Therapieversagen

Gestern habe ich einen Erwachsenen mit ADHS aufgenommen, der einen sehr interessanten Abschlussbericht seines Verhaltenstherapeuten dabei hatte. Nicht irgendein VTler, sondern ein massgeblich auch berufspolitisch aktiver Kollege.

Es ging darum, dass nun ein differenzierter Bericht erstellt werden sollte, da der Patient die Therapie beenden wollte. Dieser Bericht beinhaltet 1,5 Seiten und keinerlei Problemanalyse oder Mikro- / Makroanalysen.

Darum geht es mir aber nicht primär. Der Psychologe schreibt :

„Sie würden gerne die Therapie beenden, da wir nicht so recht weiter gekommen sind. Das sehe ich anders. Ich denke, ich zumindest habe viel über Sie und komplizierte Patienten dazu gelernt. Deshalb würde ich sagen, dass ich weiter gekommen bin. Gerne hätte ich auch Sie weiter gebracht…“

So steht es da wortwörtlich und auch die Hervorhebung ist so im Brief.

Na toll. Neben dem finanziellen Aspekt des Honorars ist es doch eigentlich nicht Aufgabe einer Langzeit-VT-Therapie, dass der Therapeut einen Effekt bzw. eine Wirkung hat….

In Unkenntnis von ADHS bzw. den Exekutivfunktionen attestiert er vielmehr, dass der Patient ausgewichen und überhaupt kompliziert sei und ein „krankheitssuchendes Verhalten“ hätte.

Ah ja.

Der Abschlussbericht enthält nicht das Mindestmaß an verhaltenstherapeutischer Grundlagen-Diagnostik bzw. ein Störungsmodell oder gar einen Therapieplan. Sondern nur selbstgerechte Rechtfertigung, warum die Therapie nichts gebracht hat. Was dem Patienten zugeschrieben wird. So habe der Therapeut den Eindruck, der Patient würde impliziert den Krankheitszustand suchen  bzw. es geniessen, ein besonderer, besonders gestörter und eigenwilliger Patient zu sein. Darin habe er eine hohe Kompetenz entfaltet.

Wäre der Kollege nun nicht gerade in so exponierter Stelle seines Berufsverbandes, würde ich mich dort beschweren. Aber genau das geht ja nicht, weil er quasi genau dort angesiedelt ist.

Ich kann die Wut und Frustration des Patienten gut nachempfinden. Auch bei mir gibt es Patienten, die von meiner Therapie nicht profitieren. Ganz klar. Aber ich würde nie dem Patienten die Schuld dafür geben bzw. dann als Zusammenfassung schreiben, dass es ja mir geholfen hat…

Therapieversagen bedeutet im Bereich ADHS eben häufig, dass der Therapeut versagt…

Leider erlebe ich diesen Frust von Patienten häufiger. Es wird dann auch gerne mal als Persönlichkeitsstörung oder „Widerstand“ gedeutet.

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Ein Gedanke zu „Therapieversagen

  1. leidenschaftlichwidersynnig

    So selten ist das sicherlich nicht. Viele ADHS -Patienten kennen sich gut theoretisch mit ihrer Disposition aus und erwarten von ihrem Therapeuten auch Unterstützung bei der nicht allein gelingenden Umsetzung ihres Wissens. Leider oft Fehlanzeige, vor allem, wenn der Therapeut erst einmal auf den ‚ Stand der Wissenschaft ‚ gebracht werden muss.

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