellt.

      Wobei ich aber aus einzelnen Berichten von Klienten weiss, dass es auch andere VTler gibt, die offenbar sehr sehr gute Arbeit machen. Ich frage mich nur, wie die es dann wirklich machen und ob nicht die Therapeutenvariable = Beziehung dann die entscheidende Rolle spielt.

      Aber ich bleibe am Thema dran.

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  2. lin

    Meine Meinung:
    Die Leistungskurve der ADSler gleicht eine Welle. Wer oben auf der Welle gemessen wird, der wird bewundert, wer unten gemessen wird wird für dumm eingestuft.
    Ich persönlich wurde meist oben auf der Welle gemessen. Das hiess: gestern konntest du es doch noch, warum heute nicht?
    Auch das hat meinem Selbervertrauen nicht unbedingt gut getan.
    Kannst du jetzt verstehen was das dem ADSler macht, der wahrheitsliebend ist und weiss, dass er mal kann und mal nicht? Der Lob immer nur auf dieser Basis annehmen kann. dass es auch ehrlich gemeint sein muss?

    PS: Ein ADSler, der einen hohen IQ hat, der kann 20 IQ-Punkte aufwenden um sich oben auf der Welle zu zeigen. Das geht aber mit der Zeit an den Körper und es erscheinen die Komorbitäten.

    Hier eine kleine Geschichte:
    5x Test mit 1-10 Punkten, also 10 ist das Bestresultat.
    Meine Schwester hatte jeweils 7 oder 8 Punkte erreicht. Sie hat den gleichen IQ wie ich.
    Ich hatte 5 und wieder 5 Punkte. Das hat mir nicht geschmeckt und ich riss mich zusammen: 10 – 10 -10.
    Danach war ich innerlich ausgepowert.

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