Luise Jacobs Buchempfehlung

Vorgestern habe ich im Bereitschaftdienst mal wieder die Sender durchgezappt und wenige Augenblicke Luise Jacobs erlebt. Ich kannte sie nicht. Sie ist Bilderdenkerin, Bilderfühlerin, Schriftstellerin. Und sie wehrt sich (wie auch schon ihre Eltern) dagegen, auf ihr Dasein als eine der reichsten Erbinnen Europas beschränkt zu werden.

Luise funktioniert nicht. So ein weiteres autobiographisches Buch.

Ihr werden ihre Art zu denken und zu fühlen gestohlen. Ihr Fluss von inneren Bildern und ihr „Chaos“ von unverständlichen Zahlen und Wörtern entsprechen nicht der Erwartungswelt der Normalos. Wohlverstanden: Nicht der Erwartung der Eltern, eher der Misserwartung der Schule. Schon in der ersten Klasse drohte sie den Schnitt der Klasse zu versauen.

In der Schweiz wie bei uns ein Problem. Für die Schule.
Sollte man doch erwarten können, sich als Milliardärserbe bzw. in den höheren Kreisen mit funktionierenden Erstklässlern umgeben zu können, wenn man sein Kind schon auf Nobelschulen schicken kann.

Geld allein bringt aber auch nicht Lesen und Schreiben bei. Aber Therapeuten und Lehrer können ein Kind und eine Familie auch krank machen. Darum geht es in diesem Buch bzw. in den Leben auch.

Luise entwickelt sich anders, sie entwickelt sich in die Magersucht. Eigentlich schon fast logisch. Und in ihrem Fall würde ich mal behaupten: Nicht weil sie in einem goldenen Käfig aufwuchs, sondern weil sie sich immer und immer weiter verbiegen lassen musste.

Was ihre Autobiographie sicher anders macht als das von vielen meiner Patientinnen (oder meinen Kindern): Ihr Vater hat eine Farm in Vermont. Sie steigt aus. Und dann wohl wieder ein in diese Erwartungswelt der Internate und Bildungsinstitutionen in Europa.

Um wohl wieder auszusteigen und in Berlin eine eigene Identität aufzubauen. Als Schriftstellerin.

Wenn man sie hört und liest kommt man ins träumen. Von einer Therapeutenwelt, die die Welt der Kinder versteht und aufnimmt und nicht ihre Gegenwelten als Mass aller Dinge sieht. Von Lehrern, die Legasthenie und Dyskalkulie (und ADHS) vor dem Hintergrund der individuellen Entwicklung verstehen. Von Bergen, Seen und den Weiten der USA. Von einer Förderung, die den Namen verdient und eine Entdeckungsreise in die inneren Welten des Kindes ist. Luise Jacobs lässt ihre Leser ein wenig teilhaben an ihrer Entdeckung ihres Lebens und dem Weg raus in ein eigenes Leben.

So in etwa stelle ich mir Therapie der Magersucht vor. Aber soweit müsste es ja nicht kommen, wenn man endlich versteht, wie Lern- und Aufmerksamkeitssstörungen zu Missverständnissen und Traumatisierungen führen.

Also (mal ohne Amazon-Link ) der Tipp zum Lesen:
Luise Jacobs
Fräulein Luise funktioniert nicht

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4 Gedanken zu „Luise Jacobs Buchempfehlung

  1. Unsinnstifter

    Keine Ahnung ob es Sinn macht alte Beiträge noch zu kommentieren.

    Dennoch stöbere ich gerade hier und möchte einen Hinweis geben.

    Bilder enthalten eine dichte starke und aufdringliche emotionale Komponente. Bilder sind informationslastiger als Sprache. Sprache ist diffiziler und meiner Meinung ist Sprache eine Höherentwicklung der Kommunikation als diese in Bildern. Die Schrift selbst besteht aus Bildern – Deren Muster und Aneinanderreihung ihrer Inhalte und Bedeutungen lassen sich in Bilder transfundieren und umgekehrt. Über ein einziges komplexeres Gemälde kann man Zeitgeist und Ideen, psycho-soziale Konflikte transportieren. Dafür müsste man erstmal Bücher schreiben, die die Analysemethodik und die Begriffe festlegen, alles zusammenführen in einer resultierenden Erklärung über das Bild.

    Das alles kann aber auch intuitiv bereits vom Beobachter erfasst werden und mit eigenen Gedanken angereichert sein. Die Kommunikation in Sprache ist allerdings dermaßen vertrackter, das das nicht einfach ist. Und gerade das ist wohl auch vielen ADSlern bewußt: Die eigenen Gedanken nicht in die Sprache transfundieren können, Grenzen des Denk- und Sprachbewußtseins zu haben.

    Zurück zum Punkt: Die emotionale Information im Bild ist das primäre Muster soweit ich das weiß, das den ADSler anspringt. Auch das zeugt von einer gewissen Degeneration der höheren Funktionen im Gehirn – Bilder sind rudimentärer als Sprache. Sprache ist eine höher Entwicklung.
    Emotionen zu kontrollieren und zu steuern ist die höhere Stufe, auf der sich Normal-Entwickelte Menschen bewegen. Das heißt nicht das auch hier der Normale von Zeit zu Zeit überfordert sein kann oder massiv in seinen Fähigkeiten zur emotionalen Regulation durch Traumatisierung überfordert sein kann.
    Das relativ prinzipielle Scheitern an der emotionalen Regulation zeigt den degenerativen Aspekt der ADS auf und führt die Bildlastigkeit der Wahrnehmung und die emotionale Information derselben zusammen: Wer Emotionen stark wahrnimmt, der wird auch bei Bildern insbesondere deren Informationsanteil besonders aufgreifen, davon besonders angesprochen sein.
    Die „Pose“ als emotionale Informationseinheit – Ich gehe davon aus, das ADSler ein besonderes Reaktionsspektrum drauf haben. http://de.wikipedia.org/wiki/Attit%C3%BCde

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  2. Elle

    Wow, das klingt wie ein sehr interssantes Buch, vielen Dank für diesen Hinweis! Die Rezension macht Lust zu lesen.
    Da mir diese Begriffe nun schon mehrmals begegnet sind, z.B. auch in Lieschen’s Kommentar beim Neurodiversität Post,
    https://adhsspektrum.wordpress.com/2012/03/05/adhs-spektrum-und-neurodiversitat/
    , frage ich mich, sind manche Menschen mehr als andere „Bilderdenker“ bzw. “ Bilderfühler“? Oder kann sich das auch im Laufe des Lebens verändern? Gibt es Wissen darüber wie das einen Menschen befähigt, oder aber manches schwerer macht? Mit ca. 10 oder jünger fiel mir auf, dass ich hauptsächlich in Aneinanderreihungen aus Bildern denke. Das hat sich dann stark verändert bis ich Richtung Oberstufe und an der Uni fast nur noch in Worten dachte. Allerdings nicht sehr erfolgreich. Inzwischen konnte ich langsam lernen, dass wenn ich keine bildliche Vorstellung zu dem habe was mein Gegenüber sagt, oder zu dem was ich lese, die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass , auch wenn es sich nicht so anfühlt, ich eine Sache entweder nicht 100%ig verstanden habe oder aber, selbst wenn, sie hinterher höchstwarscheinlich weder richtig erinnern noch mündlich oder schriftlich wiedergeben kann.
    Eine „Bilderfühlerin“ kenne ich noch nicht, ich bin gespannt :).

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