Konstruktive ADHS-Kritik (Teil 5: Compliance)

Ein ganz grosser Haken vieler wohlklingenden, therapeutischen ADHS-Leitlinien und ADHS-Ratgeber- und Fachbücher ist, dass diese stillschweigend und selbstverständlich ein reibungsloses Umsetzen der von der Fachperson empfohlenen therapeutischen Massnahmen als gegeben und wohl funktionierend voraussetzen.

Schön wär’s ja.

Mit der sogenannten Compliance ist es so eine Sache. Gemeint ist damit das Einhalten von Behandlungsanweisungen durch die Patienten (bzw. deren Eltern). Dass zahlreiche Therapien infolge eingeschränkter Compliance in Stocken geraten oder gar misslingen, ist in der ganzen Medizin und der Psychotherapie hinlänglich bekannt.

Bei der ADHS-Behandlung kommt einer guten Compliance eine besonders hohe Bedeutung zu. Sie ist nicht nur ein peripher im Auge zu behaltender „Therapie-Störfaktor“, sondern zählt bei Vorliegen einer ADHS grundlegend zu den für einen Behandlungserfolg ausschlaggebenden Faktoren. Der beste Therapeut, die wirkungsvollste Psychotherapie und das potenteste Medikament nutzen wenig bis nichts, wenn die Therapien nicht befolgt bzw. umgesetzt werden können. All dies wird meines Wissens bis heute weder in der ADHS-Therapieforschung noch in den ADHS-Behandlungsleitlinien konsequent berücksichtigt.

Der Grund, wieso der Compliance-Frage in der ADHS-Therapieforschung und den Behandlungskonzepten ein viel grösserer Stellenwert als bisher zukommen müsste, liegt darin begründet, dass die ADHS nahezu immer familiär gehäuft auftritt. Ich schätze, dass bei der Hälfte der Eltern meiner jungen ADHS-Patienten ebenfalls eine ADHS oder eine ADHS-Residualsymptomatik vorliegt.

Wie die Kinder können auch Erwachsene und damit auch Eltern mit einer ADHS zu impulsiv und zu spontan reagieren. Vielen fehlt es an Ordnungs- und Organisationsfähigkeiten. Alles Regelhafte ist ihnen ein Gräuel, weil sie es zwar meistens schon einhalten wollen, es aber syndrombedingt einfach nicht schaffen. Zudem zeichnen sich auch Eltern mit einer ADHS aus durch Vergesslichkeit und Zerstreutheit, Inkonsequenz und emotionaler Instabilität.

ADHS bei Eltern hat für die Kinder Vor- und Nachteile.

Vorteile: Die meisten Eltern mit einer ADHS-Disposition verstehen und akzeptieren im tiefsten Innern ihre auch noch so schwierigen Kinder. Es kommt aus meiner Beobachtung sehr selten vor, dass Mütter mit einer ADHS ihre Kinder für etwas bestrafen (z.B. mit Liebesentzug), wofür diese Kinder nichts können. Es scheint, als verstünden diese Eltern intuitiv, wo bei ihren Kindern der Unterschied zwischen Nichtkönnen und Nichtwollen liegt. Für die psychische Entwicklung von ADHS-Kinder ist das ein prognostisch sehr günstiger Faktor.

Nachteile: Da kommt nun leider so Einiges zusammen. Wie immer unsortiert und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zähle ich im Folgenden die mir am relevantesten erscheinenden Compliance-Probleme von Eltern mit einer ADHS auf.

  • Das Leben von Vätern mit einer ADHS ist meistens so hochbefrachtet mit Eiligem, Unerwartetem und Unpässlichem, dass sie in der Therapie viel zu oft draussen vor bleiben. Das aktive Mitdenken und Mitwirken von Vätern in der Therapie von Kindern mit einer ADHS ist bezüglich eines Therapieerfolges von zentraler Bedeutung (falls ich dereinst einmal Zeit finde für eine Praxisstatistik, werde ich das auch mit Zahlen belegen können).
  • Eltern mit einer ADHS haben oft Mühe, die in der verhaltenstherapeutischen Elternberatung erarbeiteten Verhaltensweisen im Familienalltag umzusetzen (z.B. Arbeit mit Belohnungssystemen). Das liegt in diesen Fällen einmal nicht an der Methode, sondern definitiv an den Eltern. Entweder sind die Unterlagen plötzlich unauffindbar oder es wird aufgeschoben auf morgen oder das Ganze geht einfach vergessen.
  • Eltern mit einer ADHS neigen gehäuft dazu, Konsultationstermine spontan umbuchen zu wollen. Urplötzlich steht ein Kindergeburtstag oder ein Besuch der geliebten Tante aus XY an. Da die meisten Praxen und Ambulatorien überlastet sind und über keine „Reserve-Sprechstunden“ verfügen, läuft das meistens darauf hinaus, dass der Sprechstundentermin mit dem Kind oder den Eltern ersatzlos ausfällt. Angesichts der Tatsache, dass die Häufigkeit der Sprechstunden sowieso schon sehr, sehr knapp bemessen werden muss, sind Ausfälle dieser Art definitiv kontraproduktiv.
  • Von Kolleginnen und Kollegen hörte ich gehäuft, dass bei ADHS-Patienten ein besonders hoher Grad an „Absentismus“ vorliegt (gemeint ist das Fernbleiben ohne Abmeldung). In meiner Praxis kann ich das nicht bestätigen. Was hingegen immer wieder vergessen geht, ist die Medikamentenabgabe an die Kinder. Wenn das ein-, zweimal im Monat passiert, ist es problemlos. Wenn es hingegen ein-, zweimal pro Woche vorkommt, dann führt das zu massgeblichen Komplikationen.
  • Eltern mit einer ADHS neigen nicht selten zu superspontanen und nicht immer sehr glücklichen Entscheidungen. Zum Beispiel dann, wenn sie ihr Kind parallel zur Behandlung beim ersten bei einem zweiten Therapeuten oder zweiten Arzt anmelden. Und dies oft, ohne den neuen Arzt zu informieren, dass ihr Kind bereits in einer Therapie steht (oder nur mit Verspätung). Irgendwann sehen diese Eltern schon ein, dass ihr Vorgehen voreilig war, das Chaos aber ist angerichtet. Wer darunter leidet, sind dann die Kinder.
  • Von Kolleginnen und Kollegen hörte ich immer wieder, dass es mit der Zahlungsmoral von Eltern mit ADHS-Kindern nicht immer zum Besten bestellt sei. Therapieabbrüche infolge immer wieder verlauerter Rechnungen sind einfach eine Katastrophe.
  • Eltern mit einer ADHS sind zurecht besorgt um ihre Kinder. Sie informieren sich und wollen immer nur das Beste. Reisserischen Negativmeldungen sind auch sie ausgesetzt und es kommt in der Folge immer wieder einmal dazu, dass die medikamentöse Therapie „heimlich“ oder hochoffiziell abgesetzt wird. Dass sich Eltern speziell bei der medikamentösen Behandlung ihrer Kinder konsumentenkritisch verhalten, ist grundsätzlich als positiv zu werten. Nur sollte bei Aktionen dieser Art nicht das Kind auf der Strecke bleiben. Eltern sollten deswegen einen von ihnen gewünschten Wechsel der Therapie mit dem behandelnden Arzt besprechen, so dass gewährleistet werden kann, dass die Sache nicht im Sand verläuft.

Fazit: Therapeutische Leitlinien sind unpraktisch. Sie blenden relevante und sehr konkrete Rahmenaspekte einer ADHS-Therapie aus und tun so, als würde sich eine ADHS-Therapie quasi in einem schwerelosen Raum abspielen. Das gilt natürlich nicht nur für die Compliance-Frage (auch das Thema Schule beispielsweise wird in den therapeutischen Leitlinien nicht angemessen berücksichtigt). Das Thema Compliance ist aber eine der wesentlichen und für einen Behandlungserfolg der ADHS ausschlaggebende Rahmenbedingung.

Um nicht missverstanden zu werden: Meine Kritik richtet sich nicht an ADHS-Betroffene, sondern an die Kollegen, welche die Leitlinien und Therapiemanuale verfassen.

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Ein Gedanke zu „Konstruktive ADHS-Kritik (Teil 5: Compliance)

  1. snowhopper

    Ich hatte in meiner therapeutischen Begleitung (sowohl Einzeltermine als auch eine AD(H)S-spezifische Gruppentherapie) auch so meine Probleme damit. Angefangen damit, dass ich vergesse, die Medis zu nehmen über das Vergessen der Hausaufgaben bis hin zum Untergang der „erlernten“ Skills im Alltagtrouble…. Ich habe mich zeitweilig deshalb gegen meine Diagnose gewehrt, weil es alles so schwer und ungewohnt ist. Nachdem jetzt allerdings immer mehr Probleme mit den Kindern auftauchen holt mich alles ein.
    Ich hoffe, dass meine Kinder keine AD(H)S-Diagnose bekommen, denn mir würde Folgendes das Genick brechen:
    „Eltern mit einer ADHS haben oft Mühe, die in der verhaltenstherapeutischen Elternberatung erarbeiteten Verhaltensweisen im Familienalltag umzusetzen (z.B. Arbeit mit Belohnungssystemen). Das liegt in diesen Fällen einmal nicht an der Methode, sondern definitiv an den Eltern. Entweder sind die Unterlagen plötzlich unauffindbar oder es wird aufgeschoben auf morgen oder das Ganze geht einfach vergessen.“
    Wir arbeiten auch ohne Diagnose schon mit einem Belohnungssystem, schaffen es aber leider selten kontinuierlich anzuwenden, eben weil es viel Konzentration und bewußtes Handeln benötgt um ein solches System im Alltag zu etablieren. Da bei uns beide Elternteile maximal zerstreut und routine-intolerant sind, ist das zum Scheitern verurteilt.
    Ihre Kritik hat das Problem auf den Punkt gebracht. Danke dafür.

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