Immer früher immer mehr … (Teil I)

Ich stosse in meiner beruflichen Tätigkeit immer einmal wieder auf Dinge, die ich nicht i.O. finde. Gelegentlich ärgere ich mich. Und ab und zu werde sauer. Gestern war es wieder einmal so weit.

Lino, ein Knabe mit einer ADHS und einer leichten motorischen Entwicklungsverzögerung, besucht die dritte Klasse. Es geht bergab. Die Mutter berichtete mir, dass Lino komplett überfordert sei. Ewig lange sitze er an den Hausaufgaben und komme nicht vom Fleck. Die ersten beiden Schuljahre seien gut verlaufen. Lino habe eine ältere und recht strenge Lehrerin gehabt, was dem Knaben immer sehr gut getan habe. Die neue Lehrerin sei komplett anders: Bei einem kürzlich erfolgten Schulbesuch habe die Mutter festgestellt, dass es im Klassenzimmer auffallend unruhig war. Die Kinder hätten an Wochenplänen gearbeitet (oder haben es wenigstens versucht). Alles habe ziemlich chaotisch gewirkt.

Im Wochenplanunterricht erhalten die Schüler/-innen in einem oder mehreren Fächern von der Lehrperson einen Plan, auf welchem sämtliche Arbeiten, die in den kommenden ein bis zwei Wochen zu erledigen sind, aufgelistet sind. Die Schüler/-innen müssen diese Aufgaben und Arbeiten in den dafür vorgesehenen Wochenplanstunden selbständig erledigen. In dieser Zeit steht ihnen die Lehrperson beratend zur Verfügung.

Sehr viele Kinder mit einer ADHS (und auch für viele andere!) sind den Anforderungen, welche ein Wochenplanunterricht an sie stellt, nicht gewachsen. Dieser setzt nämlich voraus, dass die Schüler/-innen bereits in der Lage sind, selbstständig, ‚selbstgetaktet‘ und zielorientiert arbeiten zu können. Bei Kindern mit einer ADHS ist es so, dass sich genau diese sogenannten Exekutivfunktionen sehr stark verzögert entwickeln. Folge ist, dass sie dem Wochenplanunterricht oftmals komplett „werkzeuglos“ ausgeliefert sind. Sie schwimmen buchstäblich, weil ihnen grundlegende Selbstregulations- und metakognitive Kompetenzen ganz einfach fehlen.

Da sie im Wochenplanunterricht oft nicht vorankommen, haben sie daheim umso mehr nachzuholen. Hausaufgaben sind für ADHS-Kinder eh schon ein Relikt, welches es längstens abzuschaffen gilt. Wenn sie dann aber noch so viel länger dauern und regelmässig in eine Frustration für das Kind und die Mutter führen, wird das Ganze doch sehr, sehr bedenklich. Entwicklungspsychologisch gesehen sind Wochenpläne nicht nur bei ADHS-Kindern, sondern auch generell, zu einem so frühen Alter völliger Unsinn.

Das Gegenteil des Wochenplanunterrichtes, welcher eine sehr hohe Selbstständigkeit des Kindes voraussetzt, ist der klassische Frontalunterricht. Dass speziell Kinder mit einer ADHS bei Lehrpersonen, welche einen eng strukturierten Unterrichtstil mit viel Frontalunterricht pflegen, auffallend häufig reüssieren, ist alles andere als verwunderlich. Dieser Unterrichtstil beruht nicht auf bereits entwickelten Exekutivfunktionen. Diese Kontrolle und Regulation wird durch der Lehrperson selbst übernommen. Die Tatsache, dass sich Menschen mit einer ADHS vor 15, 20 oder mehr Jahren in der Schule besser durchzuschlagen vermochten, liegt unter anderem darin begründet, dass früher fast ausschliesslich Frontalunterricht praktiziert wurde. Das Management oblag der Lehrkraft und eben nicht den Schüler/-innen.

Sauer wurde ich, weil weder den Eltern noch mir irgendeine Chance zukommt, dem gesellschaftlichen Trend, von Kindern immer früher immer mehr abzuverlangen, wirklich etwas entgegenzuhalten. Für viele Schüler/-innen mit einer ADHS (oder mit anderen Teilleistungsstörungen) ist dieser Trend – hier am Beispiel Wochenplanunterricht dargestellt – fatal.

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