Ritalin-Ferien?

Zur Urlaubszeit stellen sich viele Eltern die Frage, ob während der Sommerferien mit der medikamentösen Therapie ihrer Kinder pausiert werden soll oder nicht. Auch wir sind mit diesen Fragen immer wieder konfrontiert und können zusammenfassend folgende Tipps geben:

  1. Besprechen Sie diese Frage rechtzeitig vor den Ferien mit dem Arzt, welcher Ihrem Kind das Stimulans verschreibt.
  2. Bei der langfristigen Einnahme von Stimulanzien wurde früher eine Toleranzentwicklung befürchtet, welche eine Gewöhnung und eine Abhängigkeitsentwicklung zur Folge haben könnte. Diese Befürchtung hat sich nicht bestätigt. Kinder und Jugendliche mit einer ADHS und gegebener Indikation für eine Therapie mit Medikamenten sollten auch in der schulfreien Zeit nicht auf Methylphenidat verzichten müssen. Gerade in der Freizeit und im familiären Kontext ist ein intaktes Aufmerksamkeitssystem und eine mehr oder weniger gut funktionierende „innere Bremse“ (= Impulskontrolle) für die Persönlichkeitsentwicklung der von einer ADHS betroffenen Kinder von zentraler Bedeutung.
  3. Eine pauschal gültige Antwort auf die Frage, ob Stimulanzien im Urlaub abgesetzt werden sollen oder nicht, gibt es nicht. Während einige ADHS-Kinder auf Reisen durch all das Neue und Interessante positiv stimuliert und dadurch „normalisiert“ werden, ist bei anderen Kindern mit einer ADHS ein Urlaub ohne Stimulanzien undenkbar. Erforderlich ist einmal mehr eine individuelle Beurteilung.
  4. Wenn davon ausgegangen werden kann, dass mit der Medikamentenpause dem Kind nicht geschadet wird (z.B. durch ein allenfalls erhöhtes Unfallrisiko in der medikamentenfreien Zeit oder durch eine massive Zunahme von Streitereien), sind Ritalin-Ferien also durchaus zu erwägen (wie in Punkt 1 ausgeführt aber nur nach Absprache mit der für die Therapie verantwortlichen ärztlichen Fachperson).
  5. Bei Reisen ins Ausland müssen gesetzliche Bestimmungen beachtet werden. Informationen für Deutschland gibt es hier. Und hier die Angaben dazu für Schweizer (Reisen in den Scheengener-Raum, Reisen in der Rest der Welt). Spezialrezepte sind auch wichtig, falls das Reisegepäck mit den Medikamenten verloren gehen sollte.
  6. Wird das Medikament in den Ferien abgesetzt, so empfehlen die meisten Ärzte, dass dies nicht abrupt erfolgen soll. Gewöhnlich wird über eine Woche verteilt die Dosis stufenweise reduziert. Auch die Wiederaufnahme der Therapie vor Schulbeginn erfolgt meistens gestuft. Aus pharmkologischer und klinischer Sicht ist ein „Ausschleichen“ indes nicht erforderlich. Einmal, weil die Halbwertszeit aller Stimulanzien sehr kurz ist. Dann zeigt die Erfahrung, dass es selbst beim Vergessen der Einnahme eines Retard-Präparates von höherer Dosierung (z.B. Concerta 54mg) zu keinerlei „Entzugssymptomen“ kommt. Ausserdem bedeutet eine Halbierung der Dosierung ja nicht, dass sich die Wirkung des Medikamentes um 50% reduziert (diese bleibt dann ganz aus). Es sind also vorwiegend „psychologische“ Gründe, welche ein stufenweises Aus- und Wiedereinschleichen begründen und nicht pharmakologische Notwendigkeiten. Details müssen mit der für die Therapie verantwortlichen ärztlichen Fachperson abgesprochen werden.
  7. Auch ausserhalb der Ferienzeiten sollte wenigstens einmal pro Jahr ein kontrollierter Auslassversuch geplant werden. Bei der Therapie von Kindern mit einer ADHS sollte immer nach dem Grundsatz: „So wenig wie möglich, so viel wie nötig; so kurz wie möglich, so lang wie nötig“ erfolgen. Ärztlich kontrollierte Auslassversuche können dabei helfen, den richtigen Zeitpunkt für den Abschluss der medikamentösen ADHS-Therapie nicht zu verpassen.
  8. Hyperaktive Kinder sind bekanntlich oft draussen und „auf Achse“. Das gilt erst recht für die Urlaubszeiten. Diese Kinder sind daher verstärkt den Ultraviolett-Anteilen in der Sonnenstrahlung ausgesetzt. Es ist bekannt, dass Sonnenbrände, insbesondere in der Kindheit, das Risiko für ein malignes Melanom signifikant erhöhen. Eine Vorsorge mit Sonnenschutzmitteln, Mützen, Brillen, Nackenschutz, Sonnenschirmen usw. tut not. Da meist „Action“ an der Tagesordnung ist, schwitzen einige ADHS-Kinder vermehrt. Dies erfordert immer dann, wenn diese Kinder oft draussen in der Sonne herumtollen, ein häufigeres Aufbringen von Sonnenschutzcremes.
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3 Gedanken zu „Ritalin-Ferien?

  1. Michael

    Also ich als Vater kann nur empfehlen das Medikament in den Ferien weiterzunehmen. Wir haben es gerade durch, da wir uns der Folgen nicht bewusst waren. Das entlud sich dann in einem extremen Gefühlsausbruch. Allerdings kommt gerade noch die Pubertät hinzu. Mehrer Faktoren führten dann zu einem Crash. Wir dachten erst, was passiert hier gerade, wir waren völlig ratlos, da wir unser Kind so nicht kannten, auch vor Beginn der Behandlung war er so nie drauf. Entweder hätten wir mit dem Medikament nie anfangen dürfen oder müssen jetzt eben darauf achten dass die regelmäßige Einnahme gewährleistet ist. Es kann jedes Kind anders auf eine Pause reagieren, aber ich möchte sowas nicht nochmal erleben und kann nur jedem empfehlen wenn der Arzt nichts von einer Pause erwähnt dann macht auch keine… Es ist nun mal keine Vitamintablette, dieses Medikament bewirkt schon einiges im Körper.

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