ADHS ist ein Geschäft

Was ist ADHS bzw. das Hyperkinetische Syndrom? Über kaum eine Frage wird so sehr gestritten, wie über diese banale Frage. Wer (meistens) nicht gefragt wird,  sind die Kinder bzw. Betroffenen selber. Alle möglichen Menschen massen sich eine Meinung zu Fragen der Erziehung, Schule, Psychologie und Psychiatrie an. Alle sind Experten und wissen beispielsweise, dass ADHS nun durch zuviel oder zuwenig Aufmerksamkeit der Eltern, durch Rauchen oder Ernährung, durch Fernsehen oder Magnetstrahlen entsteht. Je nach gerade verkaufter Marktidee oder persönlicher Meinung wird dann gerade das verkauft, was persönlich im Angebot ist.

Dafür wird dann die Pharmaindustrie verteufelt, dass sie Medikamente an den Mann bringen wollen. Weil es ja Kinder sind, die auf Drogen gesetzt werden sollen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin nicht wirklich ein grosser Freund von den Vermarktungsoffensiven der Industrie und natürlich kann man sich darüber aufregen, dass nun angeblich ein Markt für eine Symptomatik geschaffen wird, die man noch vor einigen Jahren als „normal“ angesehen hat.

Dazu müsste man sich genauer anschauen, WIE die Medikation von Ärzten eingesetzt und vor allem im Verlauf überwacht bzw. betreut wird. Aus meiner Sicht liegt hier das Problem, nicht in der Medikation selber.

Aber: Mindestens genauso gross ist der Markt im ADHS-Bereich, der NICHT von der Pharmaindustrie abgedeckt wird. Fast alle Eltern werden erstmal zu Nahrungsergänzungsmittelchen, Hilfsmitteln wie Brainboy oder anderem technischen Schnickschnack ohne nachgewiesenen Sinn und anderen Versprechungen greifen. Und damit nicht nur unnütz Geld, sondern auch Zeit verschwenden und die Kinder therapiemüde machen.

Zu den nicht wirksamen Therapieverfahren bei ADHS gehören leider nun gerade die am häufigsten eingesetzen Verfahren überhaupt. Sei es die Ergotherapie, sei es die analytische Spieltherapie oder aber eben Nahrungsergänzungsmittel. Und (mit Einschränkungen) wohl auch das EEG-Neurofeedback. Alles für sich genommen mehr oder weniger wirkungslos bei ADHS und von der Bundesärztekammer nicht empfohlen. Dafür aber wird dann in den Medien der Eindruck vermittelt, dass hier barmherzige Wunderheiler am Werk sein müsssen, die einen verzweifelten Kampf gegen die Windmühlen der Pharmalobby kämpfen.

Um es klar zu stellen: Ich bin sehr wohl für Ergotherapie. Aber es ist eben FÜR ADHS selber nicht ein etabliertes Verfahren. Sondern für die häufig bei ADHS gleichzeitig anzutreffenden Probleme der Wahrnehmung (sensorische Störungen), Motorik und Koordination. Es ist aber eine merkwürdige Entwicklung, wenn Ergotherapie mit einem rundum-sorglos Paket Versprechungen einer ADHS-Therapie machen, die von Psychotherapeuten nicht gehalten werden könnten (die wesentlich besser ausgebildet sind). Ich war selber im Ausbildungsinstitut von Britta Winter in Wunstorf mitbeteiligt. Das Programm ist mehr oder weniger ein Mischmasch von Allem und Nichts. Elterntraining, Verhaltenstherapie nach Lauth und Schlottke gemischt mit Döpfner und Co. und ein wenig Strategietraining. So wie eine Tour durch Europa für Japaner in 4 Tagen. Und damit in einer Art und Weise sinnfrei, wenn sich die Ergotherapeutin nicht auf ihre eigentlichen Fähigkeiten besinnt und wieder individuell das Kind mit seinen Stärken und individuellen Problemen sieht, statt ein Manualprogramm durchzuhecheln, wie es das Manual von ihr suggeriert.

Ähnliche Kritik könnte man aber auch in anderen Bereichen der ADHS-Rundum-Sorglos-Versorgung setzen. Hallowell bildet jetzt gerade Chiropraktiker aus, was für ADHSler zu tun. Na ja …

Was wird die nächste Kuh sein, die durch das Dorf gescheucht wird ?

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5 Gedanken zu „ADHS ist ein Geschäft

  1. sillly

    na das macht ja mut 😦

    gerade bin ich dabei nach einer VTherapeutIN zu suchen die/der mit mir mein buch „Kognitive Verhaltenstherapie der ADHS des Erwachsenenalters“ durcharbeitet,

    aber wenn ich das so lese, kommt mir der gedanke ob ich nicht lieber eine gruppe selbst gründe um gemeinsam das buch zu durcharbeiten….nach dem motto: gemeinsam sind wir stark…..also wenn in berlin einer interesse hat, dann bitte melden 🙂

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  2. Dr Martin Winkler Autor

    Ich habe übrigens gar nichts gegen Geschäfte und bin der Meinung, dass sich ADHS-Therapie weiterentwickeln soll und muss. Ich habe den Artikel längere Zeit zurückgehalten, weil ich ja selber ungewöhnliche Wege zu ADHS und Dissoziationen (siehe emoflex) gehe, die überhaupt nicht wissenschaftlich abgesichert sind.

    Man mag das als eigene therapeutische Handschrift verklären, oder aber als Zukunft der Therapie. Es ist mir nur wichtig, dass Leitlinien und eben Erfahrungen der Selbsthilfe / Betroffenen nicht invalidisiert werden sondern vielmehr zum Mittelpunkt gemacht werden.

    Wenn in der Öffentlichkeit wiederholt der Eindruck in der Presse vermittelt wird, dass man mit alternativen Therapiemethoden oder vielleicht semi-sinnvollen Methoden wie EEG-Neurofeedback das „böse“ Ritalin ersetzen könnte, so ist das doch schlicht unseriös.

    Sicher ist immer Raum für neue Kühe im Stall. Und man muss auch mal alte Kühe schlachten.

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    1. Marie

      Was wäre denn nun der Weg?
      Natürlich multi-modal und individuell abgestimmt. Klar.
      Aber welche Elemente würde man individuell abstimmen? In welcher Reihenfolge?
      Zuerst Medikamente, um behandelbar zu sein, dann Emoflex, um autonom Stress abbauen zu können, dann ein Coaching, das die individuellen Möglichkeiten und Ziele bestimmt und praktische Wege aufzeigt…? Ergotherapie bei Bedarf… So?

      Ist doch eigentlich wurscht, ob andere allein ihre Profession in den Mittelpunkt rücken, weil sie nichts anderes (denken) können und deshalb das Problem ihrer einzigen Lösung anpassen.
      🙂

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  3. Bettina

    Hallo Herr Winkler, ihre offenen Worte zu dieser Thematik finde ich durchaus angemessen. Eine Ergotherapie in allen Ehren, aber allein mit einer solchen Therapie ist dem Kind oft leider nicht geholfen. Im Zuge unserer klinischen Studien, arbeiten wir tagtäglich mit Kindern zusammen, die bereits eine solche und andere Therapien hinter sich haben und eisern nach alternativen Methoden suchen, die ihnen helfen können. Die Forschung ..welche nun mal häufig von Pharmaunternehmen getragen wird..stellt für die Kinder und Eltern einen bedeutenden Lichtblick dar in Hinblick auf Diagnostik und Therapie. Natürlich haben die Medien ihre Kühe, die sie durchs Dorf scheuchen, aber so bleibt das Thema aktuell und die Pharmaindustrien sind stets bemüht eine bessere, effektivere und für Kinder erträglichere Lösung zu entwickeln und bereit in die ADHS Forschung zu investieren. Also, soll die nächste Kuh doch kommen 😉

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