Biederman und die Brandstifter: Industrie vs. Medizin

Ehrlich gesagt: Meine Aufregung gestern abend gehörte eigentlich in das Jahr 2011 und nicht in den düsteren November 2013. Da bin ich auf einen weiteren Artikel gestossen, der sich mit Joseph Biederman, Timothy Wiens und Thomas Spencer beschäftigte. Und ihrer viel zu engen Beziehung zur Pharmaindustrie in den USA.

Nun ging es um eine „alte“ Geschichte aus dem Jahr 2008. Und obwohl ich diese Namen fast überwiegend mit Untersuchungen zur Pharmakotherapie bei ADHS in Verbindung bringe, ging es wohl nicht um ADHS. Es ging um Risperdal bzw. andere antipsychotische Medikamente und einer Art Werbetour für den Hersteller (nennen wir ihn mal J&J).

Wenn man sich also die Frage gestellt hat, warum Biederman so häufig von einer manisch-depressiven Erkrankung sprach, dann mag dies eben auch mit ganz erheblichen finanziellen Zuwendungen zu tun haben. Und es stellt sich eben die Frage, wie es die Hersteller geschafft haben, den Einsatz von Neuroleptika in grossem Ausmaß in die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu transportieren (bzw. auch in die Geriatrie), obwohl es dafür eigentlich überhaupt keine vernünftige Begründung gibt und es zudem zu ganz erheblichen Nebenwirkungen und Langzeitproblemen führen kann.

Nun hat das primär nichts mit ADHS zu tun. Aber bei uns wird es dann sofort in einen Zusammenhang mit der übermässigen Medikamentenbehandlung von Kindern mit ADHS in Verbindung gebracht. Ich glaube nicht an Märchen. Natürlich werden Biederman & Co. auch dankbar davor und danach Gelder von Herstellern von ADHS-Medikamenten kassiert haben. Aber zumindest ist hier auch die Datenlage von anderen Studien (ausserhalb der Harvard Medical School) besser.

Aus eigener Erfahrung in der Unipsychiatrie in Mainz glaube ich sofort, dass es eine Einflussnahme der Pharmaindustrie gibt. Nicht zuletzt wechselten einige sehr hochrangige Oberärzte bzw. eigentlich angedachte Psychiatrie-Professoren direkt in die Industrie. Weil es wahrscheinlich weit besser bezahlt und „bequemer“ ist. Das ist aber eben keinesfalls ein ADHS-spezifisches Problem. Viel schlimmer finde ich es eben in Bereichen, wo von der Leitlinien-Definition von Behandlungen so eklatant abgewichen wird.

Das ist aber zumindest erstmal transparenter, da dann „Freund und Feind“ klarer definiert sind.

Wenn man heute mit Pharmavertretern über die Situation spricht, folgt häufig betretenes Schweigen. Man käme an bestimmten Personen einfach nicht vorbei, wenn es um Veranstaltungen und um Forschungen ginge. Und offenbar bezieht sich das dann auch wiederum auf die Besetzung von Kinder- und Jugendpsychiatrie-Professuren. Wie jetzt wohl gerade in Göttingen.

Da geht es dann immer und immer wieder um die gleichen Namen. Namen, die intern auch als Pharma-Stricher bezeichnet werden. Und die offenbar eben Beratungsgelder bekommen. Oder aber „geschickt“ Drittmittelgelder einfordern. Mir dreht sich da immer der Bauch um und es ist für mich schon längere Zeit ein Grund, warum ich derartige Symposien mit den immer gleichen Professoren meide. Auf einem Weltkongress habe ich mal einen deutschsprachigen Vertreter auf 4 Satellite-Symposien von 4 verschiedenen Firmen erlebt. Mit fast gleichen Vorträgen. Das war eine Frechheit, die er sich vermutlich gut bezahlen lassen hat.

Nun ist es heute üblich, bei Vorträgen seine Abhängigkeitsbeziehungen offen zu legen. Dazu gehört für einige Vortragende dann aber auch, welche Buchverlage denn schon mal Gelder bezahlt haben als Autorenhonorar. Solange man transparent bleibt, ist es für mich auch akzeptabel. Vielleicht ist es ja auch nur der blanke Neid. Mir hat noch nie eine Pharmafirma Millionen für Lobbyarbeit angeboten.

Man muss also offenbar „dazu gehören“, damit man korrupt werden kann.

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