Erschöpfung der Selbstbeherrschung

Ich habe eine Nacht über die Frage „Was ist ADHS?“ geschlafen. Na ja, eigentlich ja schon einige Nächte mehr.

Und ich bin auf die Erschöpfung der Selbstbeherrschung gestossen.

Man könnte es auch Fähigkeit zur Inhibition nennen. Also: sich bremsen können (und Gas geben), wenn es situationsangemessen erforderlich ist.

Das heisst natürlich auch, dass ich sowas wie Selbstbeherrschung mal gelernt habe. Oder dass man die altersgemässe Erwartungshaltung an sowas wie sozial angemessenes Verhalten kennt und erfüllen möchte. Dass ich also erzogen wurde und auch eine gewisse emotionale Reife habe. Es gibt ja Kids, bei denen auf sehr unreifer Ebene eben jegliche Frustrierung in Form von Aggressionen ausagiert wird. Das kann bei ADHS auch der Fall sein, muss aber nicht.

Für mich frappierend ist immer wieder, dass sich „echte“ ADHSler eben ihr Leben lang bemühen. Aber dennoch mehr oder weniger scheitern. Die Tragik der Störung liegt also auch darin, dass man „will“, aber nicht immer kann. Ich meine es war Thomas Brown, der das treffend als „Impotenz des Gehirns“ beschrieb. So wie beim Penis eben „Wollen“ nicht allein reicht bzw. jeglicher emotionaler Druck eher das Gegenteil bewirkt.

Typisch für ADHSlerinnen und ADHSler ist dabei eben die scheinbar paradoxe Situation, dass die geforderten Anforderungen erfüllbar sind. Wenn man sie gerade nicht erfüllen MUSS. Man könnte also. Wenn man nicht müsste.

Schneller als bei anderen Kindern oder Erwachsenen lässt aber die Kraft zur Selbstbeherrschung nach. Was dazu führt, dass man sich gerade so sehr zusammenreissen muss und dann doch wieder einen Kontrollverlust an der falschen Stelle im Leben hat.

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8 Gedanken zu „Erschöpfung der Selbstbeherrschung

  1. Elle

    „Schneller als bei anderen Kindern oder Erwachsenen lässt aber die Kraft zur Selbstbeherrschung nach.“

    Dieser Beitrag und auch die Kommentare haben mich sehr berührt. Die Lösung in Johannas Kommentar find ich toll. Ich habe manchmal das Gefühl als hätte ich so eine Art „Energie-Konto“ – auf dem ist entweder Energie verfügbar, auch für Aufgaben die ich anstrengend finde und deren unmittelbare Notwenigkeit sich mir eigentlich gar nicht erschließt (Geschirrspülen, Wäschewaschen, Aufräumen es sei denn es steht absolute Not ins Haus *schäm*). Steh ich abends davor und will einen Anfang machen, gerade weil mein Freund jemand ist der im Gegensatz zu mir glatte Flächen liebt (eine Motivation an sich sind glatte Flächen leider nicht..) dann ist es regelmäßig so als ob ich innerlich gegen eine Wand laufen würde. Meine ganze Handlungsenergie ist weg und meine Null-Bock Stimmung wird so heftig dass ich – keine Ahnung- Müsli aus einem Blumentopf essen würde bevor ich die Spülbürste anfasse. So stark ist es eigentlich erst seit dem ich Ende des Studiums in eine lange und starke Erschöpfungsdepression gerutscht bin. Depressiv bin ich nicht mehr aber dieses immer wieder streikende Energie-Konto meldet sich leider trotzdem öfter.

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  2. Johanna

    Das ist eine interessante Frage.

    Müssen heißt ja, dass ich aus der Tätigkeit direkt keinen Nutzen ziehe. Sie bringt mir nicht wirklich was. Zumindest bringt sie mir nicht unmittelbar was.
    Im Unterschied zu einem „normalen“ Menschen lebt ein ADHSler im Hier und Jetzt. Die Fähigkeit, auf langfristige Ziele hinzuarbeiten, ist mangelhaft.
    Tätigkeiten, die man machen MUSS, sind dadurch charakterisiert, dass ihre Erledigung langfristig gesehen durchaus sinnvoll ist, weil man auf Dauer davon profitiert. Einem ADHSler fehlt diese Weitsicht.

    Mit Autoritäten ist es genauso. Eine Autoritätsperson, wie z.B. meinen Chef anzuerkennen, fällt mir schwer. Sinnvoll wäre das aber, weil ich es mir damit langfristig gesehen leichter machen würde.

    Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass nicht jede Tätigkeit, die ein ADHSler machen muss, bei einem ADHSler einen inneren Widerstand hervorruft. Wenn die Sinnhaftigkeit bzw. die entsprechende Motivation gegeben ist, fällt es einem ADHSler wesentlich leichter, solche Pflichten zu erledigen.
    Ebenso wenn der Abstand zwischen der Tätigkeit und der Belohnung für einen ADHSler überschaubar ist. Also sehr kurz ist.

    Ein Beispiel aus meinem Studium:
    Die Klausuren wurden immer am Ende des Semesters geschrieben. Sinnvoll ist es natürlich, schon während des Semesters zu lernen.
    Mir ist das furchtbar schwer gefallen.
    Gut geklappt hat das in Lerngruppen mit ausländischen Studierenden, denen ich die Aufgaben erklären konnte. Dadurch hatte die eher unangenehme Tätigkeit des Lernens einen Sinn, der für mich greifbarer war als die in weiter ferne liegende Prüfung.
    Außerdem musste ich immer nur den Zeitraum bis zum nächsten Treffen überschauen und mich entsprechend motivieren.

    Daher denke ich, dass diese Aversion gegen das Müssen und gegen Autoritäten nicht prinzipiell oppositionell ist. Der Widerstand wird nicht durch die Autoritätsperson oder die Tätigkeit hervorgerufen, sondern durch die ungünstigen Umstände.
    Letzten Endes ist dieser Widerstand durchaus rational. Jeder Mensch überlegt sich ja, bevor er handelt, ob sich der Einsatz, den er für die Erreichung des Ziels bringen muss, lohnt. Nur der normale Mensch bezieht nicht nur die Gegenwart in seine Überlegung mit ein, sondern auch die Zukunft. Und diese Fähigkeit fehlt dem ADHSler.

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  3. GG

    Das passt ganz gut. Allerdings kommen diese Anforderungen von aussen und werden dann internalisiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in Nomadenvölkern z.B. ADHS völlig unbekannt war. Wenn der eine neben dem Kamel dahinschlurfte, der andere dabei ab und zu ein paar Tanzschritte einlegte, dann galt das bestenfalls als skurriler Charakterzug.

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    1. lin

      Im Buch: Im Land der zornigen Winde von Galsan Tschinag, Nomadenführer, wird darauf eingegangen.
      Fehlverhalten wird angesprochen und, falls es länger dauert auch mit Konsequenzen bestraft.
      Wobei wir hier nicht vom Schlurfen reden sondern davon, dass ev. jemand mehr essen will als die anderen und sich ev. dann wieder übergibt, also das Essen verschwendet. Aber Galsan ist da recht strikt in seiner Meinung – die Gruppe hat homogen zu sein.
      In nordamerikanischen Nomadenvölkern haben Aussenseiter entweder eine Rolle (Schamane) oder sie haben sich einzuordnen.

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  4. Karin

    Interessant. Ich schlafe selber auch schon viele Jahre über die Frage, was ADHS ist… 😉 Und die Frage mit dem Wollen-Können ist dabei zentral. Eine der Kernfragen beim richtigen Umgang mit ADHS Menschen muss meines Erachtens sein, dass herausgefunden wird, unter genau welchen individuellen Bedingungen ein solcher Mensch wollen und dann den Willen auch umsetzen kann. Ich erlebte das bei mir und meinem Sohn: manchmal ging / geht es und manchmal nicht. Die Bedingungen, die zu einem Erfolgserlebnis führten, waren / sind aber nicht logisch begründbar. Ich werde noch etwas darüber nachdenken (oder schlafen), wie ich das allgemein fassbar ausdrücken könnte…

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  5. lin

    Ich halte Selbstbeherrschung für trainierbar.
    Mit entsprechenden Strafen realisiert man, dass man sich hat gehen lassen.

    Man benimmt sich eher unbeherrscht, wenn man weiss, dass es wenig Konsequenzen hat.

    Somit war ich früher dem Chef gegenüber sehr beherrscht, der Grossmutter gegenüber bin ich 2x ausgerutscht. Letzthin bin ich einer Kundin gegenüber ausgerutscht, was mich sehr tief getroffen hat. Das wird sicher wieder für eine Weile hinhalten. Strafen gelten also auch, wenn sie nur eigenverabreicht sind, ev. trifft es so sogar stärker.

    Selbstbeherrschung bei Genussmitteln: Ein schwieriges Thema. Da muss man sich sicher sein, dass es nicht Selbstmedikation ist oder von einer Drüse befohlen. Erst wenn man auf dem Stand ist, dass man wirklich nur eigenbestimmt an diese Genussmittel herangeht kann man sich kontrollieren.

    Ist das ok für euch, wenn ich fast zu jedem Thema was kommentieren tue?
    Oder soll ich mich mehr beherrschen? 😉

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    1. Elle

      Ich war aber auch schon an Punkten, wo mir jede Art – und ich meine JEDE ART- von Konsequenz egal war. Ich war derart fertig mit dem Kraftaufwand, den die ganze Selbstregulation kostet, ich war bereit mit dem Leben aufzugeben. Da schreckt dann auch keine Strafe oder andere Konsequenz mehr. Und da ist dann auch nichts mehr trainierbar. Ich möchte damit nur sagen, mangelnde Selbstbeherrschung – und die Kraft dazu- sind meiner Erfahrung nach nicht zwangsläufig Ausdruck dessen, dass einem nie genügend Feuer unterm Hintern gemacht wurde, oder dass man sich nicht oft genug an den Konsequenzen verbrannt hat.

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  6. Cordula

    Die Erschöpfung der Selbstbeherrschung ist ein sehr interessanter Gedanke. Da werden sich viele Betroffene drin wiederfinden, jede Wette. (Ich *liebe* diesen Blog!!)

    Frage dazu: Dass ein ADHSler kann, wenn er nicht muss, bzw. nicht kann, wenn er muss, sieht aus wie oppositionelles Verhalten. IST es oppositionelles Verhalten? Oder wie kann man das abgrenzen?

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