Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (und was nicht)

Die meisten erwachsenen ADHS-Betroffenen haben ihrer eigenen Spontaneität gegenüber ein sehr negatives oder zumindest gespaltenes Verhältnis. Kein Wunder: Immerhin mussten sie während Jahren und Jahrzehnten versuchen, ihre syndrombedingte hohe Impulsivität irgendwie unter Kontrolle zu halten. Zusammenreissen, Gegensteuer geben und aufpassen, dass man sich nicht wieder irgendwo reinreitet. Da dies mehrheitlich nicht oder nur mit grösster Anstrengung klappte, haben ADHS-Betroffene meist kein Vertrauen mehr in sich. Nicht anecken und irgendwie durchkommen, wird zur zentralen Bewältigungsstrategie. Das zieht sich bei den meisten ADHS-Betroffenen durch ihr Leben wie ein roter Faden.

Therapie-Geheimnis Nr. 1 heisst: Wieder Vertrauen finden in die eigene Spontaneität. Dies erweist sich aus meinen Erfahrungen bei erwachsenen ADHS-Patienten als therapeutisch viel erfolgreichere Strategie, als alle mir bekannten Skill-Trainings und Selbstmanagement-Therapien.

Diese zielen in letzter Konsequenz nämlich darauf ab, Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung zu verbessern. Genau das ist aber die Strategie, an welcher ADHS-Betroffene aufgrund jahrlanger Erfahrungen scheiterten. Wieso soll es nun plötzlich in einer Therapie funktionieren? Selbstmanagementtherapien für ADHS-Betroffene laufen in vielen Fällen darauf hinaus, einen jahrelangen Konflikt zwischen „Ich weiss schon, kann’s aber eh nicht lange durchziehen“ oder „Ich sollte, aber schaff’s halt doch nicht“ zu verhärten. Vielleicht klappt es mit dem Zusammenreissen nach einem ADHS-Selbstmanagement-Workshop in paar Tage lang. Dann kommt wieder die Leere und das Gefühl, es definitiv nie zu schaffen und nun auch in einer ADHS-Therapie versagt zu haben.

Traurig aber wahr: Selbstmanagementtherapien für ADHS-Betroffene laufen vielfach darauf hinaus, die Tyrannei des Solls und damit die Neigung zu depressiven Reaktionen zu chronifizieren. Auch auf diesbezüglichen ADHS-Ratgeberbüchern müsste meines Erachtens ein Kleber mit einer Warnung von depressiven Nebenwirkungen angebracht werden.

Wieder Vertrauen finden in die eigene Spontaneität. Wie geht das?

Voraussetzung für einen Erfolg der „Vertrauen finden in die eigene Spontaneität“-Therapie ist eine ADHS-Basistherapie. Aufmerksamkeits- und Impulskontrolle müsssen also neurobiologisch wieder mehr oder weniger gut funktionieren. Hierzu sind in der Regel ärztlich verordnete Medikamente erforderlich (Stimulanzien). Voraussetzung Nr. 2 ist in vielen Fällen eine psychotherapeutische Begleitung und/oder das Einbgebettet sein in einer qualifizierten Selbsthilfegruppe.

Vertrauen finden in die eigene Spontaneität kann dann entstehen, wenn ADHS-Betroffene unter therapeutischer Begleitung oder im Rahmen von gegenseitiger Hilfe in einer Selbsthilfegruppe ganz konkret und in kleinen Schritten beginnen, sich im Alltag wieder spontaner zu verhalten. Man lernt etwas nur dann, wenn man es tut.

Konkret kann in der Psychotherapie (oder in Rahmen der Selbsthilfe) folgendes erarbeitet werden: „Wie würde ich mich in welcher Situation verhalten, wenn ich schon etwas mehr Vertrauen in meine Spontaneität hätte? Was würde ich tun, wenn ich mich auf mich ein wenig mehr verlassen könnte.“ Dann wird gehandelt. Natürlich in kleinen, aufbauenden Schritten.

Wenn ADHS-Betroffene dabei die Erfahrung machen, dass sie sich wieder besser auf sich selbst (bzw. auf die mehrheitlich intakte, weil therapeutisch behandelte Impulskontrolle) verlassen können (und diese Erfahrung machen sie unweigerlich), entstehen zwar langsam, dafür aber sicher Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl. Diese positiven Selbstwirksamkeitserfahrungen ermutigen viele von ihnen, dann noch einen Schritt mutiger zu werden.

Begleitet werden dieser Prozess idealerweise durch einen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz. Dabei geht es darum, hindernde Selbstverbalisationen und deren Grundannahmen zu verstehen und zu aktualisieren (mehr dazu später einmal).

Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: „Vertrauen finden in die eigene Spontaneität“-Therapie kann eine medikamentöse Basis-Therapie nicht ersetzen. Im Gegenteil: Gewöhnlich ermöglicht erst eine Behandlung mit Stimulanzien, dass ADHS-Betroffene aus den therapeutisch angeleiteten Erfahrungen lernen können. Ohne medikamentöse Basis-Therapie können sie meistens auch aus positiven Erfahrungen wenig bis nichts lernen.

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3 Gedanken zu „Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (und was nicht)

  1. Elle

    Gibt es ein Beispiel dafür, was es heißen könnte, sich spontaner zu verhalten im Gegensatz zu vorher? Es stimmt, ich würde meinem z.T. sehr nebeligen, dann wieder viel zu überholend schnellen, dann wiederum hyperfokusierten Kopf selten zutraun, den für eine Situation wirklich passenden Impuls oder Einfall zu haben. Und es stimmt auch, dass die dauernde Regulation bzw. der bewußte Anschub leider viel Kraft kosten. Daher habe ich mir unrühmlicherweise möglichst viele Vermeidungsstrategien zugelegt, mit denen ich möglichst oft um kraftzehrende Situationen herumkomme. Entspanntheit und Spontanität kann ich mir bei solchen Sachen wie ‚Haushaltsaufgaben‘ oder Gesprächen mit Menschen, mit denen ich nicht sehr, sehr vertraut bin (wo wegträum-ausfall oder Redeexplosion etwas weniger schlimm wären), fast gar nicht vorstellen.

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  2. Marion

    „…einen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz. Dabei geht es darum, hindernde Selbstverbalisationen und deren Grundannahmen zu verstehen und zu aktualisieren (mehr dazu später einmal).“

    Wenn du mal Zeit hast sehr gerne mehr dazu. Man findet nicht viele Infos dazu im Netz, erst recht nicht in Bezug auf ADHS bei Erwachsenen.

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  3. Karin

    Ja, dies kann ich nur bestätigen. Wobei es erst mal auch darum geht, überhaupt zu realisieren, dass man mit der negativen Selbsteinschätzung danebenliegt. Und wie es dazu kam.

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