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Gastartikel: Ritalin-Bashing und kein Ende

Gastartikel von Dr. med. A Alfred, Facharzt für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychiatrie

im Namen der Praxisgemeinschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. A. Alfred, K. W. Heuschen und T. Palloks sowie des ADHS-Zentrums München,

Ritalin-Bashing und kein Ende

In regelmäßigen Abständen, in der Regel alle 1-2 Jahre, nehmen die Massenmedien ritualähnlich und unisono Stellung zum Thema der medikamentösen Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen. Diese Stellungnahmen sind immer mit deutlichen Warnungen verknüpft, die die zunehmende Zahl der Verschreibungen von methylphenidathaltigen Präparaten anprangern, die angeblich häufigen Nebenwirkungen betonen und den betroffenen Eltern sowie den verschreibenden Ärzten generell Verantwortungslosigkeit unterstellen. Dieses Mal wurde der Reigen schon am 25.10. 2011 auf der Titelseite (!) der Süddeutschen Zeitung eröffnet. Es folgte am 7. 2. 2012 der Fernsehfilm “ Ritalin – Medizin, die krank macht?” auf 3SAT, dem sich in der Tendenz bald zwei weitere Zeitungsartikel anschlossen: am 13. 2. 2012 “Deutschland, das Land der gedopten Kinder?” auf WeltOnline und am 16. 2.2012 “Wo die wilden Kerle wohnten” in der FAZ.

Auch wenn in all diesen Veröffentlichungen die Alltagskonflikte und Belastungen, unter denen die betroffenen Kinder, ihre Eltern und auch ihre Lehrer leiden, durchaus richtig beschrieben werden, so sind sie doch in Bezug auf die möglichen Ursachen dieser Konflikte und ihre Behandlungsmöglichkeiten außerordentlich tendenziös und suggestiv verfasst. Sie werden dem Credo einer ausgewogenen Berichterstattung, wie man sie von diesen namhaften Medien erwartet, nicht gerecht. Es ist, ganz im Gegenteil, zu befürchten, dass es einmal mehr zu einer allgemeinen Verunsicherung in Bezug auf die Behandlung von ADHS kommt und den ADHS- Patienten die in manchen Fällen notwendige medikamentöse Behandlung vorenthalten wird. Daran wird vermutlich auch die sehr sachlich gehaltene Stellungnahme des Bundesverbands der Kinder- und Jugendpsychiater (BKJPP) nichts ändern, die der Presse Ende Februar 2012 zugegangen ist und bisher noch in keinem der genannten Medien erwähnt wurde. Hier wird ADHS als eine wissenschaftlich nachgewiesene Störung bezeichnet, die in der Regel sorgfältig diagnostiziert wird und nur in der Hälfte der Fälle medikamentös behandelt werden muss. Der Berufsverband warnt eindringlich vor der Stigmatisierung der Betroffenen infolge der negativen Berichterstattung in den Massenmedien.

Dabei hat die Diskussion um das Ritalin schon längst die Züge einer ideologisch geführten Auseinandersetzung angenommen, die es vergessen lässt, dass es allen Beteiligten doch letztlich um das gleiche Ziel geht, nämlich um die bestmögliche Unterstützung und den Schutz der betroffenen Kinder und ihrer Familien.

In den Augen der Ritalin- Gegener ist Ritalin allerdings eine Art “Teufelszeug”, das zwar eine “angenehme Wärme “ erzeugt, aber letztlich doch nur müde macht, zu Appetitlosigkeit und Wachstumsstörungen oder gar Abhängigkeit führt. Man lacht weniger, wirkt gedämpft. Sogar Suizidgedanken können darunter auftreten. Irgendwie wird zwar auch die Konzentration besser, aber letztlich ging es dem Erfinder von Methylphenidat nur darum, das Tennisspiel seiner Ehefrau zu perfektionieren. Mit Hilfe des Medikaments sollen die ADHS-Kinder einfach besser funktionieren und am Ende haben alle ein schlechtes Gewissen. Natürlich muss dabei auch auf die enorme Steigerung der Verordnungen in den letzten Jahren verwiesen werden und es dürfen auch die Millionenumsätze nicht unerwähnt bleiben, die Novartis und andere Firmen mit Ritalin bzw. verwandten Präparaten erzielen. Es ist immer die Pharmaindustrie – oder auch die verantwortungslosen Eltern und Ärzte – und nie ist es die Gesellschaft und schon gar nicht das defizitäre, auf Auslese und nicht auf Unterstützung angelegte Schulsystem. Auch das Gesundheitswesen und die Krankenkassen mit ihrem dürftigen Therapieangebot scheinen da gar keine Verantwortung zu tragen. Den Ritalin-Gegnern stehen allerdings äußerst engagierte Eltern und Ärzte gegenüber, die die Wirkung des Medikaments im Alltag als sehr hilfreich erleben, nur wenige, vertretbare Nebenwirkungen sehen und den Verzicht auf diesen Wirkstoff schon fast für unterlassene Hilfeleistung halten.

Das rote Tuch – genannt Ritalin – lässt allerdings die Kontrahenten wesentliche Aspekte der ADHS ausblenden. Dabei sollte man aber zumindest folgende Tatsachen wissen: ADHS ist die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter. Unbehandelt führt sie sehr oft zu Misserfolgen in der Schule, schlechteren, der eigentlichen Begabung nicht entsprechenden Schulabschlüssen, zu sozialer Isolation und zu erheblichen familären Belastungen. Wissenschaftlich gut abgesicherten Studien zufolge haben 30% aller Insassen in den Jugendgefängnissen eine unbehandelte ADHS!

Die Diagnose wird heute in der Regel erst nach einer sorgfältigen Untersuchung gestellt und die Behandlung fußt auf mehreren Ansätzen, die verhaltens- und familientherapeutische, pädagogische und gegebenenfalls medikamentöse Maßnahmen umfassen. Methylphenidathaltige Medikamente dürfen nur von spezialisierten Ärzten verschrieben werden, in der Regel erst dann, wenn alle anderen Maßnahmen ohne Erfolg waren oder wenn der massive Leidensdruck eine schnelle Hilfestellung erfordert. Jeder vernünftige Arzt wird sich diese Entscheidung nicht leicht machen! Auch Ärzte haben Kinder und sind sich ihrer Verantwortung bewusst! Im Übrigen setzt die medikamentöse Behandlung gemäß den Empfehlungen der Bundesregierung auch immer eine begleitende psychotherapeutische Hilfestellung voraus. Von allen Patienten mit der Diagnose ADHS benötigt am Ende nur ca. jeder Dritte eine Behandlung mit Methylphenidat, die in den meisten Fällen nicht länger als 2-3 Jahre fortgesetzt wird, und dies auch nur dann, wenn man nach einer kurzen Erprobungsphase sieht, dass die Kinder sie gut vertragen.

Die Medikation macht nicht lebhafte, glückliche Kinder zu angepassten, passiven Monstern, sondern ermöglicht oft erst den Betroffenen soziale Kontakte aufzubauen, Lernstrategien zu erarbeiten und damit einen angemessenen Schulabschluss zu erreichen. Die beschriebenen Nebenwirkungen kommen vor, sind aber bei sachgemäßem Umgang mit dem Medikament selten und insgesamt auch angsichts der Folgen einer Nichtbehandlung mehr als vertretbar. Es wird den allermeisten Eltern großes Unrecht getan, wenn man ihnen unterstellt, dass sie Methylphenidat geben, weil die Kinder ihren Ansprüchen nicht genügen bzw. weil sie keine Geduld für die Zerstreutheit ihrer Kinder aufbringen. Jeder Facharzt, der mit ADHS-Kindern arbeitet, weiß, welch hoher zeitlicher und finanzieller Einsatz in Familien erbracht wird, um ADHS-Kinder zu fördern und ihre Probleme zu händeln. Das Fatale an den Veröffentlichungen ist jedoch, dass die Medikation wie eine Art Gift- oder Betäubungspille beschrieben wird. Sätze wie „er verspürt keinen Hunger, in seinem Magen liegt eine Concerta-Tablette 54mg, die höchste Dosis…“ klingen als würde man Kinder damit vergiften wollen. Aussagen wie „was für ein Selbstwertgefühl bekommt ein Kind, wenn es weiß, dass es nur mit Medikamenten funktioniert“, sind nicht frei von Polemik. Was für ein Selbstwertgefühl bekommt denn ein ADHS-Kind, wenn es trotz guter Intelligenz ständig schlechte Noten schreibt und niemand mit ihm spielen will? Was Kinder brauchen sind Anerkennung und Erfolg und genau das haben ADHS-Kinder viel zu wenig, wenn man sie immer wieder die Erfahrung machen lässt, dass sie scheitern und abgelehnt werden.

Man muss es einmal erlebt haben, wie glücklich und stolz ADHS-Kinder sind, wenn es ihnen gelingt, erfolgreich zu sein und Anerkennung zu finden. Es geht nicht darum, dass Kinder funktionieren, sondern, dass sie in die Lage versetzt werden, sich in unserer komplexen und reizüberfluteten Welt zurecht zu finden und dass es ihnen gelingt, ihr Potential zu entwickeln. Und es ist zynisch, betroffene Kinder in die Spirale von Ablehnung und Versagen laufen zu lassen!

Natürlich muss man den Ritalin-Gegnern in einem Punkt zustimmen, nämlich dass ADHS nicht nur von einer genetisch bedingten Veranlagung, sondern von vielen verschiedenen Einflüssen abhängig ist. Schließlich gelingt es den vielen, nicht medikamentös behandelten Kindern oft genug, mit Hilfe anderer Unterstützungsmaßnahmen mit ihren Konzentrationsproblemen, ihrer Impulsivität und auch mit ihrer Unruhe fertig zu werden. Zu diesen Unterstützungsmethoden gehört z. B. ein intensives Elterncoaching mit Tipps für den Umgang mit typischen Konfliktsituationen. Dazu gehören auch verschiedene Konzentrationsübungen (z. B. das Marburger Konzentrationstraining und das Attentioner-Programm) sowie spezielle verhaltenstherapeutische Maßnahmen, wie z. B. das Training nach Lauth und Schlottke. Auch das Neurobiofeedback scheint sich als eine erfolgreiche Behandlungsmethode zu etablieren.

Hat man das Glück, auf verständnisvolle und erfahrene, über ADHS gut informierte Lehrer zu treffen, so ist das allein schon die halbe Miete. ADHS-erfahrene, nicht nur pädagogisch sondern auch psychologisch geschulte, verständnisvolle und hilfsbereite Lehrer werden allerdings noch lange eine Ausnahme bleiben, weil das Thema ADHS in der Lehrerfortbildung nicht die Rolle einnimmt, die ihm zukommen müsste. ADHS – Experten zu Vorträgen über ADHS einzuladen bleibt der Initiative der ganz besonders bemühten Elternbeiräte und der Schulleitungen überlassen.

Dazu kommt, dass die wenigen Schulpsychologen, die oft gleichzeitig mehrere Schulen betreuen müssen, zeitlich völlig überfordert und daher auch kaum in der Lage sind, hier irgendwie Abhilfe zu schaffen. Teams von Sozialpädagogen, Psychologen und Lehrern, die die komplizierten Fälle betreuen könnten, gibt es an deutschen Schulen ohnehin nicht, ebenso sind uns – bis auf wenige Ausnahmen – keine Schulen bekannt, die sich auf ADHS-Schüler spezialisiert haben. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder am liebsten nach England, wo viele Internate diese Marktlücke entdeckt haben und zu Preisen von 2500 Euro und mehr das anbieten, was das deutsche Schulsystem nicht schafft.

Leider, und das ist angesichts der Ritalin-Kritik erst recht nicht zu verstehen, sieht sich auch unser Gesundheitswesen nicht in der Lage, eine spezifische und erfolgversprechende, nichtmedikamentöse Behandlung der ADHS zu finanzieren. Weder die Kosten für Eltern- noch für spezifische Konzentrations- und Verhaltenstrainings werden von den Kassen übernommen, ganz zu schweigen von den Kosten für das Neurobiofeedback oder gar für Besprechungen mit den Lehrern oder den medizinischen Komplementärberufen. Der persönliche Besuch eines Arztes in der Schule seines Patienten ist eine Rarität und eine Supernanny, die nach Hause kommt und vor Ort bei der Konfliktbewältigung hilft, ist nur eine Erfindung des RTL und steht nicht im Angebot der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung. Bis heute gibt es lediglich in zwei Bundesländern zarte Ansätze dazu, durch Kooperationsverträge zwischen Ärzten, Krankenkassen und den ärztlichen Komplementärberufen eine Art Zusammenarbeit zu Gunsten der ADHS- Kinder zu organisieren.

Betrachtet man also die Situation der ADHS- Betroffenen differenzierter als dies in den Veröffentlichungen der Massenmedien zum Asudruck kommt, so wird sehr schnell deutlich, dass sowohl die Ritalin – Gegener als auch die Ritalin – Befürworter an einer völlig falschen Front kämpfen. Statt ihre Energien zu bündeln und gemeinsam für ein differenzierteres Schulsystem, eine bessere Fortbildung der Lehrer, bessere finanzielle und räumliche Ausstattung der Schulen, alternative Therapiemethoden und deren Finanzierung zu kämpfen, verschleißen sie sich in sinnlosen Grabenkriegen. Dabei könnte man doch den Einsatz von Medikamenten völlig problemlos auf die wenigen, mit psychologischen oder pädagogischen Mitteln nicht erreichbaren Fälle beschränken, wenn wir alle an einem Strang ziehen würden und z. B. das erreichen würden, was den Eltern- und Lehrerverbänden beim Umgang mit lese- und rechtschreibschwachen Kindern Ende der neunziger Jahre so gut gelungen ist: einen kultusministeriellen Erlass, der Rücksicht auf ADHS-Kinder nimmt und der Lehrerschaft die Möglichkeit verschafft, diesen Kindern größere Unterstützung zukommen zu lassen. Wir alle könnten dann viel ruhiger schlafen und müssten uns über Langzeitfolgen der Medikamente keine Sorgen mehr machen. Warum sollten denn auch gerade die ADHS-Kinder keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben? Ihr Leidensdruck ist nicht geringer und ihre Erfolgsaussichten sind nicht schlechter als die der lese-und rechtschreibschwachen Kinder, deren Situation sich seit dem Legasthenie-Erlass wesentlich verbessert hat. Und wo wäre das Geld der Steuerzahler nicht besser investiert als im Schul- und Gesundheitssystem? Also hören wir endlich mit dieser unsäglichen Ritalin-Diskussion auf und mobilisieren alle unsere Kräfte, um den ADHS Kindern endlich die Hilfe zukommen zu lassen, auf die sie bisher vergeblich warten.

Dr. A. Alfred, Facharzt für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychiatrie,

im Namen der Praxisgemeinschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. A. Alfred, K. W. Heuschen und T. Palloks sowie des ADHS-Zentrums München,

80639 München, Winthirstrasse 4,

www.adhs-muenchen.net

adamalfred@t-online.de

2 Kommentare zu „Gastartikel: Ritalin-Bashing und kein Ende Hinterlasse einen Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel, der meiner Meinung nach auf jeder zweiten Seite deutscher Tageszeiten abgedruckt werden sollte.
    Als Betroffener und Sozialarbeiter habe ich zumindest in meiner Region eine gute Übersicht über die medizinische und therapeutische Versorgungsituation psychisch kranker Menschen und zwangsläufig auch von Erwachsenen mit ADHS.
    An dem Punkt, wo fehlendes Wissen, Ignoranz hinsichtlich jahrzehntelang bestehender und evidenter wissenschaftlicher Fakten auf die offensichtlich auf reißerische Schlagzeilen ausgerichtete mediale Berichterstattung trifft, werden Betroffene selbst, Eltern und Fachleute sowie auch Mitarbeiter bei öffentlichen Behörden verunsichert, in ihren Entscheidungen fehlgeleitet. Das führt oftmals zu beträchtlichem Leid, ausbleibender Hilfeleistung und ist sicherlich zum Teil dafür mit dafür verantwortlich, dass ganze Existenzen der Betroffenen geschädigt, ja wenn nicht sogar irreversibel zerstört werden.
    Das mag sich hart oder übertrieben anhören; wenn man jedoch die öffentlichen Verwaltungen (die mehr auf „Dienstleistungen“ ausgerichtet werden denn je) oder das Versorgungssystem (insbesondere limitiert durch die Krankenkassen) genauer anschaut, wird schnell klar, dass es die Verunsicherung der Betroffenen durch fehlende Kompetenzen, ungenügende Kapazitäten, teils selbst krankheits-produzierende Arbeitsbedingungen in den Institutionen nur noch verstärken kann.
    Sofern Betroffene dann aus bildungsschwächeren Familien stammen, in deren Sozialisation (vielleicht durch die gerade sehr häufig selbstbetroffenen Familienmitglieder) eine verständnisvolle, unterstützende und haltgebende Umgebung nicht vorhanden war und der ohnehin schon erschwerte Zugang zum dringend notwendigen Hilfesystem erst gar nicht zustande kam, stehen ständiges Scheitern und daraus resultierend dauernde Frustrationen auf der Tagesordnung.
    Das führt dann zwangsläufig zu ausgeprägten Folge-und Begleiterkrankungen, die dann das Hauptproblem verdecken. Bei den leider oftmals nicht ausreichend informierten Fachleuten, sofern man denn einen Termin nach Monaten bekommen hat (es ist leider hier in der zweitgrößten Stadt so, dass Psychiater teilweise gar keine Patienten mehr aufnehmen), wird die Grundproblematik dann häufig übersehen. Ich habe schon mehrere Psychiater (und ich kenne hauptsächlich aus beruflichen Gründen, aber auch aus eigenen Erfahrungen die überwiegende Zahl der niedergelassenen) erlebt, die ADHS als eine Modediagnose abtun.
    Geschweige denn die Kliniken, die gerade bei Akutaufenthalten ihre Konzepte fahren, aus mangelndem Fachwissen (und sicherlich auch aufgrund der ungünstigen Arbeitsbedingungen des Personals) unflexibel sind und evidente Fakten schlichtweg ignorieren.
    So landen Betroffene zwangsläufig bei der Agentur für Arbeit und später beim Jobcenter (auch hier kann ich aus Berufserfahrung berichten). Abgesehen von den teilweise unwürdigen Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter, wird hier wenig Wert darauf gelegt, auch wenn es einige Schulungen suggerieren und in den Konzepten der Behörden für die Öffentlichkeit dargestellt wird, den Kunden Hilfestellungen zu leisten. Sicherlich ist das auch nicht die Hauptaufgabe der Arbeitsverwaltung, jedoch bestünde gerade hier die große Chance, die vielen betroffenen (oder allgemein erkrankten) Erwachsenen an entsprechende Hilfesysteme anzubinden.
    Da jedoch bei den Behörden nur Rankings, Integrationen (worin auch immer) und Zahlen einen Wert haben (ja, es ist überwiegend leider wirklich so) und sogar der Hinweis auf Hilfesysteme nicht erwünscht ist, wird die Chance, die Menschen zu unterstützen, deren Existenz von der „Mitwirkungspflicht“ abhängig ist und somit persönliche Kontakte gesicherte sind, vertan.
    Die Folgen der ausbleibenden Hilfeleistungen sehe ich tagtäglich bei Menschen, die überhaupt nicht arbeitsfähig sind und letztendlich mit 35 in die Rente und meistens auch zum Sozialamt gehen müssen (was dann nochmals zusätzlich die Arbeitslosenzahlen senkt).
    In der Tat gibt es hier eine Abteilung, die für Menschen mit Einschränkungen als Pilotprojekt ins Leben gerufen wurde. Hier zählt nicht die Integration sondern die Stabilisierung der Menschen (letztendlich auch für die Erwerbsfähigkeit, aber die persönliche Haltung der Mitarbeiter und deren Kompetenz ist ausschlaggebend).
    Es gibt derzeit auch Bestrebungen anderer Städte in anderen Bundesländern dies bei sich zu implementieren. Ich persönlich werte dies jetzt mal als eine Chance.
    Jedoch ist dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn die Vernetzungen mit den entsprechenden Fachleuten aufgrund fehlender Kapazitäten nicht möglich sind. Dazu noch ein, zwei Artikel zu zunehmender medikamentöser Ruhigstellung von Kinder mit ADHS, eine Brise sozialromantischer Inkompetenz bei den Jugendämtern und schlichtweg unzureichendem Fachwissen im Sektor der niedergelassenen Ärzte und Therapeuten und schon haben wir die Modediagnose-Diskussion wieder auf dem Tisch. Ach ja, die überforderten Eltern (abgesehen davon, dass sie es tatsächlich sein dürften), Handys und Computerspiele gibt es ja auch noch (Sicherlich nicht irrelevant, aber ganz sicher nicht kausal, wie ständig suggeriert).
    Dass das Schulsystem häufig nicht als unterstützende Institution zur Verfügung steht, ist mehr als bedauerlich. Schaut man sich die Arbeitsbedingungen und Ausbildungsinhalte der Lehrer an, ist dies jedoch nicht verwunderlich.
    Für ADHS-Betroffene ist es ungleich schwieriger, wenn Krankenkassen (und die federführende Krankenkasse bei dem besagten Report kenne ich gut) Unwahrheiten, polemische und zynische Berichterstattungen verbreiten, die wir als Betroffene als Beleidigung empfinden müssen!
    Für diejenigen, die das Glück haben (so wie ich), nach Odysseen von Arzt- und Therapeutenbesuchen, unzähligen gut gemeinten aber fahrlässigen Behandlungsversuchen auf kompetente Fachleute zu treffen und so behandelt werden können (was für mich zudem mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist), dass sie ihr oftmals durch einen enormen Leidensweg geprägtes Leben halbwegs in den Griff bekommen, ist eine solche Berichterstattung schlicht und einfach diskriminierend, abfällig und entwürdigend. Und das bei einer nahezu epidemisch geführten Inklusionsdebatte!
    Wir versuchen den für uns immer prekärer werdenden Umständen der Gesellschaft und Arbeitswelt gerecht zu werden, müssen dafür ungleich mehr Anstrengung, Energie und finanzielle Mittel aufwenden, haben sehr häufig durch die genetische Übertragbarkeit zusätzlich belastende Familienverhältnisse.
    Wenn die besagte Krankenkasse und die Journalisten nur einen Bruchteil der von uns aufgebrachten Energie dafür verwenden würden, ihre Recherchen und die Berichterstattungen an Dekaden von international anerkannter wissenschaftlicher Erkenntnisse auszurichten, hätten viele von uns ein einfacheres Leben.
    Leider müssen wir jedoch immer wieder feststellen, dass sowohl die Beteiligten des ketzerischen Journalismus als auch die Beteiligten der besagten Krankenkassen, die gesellschaftliche Verantwortung oder sogar Verpflichtung, die für die Verantwortlichen berufsethisch und gesellschaftlich eigentlich selbstverständlich sein wollte, schlicht und einfach ignorieren.
    Das würde Courage, Gewissenhaftigkeit und Hilfsbereitschaft voraussetzen, die ich bei derartiger Berichterstattungen schmerzlich vermisse.

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