Ergotherapie hilft nicht bei ADHS

So deutlich habe ich es noch nirgendwo gelesen wie in dem Interview mit Prof. Romanos von der Kinder- und Jugendpsychiatrie Würzburg:

Von der Ergotherapie wissen wir bereits, dass sie überhaupt nicht hilft, sie hat keinen Effekt. Andere Länder haben sie aus dem Behandlungskatalog herausgenommen, weil sie bei ADHS nicht wirkt

Zugegeben, darum ging es ja nicht schwerpunktmässig im Interview. Aber Fakt ist, dass eben rauf und runter Ergotherapie über die Kinder gegossen wird. Stattdessen müsste aber geschaut werden, welche Kinder mit ADHS-Konstitution denn eine Ergotherapie und / oder motorisches Training / sensorische Integrationstherapie benötigen.

Ich bin überhaupt kein Gegner von Ergotherapie. Mein Sohn hat beispielsweise erhebliche motorische und sensorische Probleme im Sinne einer Dyspraxie bzw. einer sensorischen Integrationsproblematik. Da hilft neben elterlicher Eigenintiative (z.B. Trampolin, viel Anregung für Bewegungsspiele und Wahrnehmungsübungen, viel Spielen an der frischen Luft etc.) eben sehr gut die Ergo. So hat sich seine Muskelspannung verbessert, die Tonusregulation nicht nur der Muskeln, sondern auch der Sprache ist wesentlich besser. Er wird „geschickter“ und hat damit auch viel mehr Spass, sich in entsprechenden Spielen weiter zu verbessern.

Nur: Ergotherapie hilft eben nicht GEGEN ADHS. Entgegen den immer wieder zu hörenden Behauptungen wird eben die Kernsymptomatik der ADHS-Problematik überhaupt nicht anders, wenn ich 20, 40 oder nochmehr Stunden Ergotherapie rezeptiere.

Unabhängig davon, dass die Ergotherapie zur direkten und zentralen Behandlung der ADHS-Symtomatik ungeeignet ist, kann diese bei gegebener Indikation im Rahmen einer multimodalen ADHS-Therapie durchaus Sinn machen. Siehe dazu auch den Beitrag von Piero zu diesem Thema.

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12 Gedanken zu „Ergotherapie hilft nicht bei ADHS

  1. Laura

    Es ist sehr schade, welch negativen Erfahrungen viele Eltern und Kinder mit der Ergotherapie in Bezug auf ADHS/ADS machten. Ich selbst bin Ergotherapeutin und bin immer wieder schockiert, welche Methoden in manchen Praxen angewendet werden. Da ist es kein Wunder, dass es zu der Aussage kommt, Ergotherapie habe keine Wirkung.. Ich kann einmal kurz aus meinem Praxisalltag mit solcherlei Alltagsschwierigkeiten berichten:
    Ziel der Ergotherapie ist es bei einer solchen Diagnose, zuerst einmal gemeinsame Ziele festzulegen. Die betroffenen Eltern und Kinder werden meist mit der Diagnose alleinegelassen, haben kaum Aufklärung und Information erhalten. Viele Familien äußern daher zunächst das Bedürfnis, über den Umgang und den förderlichen Alltag mit einem „solchen Kind“ aufgeklärt und dabei unterstützt zu werden.
    Maßnahmen:
    – „runder Tisch mit Lehrer/in und Eltern“, um Alltagsschwierigkeiten zu evaluieren
    – Assessment, welches dem Kind selbst (je nach Alter und Bewusstsein für das Problem) die Möglichkeit bietet, über Schwierigkeiten zu berichten
    – Anwendung einer „Verhaltensliste“ –> 3 Ziele, bspw. „Erlernen eines förderlichen Umgangs und Schaffung eines förderlichen Alltags für das Kind“, „Das Kind erlernt Strategien, Handlungen im Alltag sinnvoll zu strukturieren und zu organisieren“, „Das Kind erlernt Strategien zur erfolgreicheren Aufnahme von Sinnesreizen“
    – Literaturtipps an Eltern und Kinder (schöne Bücher auch für das Kind selbst auf dem Markt)

    Aus diesen Informationen können dann auf die Familie und das Kind individuell zugeschnittene Maßnahmen erfolgen, um eine nachhaltige Verbesserung der Handlungsschwierigkeiten des Kindes zu erreichen.
    Fazit: Kind und Eltern müssen erfahren und erlernen, wie sie das zukünftige Zusammenleben gestalten und nutzen können, um dem Kind den Alltag erleichtern zu können. Hierzu sind erfahrungsgemäß ca. 20 Einheiten notwendig, um das Bewusstsein von Eltern und Kind erreicht und geweckt zu haben, sodass sie in Zukunft selbstwirksam werden können.
    Nur dann ist eine Ergotherapie erfolgreich und sinnvoll

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Volle Zustimmung. Ich ärgere mich seit Jahren bzw. jetzt Jahrzehnten über die „Institutionen“ in der Ergotherapie, die quasi die Stärken des eigenen Fachs quasi gar nicht nutzen, sondern letztlich unsinnige Manuale und Maßnahmen propagieren, die eine Beleidigung für die Fachkompetenz jeder Ergotherapeutin darstellt.

      Aber sie lassen sich halt leichter verordnen.

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  2. Ion

    Die Behauptung, Ergotherapie bei AD(H)S sei unwirksam, ist so Unsinnig wie die Frage, ob Ergotherapie bei AD(H)S wirksam ist.
    Die richtige Frage ist: welche Ergotherapeutischen Verfahren helfen bei AD(H)S, und welche nicht.
    Bzw. Spezifischer: Welche Ergotherapie hilft bei diesem bestimmten AD(H)S.
    Wenn ein bedeutender Anteil an bisherigen Methoden dabei versagt – dann entwickelt man eben bessere.
    Aber rein vom Prinzip her ist Ergotherapie in meinen Augen so grundlegend beim Thema AD(H)S: Es geht um praktische herangehensweisen an Probleme, konkrete Betätigung – ,es geht um das, was bei AD(H)S probleme bereitet.

    Auf meine Ergotherapeutin schwöre ich. In der Praxis hat sich unsere Arbeit an vielen Stellen zu einer Art Coaching entwickelt. (zu Anfang hatten wir noch keine Ahnung von meinem AD(H)S, insofern war es Glück, dass sie schwerpunktmäßig mit AD(H)S arbeitet)
    Ja, auch das kann Ergotherapie sein.
    Wenn das adäquate Hilfsverfahren für AD(H)S in Coaching besteht, dann wird Ergotherapie für AD(H)S das eben abbilden müssen. Und dann entwickelt sich Ergotherapie bei AD(H)S eben hin zu von der Krankenkasse bezahltem Coaching.

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  3. Schaffrin

    Hallo Frau Marianne Flückiger Bösch!
    Ja, es wurden insofern Ziele gesteckt, das ihr motorisch sowie auch sozial – emotional geholfen werden sollte und sie motorisch feiner werden sollte bzw. ihr oppositionelle „Art“ etwas besser werden sollte…. ich wurde in fast jeder Ergostunde mit einbezogen, war zu 98% immer mit dabei, was ich ehrlichgesagt nicht so gut befunden habe, da so ja die Mama immer als Rückzugsort anwesend war…. nach etlichen Stunden wurde das dann auch endlich mal bestätigt und so fand dann zum Schluss nur noch jede 2. Stunde mit mir statt….
    Ich könnte Ihnen etliche Geschichten erzählen von den Therapiestunden, wo Ihnen die Haare hochgehen würden, da sagte schon mein normaler “ Mütterinstinkt „, das diese Einheit absoluter Käse war! Nur ein kleines Beispiel:
    Es wurde eine Kissenburg erstellt, damit, wenn meine Tochter zu unruhig wurde, sich darin “ auspowern “ konnte. Im Prinzip ne gute Idee, ABER nicht bei meiner Tochter! Sie bauschte sich nochmehr auf!! Das habe ich auch damals angemerkt! Nein, ich war ja schliesslich kein Therapeut und daher wurde es gemacht….. das Ende vom Lied, Tochter drehte dann komplett ab, war nicht mehr zu beruhigen, Therapiestunde zu Ende und die Therapeutin hatte meine Tochter auch nicht mehr auf den Teppich bekommen! Anziehen? Keine Chance! Da gab man mir die Klamotten, nach dem Motto, jetzt machen Sie mal…. die nächsten Kunden warten!
    Nach einer endlosen Zeit “ schleifte “ ich meine Tochter da raus und hatte dann im Auto die Möglichkeit sie endlich anzuziehen…..
    Das nächste Mal wurde mir dann vorgehalten, das ich wohl etwas überfordert mit der Situation war!!! Was war mit mit der Therapeutin?? Die ja wohl auch und schuld an dieser Misere war ja auch wohl die Praxis… ich hatte vor gewarnt!
    Das ist nur kleines Beispiel von dem, was mir in 2 versch. Praxen und div. Therapeuten untergekommen ist.

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  4. leidenschaftlichwidersynnig

    Wir haben die Praxisräume recht schnell gegen einen Ponyhof, die Praxisküche gegen die eigene usw. eingetauscht. Dabei haben ICH wertvolle Tips für das werkeln, basteln usw. mit dem Kind bekommen und etliche Bücher inhaliert.
    Von dieser qualifizierten Unterstützung/ Begleitung im wahren Leben müsste es viel mehr geben. Am besten ohne an Mutti gekoppelt zu sein.
    Aber ich träume schon wieder.

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  5. Schaffrin

    Wir haben auch mit unserer Tochter laaaange Ergo( motorisch, emotional – sozial ) hinter uns, ohne Therapiepause,sie galt als Härtefall… was es uns gebracht hat??? NICHTS!!! Wir haben 2x die Praxis gewechselt, geändert hat es nichts, im Gegenteil, sie hatte keine Freude dran und hat alles verweigert! Meistens hatte sie vorher es schon mit Ansage gemacht, da sie es hasste, dort hinzugehen! Das Ende vom Lied, wir selbst haben das Chaos beendet und die Ergo abgebrochen, wir wollten es mit Therapiereiten versuchen und habe bei der Krankenkasse vorsichtig angefragt, ob die sich evtl. beteiligen würden, eine klare Absage. Das das Therapiereiten was bringt, liegt auf der Hand, das die Ergo nichts bringt, lag bei uns genauso auf der Hand, ich fragte die Krankenkasse, warum sie teures Geld für die Ergo bezahlen aber nichts für das Therapiereiten, das hiess es, Ergo würde nachweislich helfen und steht im Heilmittelkatalog, das Therapiereiten bringt nachweislich nichts und steht deshalb nicht im Heilmittelkatalog…. was soll ich dazu sagen….

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    1. Marianne Flückiger Bösch, Dipl. Ergotherapeutin HF

      Guten Abend
      Darf ich nachfragen, ob die Ergotherapeutin mit Ihnen und Ihrem Kind zu Beginn der Therapie Ziele vereinbart hat? Dies ist eine wichtige Massnahme, um Sie und Ihr Kind bei Ihren Sorgen und Alltagsschwierigkeiten abzuholen und gezielt an den Themen zu arbeiten. Passiert dies, abgestützt auf einer sorgfältig durchgeführten Diagnostik beim Kinderarzt/Kinderpsychiater/Psychologen und anschliessend bei der Ergotherapeutin darf mit erfreulichen, nachweisbaren Fortschritten gerechnet werden. Wichtig sind regelmässige Elterngespräche, auch zusammen mit anderen Fachpersonen und der stete Feinabgleich mit den Zielen und weiteren Wünschen der Klienten, den messbaren Fortschritten und dem noch bestehenden Therapiebedarf.
      Ergotherapie ist nicht in jedem Fall von ADHS die massgeschneiderte Therapie. Ergotherapie sollte dann eingeleitet werden, wenn das Kind/der Jugendliche Schwierigkeiten beim Planen und Umsetzen von Handlungen, nachweislich verminderte fein- und/oder grobmotorische Koordinationsschwierigkeiten hat, z.B. die räumliche Wahrnehmung und Verarbeitung vermindert ist und das Kind dadurch in seiner Selbständigkeit eingeschränkt ist oder dadurch nicht an altersgerechten Aktivitäten teilhaben kann. Eine gute Beziehung zwischen der Ergotherapeutin, dem Kind und Ihnen als Eltern ist zudem ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Therapie.
      Siehe dazu die neue Informationsbroschüre von elpos Schweiz: „Das hilft bei ADHS“, weitere Informationen im Blog.

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      1. Dr Martin Winkler Autor

        Nur 3 Klarstellungen zum Anfang :
        1. Mein Sohn hat keine ADHS-Diagnose, sondern „nur“ eine Dyspraxie bzw. eine allgemeine Entwicklungs- und Sprachverzögerungsproblematik. Das könnte locker auch mit ADS aufgehen, er zeigt aber eben nicht die klassischen Diagnosemerkmale.
        2. Ich bin ein sehr grosser Anhänger der Ergotherapie. Meine Schwester ist Ergotherapeutin, ich selber habe u.a. auch in der Schweiz schon tolle Fortbildungen für Ergotherapeuten im Bereich ADHS erlebt bzw. war als Referent eingeladen.
        3. Es geht mir eben gerade darum, dass Ergotherapie ein individuell auf das Kind (Jugendlichen oder Erwachsenen) massgeschneidertes Programm ist, keine Konfektionsware nach Manual bzw. für ALLE. Das ist aber in Deutschland leider zur Regel geworden. Es wird erstmal pauschal 20 oder 40 h Ergo aufgeschrieben, weil ja keine Kinder- und Jugendpsychotherapie zeitnah verfügbar ist bzw. die Eltern für ein Elterntraining keine Zeit, kein Geld oder keine Lust haben. Dann bieten Ergotherapeutinnen eine „Art“ Elterntraining an.

        Ich sehe sehr wohl, dass viele ADHS-Kinder Bedarf für Ergotherapie haben. Ich bin da Anhänger von ESSENCE von Prof. Gilberg, der eben gerade die Früherkennung und Frühbehandlung von neuropsychologischen bzw. neuropsychiatrischen Besonderheiten fordert. Da sind viele Ergotherapeuten weit besser als Kinderpsychiater. Im Kern glaube ich sogar, dass Ergotherapeuten von der Herangehensweise der Ergotherapie an sich, vielleicht sogar am besten geeignet wären. Nur wird es eben nicht so praktiziert.

        Wenn ein Kind eine räumliche Wahrnehmungsstörung, zusammen mit Dyskalkulie hat, sind dann soziale Wahrnehmungsstörungen fast unweigerlich die Folge. Diese Kinder sehe ich dann (wenn sie Mädchen sind) später als „essgestörte“ Patientinnen in der Klinik wieder. Sicher wäre es hier sinnvoll gewesen, wenn man frühzeitig die Defizite registriert und behandelt hätte, statt zu hoffen, dass es sich „auswächst“ oder eben nicht so schlimm ist.

        Insofern finde ich Ihren Kommentar hundertprozentig richtig.

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  6. lin

    Ich habe mich lange gewundert, was Ergotherapie denn bei ADS soll. Danke für den Beitrag.
    (Wir haben als Kinder übrigens immer basteln müssen und mir half die Selbstverständlichkeit, dass man das eben einfach kann. Also einen Nagel einschlagen, etwas sauber bemalen, sich in allen Reparaturen zu helfen wissen. Viele „Normale“ heute haben diese Sebstverständlichkeit ja nicht (mehr).)

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  7. melli

    ich schleich jetzt mal, …. mich bei meiner tochter entschuldigen, für die vielen stunden an erfotherapie zu denen sie gar keine lust hatte, und die auch keine sichtbare wirkung hatten, außer ihr freizeit zu stehlen

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  8. Erdrandbewohner

    Ich kann natürlich nichts zur Wirksamkeit der Ergotherapie bei AD(H)S im Kindesalter sagen. Ich habe keine Kinder mit AD(H)S und bei mir wurde AD(H)S erst vor etwa einem dreiviertel Jahr diagnostiziert.

    Aber ich kann berichten, daß mir Ergotherapie sehr wohl hilft. Es hilft mir, mein AD(H)S sehr genau kennenzulernen und damit kreativ umzugehen.

    Was die Ergotherapeutin und ich machen, das habe ich hier ein bisschen ausführlicher geschrieben: http://erdrandblog.wordpress.com/2013/02/05/uber-meine-adhs-therapie/

    Ergotherapie beinhaltet sehr viele Möglichkeiten. Es kommt daher auch immer auf den Therapeuten, bzw. die Therapeutin an und welche Behandlungsmöglichkeiten innerhalb dieser Therapieform in Betracht gezogen werden.

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