Affektive Dysregulation: ADHS oder Bipolare Störung

Im Blog hat mich das Thema der sogenannten „severe emotional dysregulation“ bzw. dann Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD) ja schon mehrfach beschäftigt.

Stark vereinfacht geht es dabei um eine Untergruppe von Kindern, die als emotional dysreguliert eingeschätzt werden und bei denen die amerikanischen Kollegen früher eher eine Zuordnung zu Bipolaren = manisch-depressiven Störungen machten. Dabei sollen die Stimmungsschwankungen bzw. die Extreme von Reizbarkeit, Stimmungsabstürzen aber auch mal Phasen von gesteigertem Antrieb & Aktivitäten eben sich noch von der mehr oder weniger typischen affektiven Labilität bzw. intermittierenden Dysphorie bei ADHSlern unterscheiden.

Grundsätzlich werden dabei eher hoch impulsive bzw. ständig gereizte und latent aggressive Kids darunter gefasst, so dass man im europäischen Bereich dann eher eine Zuordnung zu einer Hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens machte. Eher neumodisch war dann der Begriff „ADHS plus“ für diese Gruppe. Es sollte quasi eine Untergruppe von ADHS-Kindern sein, die etwa 20 Prozent aller Betroffenen umfasste.

Die Kindern mit einer emotionale Dysregulation haben eine besonders schlechte Prognose durch herkömmliche Therapie. Sagt man.

Wichtig ist eben, dass diese Kinder später als Jugendliche eher Angststörungen bzw. verschiedene Formen von typischen oder atypischen Depressionen als eine klassische Bipolare Störung entwickeln.

Es handelt sich aber eben auch noch um ein therapeutisches Niemandsland. So ganz genau weiss man halt nicht, welche Therapierichtung (also eher in Richtung manisch-depressiv oder eher in Richtung ADHS) man einschlagen sollte.

Ich persönlich erlebe aber eben auch häufiger Klienten, bei denen nun sich nicht ein hoch impulsives Verhalten bzw. Aggressionen im Zusammenhang mit der fehlenden emotionalen Regulationsfähigkeit ergeben. Also quasi eine eher „stillere Variante“ der severen emotionalen Dysregulation.

Auch hier kann man dann wieder etliche Diagnosen nennen, die von den psychiatrischen Kollegen vergeben werden. Sei es nun eine Zyklothymie, sei es eine atypische Depression, Persönlichkeitsstörungen oder aber eben auch ein sog. „rapid cycling“ bzw. Bipolare Störung Typ II….

Es wäre ja egal, wie man dies nun bezeichnet. Es ist nur eben das Problem, dass sich dann ganz unterschiedliche Behandlungswege abzeichnen würden, wenn man die Problematik eher in das ADHS-Spektrum legt als in den Bereich der klassischen depressiven bzw. bipolaren Störungen.

Und wie ich oben schon andeutete, handelt es sich offenbar bei der affektiven Dysregulation um einen prognostisch relevanten Marker für einen schlechten Verlauf. Anders ausgedrückt: Auch die Erwachsenenpsychiater werden dann gehäuft (bzw. im Sinne einer Drehtürpsychiatrie) gerade mit diesen Klienten zu tun haben. Und sie möglicherweise immer wieder falsch (aus meiner subjektiven Sicht) einordnen bzw. behandeln. Gerade aus meiner Zeit in Bad Bevensen könnte ich etliche Mädchen bzw. junge Frauen anführen, die derartige Auffälligkeiten hatten, dann aber eben eher eine Essstörung entwickelten…

Ich habe sowohl in der Klinik wie auch meiner kleinen ADHS-Ambulanz immer wieder mit diesem Thema zu kämpfen. Mein „Bauchgefühl“ sagt mir, dass die affektive Dysregulation aus dem ADHS-Spektrum stammt. Aber so ganz klare diagnostische „harte“ Kriterien für ein Hyperkinetisches Syndrom gibt es nicht..

Es ist dann mehr oder weniger Detektivarbeit, bei dem ich einerseits die Eigen- und Fremdanamnese heranziehe (was ja Standard ist) bzw. eben auf die Besonderheiten der höheren Handlungsfunktionen abziele. Dazu gehören dann sog. Regulationsstörungen in der frühesten Kindheit, weitere Familienangehörige mit ADHS-Symptomen. Eine Detektivsuche, die sich aber lohnt, wenn man dann unter einer eher auf das ADHS-Spektrum ausgerichteten Therapie die Erfolge erlebt.

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2 Gedanken zu „Affektive Dysregulation: ADHS oder Bipolare Störung

  1. Unsinnstifter

    Wenn man Barkley dazu hört, soweit ich alles richtig verstehe, sieht er die ADHS selbst ja durch die gestörte Impulsunterdrückung als eine Form auch der emotionalen Dysregulation.

    Das gilt aus seiner Perspektive also immer.

    Seiner Aussage nach in einem Vortrag handelt es sich bei denen, die durch die typische ADHS Therapie sehr starke emotionale Probleme nicht in den Griff bekommen eher um eine Gruppe, bei denen ein sozialer Konflikt zusätzlich! eine Rolle spielt. Den müsse man ebenfalls behandeln.

    Ich selbst kann das aus meiner persönlichen Erfahrung auch nur bestätigen. Warne davor, das ein Mensch bzw. ADHSler, der seine Aggressionen nicht auslebt als Nicht-Aggressiv gilt: Wenn ich meine eigenen Impulse Revue passieren lasse und nachsinne: Wäre ich weniger in der Lage sie innerlich aufzuarbeiten und zu reflektieren und zu „schlucken“, dann hätte ich massive Konflikte auch mit dem Gesetz gehabt und sicher einige Menschen grundlos verletzt oder wegen kleinsten Kleinigkeiten schon.
    Da ist nur eine kleine Eigenschaft, die mich davon getrennt hat massiv andere Menschen körperlich zu attackieren. Ob angeborener Charakteranteil oder eine anerzogene Fähigkeit/Eigenschaft, ob emphatische Grundhaltung oder doch nur zufälliges Opferbewußtsein (das tue ich niemandem an, das hat man mir oft genug …) oder doch nur ein für ADHSler untypisches Bewußtsein für die Konsequenzen, das weiß ich nicht recht zu

    Man sollte sehr aufpassen zu meinen das jemand der seine emotionale Dysregulation mit sich selbst austrägt oder sie innerlich auslebt, nicht genauso verstört oder sogar noch verstörter sein könnte wie jemand, der sie nach aussen ausdrückt. Es ist hier beides dasselbe wie ich meine und hängt mehr an der Fähigkeit / Eigenschaft den Impuls nach Aussen hin zu unterdrücken und gute Miene zum Gefühlschaos machen zu können.

    MFG

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