Gewöhnungseffekte bei MPH-Langzeitpräparaten?

Bei ‚Second Opinion‘-Untersuchungen höre ich von Müttern ADHS-betroffener Kinder immer wieder einmal, dass die Verhaltens- und Lernprobleme nach der Umstellung auf Langzeitpräparate (z.B. Concerta) langsam wieder zugenommen haben. Auch erwachsene ADHS-Patienten berichten mir davon. Die Dosierung sei dann wiederholt angepasst, also erhöht worden, was dann aber jeweils nur während vier bis ca. acht Wochen für eine Verbesserung gesorgt habe.

Hintergrund der nachlassenden Wirkung ist meistens der Umstand, dass sich bei den länger wirkenden Stimulanzien in einigen wenigen Fällen Gewöhnungseffekte einstellen können. Da Eltern (und viele ärztliche Kollegen) nicht mit einer langsam abnehmenden Wirkung des Stimulans rechneten, schlichen sich in diesen Fällen wieder eine ganze Reihe von Problemen ein. Und dies, ohne dass dabei jemand auf die Idee kam, es könnte mit dem neuen Medikament zusammenhängen. Meistens wird in diesen Fällen einmal mehr den Kindern und ihrem angeblich fehlenden Willen die Schuld für die Verschlechterung in die Schuhe geschoben.

Zugegeben, die traditionelle Formulierung der drei bis vier Stunden wirkenden Stimulanzien ist nicht immer praktisch. Vor allem dann, wenn Kinder sogenannte Rebound-Effekte zeigen (deutliche Zunahme der Symptomatik beim Nachlassen der Wirkung). Oder etwa dann, wenn Mütter, bei denen selbst eine ADHS vorliegt, immer wieder vergessen, dem Kind am Mittag (und gegebenenfalls auch nachmittags nach der Schule) das Medikament zu geben.

Wenn keine Probleme dieser Art vorliegen, sollte eine Umstellung auf länger wirkende Stimulanzien sehr gut überlegt werden. Immerhin wurden bei den kurz wirkenden Stimulanzien m.W. nie Gewöhnungseffekte beobachtet. Auch kann die Dosierung genauer eingestellt werden, als bei den neuen Medikamenten, welche nur noch einmal täglich eingenommen werden müssen. Ausserdem sind die herkömmlichen Stimulanzien sehr viel günstiger als die neuen Hightech-Stimulanzien (welche übrigens den gleichen Wirkstoff wie das „alte“ Ritalin, nämlich Methylphenidat, enthalten).

Grundsätzlich sollte nicht nur bei der Eingangsdiagnostik, sondern auch immer dann, wenn an eine Änderung der Dosierung oder einen Wechsel des Medikamentes gedacht wird, die Indikation hierfür sorgfältig geprüft werden.

Braucht es wirklich Medikamente? Sind andere therapeutische Interventionen nicht besser geeignet, um das Therapieziel zu erreichen? Was benötigt das Kind ergänzend zur medikamentösen Therapie? Leider, so meine Beobachtungen in den letzten Jahren, bleibt im Versorgungsalltag vom Anspruch einer multimodalen ADHS-Therapie – ausser der medikamentösen Behandlung – nicht eben viel übrig.

5 Kommentare zu „Gewöhnungseffekte bei MPH-Langzeitpräparaten?

  1. Ich bin über diese Antwort nicht erstaunt , da z.B. von der Firma MEDICE wird empfohlen das MPH nicht auf Dauer an zu wenden:
    „Langzeitbehandlung – MEDIKINET ADULT sollte und muss nicht für immer angewendet werden. Falls Sie MEDIKINET ADULT länger als ein Jahr einnehmen, sollte Ihr Arzt die Behandlung mindestens einmal jährlich zeitweise absetzen. Damit kann überprüft werden, ob die Behandlung noch erforderlich ist. “ (Quelle MEDICE – http://www.medice.de/produkte/adhs/medikinetae-adult)
    Auch mein Behandelter Facharzt ist dieser Meinung!

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  2. Ich nehme seit mehr als zwei Jahren die gleiche Dosis Langzeitmedikament. Mein Sohn seit ca 3 Jahren.
    Mein Sohn (18) nahm es am Anfang während der Ferien nicht, nach ca 2 Jahren doch. Dies, weil er als antriebsloser Träumer erkannte so seine Ferien besser zu geniessen.
    Das hat ja eher mit der gewechselten Wahrnehmung zu tun, er weiss jetzt wie er mit Concerta glücklich lebt.
    Und ich nerve wohl weil ich dies schon öfters erwähnte. Durch einen starken Eisenmangel spürte ich im Frühjahr eine krasse Abnahme der Wirkung meines Concertas.
    Seit der Eisenmangel behoben ist, wirkt Concerta wieder mit normaler Dosis. Man sollte also bei plötzlichem nachlassen der Wirkung auch an andere körperliche Ursachen denken.

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  3. Bei mir wurde Anfang dieses Jahres AD(H)S im Erwachsenenalter diagnostiziert. In meiner Kindheit war ADS kaum bekannt, sonst wäre mir vielleicht viel erspart geblieben.

    Die Medikation mit Methylphenidat führte bei mir zu wunderbaren Erfahrungen, als hätten sich Türen und Tore in eine mir verborgene Welt geöffnet. Ich konnte mich das erste mal in meinem Leben richtig entspannen und war z. B. auch erstmalig in der Lage, einen längeren Film zu genießen. Natürlich gibt es viel mehr positive Aspekte, deren ausführliche Beschreibung hier fehl am Platz wäre.

    Jedoch kann auch ich einen gewissen Gewöhnungseffekt bestätigen. Allerdings halte ich diese Gewöhnung für einen natürlichen Effekt, der nichts damit zu tun hat, daß dieses Medikament nicht mehr oder weniger effektiv wirkt. Es ist eher so, daß der neue Zustand eben zunehmend als der normale Zustand wahrgenommen wird.

    Zwar arbeitet das Hirn nun weitestgehend so wie es sollte, doch auf psychischer Ebene sind die gesammelten Erfahrungen und die daraus resultierenden Denk- und Handlungsmuster aus der Zeit ohne Diagnose und Medikation nicht verschwunden und weiterhin aktiv.

    Eben diese Gewöhnung an die positive Wirkung von Methylphenidat bei geleichzeitig weiterhin bestehender „AD(H)S-Psyche“ könnte meines Erachtens durchaus mit einer nachlassenden Wirkung des Präparats verwechselt werden.

    Dies wurde mir klar, als ich irgendwann an der Wirkung von Metylphenidat zu zweifeln anfing, kurz darauf wegen einer Magen-Darm-Erkrankung die Einnahme der Tabletten aussetzte und ganz deutlich wieder die geballte ADS-Sympomatik zu spüren bekam.

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  4. Pingback: Anonymous

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