ADHS-Coach oder Super Nanny?

ADHS-Coach oder Super Nanny?

Zum Thema ADHS-Coaching bei Erwachsenen ist in den Medien mal mehr, mal weniger zu hören und zu lesen. So ganz begriffen habe ich bis heute nicht, was ADHS-Coaching meint. Zum einen liegt das daran, dass ich – abgesehen von wenigen Ausnahmen – bisher mehrheitlich negative Rückmeldungen von Betroffenen erhielt.

So gewann ich den Eindruck, dass während des ADHS-Coachings der mir bekannten Erwachsenen, welche diese Dienstleistungen in Anspruch nahmen, mehrheitlich eine „Verhaltenstherapie-light“ in Kombination mit der Anwendung herkömmlicher Coaching-Ansätze versucht wurde. Ich schreibe ‚versucht‘, weil das Coaching in den mir bekannten Fällen von den Betroffenen bald abgebrochen wurde.

Ich stellte fest, dass die ADHS-Coaches bei ihren Klienten Basis-Kompetenzen im Bereich der Exekutivfunktionen (bzw. eine Lernfähigkeit in diesen Bereichen) voraussetzten, welche bei den meisten ADHS-Betroffenen syndrombedingt einfach nicht vorhanden waren. Oder mit anderen Worten: ADHS-Coaching, so wie es in den mir bekannten Fällen konzipiert und angewandt wurde, könnte vielleicht funktionieren, aber nur unter der Voraussetzung, dass keine ADHS vorliegt. Ein Coaching-Konzept, welches ganz grundlegend konzeptionell und operativ die ADHS-Spezifik im Bereich der Selbststeuerung berücksichtigt, ist mir bis heute nicht begegnet (nehme gerne entsprechende Hinweise entgegen).

Währenddem über ADHS-Coaching und ADHS-Elternberatung ab und zu etwas zu hören ist und entsprechende Dienstleistung im Web angeboten werden, hört und liest man über ADHS-Super -Nannys nichts. Das liegt möglicherweise daran, dass die RTL-Serie „Super Nanny“ nicht nur positive Echos hinterlassen hat.

Ich wäre in meiner psychotherapeutischen Arbeit mit ADHS-Kindern und ADHS-Familien superfroh, mit einer ADHS-erfahrenen Super-Nanny zusammenarbeiten zu können. Diese könnte, meine verhaltenstherapeutische Arbeit in der Sprechstunde ergänzend, vor Ort als Co-Therapeutin ADHS-spezifische, verhaltenstherapeutische Interventionen durchführen. Diese Massnahmen wären Teil des Therapieplanes, würden also auf einer engmaschigen Zusammenarbeit mit dem Verhaltenstherapeuten beruhen. Ich bin überzeugt, dass die Therapie mit ADHS-Kindern und deren Familien kürzer und wirkungsvoller würde.

Leider scheint es diese ADHS-interessierte Super Nanny in meiner Umgebung nicht zu geben. Auch sind mir keine Ausbildungsmöglichkeiten bekannt, welche von Interessierten absolviert werden könnten.

Super wär’s schon …

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6 Gedanken zu „ADHS-Coach oder Super Nanny?

  1. Sybil Kleinmichel

    Ja…da gibt’s etwas. Ich bin in der (Fernstudium) Ausbildung als ADHS Coach, von der ADDCA, ADD Coaching Academy in den USA. Diese Zertifizierung ist auch akkredidiert von der International Coach Federation und mit dem Abschluß bin ich zertifiziert ADD Coach sowie Life Coach. Gerne werde ich mit Psycologen/innen und Psychiater/innen hier in Deutschland Zusammenarbeiten. Falls Interesse besteht, mehr zur meiner Person unter http://www.sycheck.org.

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  2. Unsinnstifter

    Hach Sie haben so schöne Infos am Start!

    Heute fand ich einen aktuelleren Artikel, der sich mit einer Sonderpädagogik-Mitmach-Seite beschäftigt.

    Jetzt stellt sich die Frage, wieso es für Coaches nicht ein Buch gibt, das von Pierro Rossi / Dr. Martin Winkler geschrieben ist? Ich bin gerade mit einer Coachin in der Warmlaufphase und finde kaum Material das ich empfehlen kann und gerade das was hier im Artikel kritisiert wird: Altbackene unpassende Modelle für ADHS Betroffene, die insbesondere syndromtypische Probleme ignorieren, davon gibs ein paar. Aber viel ist das auch nicht gerade …

    Würde ja schon eine kleine Serie Artikel hier im Blog reichen, mit der Reziepentenrichtung an Coaches! Nur von einem Buch hätten Sie beide sicher mehr und so kompetent wie Sie beide sind finden sicher nen Verlag, der passable Bedingungen zum druck liefert!

    Ich weise an dieser Stelle darauf hin, das man durchaus potente Helferlein finden kann, wenn man über persönliches Budget / „betreutes Wohnen“ eine sorgfältige Suche lostritt und einen entsprechenden Antrag beim IHP
    Einfach passende Leute aus der Pädagogen-Ecke anfragen. Wenn diese sich locker flockig zu mehreren Gesprächen vorab treffen mit uns Betroffen, wenn man diese dann an einer Zusammenarbeit interessiert sind obwohl man sie deutlich warnt, das sie neues Lernen müssen um mit einem die ADHS zu managen und sich nicht auf ihre bekannten Strategien alleine verlassen dürfen und wenn diese dann willig sind die Antragswüste des http://www.lvr.de/de IHP 3 durchzukämpfen, dann sollte man soviel Vertrauen aufbringen, das es einen ausgedehnten Versuch wert sein sollte.

    Die Leistungen nach Möglichkeit dann als persönliches zu Budget beantragen, das führt sonst zur Abhängigkeit. Selbst die Klugen unter den ADHSlern sollten das Ausfüllen / Erstellen des Antrages um der Erfolgswarscheinlichkeit willen mit Fachpersonal machen!

    Von den Leistungen könnten dann Leute bezahlt werden die helfend beikommen. Wenn man persönliches Budget bekommt, kann man dann helfende Hände einkaufen und blockierende Mauern einreißen – Egal ob man die selbst aufbaut oder der aktuelle Coach… –

    http://www.lvr.de/de/nav_main/soziales_1/menschenmitbehinderung/wohnen/hilfeplanverfahren_2/hilfeplan/hilfeplan_1.jsp

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  3. Waldsteinie

    Danke für den Bericht – ich fühlte mich schon schuldig, weil es bei mir auch nicht geklappt hat.

    Der erste Versuch war ein Verein zur Hilfe für Messies – ich fiel schon deshalb aus dem Rahmen, weil ich gleich einen Erstbesuch in der Wohnung haben wollte. Hatte diverse Baustellen im Sinne eher kleinerer Handwerksarbeiten, auch dies wurde von dem Verein angeboten!

    Der Helfer kam ich meine Wohnung starrte mich an und fragte, was er bei mir solle. Na ja, ich brauchte nicht wirklich jemanden, der mir sagt, dass man Altpapier in den entsprechenden Container bringen kann. Ich habe den Mann für einen zweiten Besuch abbestellt.

    Langsam begriff ich dann, dass ich in das ADHS-Symptom-Schema passe. Sofort Anruf bei einer Selbsthilfegruppe – mein Leidensdruck war enorm – und leider hatte die soziale Isolation schon ein bedrohliches Ausmaß angenommen.

    Noch am gleichen Tag kam eine Coacherin – selbst Betroffene – auch dies endete in einem Desaster. Geholfen hat sie mir mit einigen Kleinigkeiten, die sie auf Auffoderung sofort in die Hand genommen hat – den Weg zur Lösung musste ich ihr aber aufzeigen.

    Ich habe dieses Coaching schnell abgebrochen, die Ideen waren eine bunte Mischung aus Verhaltenstherapie und Gestalttherapie und mir liefen die Tränen, als ich alles im Detail erklären musste – dies hatte ich schon zu oft erlebt in den vergangenen Jahren.

    Die schlimmste Idee war die mit den Ressourcen, die bei mir jetzt frei gelegt werden mussten. Die Dame bestand darauf, dass diese Arbeit unbedingt notwendig ist und wollte von mir jede Abkürzung usw. erklärt haben.

    Empört war ich nur auf der affektiven Ebene – mein Verstand sagte mir: Die kann es nicht, die ist selbst gefangen in ihrer Idealisierung der Störung, kann kaum bei der Sache bleiben. Besonders belastend für mich war unser intellektuelles Gefälle.

    Fazit: Die Coacherin hat viel gelernt, auch dass sie bei mir die ungeeignete Person ist. Dies erklärte sie mir auch unter Tränen, nachdem sie selbst noch reflektiert hatte. Und die Coacherin hat von mir gelernt, wie man notwendige Adressen von Handwerkern über das Internet erfahren kann.

    Ich blieb frustriert zurück und kam zu dem Schluss, dass meine Aufmerksamkeitstörung sich eben auch in der Auswahl der Helfer bemerkbar macht. Na ja, ich bin schneller geworden, was den Abbruch ungeeigneter Maßnahmen betrifft, mehr aber auch nicht.

    Eine Oma wäre gut! Eine Oma, die auch mal einfach eine notwendige Arbeit mit mir zusammen erledigt, aber mir nicht ständig sagt, wie die Arbeit geht oder wie die Tätigkeiten erüben könne. Einfach gemeinsam tun, nicht ständig belehren und erläutern. Und mir helfen, beim Thema zu bleiben – es wäre ein Segen.

    Solche Coaches sind wohl kaum zu finden. Diese Coacher setzen sich oft aus einem Personenkreis zusammen, der einen bestimmten Dienstleistermangel erkannt und für sich schlau genutzt hat. Die Angebote machen Hoffnung und die Ernüchterung kommt sofort. Oft ist es nur eine Weiterführung bisheriger gescheiterter therapeutischer Bemühungen und diese Therapien beherrschen die Coacher eben nicht.

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  4. Cordula

    Ich habe einige Coaching-Kolleginnen an den Start gehen sehen mit der Vorstellung, sie könnten vor Ort mit ihren Klienten arbeiten, gerade bei ADHS. Sie mussten feststellen, dass erwachsene ADHSler entweder niemanden in ihrer Wohnung haben wollten, der sie dort unterstützt, oder diese Dienstleistung (wie auch dauerhaftes Coaching überhaupt) nicht bezahlen konnten.
    Ich glaube, eine ADHS-Super Nanny würde an den gleichen Hürden scheitern.

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  5. lin

    Sich selber organisieren ist ja immer schwierig, die Fehler beim anderen sieht man viiiel besser.
    So haben eine ADSler-Freundin und ich uns dahingehend geeinigt, dass wir uns gegenseitig coachen.
    Jede hat die Erlaubnis, die andere auf Dinge hinzuweisen, und bei Wunsch das dann auch mit ihr zu ändern, oder zu ändern versuchen. Dieses Konzept finde ich unter Erwachsenen sehr sinnvoll und „stolzerhaltend“. Wir sprechen uns bei Schwierigkeiten mit unseren Therapeuten ab, was leider/natürlich auch schon vorgekommen ist.

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  6. su

    Na, endlich mal jemand, der den Super-Nanny-Gedanken formuliert.

    Ich nenne den, wenn mich jemand fragt, was ich bräuchte, mit schamhaftem Humor die Oma. Die Oma, die vorbeikommt und nachschaut, wie weit man gekommen ist. „Wo klemmt’s denn? … Komm, hol das Ding mal her, wir versuchen es gemeinsam nochmal.“ Weniger die Analyse darüber, warum theoretisches Wissen schwer in die Praxis umzusetzen ist. Das auch noch an einem neutralen Ort, der fern der realen Lebensumstände ist.

    Na, da darf man sich schon ein wenig blöd vorkommen, wenn man mit 43 Jahren auf den Trichter kommt, dass ein Teil (eines mittlerweile ziemlich verkorksten Daseins) zur Lösung die führende Hand einer Super Nanny bzw. Oma wäre.

    Es sieht nach einem optimalen Ansatz aus, dass nicht ein einziger Therapeut, Coach, Arzt oder was auch immer, herangezogen wird, sondern auf ein engmaschiges Netz mehrerer Personen. Mein bisheriger Gedanke, eine einzige Person zu finden, die so viel wie möglich anbietet zu dem was ich insgesamt bräuchte, führte zur Ernüchterung. Führte auch zur Klarheit, dass wirklich alles Benötigte gar nicht bei einem einzelnen Therapeuten zu finden ist.

    Ich halte in jedem Fall das Super-Nanny-Fähnchen hoch. Nun mit etwas weniger Schamgefühl behaftet 🙂

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