ADHS-Grenzen, Gerechtigkeit, Gleichmässigkeit, Gelassenheit

Kinder erziehen ist eine Aufgabe, die man aktiv angehen muss. Sich also einmischen muss.
ADHS-Kinder zu erziehen ist eine Herausforderung, die man meist vom ersten Tag des Lebens bis weit in das Erwachsenenalter meistern soll. Leider meistens ohne eine wirkliche „Bedienungsanleitung“, so dass die Eltern häufig eben über Versuch und Irrtum schlau werden müssen. Übliche Erziehungsratgeber mögen da schlau klingen, helfen aber selten weiter.

ADHS ist nicht durch mangelnde oder schlechte Erziehung erklärbar. Aber natürlich benötigen Kinder Grenzen. Schon allein, um diese testen und auch mal überschreiten zu können. Ausprobieren, wie weit man gehen kann, ist nicht nur bei Tieren bzw. im Spiel eine wichtige Lernaufgabe.

Leider misslingt dieses Ausprobieren bei ADHS-Kindern häufiger und ihre Umwelt bewertet dann das Verhalten gerne als böswillig oder mutwillig. Schon allein wenn Wutanfälle oder auch nur die Regulation der groben Kraft zu Scherben führt, oder aber der Papa (oder die Grosseltern) in ihrem Ruhebedürfnis gestört werden, ist ein Konflikt vorprogrammiert. Wie so viele Dinge machen ADHS-Kinder (gerade auch bei Vorliegen von Komorbiditäten wie Störung mit opp. Trotzverhalten) auch das Ausprobieren von Grenzen „überdeutlich“ und selten situationsangepasst. Kein Kind mit ADHS möchte bewusst immer stören oder macht mit Absicht Fehler, bzw. hat ein heimliches Vergnügen, länger bei den Hausaufgaben oder Korrekturen zu sitzen als die Gleichaltrigen. Die ADHS-Kinder leiden unter ihren häufig lange nicht erkannten Problemen der Selbststeuerung und Aufmerksamkeit, und müssen sich statt Hilfe eben häufig auch noch Vorwürfe anhören.
ADHS-Kinder benötigen meist keine Erklärungen oder Geschwafel mit moralisierendem Tonfall, Blick oder sarkastischem Inhalt, sondern klares und konsequentes Handeln der Bezugspersonen.

Klar , d.h. mit (über)deutlichen Signalen und dem Festlegen einer zeitnahen Grenze. Und möglichst mit positiven Verhaltenserwartungen, d.h. einer Aussage, WIE man sich denn richtig verhalten soll.

Ob dies nun im 1-Sekunden-Intervall eines Fritz Jansen erfolgen muss, sei dahingestellt. Aber sicher nicht Stunden oder Tage später die alten Kamellen von früher aufwärmen (und doch nicht klären, da man noch erregt ist). Erklärungen bzw. Besprechen des Problemverhaltens immer NACH Abklingen der Erregung, und möglichst nicht vor versammelter Klasse oder Familie, damit das Kind bzw. Jugendliche nicht noch extra blossgestellt wird und vor Scham im Boden versinkt.

ADHS-Kinder (und Erwachsene) brauchen also klare Grenzen. Nur müssen diese Grenzen eben auch konsequent und möglichst für alle Familienmitglieder gelten und nicht ständig nach emotionalem Befinden der Eltern bzw. des Kindes neu umdefiniert werden. Wenn man also Konsequenzen ankündigt, müssen diese auch umgesetzt werden.

Hier geht es (auch) um Gerechtigkeit. Häufig sind Eltern, die selber ADHS haben, eben ungerecht, weil sie mal so und mal so vorgehen. Gerade die Geschwisterkinder werden dann mit anderem Blickwinkel und häufig einer anderen (weniger genervten) Voraktivierung bewertet. Was zu Ungereimtheiten und subjektiv empfundenem Ungerechtigkeitsempfinden führt. Darauf reagieren aber ADHS-Kids „allergisch“, bzw. erst recht mit Trotz und Verweigerung. Übrigens habe ich es unter meinen Patientinnen erlebt, dass gerade bei bisher guten Schülern es als sehr ungerecht empfunden wird, wenn sie nicht dauerhaft gelobt, bzw. motiviert werden. Die Anstrengungsbereitschaft sollte aber eben sowohl bei den „hyperaktiven“ Problemschülern, wie auch den „stillen“, aber scheinbar fleissigen Hypos, immer und immer wieder erfolgen. Hier gilt das Ziel der Gleichmässigkeit in der Erziehung. Also nicht nur zum Motivieren mal Loben, sondern ständig am Ball bleiben. Das ist ein Kardinalfehler in der Erziehung, bzw. Betreuung, die auch gerne die Lehrer machen. Scheinbar können viele ADS-Kinder ja in der Anfangsphase super Leistungen erbringen, lassen dann aber „stark nach“. Meistens, weil sie sich nicht mehr von der Lehrerin oder den Eltern „gesehen“ fühlen.

Ich habe derzeit einige Patientinnen (nicht nur mit ADHS), bei denen im frühen Kindesalter aufgrund ihrer (vermutlich auch bei hoher Grundintelligenz) Experimentierfreude und Gewitztheit das Ausprobieren im Alter zwischen 3 und 8 Jahren zu wiederholten Problemen führte. Statt dann aber aktiv Grenzen zu setzen, haben die Eltern mit Moralisieren, Schimpfen und ständig gleichen Appellen an die „Vernunft“ reagiert. Nun mag das bei Geschwisterkindern oder „Stinos“ ja helfen. Aber kindgerecht ist es so oder so nicht.

Neben der neurobiologischen Grunddisposition hat gerade dieses abwertende Moralisieren bei den Kindern deutliche Wunden hinterlassen, die nicht abheilen, da die Eltern und später weitere Bezugspersonen, immer und immer wieder in diese Kerben hineinstechen. „Du weisst doch, wie du dich verhalten solltest, warum tust du es dann nicht“…. Oder „Du kannst es doch, wenn du nur willst“….
Wäre ja schön, wenn dies den Kindern und später Jugendlichen konsistent, d.h. gleichmässig und auch bei emotionaler negativer Voraktivierung bzw. befürchteter Kritik gelingen würde. Tut es aber leider nicht. Und leider ändern sich (ohne professionelle Hilfestellung) auch die Mamas und Papas in ihren ständigen negativen Kommentaren und Moralpredigten nicht, so dass sich eine ganz erhebliche Kommunikationsstörung entwickeln kann.

Ich habe es jetzt mehrfach erlebt, dass sich diese Kinder dann dysfunktional anpassen müssen. Sie können ja nicht nicht reagieren. Sie können aber auch nicht einfach von zu Hause, bzw. diesen wenig hilfreichen Handlungserwartungen, denen sie neurobiologisch nicht gewachsen sind, entkommen.

Nun wissen wir, dass viele ADHS-Kinder zwar eigentlich wollen, aber manchmal einfach nicht so wollen können, wie sie es wollen sollen (diese Erkenntnis habe ich von Corrie Neuhaus).

Da sie ihre Gefühle und Impulse nicht gut regulieren können, werden diese quasi weggedrückt, nicht mehr offen gezeigt. Was aber letztlich nur kurzfristig hilft und langfristig zu einer inneren Anspannung und der Entwicklung von sekundären Erkrankungen, wie beispielsweise Essstörungen oder aber anderen Impulskontrollstörungen führt. Oder schlicht und ergreifend zu Gefühlsausbrüchen und Verhaltensexzessen, die scheinbar so völlig unvorbereitet wie ein Vulkanausbruch auftreten.

Gerade dann brauchen sie einen gleichmässigen und unaufgeregten Handlungsstil der Bezugspersonen. Also lieber zum hundertsten Mal eine Nachfrage und Erklärung erlauben, bzw. sogar stimulieren, als zu sagen : „Das habe ich dir doch schon 2 mal erklärt, hörst du denn nie zu?“.

Aber für das syndromtypische Verständnis von ADHS ist eben Gelassenheit das Gebot der Stunde. Das ist ja allein deshalb so schwer, weil eben meist ein oder mehrere Familienmitglieder auch ADHS-Betroffene sind. Also sich schneller aufregen und nur langsamer wieder zum normalen Erregungsniveau zurückfinden. Eine „Balou-der-Bär“ Haltung wäre prima…

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6 Gedanken zu „ADHS-Grenzen, Gerechtigkeit, Gleichmässigkeit, Gelassenheit

  1. Jutta

    Es geht ja auch nicht um „gedankenloses abarbeiten von Listen“, sondern um Kindern/Jugendlichen/Erwachsenen mit AD(H)S eine Art Grundgerüst zu geben in dem er/es sich bewegen kann.

    Durch die Reizfilterschwäche und den mangelnden executiv Funktionen ist die Planbarkeit und Organisation des eigenen Lebens oft doch ein regelrechtes Durcheinander. Ordnende Strukturen die das Chaos etwas strukturieren werden dann oft als sehr hilfreich empfunden

    Es geht darum für den ADHSler ein auf ihn abgestimmtes Strukturkonzept zu schaffen und nicht darum ihn in eine abstrakte „To Do-Liste“ zu pressen.

    Es geht nicht darum die Kreativität oder die Phantasie des Betreffenden zu beschneiden, sondern ihm/ihr zu ermöglichen mehr als das verschwommene Bild „einer 26 spurigen Autobahn im Gehirn“ (so erlebe ich es oft) wahrzunehmen und nicht von Chaos zu Chaos zustolpern.

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  2. Jutta

    Der Beitrag spricht mir auch total aus der Seele.
    Ich finde mich darin sowohl als Kind und dann Jugendliche, auch jetzt als Erwachsene wieder.

    Ich merke immer wieder wie wohl es mir tut, wenn Andere mir sachlich und „unaufgeregt“ ( schönes Wort! ) begegnen und wertschätzend. Von Menschen, die so mit mir umgehen, kann ich gut Hilfe annehmen.

    Wohingegen ich auf Sätze wie „Du musst aber….“ oder „Wie sieht es denn hier aus?“ regelrecht allergisch reagiere.

    LG, Jutta

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Mit Voraktivierung meine ich die Erfahrung, dass viele (alle?) ADHSler eben durch eine Person, oder aber eine Aufgabe bzw. Herausforderung motiviert werden. Sie laufen quasi „warm“ wie eine Art Diesel-Motor, der eben auch vorglühen muss.

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  3. Ren

    Hmm… dieser Beitrag reizt mich irgendwie zum Widerspruch .
    Vielleicht, weil ich selbst so meine Probleme mit starren Systemen habe…Listen etc. sind mir ein Gräuel.
    Grenzen hingegen nicht. Diese können auch innerer Art sein und in Form von Werten bestehen…eine positive Haltung sich und anderen gegenüber, Respekt sich und anderen gegenüber ( damit meine ich kein stramm stehen ) und diese müssen wirklich für alle gelten und verläßlich sein. Ja, Moral gehört da auch zu.

    Einige wenige Pflichten ein unbedingtes MUSS: zur Schule gehen, zur Arbeit gehen usw. Vieles drum herum geht ab und an mal im Chaos unter. Das darf es auch.

    Gedankenlos Listen ab arbeiten, das lernen die Kids in der Schule schon genug.

    Selber Schwerpunkte für sich finden, dafür braucht man diese inneren Grenzen / Haltung .

    Dann schafft man es eher, für sich den besten Weg zu wählen.

    Und ADHSler sollen ja unschlagbar sein, wenn sie etwas wirklich wollen 🙂

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  4. papillonindigo

    Diese text spricht mich aus die seele! Ich habe zwar keine kindern, aber war früher auch mal kind und alles was beschrieben ist kommt mich bekannt vor… Meine Eltern wussten eben nicht besser und die lehrer eben auch nicht.

    Als ich 18 jährig wird, hat es auch nicht aufgehört da ich nicht in der schule, aber am arbeit mich anpassen musste und ähnliche ADS-mist gebaut hatte… Heute, mit 40 jahre kann ich meine vorgesetzte besser erklären dass kritik an meine arbeit besser sofort ist wenn der fehler endeckt ist als nach ein woche wenn es sich angestaut hat. Auch dass ich wissen möchte was gut gemacht war und vor allem wissen muss was konkret falsch war und wie der gewünsche vorgehenweise ist…

    Mein (vergessliche) partner probiere ich auf mühsam klar zu machen wie eine gewünsche verhalten von mich (daran denken der licht zu löschen) zu bekomme ist. Sicher nicht mit selber machen und 1 mal die woche sich beschwerden.

    Es war keine einfache arbeit, da ich eben schon vorbelastet bin mit eine haufen misserfolgen und verletzungen. Aber es ist nie zu spät mit der umfeld zu reden.

    Ich kann denken dass es für eltern schon eine hürde ist zu lernen mit ihre ADS-kinder zu umgehen und dann noch einiges die lehrer zu erklären (immer wieder dass es sich ja ändert).

    lg

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