Ergotherapie bei ADHS?

Über die Wirksamkeit der Ergotherapie bei der Behandlung der ADHS herrscht bisweilen Unklarheit. Gemäss aktueller Studienlage handelt es sich bei Ergotherapie – soweit überblickbar – nicht um eine spezifisch wirksame Therapie der ADHS.

Da ich in meiner psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS öfters eine Ergotherapie empfehle und dabei gute Erfahrungen mache, will ich im Folgenden auf die Frage der Wirksamkeit bzw. der fehlenden Wirksamkeit der Ergotherapie bei Vorliegen einer ADHS näher eingehen.

  1. Ergotherapie ist nicht gleich Ergotherapie, so wie Psychotherapie nicht gleich Psychotherapie oder Pharmakotherapie nicht gleich Pharmakotherapie ist. Entscheidend ist, welche therapeutischen Interventionen in welchem Gesamttherapieplan erfolgen.
  2. In der Schweiz haben sich einige Ergotherapeutinnen auf die Arbeit mit ADHS-Kindern spezialisiert. Ergänzend zu verhaltenstherapeutischen und medikamentösen Behandlungen der ADHS und abhängig von den je individuellen Diagnosen und Indikationsstellungen erfolgen in einer Ergotherapie beispielsweise therapeutische Interventionen zur Förderung verschiedener Exekutivfunktionen. Da ich bei zahlreichen der von mir überwiesenen Patienten Verlaufsuntersuchungen durchführe, kann ich gestützt auf Rückmeldungen der Kinder, deren Eltern und Lehrpersonen sowie auf Basis von Testresultaten (Vergleich vor, während und nach der Ergotherapie) festhalten (und belegen), dass sich die ergotherapeutischen Massnahmen bei meinen jungen Patientinnen und Patienten bis jetzt in den meisten Fällen – Forschungsstand hin oder her – als wirksam erwiesen haben.
  3. Ergotherapie als alleinige Behandlungsform der ADHS ist sicher fehl am Platz, als Teil einer multimodalen Behandlung der ADHS kann sie hingegen eine wichtige Rolle spielen. Beispiel: Bekanntlich bestehen bei der ADHS oftmals komorbide Probleme. So sehe ich gehäuft, dass neben der ADHS-Problematik auch leichte Formen einer nonverbalen Lernstörung vorliegen können. Vor allem räumlich-konstruktive Kompetenzen sind bei ADHS-Kindern nicht immer altersentsprechend entwickelt. Je nach Ausprägungsgrad kann dies unter anderem zu Schwächen beim Erwerb von mathematischen Basiskompezenten führen. Bei Kindern mit diesen (und anderen) komorbid bestehenden Teilleistungsschwächen erweisen sich begleitende ergotherapeutische Massnahmen geradezu als unerlässlich. Zu erwähnen ist hierbei, dass es dabei im Grund genommen um neuropsychologische Therapien handelt. Mangels neuropsychologischen Therapieplätzen und aufgrund der Tatsache, dass sich zahlreiche Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten schon lange auch mit neurokognitiven Störungsbildern befassen (Raumverarbeitungsstörungen, Behandlung von Patienten mit Störungen der Exekutivfunktionen usw.), bin ich froh, Kinder bei entsprechender Indikation an qualifizierte Ergotherapeuten überweisen zu können.
  4. Bezüglich der Forschungsresultate hinsichtlich der Wirksamkeit von Therapien bei Vorliegen einer ADHS muss man sich immer vor Augen halten, dass diese Studien kostenaufwendig sind und irgendwie finanziert werden müssen. Forschung ist leider auch i.S. ADHS überwiegend an „Interessen“ gebunden. Ein erheblicher Teil der Finanzierung der ADHS-Forschung erfolgt direkt oder indirekt durch die Pharmaindustrie. Es darf daher nicht verwundern, dass hinsichtlich der Wirksamkeit der medikamentösen ADHS-Therapie viele, bezüglich der ADHS-Behandlung mit anderen Verfahren hingegen vergleichsweise wenige Studien (und dementsprechend wenig positiv ausfallende Forschungsresultate) vorliegen.
  5. Keine Berücksichtigung findet in der ADHS-Forschung m.W. bisher die Tatsache, dass in der Therapie von Kindern mit einer ADHS die „gute Chemie“ zwischen Patient und Behandler eine immens grosse Rolle spielt. Stimmt also die „Chemie“ zwischen Kind und der Lehrperson, dem Therapeuten und/oder dem Arzt, kann dies eine tolle „Aufwärtspirale“ einleiten. Da eine Ergotherapie in der Regel in wöchentlichen Abständen erfolgt, die Therapeutin das Kind also häufig sieht, besteht die Chance, dass eine therapeutisch hochwirksame Beziehung entstehen kann, von welcher das betroffene Kind sehr zu profitieren vermag. Dies setzt unter anderem voraus, dass die Ergotherapeutinnen sich auch i.S. ADHS sehr gut auskennen und sich in ihrer Arbeit mit ADHS-Betroffenen wenn möglich von einer Fachperson supervidieren lassen.
  6. Grundsätzlich: Die Ergotherapie wird  – wie andere psychologische oder medizinische Behandlungsformen auch  – wissenschaftlich immer wieder untersucht. Zur Wirksamkeit, (Kosten-)Effektivität und Nutzen ergotherapeutischen Handelns liegen sehr viele Studien vor. Es handelt sich bei der Ergotherapie also ganz generell um eine anerkannte und bewährte Therapieform.
  7. Das eigentliche Problem besteht meines Erachtens nicht in der bei der ADHS angeblich unwirksamen Ergotherapie, sondern bei der jeder Therapie vorausgehenden klinischen und testpsychologischen Diagnostik, in welcher mögliche Komorbiditäten (also therapierelevante Begleitprobleme psychischer, kognitiver oder psychosozialer Natur) oftmals noch viel zu wenig Berücksichtigung finden. Folge: Die ADHS wird (medikamentös) behandelt, Begleitprobleme hingegen nicht (da sie im diagnostischen Prozess gar nicht erfasst wurden)*. Dies mit der Folge, dass es dem betroffenen Kind nicht wirklich besser geht. Ursache dafür ist unter anderem der Trend der letzten Jahre, Diagnosen und Symptome statt Menschen zu behandeln.

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* Wie eine Diagnostik bei Verdacht auf Vorliegen einer ADHS ablaufen sollte, haben wir hier beschrieben.

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