ADHS ausgeschlossen

In der vergangenen Woche hatte ich zwei sehr unterschiedliche Patienten in der Klinik, bei denen in der Kindheit ADHS bzw. ein Hyperkinetisches Syndrom „ausgeschlossen“ wurde.  Und dies, obwohl nun bei Geschwistern bzw. nahen Verwandten eine entsprechende neuropsychiatrische Entwicklungsbesonderheit bestand und auch behandelt wurde. Erfolgreich behandelt wurde …

Wohlgemerkt, diese Patienten kommen nicht wegen ADHS, sondern wegen allen möglichen und dazu noch beständig wechselnden Beschwerden im Spektrum von Schlafstörungen, Erschöpfungssyndrome, Angst und Zwängen bzw. Schmerzen.

Ich versuche ja schon, nicht sofort an ADHS zu denken. Aber wie soll man sich verhalten, wenn man einen deutlich jünger wirkenden über 20 jährigen „Schlacks“ bekommt, der noch dazu seit dem 9. Lebensjahr raucht bzw. seit über 10 Jahren kifft. Und mit der Zuweisungsdiagnose „Fibromyalgie“ bzw. Ganzkörperschmerz geschickt wird. Zur Schmerzbewältigungsbehandlung.
Abgesehen von gelegentlichen Jobben vor zwei Jahren keine Berufsausbildung. Und eben eine positive ADHS-Anamnese.

Sicher könnte man zunächst auf eine Suchtbehandlung drängen. Oder soziapsychiatrische Maßnahmen erwägen. Aber an die naheliegende Annahme einer ADHS-Konstitution kommt man offenbar nicht. Weil ja ADHS von einer Berliner Einrichtung im Alter von 9-10 Jahren ausgeschlossen wurde.

Die Betonung liegt auf „ausgeschlossen“. Wie immer man das auch machen kann. Was mich dabei ärgert: Selbst wenn man ADHS in seinem eigenen diagnostischen Wahrnehmungs- und Handlungsspektrum „ausschliesst“, so muss man sich doch bei den lebenslangen Beeinträchtigungen des Kindes bzw. Jugendlichen fragen, was es denn „dann“ sein kann. Das Kind bzw. die Familie (die ich mal als gutbürgerliche Doppelverdiener beschreiben würde) nicht allein im Regen stehen lassen. Sich zumindest dann Gedanken machen, wenn die begabungsadäquate Schullaufbahn misslingt. Wenn Abbrüche die Regel sind.

Und dann eben ständige innere Unruhe, Schlafstörungen aber auch unterschiedliche Muskelinnervation der rechten und linken Körperhälfte zu einer Skoliose bzw. Fehlhaltung führen. Der Kerl ist schlaff wie ein Kartoffelsack, was durch das „Verbot“ der Orthopäden für Sport aufgrund seiner „Schmerzstörung“ noch verstärkt wird (eine blödsinnige Behandlungsempfehlung übrigens, denn gerade bei Rückenschmerzen sollte man sich bewegen).

Nun frage ich mich für die nächste Woche, wie ich nun vom „Ausschluss“ ADHS auf eine neue Fährte bei ihm bzw. den Eltern kommen könnte. Und wie ich dann bei jahrelangem Substanzmittelabusus eine Richtungsänderung einleiten könnte …

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6 Gedanken zu „ADHS ausgeschlossen

  1. Bijupa

    Ich hoffe Dr. Winkler wird die Zeit und Geduld finden sich diesen chaotischen Text einmal durch zu lesen. Das würde mich sehr freuen. Vielleicht haben Sie, ja sogar einen Tipp für mich oder einfach eine Meinung darüber. Ich bin für alles offen und auch Kritik fähig. Gehe ja auch zur Psychologin „nicht das ich den rat der Neurologischen abteilung nicht beherzigt hätte“ ich versuche alles das es besser wird auch mit physio yoga….. häkeln XD einfach als endspannungs versuch was aber leider auch nur ein versuch bleiben wird da meine Hände immer steifer werden und es meine Hände zumindest garnicht endspannt.

    Oki wer bus huer her durchgehalten hat vielen lieben Dank schon mal fürs lesen 🙂

    Und natürlich bin ich auch für jeden Tipp egal von wem einfach nur dankbar.

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  2. Bijupa

    Hallo,
    Ich hab gedacht ich lese nicht richtig, als ob ich bei Dr. Winkler Gewesen währe ausserdas ich weiblich und Mutter eines Fast 8 jahre alten jungen bin der auch an ADHS „leidet“ . Ich bin wie wild am überlegen wie ich kontakt zu Dr. Winkler aufnehmen kann da ich noch nicht einmal auf einenso ininteressierten Arzt gestoßen bin und ich auch echt nicht glaube den hier auch nur irgendwie zu fimden. Meine Kräfte sind am Ende die Symptome werden immer doller und vor allem kommen ständig welche dazu. Muskelkontraktionen bis ins unermässliche. Anfangs nur in Nacken und Schulter dan gin es in die arme und Hände und nu hab ich sie bis in die Füße über die leisten und die knie hinweg. Allerdings kann „will“ mir hier kein Arzt Helfen oder sich irgendwelche mühen machen. Eine schmerz-, und Psychotherapie wurden mir angeboten nach einer Woche in Neurologischen Abteilung und den verdacht auf thoracic outlet-syndroms. Eine Woche lang haben die auf ein und das selbe Syndrom getestet und mich dan in eine schmerzklinik empfohlen. Dabei sagte einer der Ärzte die eine nervenleitstrom untersuchung bei mir gemacht hat das es auch sämtliche andere Gründe für meine Beschwerden geben könnte die jetzt aber nur auf thoracic outlet testen. Ich mein ich bin mir nach all den Untersuchungen die schon gemacht wurden seit 2008 das ich keine organisch grundliegende Krankheit habe. Aber depressiv bin ich lediglich wenn ich mit meinen schmerzen und dem alltagsstress, mit einem ADHS kind, überfordert bin. Hinzu kommt bei mir das ich seit der Schulzeit nur soziale Probleme hatte und auch immer ein typisches bild eines ADHSler hinterlassen habe. Im Mai steht der erste Termin zu an mich auf ADHS Testen zu lassen. Aber meine Kräfte sind am tiefpunkt, da ich schon mit 17 jahren meinen Sohn zu Welt gebracht habe und ab da an auf eigenen Beinen stand. 2008 habe ich begonnen meinen Schulabschluss nachzuholen, mit Erfolg im jahr 2010. Ab da an fing icb eine Ausbildung an jedoch haben mich meine immer stärker werdenden schmerzen ausgebremst. Meine finger und handgelenke ferformen sich allmählich, sind einfach krum und dick. Unter meiner haut hab ich immer wieder ein brennendes Gefühl Muskelzukunken, mal total minder durchblutet mal hab ich angst das mir die Hände platzen so jagt das blut dadurch. Ja und klar wenn ich mir nicht zwischendurch einen „joint“ geraucht hätte währe ich schon längst durchgedreht.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      ich bin eher über mail unter martin.winkler(at)rehaklinik.de bzw. dr.martin.winkler(at)googlemail.com erreichbar. Sonst biete ich in Einzelfällen eine kostenpflichtige Beratung in Bad Kösen (oder Lüneburg) an.

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  3. Leidenschaftlichwidersyynig

    ‚Ausserdem vermute ich das Suchtgedächtniss funktioniert bei mir genauso scheiße wie das Restgedächtniss – So konnte ich Rauchen und Trinken aufgeben .‘

    Das ist mal ne gute Überlegung. Ich hab auch von heute auf morgen mit starkem rauchen aufgehört 🙂

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  4. Unsinnstifter

    Eine Diagnostik ist immer ein zu einem Zeitpunkt von einem bestimmten Beobachter mit der angenommenen Durchschnitts-Erfahrung erfolgter Schluss aus Beobachtung und Anamnese.
    Eigentlich ist mit dieser Argumentation ganz einfach zu bestimmen, das man diese einstmals ausgeschlossene Diagnose wieder auf den Tisch legt.
    Heute weiß man einfach mehr über ADS. Heute ist das Spektrum was man als ADS bezeichnet bzw. bezeichnen sollte „größer geworden“, insofern das es klarer ist weil mehr Fakten bekannt sind und mit Studien abgesichert. Ein Ausschluß vor 10 Jahren ist demnach gesehen kein Hinderungsgrund heute eine neu Bewertung vorhandener Fakten und Beobachtungen zu machen.
    Ausserdem:
    Gerade dann nicht, wenn man von der Spektrumsstörung spricht. Ein Spektrum ist auch ein Potential und ein Potential entfaltet sich oft erst mit der Zeit, aus dem Kern seiner Anlage – Es wächst sich zurecht, bei manchen wächst ADS bis ins Alters des Patienten aus, bei anderen manifestiert es sich erst.
    Die früheren Kollegen haben sich weder geirrt noch falsch beurteilt, sondern zum Zeitpunkt der Diagnosestellung höchstwarscheinlich sogar richtig geurteilt. Die ADS ist eh eine Chimäre, insofern ist eine Überzeugungsarbeit auf dieser Linie meines Erachtens nicht schwer, wenn keine irrationale Ablehnung vorliegt 🙂

    Sie können das noch besser Herr Dr. Winkler, da bin ich sicher! Ein Glück für Ihre Patienten 🙂

    Bei den Substanzen ist es eine Charakterfrage. Viele Betroffene ADSler w o l l e n nicht Kiffer sein, oder Raucher oder Binge-Eater, sie sind es wegen der Schwächen, die die ADS mit sich bringt. Uns fehlt oft „psychische Knacks“ für die vielen Störungsmuster, die die ADS-Konstitution oft nebenher augenscheinlich erfüllt. Es ist eine Andere Substanz, ein anderes Nährmedium als bei „neurologisch Normalen“
    Im Falle der Sucht, fehlte mir z.B. der „Anker“ in der Psyche. Ich trank nicht wegen den Gründen wie andere Menschen. Nicht aus Unglück oder Kummer, ganz im Gegenteil! Desto mehr Energie da war, desto extremer hibbeliger ich war, desto mehr schluckte ich das weg. Ausserdem vermute ich das Suchtgedächtniss funktioniert bei mir genauso scheiße wie das Restgedächtniss 😀 – So konnte ich Rauchen und Trinken aufgeben .

    Dieses Bewußtsein, diese Basis für die Selbsterkenntniss und möglicherweise eine positive Reaktion auf die Medikation kann aus ADslern mit Drogenkonsum solide Menschen machen. Sie sind Konsumenten, aber meiner Auffassung nach bzw. aus meinem bescheidenen Erfahrungsaustausch und meiner Selbstbeobachtung nicht unbedingt Suchtkranke.

    Ich wünsche den Patienten alles Gute!

    MFG

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