Risiken der medikamentösen ADHS-Therapie?

Immer wieder werde ich von Eltern meiner jungen ADHS-Patienten nach den Risiken einer medikamentösen Therapie befragt. Ich verweise die Eltern dabei jeweils an den behandelnden Arzt, da ich als Psychologe nicht qualifiziert bin, zu Fragen dieser Art kompetent Stellung zu beziehen.

Selbstverständlich stelle aber auch ich mir immer wieder die Frage nach möglichen unerwünschten Neben- und Langzeiteffekten einer Therapie mit Stimulanzien.

Festhalten kann ich, dass ich selbst in den letzten fünfzehn Jahren weder direkt noch indirekt (also via Informationen von befreundeten medizinischen und psychologischen Fachkollegen) feststellte, bzw. vernahm, dass die medikamentöse ADHS-Therapie zu Schädigungen des Kindes führte (und zwar weder psychisch noch somatisch).

Ein Blick auf die gegenwärtige Studienlage zeigt zweierlei:

  1. Die meisten Studien stützen sich auf eine kurzfristige Behandlungsevaluation. Langzeiteffekte sind weniger gut dokumentiert. Bei den drei grossen Studien, welche sich über mehrere Jahre erstreckten (MTA-, Raine- und Rochester-Studie), sind die Resultate widersprüchlich ausgefallen, und sind – wie wahrscheinlich zu Recht bemängelt wird – mit z.T. erheblichen methodischen Schwächen verbunden.
  2. Langzeitstudien gehen mit grossen methodischen Herausforderungen einher (Abgrenzung vom Krankheitsverlauf an sich sowie von anderen Einflussfaktoren etc.). Auch stellen sich doch etwelche ethische Probleme: Eine randomisiert kontrollierte Studie über mehrere Jahre würde ja bedeuten, dass ein Teil der ADHS-Patienten mit Placebo behandelt werden müsste, was angesichts der bestens belegten Wirksamkeit von Stimulanzien bei ADHS nicht realisierbar ist.

Schwerpunktmässig gibt es heute bei der Therapie mit Stimulanzien in folgenden zwei Bereichen Bedenken i.S. unerwünschter Arzneimittelwirkung:

  1. Eine Therapie mit Stimulanzien kann das Grössenwachstum negativ beeinflussen (muss es aber nicht). Welche Relevanz dies hat hinsichtlich der Entwicklung anderer Funktionen, ist m.E. bis heute unklar. Allfällige geringe Einbussen in der Körperhöhenentwicklung werden von ADHS-Experten als nicht gravierend eingeschätzt. Fraglich dabei ist, worauf sich diese Autoren in ihrer Beurteilung abstützen. Zumal m.W. keine Studien vorliegen, welche diesbezüglich eine empirisch abgestützte Aussage erlauben würden.
  2. Der zweite Punkt betrifft kardiovaskuläre Risiken. Wie Martin u.a. hier schon darlegte, gibt es wenig Evidenz für ernste kardiologische Risiken. Für mich ist die Aussagekraft der mir bekannten Publikationen mit etwelchen Fragezeichnen behaftet. Wenn von „ernsten Risiken/Schäden“ gesprochen wird, frage ich mich, welches denn die „kleineren“ Schäden/Risiken sind. Aussagen hierüber sind mir nicht bekannt (was natürlich nicht heisst, dass dieses Thema, bzw. diese Fragen sehr wohl bereits geklärt wurden). Auch bezüglich möglicher Herzprobleme stellt sich mir die Frage, wie Experten ohne Langzeitstudien zu so klaren Aussagen kommen können.

Die Autoren dieses Berichtes schreiben in Bezugnahme auf mögliche kardiologische Risiken Folgendes:

„Wir können (…) nicht ausschliessen, dass die für Patienten, Eltern und uns Ärzten erfreulichen Erfolge bezüglich der Verringerung der Hyperaktivität und der Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistung teuer erkauft sind (….). Da wir mit dieser Unsicherheit leben müssen, sollten wir sie auch offen benennen.“

Ich teile diese Einschätzung.

Nur: Festzuhalten ist in diesem Zusammenhang genauso, dass gemäss heutigem Wissenstand bei Vorliegen einer ADHS und fachgerechter Indikationsstellung der Verzicht auf eine Therapie mit Stimulanzien mit erheblichen vitalen Risiken behaftet ist (bei Kindern unter anderem wegen dem nachweislich stark erhöhten Risiko, wegen Konzentrationsproblemen und Impulsivität in Verkehrsunfälle verwickelt zu werden). Diese Risiken übersteigen meines Wissens (und wiederum gemäss heutigem Wissenstand) theoretisch mögliche Langzeitrisiken, welche mit der Einnahme von Stimulanzien verbunden sein könnten.

Die wahren Risiken der ADHS-Pharmakotherapie liegen sehr wahrscheinlich weniger in der Anwendung dieser Medikamente an sich, sondern vielmehr

  • in der nicht immer korrekten Indikationsstellung (Diagnostik ist nach wie vor einer der grossen Schwachpunkte),
  • in der unsorgfältigen Einstellung der Dosierung,
  • in der oftmals fehlenden therapeutischen Begleitung (und dem dadurch beförderten Trend zur Selbstdispensation /Eigenmedikation)
  • in Hochdosisbehandlungen
  • und schliesslich im oft fehlenden Monitoring.

Soweit meine Meinung zum Thema Risiken der medikamentösen ADHS-Therapie.

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2 Gedanken zu „Risiken der medikamentösen ADHS-Therapie?

  1. Pingback: Herzensangelegenheit (wiedereinmal) « ADHS-Spektrum: Neues und Altes aus der ADHS-Welt

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