Videospiele für ADHS-Therapie?

„Hast Du heute schon deine Videospiele gespielt? Wie häufig muss ich dich noch ermahnen, dass Du dich endlich vor den Computer setzt und dein Spiel spielst?“

Stehen wir Eltern vor neuen Zeiten in der ADHS-Therapie?

So oder so ähnlich könnten die Ermahnungen und Aufforderungen zum mindestens zweimal wöchentlichen Spielen eines ADHS-Spiels lauten, wenn man einer amerikanischen Firma glauben schenken mag. Danach soll Hyperaktivität und Ablenkbarkeit durch ein Videospiel zu beeinflussen sein. Siehe hier.

In dem Artikel wird auch eine kleine „Studie“ über wenige Wochen gezeigt, die einen bleibenden Effekt zeigen will. Allerdings überzeugt mich persönlich die beigefügte Grafik nicht wirklich, da die Effekte doch eher zu gering scheinen und eine Wirkung eher in der „addierten“ Kurve zu sehen ist.

Aber egal. Viele Eltern werden bereit sein, „mental games“ mit in die Therapie einzubeziehen und auch einige Experten aus dem ADHS-Bereich sprechen sich für den Einsatz von Computerspielen bei ADHS zum Hirnfunktionstraining ein.

Von meinem Blog-Kollegen Piero Rossi weiss ich, dass sich aus seiner klinischen Erfahrung Computer- und Videogames in keiner Weise eignen, ADHS-Symptome zu reduzieren. Selbst das von deutschen Hirnforschern entwickelte ADHS-Spiel „TAIL„, mit welchem es angeblich möglich sein soll, ADHS-Symprome zu reduzieren, habe sich bei seinen Patienten – nach nunmehr mehrjährigen Erfahrungen  – therapeutisch als wirkungslos erwiesen.

Auch die Frage, ob ein gezielte Training des Arbeitsgedächtnisses (beispielsweise mit Cogmed) einen nachhaltigen Effekt hat, ist höchst umstritten. Nun gibt es zwar Studien, die das zu belegen meinen. Aber der Preis dafür ist extrem hoch und der Transfer in den Alltag noch ganz und gar nicht gesichert.

Nun mögen sich diverse PC-Spiele durchaus eignen, um  sehr gezielt diverse Probleme zu bearbeiten und zu verbessern. Man hat z.B. bei der Dyslexie/Dyskalkulie inzwischen eine gute Auswahl an Übungsprogrammen, die diverse Probleme angehen. Sie machen durchaus Sinn, wenn es ums „Automatisieren erlernen“ von Abläufen geht oder auch der Erkennung an sich von Schriftbildern oder Symbolen wie in der Mathematik.

Für ADHS-ler braucht es auch nicht unbedingt ein TAIL-Programm, es gibt genug andere und vor allem günstigere Spiele, die ebenso konzentrations- und geduldfördernd sind (oder sein sollen).

Obiger Einführungssatz ist aber natürlich Gift für jede Therapie! Solche PC-Übungen können nur dann auch Erfolg haben, wenn sie spielerisch und nicht unter Therapiedruck oder -zwang angewendet werden!

Ich habe bis heute nur wenige Kinder erlebt, die eine Therapie gerne machen. Der Hauptgrund dafür ist, dass jegliche Therapie den Kindern bewusst macht, dass sie anders sind, ein Problem haben oder schlicht nicht so einfach wie andere Kinder sind. Das nagt auch unterschwellig an den Kindern, denn sie möchten eigentlich nichts lieber, als so sein wie die anderen Gleichaltrigen, die scheinbar keine Probleme haben.

Worauf ich hinaus will, ist, dass ein Umdenken auch bei den Eltern nötig ist. Es ist klar, dass es eine schwierige und ständige Gratwanderung ist und viele Eltern evtl. auch zuviel und zu schnell  Veränderungen vom Kind erwarten.

Die ideale Therapie für mich besteht inzwischen darin, dass das Kind Hilfe bekommt, es auch realisiert, dass ihm das gut tut, es aber nicht als Therapie versteht.

Therapie hat selbst für junge Kinder immer einen schlechten Beigeschmack, nämlich den, dass sie aus irgendwelchem Grund auch immer, nicht irgendwelchen Anforderungen entsprechen. Wenn immer möglich, sollten also diverse Trainings- oder Therapiebausteine per se spielerisch und ohne Therapiedruck behandelt werden.

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