ADHS Interview

Vor ein paar Tagen habe ich mir ca. 45 Min. Zeit für ein Telefoninterview in Sachen ADHS genommen. Als ich dann einen Ausschnitt zum Lesen bekam, habe ich mich gefragt, mit WEM wohl diese Journalistin gesprochen haben könnte.

Sie schaffte es jedenfalls, in den wenigen Zeilen nicht nur den Sinn auf den Kopf zu stellen, sondern auch noch massgeblich mir Worte in den Mund zu legen, die Methylphenidat nun zur von Ärzten und Eltern geforderten „Wunderpille“ machen. Dabei habe ich davon gesprochen, dass eben eine massgeschneiderte individuelle Förderung und Forderung erforderlich ist. Im Sinne von „Stärken stärken und Schwächen schwächen“.

Manchmal denke ich ja, dass da Bibi Blocksberg und die „rasende Reporterin“ Karla Kolumna vermutich besser recherieren. Mit oder ohne erheblichen eigenen ADHS-Anteil. Ich glaube ja, dass viele Journalisten ADHS haben. Wenn Sie das aber mal wirklich für sich annehmen würden, müssten sie sich ja mit der Frage auseinander setzen, ob sie gesund oder krank sind. Dann lieber davon ausgehen, dass ihre „Macken“ eine Stärke sind und sich die Eltern mal nicht so anstellen sollten.

Ich hatte mir wirklich Mühe gegeben, in verständlichen Worten und Metaphern zunächst zu erklären, was ADHS ist und was nicht. Warum es Kindern mit der neurobiologischen ADHS-Konstitution eben nicht gelingen kann, die Kraft für Daueraufmerksamkeit zu halten, warum die innere Bremse im Bereich der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und der Emotionssteuerung versagt. Aber eben auch, dass ADHS nicht nur eine Störung, sondern eben eine Veranlagung ist, die nun in Abhängigkeit von den Anforderungen und Unterstützungen des Umfeldes sich unterschiedlich zeigen wird. Wobei man die individuelle Entwicklungsverzögerung bzw. andere Art der Hirnvernetzung beachten muss.

Na ja, das hörte sie sich an, hat sie aber wohl nicht verstehen können / wollen.

Als ich ihr dann eine Korrektur des Entwurfes zurückschrieb und mich darüber beklagte, dass ich mich nun ganz und gar nicht in den Zeilen wiedererkennen würde, war sie beleidigt. Ich solle nicht so persönlich werden.

Ich gebe nicht auf. Vielleicht gibt es ja auch noch andere Journalisten. Das nächste Mal also wieder mit einer „ich-lass-mich-nicht-aus-der-Ruhe-bringen“-Grundhaltung….

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11 Gedanken zu „ADHS Interview

  1. Birgit Boekhoff

    Hallo Herr Dr. Winkler,
    ja, das kenne ich gut, was Sie beschreiben. Nicht aus eigener Erfahrung, sondern weil ein Bekannter von mir zu einem anderen Thema ebenfalls schon einige Male vor der Kamera stand oder interviewt wurde. Man muss genau aufpassen, was man sagt – und dann wird es doch so geschrieben (oder berichtet), wie der Journalist es haben will. Aber das Gute ist, man hat ein Recht auf die eigene Information. Die Frau darf also nichts veröffentlichen, dem Sie nicht zustimmen. Häufig denke ich nur, dass Otto-Normal-Mensch sich nicht traut, die Textversion des Journalisten wirklich zu kritisieren. Und dann steht man mit einer völlig verdrehten Aussage da. Gerade zum „heißen Eisen „ADHS will man ja doch richtig verstanden werden.
    Ich hoffe, die Journalistin kann sich mit Ihren Aussagen doch noch anfreunden und zitiert Sie so, wie Sie Ihre Aussagen gemeint haben! Ihre Einschätzungen zum Thema ADHS halte ich für sehr wertvoll!
    Viele Grüße
    Birgit Boekhoff

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  2. Wildfang

    Ich kenne die Branche von innen, leider ist es so, dass die meisten Journalisten einen Fachmann nur fragen, um ihre eigene Meinung bestätigt zu bekommen. Es ist sogar manchmal so, dass Artikel schon fertig geschrieben sind und dann ein Fachmann zur Untermauerung eines Absatzes gefragt wird. Hie und da eine direkte Rede kommt gut.

    Manche Redaktionen haben deswegen Listen für welches Statement welcher Fachmann gefragt werden muss. Darin könnte dann etwa stehen: „Hüther: Pharmakritisch, redet gut; Winkler: Pillenfan“. Die Enttäuschung ist natürlich riesig, wenn der Fachmann dieser Einschätzung nicht entspricht sondern differenziert Antwortet. Denn dann geht Arbeit los. Und das wird im Journalismus nicht bezahlt und ist in den meisten Redaktionen auch nicht mehr erwünscht.
    Inzwischen merken auch die Journalisten selber dass das daneben ist. Erst kürzlich schrieb Hans Hoff im Fachorgan „Der Journalist“ ein Aufruf mit dem Titel „Nichts als die Wahrheit“, die Selbstbelügerei zu unterlassen.

    Ein uralter Trick ist es als Interviewter ein Tonband mitlaufen zu lassen oder bei einem Telefoninterview deutlich darauf hinzuweisen, dass das Gespräch von der eigenen Seite mitgeschnitten wird. Alleine diese Tatsache sorgt meist dafür, dass der Journalist viel genauer zitiert.

    Im übrigen kann ich bestätigen, dass es in Redaktionen sicher sehr sehr viele ADHSler gibt. Journalismus ist eine Tätigkeit, die ADHSlern liegt sofern sie nicht als Chef reine Administration machen. Deswegen gehört dieser Beruf zu den drei die ich vor meinem jetzigen ausgeübt habe.

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  3. Michaela

    Da die Journalistin anscheinend wenig kritikfähig ist, könnte man das ja als ein weiteres Indiz dafür sehen, dass eine gewisse ADHS-Konstitution bestehen könnte. 😉

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  4. Ion

    Was würde ich machen, wenn ich sowas vorgelegt bekäme ?
    Radikal umschreiben.
    Alles streichen, was falsch ist, ausagen korrigieren, das schreiben, was ich wirklich gesagt habe.
    Mag sein, dass es danach nicht mehr der Artikel der Journalistin ist.
    Aber so ist es eben auch nicht mehr das Interview mit Ihnen. Das brauchen sie nicht annehmen.
    Das soll sie mal nicht so persönlich nehmen.

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  5. Elle

    „Sie schaffte es jedenfalls, in den wenigen Zeilen nicht nur den Sinn auf den Kopf zu stellen, sondern auch noch massgeblich mir Worte in den Mund zu legen, die Methylphenidat nun zur von Ärzten und Eltern geforderten “Wunderpille” machen.“

    Das ist ja Wahnsinn. Auch, dass eine Korrektur Ihrer eigenen Aussagen von der Journalistin nicht akzeptiert wurden ist merkwürdig und sehr schade. Wenn Ihre Worte wirklich ganz verdreht wurden, würde Ihnen dann nicht wenigstens die Zeitung selbst eine Gegendarstellung bzw. Korrektur schulden? Müssen Journalisten nicht ihr Material nachweisen und belegen können? Ich verstehe nicht wie so eine Publikation dann trotzdem so durchkommen kann…
    Dieser Post erinnert mich an die „Presse-Regeln“ die ich vor kurzem bei einer englischen ADS-Selbsthilfeverein gelesen habe, und die mich in Vielem an die Presse-Situation hierzulande erinnert haben…

    http://aadduk.org/about/media-centre/

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  6. papillonindigo

    Ich würde es auch so was ärgerlich finden! Mist in die Medien gibt es eben schon genug…

    Ohne genau solche Erfahrungen gemacht habe, habe ich doch mehrmals erlebt dass was ich über ADS und mich, irgendwie gar nicht ankam oder falsch verstanden werden… Wie wenn was nicht zu der innere Welt von der Gegenüber passt einfach ignoriert wird.

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  7. Lizzy

    Hallo lieber Dr. Winkler,
    habe grade in einem ADHS-Forum von einer besorgten Mutter gelesen das ihr Sohn vllt. kein ADHS hätte, sondern Candida.
    Ihr Heilpraktiker würde das vermuten, weil sie schon längere Zeit alle Kohlehydrate weglässt (nun mußte sie ihn wieder „normal“ ernähren, weil eine Fructoseintoleranz festgestellt wurde).
    In der Zeit in der er „Diät“ gehalten hat waren seine ADHS-Symptome verschwunden (selbst das Schriftbild hat sich verbessert).
    Sie ist sehr kritisch gegen MPH und versucht alles ihm das Medikament zu „ersparen“!
    Meine Frage:
    Kann man wirklich über JAHRE ADHS mit Candida verwechseln?
    Dankeschön im voraus für Ihre Antwort, viele Grüße, Lizzy

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Das ist Quatsch. Vor Jahren war schon mal bei Schreinemakers ein ählicher Bericht. Candida verursacht überhaupt keine Symptome oder Störungen (wenn man nicht gerade auf der Intensivstation liegt).

      Aber : Fast alle Menschen haben Candida-Nachweis. Nur gehen die eben nicht wegen ADHS zum Heilpraktiker.

      Candida-Therapie vom Heilpraktiker ist Nepp und Unfug.

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  8. Sinnstifter

    Den Menschen, ob Journalist oder andere, dort abholen wo er ist und auf dem Grundverständniss das ER zur Sache aufweist ihm die Brücken zum Verständnissweg einer sachlichen Interpretation oder der eigenen Ansicht bauen. Denn erst auf diese Weise kann wirklich ein Verstehensprozess für das Gegenüber anfangen.

    Die allerwenigsten gehen Tabula-Rasa an ein Thema heran und bauen sich puzzleartig das Thema ausserhalb ihrer eigenen Vorstellungswelt auf und schaffen diesen Spagat zwischen Perspektiven und unterschiedlichem Verständniss/Phänomeninterpretationen hin und her zu switchen. Sollte für Journalisten zwar Selbstverständlich sein, aber frei von Vorurteilen in einer Sache ist wohl quasi niemand. Diese Vorurteile gilt es aufzugreifen im Gespräch, behutsam zur Überprüfung vorzuschlagen und daraus entwickelnd das Thema aufzurollen.

    Ansonsten hat der Journalist auch etwas vom Politiker: Fahne im Wind des Zeitgeistes 🙂

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