Hohe Intelligenz dank Ritalin?

Vorgestern sah ich den neunjährigen Oliver* in der Sprechstunde. Ich kenne den Knaben seit Januar 2012. Bei ihm liegen eine ADHS und eine Rechtschreibschwäche vor. Es erfolgten eine Verhaltenstherapie, eine medikamentöse Therapie sowie ein qualifiziertes Rechtschreibtraining bei einer auf ADHS-Kinder spezialisierten Lerntherapeutin.

Als Oliver und seine Mutter die Praxis betraten, sah ich, dass der Knabe gerötete Augen hatte. Die Mutter gab mir zu verstehen, dass sie zuerst allein mit mir sprechen möchte. So bat ich sie ins Sprechzimmer, wo sie mir dann Folgendes berichtete:

Oliver hat am Mittwoch das Zeugnis erhalten. Er ist in allen Fächern eine halbe bis eine ganze Note besser geworden. Seit dem gehe es ihm nicht gut. Er sage, dass sei nicht sein Zeugnis, er habe das nicht verdient. Das sei alles nur wegen der Tablette. Die Mutter berichtete, bisher erfolglos versucht zu haben, dies Oliver auszureden. Deswegen sei es auf der Herfahrt im Auto wieder zu Tränen gekommen.

Anschliessend bat ich Oliver ins Sprechzimmer. Er wirkte immer noch recht niedergeschlagen. Die Kopie des Zeugnisses vor mir liegend, gratulierte ich ihm für seinen Einsatz und seinen Schulerfolg.

Oliver taute langsam auf. Es zeigte sich, wie auch schon bei früheren Gesprächen, dass der Knabe das Medikament an sich gut tolerierte und weder unerwünschte Nebenwirkungen, noch irgend ein Unwohlsein vorlagen. Schliesslich stellte sich heraus, dass Oliver seinen guten Leistungen einfach noch nicht traute.

Dass er plötzlich so gut sei in der Schule, könne doch gar nicht möglich sein. Da stimmte etwas nicht, erklärte mir der übrigens sehr intelligente Knabe sehr bestimmt. Das sei alles nur wegen der Pille.

Die Stimmung des Knaben besserte sich im Gesprächsverlauf zunehmend und ich fragte Oliver alsbald, ob er denn schon mal eine Tablette mit Händen zum Schreiben gesehen habe? Oder eine Pille mit Augen zum Lesen? Oder eine mit einem Gehirn zum Nachdenken? Oliver, ein schlauer Kerl, schaltete sofort: „Aha!“, sagte er und schwieg einen Moment lang. „Stimmt eigentlich“ murmelte er dann vor sich hin.

Ich ergriff dann seine rechte Hand und sagte:

Diese Hand hält den Füller und schreibt die Tests und Prüfungen – und nicht die Pille“. „Und diese Augen lesen einen Text – oder hast Du schon mal eine Pille mit Augen gesehen?“

Oliver strahlte. Er wirkte sichtlich erleichtert. Ich war’s auch.

Es kommt immer wieder einmal vor, dass Kinder mit einer ADHS, welche auf die Therapie schnell und gut ansprechen, überrascht sind über die zahlreichen und schnellen positiven Veränderungen. Die Kinder gewöhnen sich normalerweise schnell daran, dass sie nunmehr Schulleistungen erbringen können, welche für sie „stimmen“ und für welche sie sich nicht mehr zu schämen brauchen. Die persönliche Verunsicherung durch die lange ungerechtfertigt schwachen Schulleistungen war einfach auch bei Oliver sehr hoch.

Stimulanzien machen nicht intelligenter. Sie können einem Kind aber helfen, Schulleistungen zu erbringen, welche ihrem IQ und ihrer Motivation entsprechen. Für das Kind ist das enorm wichtig, weil erwartungswidrige schulische Minderleistungen Kinder psychisch meistens sehr stark belasten und weil ausgewogene Schulleistungen eine der wichtigsten Quellen der Seelennahrung für Kinder darstellen.

Selbstverständlich ist die medikamentöse Behandlung ausschliesslich für Kinder mit einer ADHS, bei Vorliegen einer sorgfältigen Indikationsstellung und nur im Rahmen einer multimodalen Therapie gerechtfertigt. Wenn den erwartungswidrigen schulischen Minderleistungen andere Ursachen zugrunde liegen, sind andere Massnahmen erforderlich. Eine Entscheidung darüber erfordert immer eine gründliche Abklärung.

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* Name und andere Hinweise, welche zur Identifizierung des beschriebenen Kindes führen könnten, wurden selbstverständlich abgeändert.

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2 Gedanken zu „Hohe Intelligenz dank Ritalin?

  1. Harold Godwinson

    Dies ist natürlich nicht ganz richtig, da es eine „reine“ Intelligenz nicht gibt. Intelligenz ist immer auch die Fähigkeit zur Problemlösung in Zeit. Deswegen muss man schon zugeben, dass ein Medikament, dass die Konzentration eines Kindes unterstützt, dieses zeitweise intelligenter macht.

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  2. Sinnstifter

    Das hängt wohl eng mit dem Gedanken zusammen, der mir viele Punkte seit ich über meine ADHS Diagnose weiß, zusammenführt. Dieses Gefühl im falschen Körper zu sein, im falschen Leben, im falschen Handeln, also die fehlende Identifikation mit dem eigenen Leib, Denken, Fühlen, Handeln.
    Eine tiefe Diskrepanz zwischen der inneren Persönlichkeit, dem eigentlich Wesentlichen des Menschen, und der realen Wirklichkeit eines ungelebten Lebens in dem Sinne, das das, was man will, anpeilt, erschaffen möchte, für Betroffene nicht machbar bleibt und so keine Identifikationsmerkmale mit dem eigenen Selbst möglich werden, ausser negativer Komponenten des Versagens, des Widersprüchlich-Seins, das nicht Eins-Seins mit dem eigentlichen Menschen der man sein möchte. Im Grunde ist man Alien im eigenen Körper, in der eigenen inneren Selbstwahrnehmung.

    Hier schön veranschaulicht im Mißtrauen des Kindes zu sich selbst, wenn dieser Konflikt aufhört.

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