Tollpatsch oder Bewegungslegastheniker?

Gestern beschwerte sich die Lehrerin darüber, dass mein Sohn J. sich ungeschickt mit einem Schraubstock beim Werkunterricht anstellte. Er hatte nämlich nachgefragt, was er damit machen sollte. Meine Frau hat dann der Lehrerin vermittelt, dass bei uns leider keine Schraubstöcke im Haus sind. Wäre mein Sohn bei meinem Schwiegervater aufgewachsen, wüsste er es sicher besser.

Da kommen also mehrere Dinge zusammen. Einmal ein Mangel an Übung und dann eine gewisse „Ungeschicklichkeit“.

Was wir beide gemeinsam haben, ist eine gewisse Tollpatschigkeit in Hinblick auf motorische Koordination. Das bezieht sich u.a. auf das Abschätzen der groben Kraft für Aufgaben, aber auch für Feinmotorik wie Einfädeln oder Halten von Gegenständen ohne Zittern. Früher hätte man das vielleicht MCD für minimale cerebrale Dysfunktion genannt. Und die Kids in eine spezielle Turn- oder Fördergruppe gesteckt. Ergotherapeuten mit einer Ausrichtung im Bereich Sensorische Integrationstherapie hätten an eine entsprechende sensorische Integrationsstörung gedacht.

In den skandinavischen Ländern wiederum wäre wohl DAMP ein ganz passender Begriff. DAMP steht nicht für ein Ferienresort an der Ostsee, sondern für Deficits in Attention, Motor Control and Perception

In der Welt-Online habe ich nun einen schönen Artikel über dieses Phänomen gefunden. Wären doch mal ADHS-Artikel dort auch so „freundlich“ und verständnisvoll, denn „Ein Tollpatsch braucht besonders viel Lob“ betont eben, dass man sich verstehend und nicht bestrafend Kindern mit besonderem Förderbedarf nähern sollte. Irgendwie befremdlich, dass ADHS so polarisiert und ein „Tollpatsch“ dann eben besonders Zuwendung verdient…

In dem Artikel geht es im Prinzip um die gleichen Kinder, wobei jetzt die offizielle Bezeichnung UEMF = Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen gebraucht wird (ich kannte eher das englischsprachige Pendant Developmental Coordination Dysorder DCD (wobei mir wiederum dann die Abgrenzung zur Dyspraxie nicht so ganz klar ist, die bei meinem anderen Sohn bestehen soll).

Fazit für mich: Es ist ein Spektrum, d.h. es wird eine gemeinsame Schnittmenge geben und unterschiedliche Ausprägungsformen bzw. auch Beschreibungskriterien. Aber im Kern spricht man immer von den gleichen Kids.

Nun ist es aber gar nicht so leicht zu unterscheiden bzw. zu beurteilen, ob nun ADHS im Sinne einer quasi „übergreifenden“ Koordinationsstörung höherer Handlungsfunktionen oder aber „nur“ eine entsprechende motorische, sensorische, visuelle oder propriozeptive / koordinative Wahrnehmungsstörung (gesamt oder in Teilaspekten) vorliegt.

Die früheren MCD-Kinder weisen eben Regulationsstörungen auf (d.h. viele dieser Kinder haben bereits seit der frühesten Kindheit Regulationsstörungen und sind beispielsweise Schreibabys gewesen oder besonders empfindsam für Berührung oder beim Füttern. Aber nicht alle diese Kinder entwickeln ADHS. Beziehungsweise umgekehrt: Nicht alle ADHSler müssen derartige motorische und oder koordinative Störungen haben.

Aber: Sie sind sehr häufig gemeinsam anzutreffen und sollten dann auch gezielt therapiert werden. Hier können die Ergotherapie oder aber auch eine Krankengymnastik bzw. Motologen bzw. Motopäden / Mototherapeuten hilfreich sein.

Wir haben versucht, unseren Kindern u.a. durch Anregung der Körpersinne eine Förderung zu bieten (neben der Therapie). Ein Beispiel wäre ein Trampolin im Garten. Viel schwimmen und toben im Wasser. Aber auch spielen und toben an sich im Garten oder Fahrrad fahren, Natur und eben hören, riechen, schmecken, tasten, fühlen, erleben.

Gut geholfen hat übrigens auch Reiten (therapeutisches Reiten wäre prima gewesen, aber das gab es bei uns so nicht).

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4 Gedanken zu „Tollpatsch oder Bewegungslegastheniker?

  1. VerpeilterJunge

    Hallo Herr Winkler,
    Ich suche überall im Internet nach der Kombination ADHS und zittern bei großer Anspannung. Ich leide primär an meiner Anspannung sekundär an der verpeiltheit. Meine Anspannung ist so groß dass ich vor der Behandlung mit Amfetamin furchtbare Nacken- und Kopfschmerzen hatte. Ich zittere auch in Situationen in denen ich aufgeregt bin und auch nach feinmotorischen Tätigkeiten wie zum Beispiel Modellflugzeuge kleben, Häkeln. Aber halt auch in so Situationen wie Superhübsche Kassiererin, Angst, Stress, Blickkontakt mit hübscher Frau überfordert mich auch. Klingt nach ner Angsterkrankung bin mir aber sicher dass des nicht ist da ich generell bei Überforderung so reagiere. Der Amfetaminsaft hat es im gegensatz zum MPH ziemlich gebessert. Aber in manchen Situationen ist die Anspannung immer noch so groß. Letztens war ein Brief im Briefkasten wegen Grad der Behinderung und ich hab beim Brief aufmachen gezittert vor Anspannung.

    Meine Frage: Ist das den ADHS so etwas untypisches dass es nirgendswo bescchrieben wird.
    In der Klinik 2 Wochen stationär bei ADHS feststellung hab ich auch gezittert, habe aber nie nachgefragt ob sie was gemerkt haben und auch keine extra Diagnose bekommen.

    Mfg.: Verpeilter Junge

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    1. VerpeilterJunge

      Hallo, Ich muss mir leider eine Sozialphobie eingestehen. 😦

      Mein Arzt meint die ADHS bedingte Unruhe würde sich eher durch Kribbel Gefühl und Bewegungsdrang als durch Zittern äußern. Da die Verbesserung durch den Amphetaminsaft auch nachhaltig ist nehme ich einfach weiter den Amphetaminsaft.

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  2. christianegrossmann

    à propos:
    >Gut geholfen hat übrigens auch Reiten (therapeutisches Reiten wäre prima gewesen, >aber das gab es bei uns so nicht).

    Als alternative und zusätzliche Hilfe und mangels therapeutischem Reiten möchte ich hier das Voltigieren mal ins Spiel bringen.

    Bei uns damals noch unbewusst, hat es erheblich dazu beigetragen, die motorischen Schwierigkeiten meiner Töchter zu bessern, nicht alle , aber einige.

    Ganz grossartig war auch das daraus entstandene bessere Selbstbewusstsein und die Erfahrung des eigenen Könnens. Ein Pferd ist für Kinder ein sehr imposantes Tier: Wenn man auf dem Pferd turnen lernt, ohne in den diversen Geschwindigkeiten runterzufallen, steigert das das Selbstbewusstsein enorm!

    Voltigierkurse sind übrigens meistens auch sehr günstig, wesentlich billiger als Reitkurse und werden meist ab 5-6-Jahren angeboten und sind natürlich als günstige Einsteigerkurse zum Reiten gedacht.

    Im Gegensatz zum Reiten fordert und fördert aber Voltigieren mehr und schneller die motorische Koordination.

    Reiten an sich fordert eher mehr nur die Gemütsebene des Reiters, da Pferde hochsensible Tiere sind.

    Therapeutisches Reiten vereinigt i.d.R. beides, aber ist eben leider noch nicht sehr verbreitet und verfügbar, deshalb wären Voltigierkurse manchmal eine günstige und wirksame Alternative.

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  3. Tom

    Toller Blog! Vor allem, wenn man das mit der Tollpatschigkeit am eigenen Leib erfahren hat. Ich könnte ein Buch drüber schreiben.

    Ich verwende seit kurzem eine ADHS Todo App, die hilft mir interessanterweise mich besser zu fokussieren.
    Aber muss noch länger ausprobieren, wie lange ich sie tatsächlich benutze. Vieles landet ja dann doch wieder in der „Ecke“, nachdem es ein paarmal benutzt wurde.

    https://play.google.com/store/apps/details?id=de.kreativsinn.dash

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