ADHS bei Mädchen eher körperliche Symptome der Angst, bei Jungs eher Regelverstösse ?

Heute ist mir ein Artikel in die Hände gefallen, der sich mit den Geschlechtsunterschieden zwischen Jungen und Mädchen in Hinblick auf die Exekutivfunktionsstörungen bzw. neuropsychologischen Testungen sowie Begleit- und Folgediagnosen beschäftigt. Siehe hier.

Stark vereinfacht zeigen sich bei Mädchen (und Frauen) eben eher Internalisierungsstörungen, d.h. die ADHS-Symptomatik selber wird quasi nach innen gerichtet in Form von innerer Anspannung und Ängstlichkeit und/oder somatischen Symptomen wie Kopfschmerzen oder anderen „körperlichen“ Symptomen ausgedrückt bzw. dann in Form von „Depressionen“. Jungs fallen dagegen durch „Regelverstösse“ auf.

Wobei es natürlich auch Jungs gibt, die nun eher in der Schule darauf angesprochen werden, dass sie so emotional labil und „mimosenhaft“ auf Kritik reagieren und deshalb Angstsymptome entwickeln, die mit körperlichen Beschwerden einhergehen können.

Gemeinsam ist dieser Gruppe von ADHSlern jedenfalls, dass sie nicht durch hyperaktives oder impulsives Verhalten eine Spannungsabfuhr haben. Sondern eher über Stimmungsschwankungen etc. den Eindruck eines Sonderlings bzw. einer besonderen Empfindsamkeit machen.

Gerade heute hatte ich eine solche Patientin bei mir, deren Sohn wohl ADHS hat. Sie selber war mit 15 oder 16 erstmals wegen Depressionen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine ganz klassische ADHS-Symptomatik finde ich nicht. Dennoch finden sich lebenslang Zeichen einer defizitären emotionalen Selbstregulation.

Ihr ganzes Leben seit der frühesten Kindheit hat sie versucht, dieser emotionalen Selbststeuerungsschwäche mit übermässiger Anstrengung und Kontrolle entgegenzuwirken. Was regelmässig zur Selbstüberforderung führte. Bis zu Zuständen, wo sie nach wenigen Metern nicht mehr laufen konnte.

Ist das nun „ADHS“? Wenn ich die Fragebögen verwende, sicher nicht. Zwar hätte sie jetzt auch nach den DSM-V-Kritierien immerhin Einschränkungen auch vor dem 12. Lebensjahr. Aber eben keine klassischen Symptome der ADHS-Kernproblematik. (Die hat sie jetzt in Form von Konzentrationsstörungen und Impulskontrollstörungen sehr wohl).

Aber sie hat durchaus das von mir in einem anderen Beitrag beschriebene DESR-Problem und ein Vollbild von Internalisierungsproblemen mit „atypischer Depression“ und zahlreichen körperlichen Erschöpfungssyndromen wie Infektanfälligkeit, wiederkehrenden unklaren „Halsbeschwerden“ etc.

Mein (an anderer Stelle ja häufig kritisiertes) Bauchgefühl sagt mir, dass es genau die in dem Artikel beschriebenen vegetativen Angstsymptome bzw. inneren Anspannung sind, die da eine Rolle spielen. Und eine Erklärung dafür sein könnten, warum bisherige psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungsversuche (einschliesslich einer abgebrochenen beruflichen Rehabilitationsmassnahme) nicht weiter führten.

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9 Gedanken zu „ADHS bei Mädchen eher körperliche Symptome der Angst, bei Jungs eher Regelverstösse ?

  1. Pingback: Anonymous

  2. bonbon

    Ein sehr interessanter Text. Was Sie beschreiben kommt mir bekannt vor. Bezüglich der „übermäßigen Anstrengung und Kontrolle“: Ich bin erst seit ein paar Monaten diagnostiziert, habe jetzt kurz Medikinet Adult genommen. Es hatte eine tolle Wirkung: Ich konnte mich viel besser konzentrieren, war in der Regel emotionell viel ausgeglichener, ruhiger, aufmerksamer. Was mir aber aufgefallen ist, war das ich dadurch paradoxerweise desorganisierter wurde. Sonst benutze ich eine Menge Methoden um mich im Alltag zu organisieren: den Kalender, ich schreibe mir Sachen auf, ich lege Schlüssel und ähnliche Dinge immer an die gleiche Stelle, weil ich sie früher ständig verloren habe, ich lese jede E-Mail drei Mal Korrektur, um Fehler zu vermeiden, etc. Da ich aber durch die Kapseln ruhiger wurde, wurde mir diese Kontrolle weniger wichtig. Als Ergebnis, habe ich mehrere Termine verpasst, Schlüssel verloren, in meinen E-Mails habe ich mehr Fehler bemerkt als wenn ich keine Tabletten genommen habe. Ich frage mich, ob diese Interpretation Sinn macht. Oder bedeutet meine Desorganisation wenn ich Medikinet nehme und bessere Kontrolle ohne Medikinet, dass ich gar kein ADHS habe? Meine Diagnose wurde nach 3 Jahren gestellt, wo ich versucht habe, meine Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme bei mehreren Ärzten zu klären. Sie wurde aber als ich schon beim Psychiater gelandet bin ziemlich schnell gestellt.

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  3. Rüdiger

    Sehr geehrter Herr Dr. Winkler,
    vielen Dank für Ihre Antwort.

    Sie schrieben 40mg sollte man schon probieren. Meinen Sie damit 40mg MPH pro Tag insgesamt oder meinen Sie 40mg Medikinet Adult als Einzeldosis, was 20mg „Instant MPH“ entspricht? Mein Arzt meinte die Maximaldosis errechnet man nach dem Gewicht, wobei ein sehr übergewichtiger Patient ja dann viel mehr nehmen könnte also jemand der sehr schlank ist.

    Ich habe leider kein Instant MPH sondern nur Medikinet Adult. Ich hatte meinen Arzt auch gefragt, ob man die Einstellung nicht mit normalem Ritalin machen kann, aber er meinte nur Medikinet Adult ist erlaubt, so als bekäme er ernste Probleme wenn er Ritalin verschreibt, obwohl ich privat bin. Bisher habe ich maximal 20mg Medikinet Adult genommen, was 10mg Instant MPH entspricht.

    Moclobemid wäre für mich auch interessant. Elontril (300mg pro Tag für 6 Wochen) habe ich schon genommen, das bewirkt absolut nichts bei mir.
    Wieviel Moclobemid müsste man denn nehmen, um eine Wirkung zu erzielen? Ich habe schon gelesen, dass Moclobemid in den normalen Dosierungen bis 450mg angeblich zu gering dosiert wäre und man erst bei höheren Dosen wirklich eine Wirkung hat, stimmt das?

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Methylphenidat bzw. Stimulanzien werden NICHT nach Körpergewicht dosiert. Das sollte sich so langsam mal bei Ärzten rumsprechen.

      Ich meinte 40 mg Einzeldosis von Medikinet adult, also entsprechend 2 mal 20 mg Einzeldosis

      Übrigens wird ein Arzt kein Problem bekommen, wenn er kurz wirkendes MPH auf einem Privatrezept als BTM verschreibt. Er kennt sich offenbar einfach nicht damit aus und will keinen Ärger.

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      1. Rüdiger

        Sehr geehrter Herr Dr. Winkler,
        vielen Dank für Ihre Antwort.

        Dass MPH nicht nach Körpergewicht dosiert wird habe ich auch letztens in einem ADHD Podcast gehört, das scheint wohl ein Irrtum zu sein, dem manche Ärzte unterliegen.
        Aber wenn man nicht nach Körpergewicht geht, wonach geht man denn dann ich meine wie ermittelt man die Maximaldosis pro Tag?

        Was mich auch etwas Sorgen bereitet ist, dass ich auch unter einer Angststörung leide. Meine Befürchtung ist, dass MPH in richtig hohen Dosen am Ende die Ängstlichkeit verschlimmert. Das habe ich auch schon mal in einem Buch gelesen, dass Stimulanzien bei Personen mit Angst kontraproduktiv sind. Ich weiß daher nicht wie ich mich verhalten soll. Von Ärzten habe ich auch gegensätzliche Antworten bekommen. Manche meinten Finger weg, andere meinten das Gegenteil. Für mich ist das sehr verunsichernd. Als weiteres Problem kommt hinzu, dass ich nicht ständig in Panik lebe. Das heißt ich kann also schwer testen, wie sich MPH bei mir auswirken würde ich einer Situation wo ich mit Sicherheit Angst hätte. Was ist denn, wenn ich den Eindruck habe MPH zu vertragen, wenn alles normal ist, aber ich dann in Angst-Situationen plötzlich merke,dass MPH die Angst viel schlimmer macht?
        Sollte man dann MPH grundsätzlich nicht nehmen, wenn man weiß, dass man in einer Situation ist, wo man mit Sicherheit Angst hat wie zum Beispiel eine Prüfung? Aber dann frage ich mich wieder was ist wenn sich das Gehirn so an MPH gewöhnt hat, dass man dann auch es nicht mehr vernünftig denken kann?

        MfG,
        Rüdiger

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  4. Unsinnstifter

    Jungs und Mädchen sind unterschiedlich, wer hätte es gedacht!

    Sie reagieren unterschiedlich auf dasselbe Krankheitsbild? Es bilden sich differente Schwerpunkte und sie gehen mit diesen jeweils anders um. Ist das die Erkenntniss? Dafür möchte ich auch bezahlt werden! 🙂
    Mir fällt dazu ein, das Hr. Dipl.-Psych. Piero Rossi (oder doch Dr. Winkler?) *rolleyes
    https://adhs-chaoten.net/ads-adhs-erwachsene-umfragen/12972-typische-exemplare-eures-geschlechts.html

    Insofern könnte die Gender-Thematik bei der ADHS andere interessante Fragestellungen mit sich bringen.

    Es ist äußerst wichtig, die Verhaltensunterschiede in den Diagnostikkriterien zu haben um den weniger auffälligeren Charakter zu bemerken. Kommt ja auch hinzu, das das auch für Erwachsene ein Thema ist, weil die meisten ihr H mehr oder weniger einbüßen … Da dürften sich die Bezugsgrößen erheblich zwischen den Geschlechtern altersbedingt verändern.

    Wichtig sollte aber auch sein, das man das Geschlecht bei der Diagnostik erstmal ausblendet.

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  5. Rüdiger

    Hallo,
    ich habe ADHS und keine Probleme mit Regelverstößen ich glaube man kann das nicht so verallgemeinern. Bei mir sind die Symptome eher innerlicher Art (Unruhe usw).

    Ich hätte allerdings eine Frage an Dr. Winkler. Ich kenne mich nicht so aus was in Deutschland alles verfügbar ist an Mitteln gegen ADHS. Elontril habe ich genommen das wirkte nicht. Medikinet Adult ist auch nicht wirklich zufriedenstellend. Ich fühle mich dadurch nicht wirklich gut. Ist damit nun Ende der Fahnenstange? Strattera möchte ich nicht nehmen das Mittel ist mir etwas zu einschüchternd. Gibt es in Deutschland ansonsten nichts mehr?
    Ich hätte einfach nur gerne diese innere Ruhe und den Fokus den viele von ihren Mittel bekommen. Bei Medikinet Adult merke ich eigentlich gar nichts ich bin schon bei 30mg Einzelgabe und möchte nicht höher gehen das macht aus meiner Sicht keinen Sinn die Maximaldosis zu nehmen wenn ich darunter nichts spüre. Ich habe Bedenken, dass bei der Maximaldosis man sich noch schneller daran gewöhnt und am Ende die Wirkung irgendwann verpufft und man dann nicht mehr steigern kann.

    Gruß
    Rüdiger

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Geben tut es einige Medikamente. Sie sind dann nur nicht über die Gesetzliche Krankenkasse erstattungsfähig. Direkt für Erwachsene zugelassen ist nur Medikinet adult und eben Strattera

      Auch bei ADHS mit wirksam wäre eben Elontril als dopaminerge Substanz, in Abstrichen auch Moclobemid (Aurorix), Venlafaxin (225 mg) und ggf. Axura / Ebixa (eigentlich Demenz-Mittel).

      30 mg Medikinet adult kann zu wenig sein, zumindest 40 mg = 2 mal 20 mg kurz wirkendes MPH würde ich schona usprobieren. Eine Maximaldosis ist es ja noch nicht. Hier wären durchaus auch Patienten mit höheren Medikinet adult-Dosen im grünen Bereich…

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  6. Walter Storz

    Die Symptome der von Ihnen beschriebenen Patientin treffen 100% auch auf mich zu.
    (Männlich, Mitte 50 )
    Nach ca.15 Jahren herumprobieren aller möglichen Therapien wünsche ich meinen Leidensgenossen(innen) mehr Therapeuten mit so einem“ Bauchgefühl“.
    Keiner der Therapeuten mit denen ich zu tun hatte ist auf die Idee gekommen das meine Symptome was mit ADHS zu tun haben könnte.
    Letztendlich bin ich nur durch glückliche Zufälle darauf gestoßen das meine probleme mit ADHS zu tun haben könnten, und es war sehr beschwerlich und hat sehr lange gedauert bis ich letztendlich erfolgreich, auch mit MPH behandelt wurde.

    MfG
    Walter

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