Störungen der Emotionsregulation bei ADHS

Lange Zeit wurden die Besonderheiten der Emotionsregulation bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS-Spektrum-Störungen von der Forschung nicht beachtet. Dies schon allein deswegen, weil sie nicht direkt in den Diagnosekritierien von ADHS auftauchten. Sie wurden daher als unbedeutend bzw. nicht erforschbar angesehen.

In den sogenannten Wender-Utah-Kriterien für ADHS im Erwachsenenalter wurde dann zumindest von Paul Wender die Affektive Labilität bzw. die Probleme der erhöhten emotionalen Labilität und Stressempfindsamkeit stärker dargestellt.

Nun gibt es eine (für mich neue) Abkürzung, die sich auf dieses Thema bezieht.
DESR steht für Deficient Emotional Self Regulation.

Dabei definiert sich diese Besonderheit durch:

  1. Ein Problem bzw. eine Entwicklungsverzögerung in der Reaktion des physiologischen Arousals auf starke (negative) Gefühle. Also quasi die Reaktion des vegetativen Nervensystems auf Stressbelastungen.
  2. Probleme, ein unangemessenes Verhalten auf positive oder negative Gefühle oder externe Stressore  zu unterdrücken. Das bezeichnet man als „Inhibition“, also eben eine „innere Bremse“ in Abhängigkeit von der emotionalen Voraktivierung. Salopp ausgedrückt: ADHSler rutschen häufiger auf Gefühlen aus und tun oder sagen dann Dinge, die sie besser nicht getan oder gesagt hätten …
  3. Probleme die Aufmerksamkeit bei starken Gefühlszuständen wieder neu zu fokussieren. Also quasi nicht mehr im Gefühl zu kleben, sondern zur „Sache“ zurückzufinden.
  4. Desorganisation bzw. eine Art Chaos-Zustand in Abhängigkeit von der emotionalen Aktivierung.

DESR steht also im direkten Zusammenhang mit den Kernthemen von ADHS-Betraoffenen wie geringe Frustrationstoleranz, innerer Unruhe und Anspannung, Dysphorie und ständiger Gereiztheit bei negativem Stress und einer schnellen und übertriebenen Ärger-Reaktion.

Bei mir selber habe ich es am Samstag gemerkt, als ich brav einen Parkschein gelöst hatte. Aber wir verspätet am Auto antrafen und dann wegen 15 Minuten Verspätung 20 Euro bezahlen sollten. Hätte ich doch gar nicht bezahlt, wäre es sogar vom Ticket billiger gewesen. Mich ärgerte aber eher meine Ärgerreaktion. Ich war ja selber schuld am Problem. Aber ich merkte, wie ich eben emotional gereizt war und nicht so schnell wieder zur Normalität zurückkehren konnte, wie es der Situation angemessen wäre. Fantasien mich über die Politesse zu beschweren, waren da noch harmlos…  Dabei wollte ich selber ruhig und gelassen reagieren, bekam dies aber einfach nicht hin.

Der Ärger über mein Ärger-Problem war echt noch harmlos, da die Situation ja belanglos und allenfalls ärgerlich im Sinne einer Bagatelle war.

Ich persönlich finde ja, dass die Emotionsstörung bei ADHS das Kernproblem bei ADHS (zumindest bei Jugendlichen und Erwachsenen) darstellt und werde in der Saale-Klinik in Bad Kösen hier auch einen gewissen Schwerpunkt setzen und dagegen die Probleme der Organisation bzw. Aufmerksamkeitsstörung eher etwas weniger gewichten.

Zumindest werden uns die Beispielsituationen nicht ausgehen, wo man anhand von kleinen Belastungssituationen im Alltag (der Klinik bzw. überhaupt im „wahren“ Leben) die Ärger-Reaktion beobachten und neu bewerten kann.

Mehr zum Thema hier.

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15 Gedanken zu „Störungen der Emotionsregulation bei ADHS

  1. Lars Ostendorf

    Hallo Herr Winkler,

    ich weiss ja überhaupt nicht, wie ich meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen soll, dass sich hier eine Verlagerung des Schwerpunktes andeutet. Mir ging es als betroffenen schon immer auf den Keks, dass die subtileren inneren Prozesse eines Menschen mit AD(H)S kaum Beachtung finden, sondern schwerpunktmäßig immer nur Struktur, Organisation, Leistungsoptimierung, wie halte ich meinen Schreibtisch in Ordnung etc. beackert werden. Klar, hier zeigt es sich die Problematik oft am deutlichsten, zumindest für das soziale und berufliche Umfeld, aber die Problematik geht tiefer. Ich und ich denke viele andere betroffene auch, wollen nicht lediglich funktionieren, sondern ein Stückchen weit leben und umgehen können, mit den enormen inneren Spannungen und emotionalen Wechselbädern die man so durchmacht. Auf dieser Ebene werden wir aber kaum wahrgenommen, wie gesagt, die Diskussion um AD(H)S ist größtenteils eine leistungsbezogene, und das ist äußerst bedauerlich.

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  2. Pingback: Anonymous

  3. Birgit Boekhoff

    Ich finde diesen Aspekt auch extrem unterschätzt und hoffe, dass der ICD-11 hier überarbeitete Diagnsoekriterien liefert. Im Erwachsenen-Coaching ist die Gefühlsregulation eines der häufigsten Themen. Oft auch in Kombination mit den Themen Kommunikation und Stressmanagement. Meiner Erfahrung nach leiden die Erwachsenen häufig fast mehr unter ihren Stimmungsschwankungen als unter ihrer Unorganisiertheit. Zumal die ständige gefühlsmäßige Achterbahnfahrt einen dazu zwingt, sich diesem Thema ständig zu widmen. Der Gefühlsregulation muss im Alltag so viel Zeit und Enrgie gewidmet werden, da mit entgleister Stimmungslage ja kein Arbeiten möglich ist. Also immer erst wieder ins Lot kommen, bevor man wieder weiterarbeiten und seinen Alltag bewältigen kann. Bei vielen meiner Klienten führt dies zu permanenter Beeinträchtigung der Alltagsbewältigung und Leistungsfähigkeit.

    Hier sollte meines Erachtens nach viel mehr hingesehen werden.

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  4. anne

    @papillon— wenn dir ein schweigen in den momenten möglich ist—- sei froh drum!
    MEINE emotionsregulation lässt genau das nicht zu..
    @leidenschaftlichwydersinnig: wahlweise ja auch „nu komm mal wieder runter“.. (wenn mir mal einer sagen könnte, wie- nichts wäre mir lieber)

    allgemein: ja! Ja! JAA!
    wenn es ein problem für mich mit meinem ADHS gibt, dann diese emotionsregulation..
    konzentration, organisation— alles irgendwie hinzukriegen…da habe ich gelernt, mich selbst auszutricksen…
    aber für mich ist dies DESR der schlüssel zu meinem momentanen zustand, der schulmedizinisch wohl als burnout bezeichnet wird…
    weil: dies DESR meines erachtens DER grund für mangelnde abgrenzung ist, an der ich zerknackt bin..
    nicht wieder „weg-kommen“ von dem, was auf mich (auch ich mit zusätzlich vermuteter hochsensibilität) einstürmt und löcher in mich reisst..
    wobei ich mich allerdings immer mehr frage, ob HSP nicht identisch ist mit genau diesen „problemen der erhöhten emotionalen labilität und stressempfindsamkeit“.

    der text wird ausgedruckt und mit zur psychotherapie genommen!

    gruß nach bad kösen- von a.b.(vielleicht erinnern sie sich)

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  5. Hamster

    Oh ja, da habe ich immer noch riesige Probleme. Leider hochsensibel und ADHS betroffen, meine Seele ist ständig durchlöchert.

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  6. Cordula

    Die Formulierungen der DESR lassen scheinbar aber offen, welcher Natur die unangemessenen Reaktionen sind. Oder geht es ausschließlich um Ärger?

    Ich habe hier so einen Kandidaten, der bereits sehr früh in Schockstarre verfällt. Beispiel: Das Kind (11J) wurde überraschend vom Busfahrer angepflaumt, er solle den Bus verlassen. Die übrigen Fahrgäste ebenfalls. Kind kam als Haufen Elend zu Hause an, stritt aber ab, dass etwas los sei. Nach über 24h konnte es unter Tränen und sehr fragmentarisch berichten, was überhaupt passiert war.
    Ist sowas ebenfalls DESR? Übertriebene Ärgerreaktionen kennen wir praktisch nicht.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Hier würde ich erstmal davon ausgehen, dass es sich um eine „erschreckte“ Reaktion handelt, die jetzt zumindest nicht in die von mir gemeinte Kategorie von ADHS fällt.

      Wobei ja hochsensible ADHS-Kids möglicherweise gehäuft solche Schrecken erleben oder auslösen.

      Aber im Sinne von ADHS als Emotionsstörung gilt schon, dass es etwas überdauernder sein muss und eben nicht auf eine einzelne Person oder Situation beschränkt sein sollte.

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      1. Cordula

        Ich meinte auch durchaus, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt sondern um ein wiederkehrendes Phänomen. Nur eben, dass nicht Ärger sein Gehirn flutet sondern Schreck.
        Das Kind hat ADHS, und Methylphenidat scheint gegen dieses Erschrecken nur wenig zu helfen, obwohl es sonst gut wirkt.

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    2. Piero Rossi

      „Die Formulierungen der DESR lassen scheinbar aber offen, welcher Natur die unangemessenen Reaktionen sind …“.

      Das sehe ich auch so. DESR kann wohl Teil einer ADHS darstellen. Genauso gut aber kann eine mangelhafte emotionale Selbstkontrolle ein Hinweis auf Komorbiditäten bzw. auf Differenzialdiagnosen generell darstellen.

      Den in der Studie erwähnten CBCL-Fragebogen setze ich seit vielen Jahren bei Abklärungen auf ADHS ein. Hohe Werte in den „DESR-Skalen“ (> 2 SD) zeigten dabei meistens an, dass psychosoziale Belastungsfaktoren vorlagen, welcher mit der ADHS der Betroffenen nur indirekt in Zusammenhang standen. Seltener waren/sind es Hinweise auf Komorbiditäten (z.B. posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen). Oder aber die ermittelten Störungswerte entsprachen den Differenzialdiagnosen.

      Es ist therapierelevant, wenn eine mangelhafte emotionale Selbstkontrolle nicht pauschal als typisches Element einer ADHS angesehen wird. Das würde den therapeutischen Fokus nämlich zu einseitig auf das betroffene Individuum lenken (was die Pharmaindustrie freuen würde) und die Notwendigkeit allfällig erforderlicher psychosozialer Interventionen ausblenden.

      Der CBCL-Fragebogen gehört bei Kindern mit ADHS-Verdacht zu den wichtigen und seit Jahren bewährten Untersuchungsinstrumenten, um ergänzend zur klinischen Untersuchung und Anamneseerhebung Differenzialdiagnosen und komorbid vorliegende, therapierelevante Probleme identifizieren zu können.

      Unbestritten ist, dass viele, wenn nicht ADHS-Betroffene eine mangelhafte emotionale Selbstkontrolle aufweisen. Aber eben: Auch bei Menschen in chronischen Stresssituationen, bei Kindern mit affektiven Störungen oder nach traumatisierenden Erfahrungen kommt einer mangelhaften emotionale Selbstkontrolle viel Evidenz zu.

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  7. erzaehlmirnix

    Meta-Ärger – seit wir dazu mal ein Seminar hatten, fällt mir das auch immer auf. Hilfreich fand ich dabei die Achtsamkeitsübung, sich auf den Körper zu konzentrieren und auf das Hier und Jetzt.
    Oder Fluchen.
    ^^

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  8. papillonindigo

    Wenn es ein Gebiet gibt wo ich sehr viel am knabbern habe, ist wirklich mit die Emotionen. Ich arbeit seit jahren daran, habe auch viel erreicht, aber werde sicher nie auf eine normale Mass kommen.

    Besonders schwierig ist im Konfliktsituation mich angemessen zu verhalten und mich effizient abzugrenzen. Entweder werde ich emotional blockiert aus angst von ablehnung und wehre mich nicht, oder vergriffe ich mich im Ton oder werde sogar laut was oft nicht die erwünschte Wirkung zeigt.

    Oft weiss ich irgendwie schon was ich sagen sollte, aber meine heftige Emotionen schalten mein Hirn ab so dass Wörtersuchen ehe fast unmöglich wird.

    Schweigen oder die Situation auf der Moment aus der Weg gehen hat sich noch bewehrt, wenn ich dann doch in eine später Zeitpunkt, abgekühlt wieder auf das Thema komme. Oder ich kläre die Sache lieber schriftlich.

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