Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (Teil 3)

Eine psychotherapeutische Behandlungsmethode, welche sich auch bei der Therapie der ADHS in vielen Fällen bewährt, ist die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie.

Wie so oft bietet Wikipedia auch zu dieser Therapieform gute Informationen. Der Wikipedia-Artikel zeigt auch auf, dass es die kognitive Verhaltenstherapie nicht gibt. Vielmehr besteht diese aus einem theoretischen Grundgerüst, innerhalb dessen verschiedene Methoden zur Anwendung kommen.

Um das Wesentliche der kognitiven Verhaltenstherapie bei der ADHS darzustellen, muss ich etwas ausholen:

In meiner Praxis werden neben Kindern auch Erwachsene mit Verdacht auf ADHS untersucht und behandelt. Viele dieser erwachsenen ADHS-betroffenen Frauen und Männer haben ein Leben lang gekämpft. Und zwar nicht nur mit sich selbst, sondern vor allem mit ihrer Umwelt: Viele sind gekennzeichnet von einem Schultrauma, einem Lerntrauma, einem Lehrertrauma, einem Geschwistertrauma, einem Familientrauma, einem Ausbildungstrauma, einem Arbeitsplatztrauma, Beziehungstrauma, einem Psychologentrauma, einem Kindertrauma, einem Ehemann- oder Ehefrautrauma usw.

Viele von ihnen hörten Dutzende und Aberdutzende  Male, sie sollten sich mehr anstrengen, mehr Willen zeigen, sich endlich zusammenreissen, gefälligst innehalten und zuhören, wenn man mit ihnen redet und nicht immer zu spät kommen, sowie angekündigte oder versprochene Dinge endlich einhalten. Mit einem Wort: Sie sollen das Gegenüber endlich, endlich einmal ernst nehmen. Oder sie sollen bitte, bitte aufhören, Zugesagtes vorsätzlich zu vergessen oder Sachen absichtlich fünfmal zu fragen, nur um andere zu provozieren.

Schon in der Schule bekundeten die meisten meiner erwachsenen ADHS-Patientinnen und -Patienten grosse Mühe, sich Dinge zu merken, der Lehrerin richtig zuzuhören, an einer angefangenen Sache in einem einigermassen vernünftigen Rahmen dranzubleiben und diese auch abzuschliessen. Der am Schulhaus mit dem Mofa vorbeifahrende Postbote, das eine etwas zu kurze Hosenbein des Lehrers oder das Zirpgeräusch beim Öffnen einer Tempo-Taschentuchpackung reichten, um die eigene Aufmerksamkeit vom gerade besprochenen Thema wegzulocken.

Die Folgen all dieser kleinen und grossen verletzenden Erlebnisse für alle ADHS-Betroffenen sind, dass sie rundherum in leibhaftigen und meist schmerzhaften Erfahrungen mehr oder weniger direkt gespiegelt bekommen haben, dass sie auf eine offenbar unangenehme Art anders sind als die anderen, ohne aber selbst wirklich zu verstehen, wie und warum das so ist.

Dann hören, spüren und schlussfolgern sie manchmal schon nach der zweiten Klasse, dass sie dumm sein müssen: Denn wäre dem nicht so, müsste es ja besser gehen in der Schule, in der Ausbildung, in der Erziehung, bei der Organisation der Haushaltsführung oder im Berufsleben. Wenn sie nämlich intelligent genug wären, dann könnten sie Dinge besser planen, würden nicht immer wieder unüberlegte Spontanhandlungen begehen, könnten sich Sachen besser merken, würden mehr denken, bevor sie den Mund aufmachen, wären disziplinierter und viel weniger chaotisch. Mit mehr Intelligenz würden sie sich auch weniger verzetteln oder nicht wie jetzt an unwichtigen Details hängen bleiben, würden die eigenen Kinder einigermassen normal erziehen können, auch einfache Dinge im Haushalt auf die Reihe kriegen und es auch im Beruf eindeutig weiter bringen.

Zudem bekommen ADHS-Betroffene durch ihre Erfahrungen mit dem Umwelt mehr oder weniger rückgemeldet, dass sie faul sind: Menschen, die vieles vor sich herschieben, die schnell ins Trödeln und Träumen kommen, die morgens nicht recht wach werden, denen schnell alles zu viel wird, die sich zurückziehen und aus Überforderung heraus Arbeitspensum reduzieren müssen, welche die Schul-, Alltags- aber auch ihre Lebensaufgaben nicht zeitig anpacken, den Startknopf nie schnell genug finden und eine lange Leitung haben und Menschen, die schon in der Schule den Ruf hatten, Minimalisten zu sein – ja, das sind dann eben die Faulen und im Grunde genommen unfähigen Menschen!

Schliesslich schlussfolgern ADHS-Betroffene durch ihre wiederholten Erfahrungen mit ihrer Umwelt, dass sie schlecht sind, denn sonst würden sie nicht immer wieder anecken, andere (weil sie sich einfach nicht genügend beherrschen können) verletzen und enttäuschen, sich in Auseinandersetzungen verwickeln und Dinge sagen, die sie kurz danach wieder bereuen. Schlecht müssen sie wahrscheinlich auch deswegen sein, weil die anderen ja im Grunde genommen recht haben, wenn sie einem Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit, Gereiztheit oder Unbeherrschtheit vorwerfen. Schliesslich ist ein guter Mensch pünktlich, erinnert sich an Verabredungen, erledigt Versprochenes termingerecht, packt an, verlegt und vergisst nicht dauernd Sachen, lässt sich nicht gleich provozieren, flippt nicht immer gleich aus, verfügt über ein Mindestmass an Geduld und kann sich vor allem beherrschen.

Was hat das alles mit der kognitiven Verhaltenstherapie zu tun?

Festgefahrene Grundannahmen im Sinne automatisierter Denk- und Bewertungsmuster, welche Menschen im Verlaufe ihres Lebens über sich bilden und verinnerlichten, können fatale Folgen haben. Oft schlägt man sich nämlich durch’s Leben mit der ‚unbewussten‘ Angst, dass sich diese verinnerlichten Grundannahmen bewahrheiten könnten:

„Ich muss aufpassen, dass andere nicht merken, wer und wie ich wirklich bin, nämlich Grunde meines Wesens dumm, faul und unfähig. Es wäre eine Katastrophe, wenn andere das entdecken.“

Diese und andere Grundannahmen, welche nicht immer bewusst sind und die Grundlage vieler automatischer Bewertungsprozesse darstellen (welchen dann bedingungslos geglaubt wird), können Menschen in ihrer Entwicklung nachhaltig ausbremsen und zu psychischen Störungen führen. Sie münden zudem häufig in ein Vermeidungsverhalten, welches darauf hinausläuft, dass sich die Grundannahmen zu bestätigen scheinen. Ein Teufelskreis also.

Selbstverständlich hat jeder Mensch seine eigenen Grundannahmen. Die Obengenannten (also „dumm“, „faul“, „schlecht“ und „unfähig“) begegnen mir bei ADHS-Betroffenen allerdings häufig.

Grundannahmen ’sitzen‘. Und wie. Sie sind meist hartnäckig und lösen sich auch mit einer erfolgreichen medikamentösen ADHS-Therapie nicht einfach in Luft aus. Sie können sogar eine testpsychologisch nachweisbar erfolgreiche medikamentöse ADHS-Therapie* überdauern und aushebeln. Dies ist einer der Gründe, wieso erwachsene ADHS-Betroffene nie nur medikamentös, sondern immer auch psychotherapeutisch behandelt werden sollen.

Die kognitive Verhaltenstherapie bedient sich unterschiedlicher Methoden, läuft aber immer darauf hinaus, dysfunktionale Grundannahmen über sich zu erkennen und zu ändern. Und das wird von den Betroffenen oftmals als sehr befreiend erlebt.

Weitere Informationen über Grundannahmen in der kognitiven Verhaltenstherapie finden sich hier.

Der Vollständigkeit halber will ich ergänzen, dass es in der kognitiven Verhaltenstherapie – auch wenn die Bezeichnung so gar nicht danach klingt – sehr wohl auch um Emotionen geht. Dabei geht es dann darum, zu verstehen, welche automatisierten Gedanken den Emotionen zugrunde liegen. Mehr dazu demnächst.

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* Gemeint ist ein testpsychologischer Nachweis, dass unter der Therapie mit Stimulanzien (im Gegensatz zu vorher) die grundlegenden Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen regelrecht arbeiten.

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3 Gedanken zu „Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (Teil 3)

  1. ADHSler , die Verlierer der Kulturevolution - pillepalle

    So ganz verstehe ich das nicht. Entsprechen diese Grundannahmen nicht der Realität? Gut eine Person mit ADS mag zwar normal begabt sein, dennoch ist sie was die von ADHS betroffenen kognitiven Grundlagen des Zuhöhrens, Lernens, Alltagsorganisation, usw….. in einem negativen Sinne stark von der Norm abweichend. Medikamente mögen die Problematik zwar mildern, aber eine volle Symptomreduktion scheint es so gut wie nie zu geben. Ich weiß nicht wie man sich in der heutigen komplexen Gesellschaft des lebenslangen Lernens und der immer stärkeren sozialen Vernetzung, sich nicht als ein Verlierer der Lotterie der Genetik fühlen kann. Dafür ist meiner Meinung nach die Diskrepanz von heutigen Leistungsanforderungen und der möglichen Leistung einer Person mit „richtigem“ ADHS zu groß. Bitte belehrt mich doch eines Besseren…Sorry

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