Aus dem Fenster gucken

Aus dem Fenster gucken

Viele Lehrpersonen und Eltern meinen, ein ADHS-Kind sollte im Unterricht und daheim beim Lernen möglichst gut vor allen ablenkenden Reizen abgeschirmt werden. Sie wundern sich dann, dass es mit der Konzentration noch schlechter klappt als zuvor.

Vorweggesagt: Es gibt tatsächlich einige wenige ADHS-Betroffene, welche erst unter weitgehender Reizabschirmung in der Lage sind, einigermassen gut und konzentriert zu lernen. Bei der Mehrheit jedoch verhält es sich gerade umgekehrt.

Ich höre von Kindern mit einer ADHS immer wieder, dass ihnen ein gewisses Mass an Ablenkung hilft, sich auf den Unterricht konzentrieren zu können. Tatsächlich kann eine gewisse visuelle Ablenkung und/oder ein akustisches Hintergrundrauschen neuronal stimulieren und zu einer Aktivierung der fokussierten Aufmerksamkeit führen (siehe dazu auch hier).

Wenn Kinder also behaupten, dass sie sehr wohl aus dem Fenster gucken und gleichzeitig der Lehrperson zuhören können, kann das also durchaus zutreffen.

Es lohnt sich, bei jedem ADHS-Kind individuell herauszufinden, wie viel an externer Stimulation gut tut. Es darf nicht zu wenig, aber natürlich auch nicht zu viel sein. Dies kann auch dazu beitragen, dass die Dosierung der Stimulanzien so niedrig wie möglich gehalten werden kann. Ein gewisses Mass an positiver Ablenkung stimuliert und kann die gleiche Wirkung haben wie Stimulanzien.

Konsequent zu Ende gedacht bedeutet dies, dass Schüler-/innen mit einer ADHS ein möglichst kurzweiliger und subjektiv spannender Unterricht geboten werden sollte.

Toll wäre es, wenn all diejenigen, welche so vehement gegen Stimulanzien Sturm laufen, mit dem gleichen Engagement dafür kämpfen würden, dass der Schulunterricht so gestaltet wird, dass er für möglichst viele ADHS-Kinder zu einem stimulierenden Erlebnis wird. Das könnte nämlich in einigen Fällen tatsächlich dazu führen, dass auf eine medikamentöse Therapie verzichtet werden könnte.

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3 Gedanken zu „Aus dem Fenster gucken

  1. lin

    Ich habe gerade gestern mit meinem Sohn über das Thema diskutiert und er brachte folgende Theorie auf, die ich gar nicht schlecht finde: Man öffnet einen Sinneskanal, indem man etwas betrachtet/hört, und ist somit auch mit den anderen Sinnen besser geöffnet. So, wie wenn man das Oeffnen von Schleusen überhaupt zulässt.

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    1. Johanna

      Ich hatte mir das so erklärt, dass es so ist, dass ein Teil des Wassers (wenn man das Beispiel mit den Schleusen und einem Fluss nimmt) quasi umgeleitet wird und in einen Nebenkanal gelenkt wird. Der Hauptarm ist nun weniger überlastet und das Wasser kann besser fließen.
      Die Sinneseindrücke werden besser gebündelt.
      Ohne diese gezielte Bündelung würde das Wasser quasi über die Ufer treten.
      In dem ich mir bewusst erlaube, einen Teil meiner Gedanken, Sinneseindrücke, was auch immer, ablenken zu lassen bzw. zu beschäftigen, durchqueren sie nicht das, was ich eigentlich machen möchte. Wenn ich z.B. Musik nebenher Musik höre, dann kann ich besser nachdenken, weil meine Gedanken weniger abschweifen, weil dieser abschweifende Teil meines Gehirns mit dem Hören der Musik beschäftigt ist. So stelle ich mir das vor.

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      1. Kilian Felber

        Zitat: „weil dieser abschweifende Teil meines Gehirns mit dem Hören der Musik beschäftigt ist. “

        Erst dadurch dass du das jetzt schreibst ist mir das richtig Bewusst geworden.
        Für mich macht das eindeutig Sinn.

        Es spielt bei mir auch eine wesentliche rolle ob ich die Ablenkung will oder nicht.
        Das heisst, wenn ich lerne und dazu willentlich Musik höre funktioniert das super.

        Arbeite ich aber an Computer im Betrieb, und Telefone schellen und Leute reden,
        kann ich mich unmöglich gut konzentrieren und werde innerlich sehr nervös.

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