ADS und Vigilanzstörungen

In unserer Kinder-Rehaklinik sollte ich ein junges Mädchen bzw. ihre Familie beurteilen. Es ging u.a. um die Frage, ob möglicherweise psychische Probleme der Mutter bzw. familiäre Faktoren zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptomatik bei der kleinen Patientin beitragen könnten. Das ging soweit, dass auch an ein Münchhausen-by-Proxy  gedacht wurde

Vom Aspekt her sah ich ein 9 jähriges Mädchen, das gegen 16 Uhr sehr müde bzw. „schlaff“ wirkte. Das ist nun bei den derzeitigen Wetterverhältnissen nicht so ganz unüblich. Sie rutschte aber ständig auf dem Stuhl rum, rieb sich die Augen bzw. wollte unbedingt mit dem Kugelschreiber der Mama „spielen“. Auf ein „Nein“ reagierte sie heftig mit einem inneren Gefühlsabsturz.

Hellhörig wurde ich aber, da nun quasi seit der Geburt Störungen der Vigilanz bzw. der Grundspannung, des Schlaf-Wach-Rhythmus bzw. der Selbst- und Fremdwahrnehmung bestanden. Sie sei eigentlich schon vom ersten Tag ihres Lebens „anders“ und eben häufig krank. Dementsprechend dick war ihre Krankenakte bzw. entsprechend viele (meist ergebnislos) Arztkonsultationen gab es.

Bei mir gingen die inneren „Signale“ für ADS vom unaufmerksamen Subtyp an. Zumal mir die Mutter von Ordnungszwängen berichtete, die jetzt zunehmend ein Problem darstellen würden. Auch hier gibt es überzufällig häufig einen Zusammenhang von ADS und Zwängen.

Dabei hat das Mädchen (natürlich) keine deutliche motorische Unruhe, auch die Schulleistungen in der 2. Klasse seien „gut“. Sie sei nur sehr still und schüchtern, ihre Handschrift sei sehr schlecht und ab 14 Uhr sei mit ihr dann überhaupt nichts mehr anzufangen. Auch das Schlafen sei ein riesiges Problem, u.a. sei ein fraktionierter (= unterbrochener) Schlaf bekannt, wenn sie denn überhaupt zur Ruhe komme.

Bisher beschäftigen sich aber zumindest nach meiner Kenntnis nur wenige Experten genauer mit dem Zusammenhang von Vigilanzstörungen und psychiatrischen Störungen.

Bereits im Säuglingsalter fiel das Mädchen mit Obstipationsbeschwerden auf. Natürlich kann Verstopfung (bzw. Enkopresis) ganz viele Ursachen haben. Der Zusammenhang mit ADS ist aber relativ unbekannt. In einem vergleichsweise aktuellen Beitrag zum Thema ADHS und Obstipation wurde immerhin eine Häufigkeit von über 4 Prozent angegeben (gegenüber einer Häufigkeit von 1,5 Prozent bei Kindern einer Normalpopulation). Ich hatte in einem früheren Blockbeitrag mal auf die amerikanische Studie verwiesen (hier).

Die frühkindliche Entwicklung war durchaus auch weiterhin auffällig im Sinne eines „Schreibabys). Ansonsten muss sie als Kind aber eben eher auffällig „schlaff“ bzw. auch eher still gewesen sein.

Entwicklungsstörungen bzw. Regulationsstörungen bei Kleinkindern können, müssen aber nicht auf eine späteres ADS / ADHS hinweisen. Hier hatte ich mal die Besonderheiten der Regulationsdynamik mit einem schlaffen Luftballon verglichen.

Im Falle dieses Kindes wurde aber in der Folge in alle möglichen (bzw. unmöglichen) organischen Richtungen gedacht. U.a. wurde wegen einem leichten Schlaf-Apnoe-Syndrom eine umfangreiche schlafmedizinische Diagnostik bzw. auch Maskentherapie ohne Erfolg versucht. Das Kind wurde wegen einer (angeblich) zu grossen Zunge operiert.

Die Tonusregulationsstörung bzw. Müdigkeit und sehr schnelle Erschöpfung verblieb (erwartungsgemäss).

Ich habe mich dann über das ADD-Forum Berlin u.a. mit Kollegen ausgetauscht, wobei insbesondere der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Droll sich schon sehr lange mit der Thematik Vigilanzstörungen beschäftigt.

Er sieht die ständige Müdigkeit und Erschöpfung als Ausdruck eines anhaltend abgesenkten Aktivierungs- und Vigilanzniveaus. Auch das leichte obstruktive Schlaf-Apnoesyndrom kann auf einen anhaltend abgesenkten Muskeltonus  (bzw. schlaffe Mundmotorik) bzw. einer zu stark abgesenkten Hirnaktivierung hinweisen

Hierdurch resultiert eben häufig auch ein unterbrochener Schlaf durch die Weckreize der wiederkehrenden Hypoxie-Zustände (relativer Sauerstoffmangel). Natürlich wird dadurch einerseits die Konzentrationsfähigkeit, aber natürlich auch die Wachheit verschlimmert und letztlich ein Dauerzustand von Müdigkeit und Erschöpfung erklärt.

Diese Kinder fallen in der Schule eher dadurch auf, dass sie nicht auffallen (wollen). Sie sind schüchtern, eher zu langsam bzw. versuchen über Überanstregung die Störungen der Aufmerksamkeit bzw. der Vigilanzregulation auszugleichen.
Die Hirnaktivierung über das Anstrengungs- und Alarmsystem führt aber zu einer Tendenz von Ängstlichkeit bzw. später eben auch sozialer Ängstlichkeit bzw. Rückzugsverhalten. Das innere Selbstkontrollsystem ist quasi ständig „überaktiv“.

Leider kann dann die Störung der Vigilanzregulation gerade nach dem Mittagessen zu Problemen führen. So auch bei diesem Mädchen. Neben dem biologischen Mittagstief war jetzt die Tonusabsenkung so stark, dass sie quasi ab dem frühen Nachmittag völlig aus der Bahn geworfen war.

Nicht nur die Hausaufgaben gelingen jetzt nicht mehr wirklich. Sie wird zur Tyrannin der Familie (und ihrer Schwester). Jetzt imponieren dann schon eher typische Symptome eines oppositionellem Trotzverhaltens bzw. es muss so laufen, wie die Kleine es erwartet. Sonst sind Gefühlsabstürze die Folge.

Natürlich hat dies auch Auswirkungen auf das Familienleben, aber auch das Selbstwertgefühl bzw. Selbstbild des Mädchens, die man dann (familen-)therapeutisch mitbegleiten bzw. -behandeln muss. Aber man sollte eben erst einmal genauer schauen, ob nicht eine neurobiologische Grundlage für die Störungen besteht.

Leider ist es heute noch häufig so, dass Kinder- und Jugendpsychiater nicht im Traum bei einer solchen Problematik an ADHS denken würden. Zumal es ja immer noch Kliniken gibt, die ADHS für eine neumodische Erfindung halten bzw. ihre Hauptaufgabe darin sehen, ADHS-Diagnosen in Frage zu stellen.
Wenn sich also die Familie in einer KJP-Praxis oder einer allgemeinen Uni-Ambulanz vorstellt, kann es gut und gerne sein, dass sie ganz und gar nicht ernst genommen werden.

Schliesslich scort ein solches Kind bei den ADHS-Fragebögen natürlich überhaupt nicht hoch. Es hat (noch) keine Schulleistungsprobleme, es klagt nicht über Unruhe und Konzentrationsstörungen. Es stört nicht. Und in den Fremdbeobachtungen der Lehrer muss es nicht unbedingt auffällig sein.

Also müssen dann die Eltern bzw. die Familie gestört sein.

Daher suchte ich dann speziell eine Anlaufstelle in der erweiterten Region, die über das Schubladendenken der „Hyperaktivität“ hinaus, sich mit der Thematik auseinander setzen kann und eine umfangreiche Diagnostik unter Einbeziehung von Vigilanzregulation, neuropsychologischen Begleit- und Folgeproblemen bzw. weiteren Teilleistungs- und Wahrnehmungsstörungen (und -stärken) machen könnte.

Sowas zu finden ist aber verdammt schwer…

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3 Gedanken zu „ADS und Vigilanzstörungen

  1. Fefe

    Wurde denn zuvor auf Narkolepsie getestet? Das klingt bei der Symptomatik eigentlich am einleuchtendsten. (Auch gerade der fraktionierte Schlaf.)
    Zum Thema Obstipationsstörungen: Wie soll man bitte keine Obstipationsstörungen haben,
    wenn man ständig erschöpft ist (und sich wahrscheinlich entsprechend wenig bewegt)?

    Es wurde ja anscheinend eine Untersuchung im Schlaflabor gemacht, aber Narkolepsie wird bei der Schlafapnoe-Testung nur teilweise miterfasst.

    Ich meine, dass Menschen mit AD(H)S stärker zu Müdigkeit neigen, ist ja bekannt, aber ich weiß nicht, ob ADS bei der Symptomatik das allererste wäre, an das ich bei der Symptomatik denken würde.

    Ich meine, selbst wenn falsch-positiv ADHS diagnostiziert werden würde (wobei ich hier natürlich keine Ferndiagnose abgeben möchte, und natürlich kann es sein, dass sie ADS hat), würden die Medikamente ihr ja helfen, aber dennoch finde ich, klingt ADS als erste Verdachtsdiagnose eigenartig in diesem Fall…

    (PS: Ich bin selbst „nur“ Patientin mit ADHS, aber da auch Ärzte nur mit Wasser kochen, tue ich hier einfach mal meine Meinung kund.)

    Liebe Grüße!

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Nach Narkolepsie habe ich auch ausdrücklich gefragt und eben auch eine entsprechende laborchemische Untersuchung zusätzlich zum Schlaflabor empfohlen. Obwohl es nicht typische Symptome gab und auch keine familiäre Häufung bekannt war.

      Es geht mir in dem Beitrag auch nicht darum festzulegen, dass nun ADS vorliegt. Dazu hatte ich gar nicht die Zeit bzw. die Aufgabenstellung für eine eigene Diagnostik. Es ging mir eher darum, dass man eben häufig gerade nicht an ADS mitdenkt, obwohl schon jahrelange Untersuchungen bei verschiedensen Fachärzten erfolgte.

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  2. Unsinnstifter

    „Es konnte ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung
    2,6-fach erhöhtes Risiko für das Auftreten einer hyperkinetischen Störung
    bei Patienten mit Obstruktiver Schlafapnoe errechnet werden. Umgekehrt gaben Eltern
    hyperkinetischer Kinder in einer Befragung im Vergleich zu Eltern einer Kontrollgruppe
    signifikant häufiger Symptome einer Schlafbezogenen Atmungsstörung
    an (Carskadon et al. 1993).
    Hervorzuheben ist, dass die Symptome nach einer erfolgreichen Behandlung der
    Schlafapnoe sistierten, was zuletzt auch für das Erwachsenenalter repliziert werden
    konnte (Kern u. Hochban 2001).“

    Frage mich immer wieder, wie weit das mit Gewebe/Muskeltonus zu tun haben kann, aber auch an die genetische Disposition würde ich denken, denn die Schlafapnoe liegt auch im Rahmen des anatomischen Designs, das primär dann genetisch strukturiert ist. Ich kenne selbst nen Kerl mit 220 +-40 Kilo, der hat nicht einen jota Schlafapnoe, müsste er aber wenn das Gewicht Auslösefaktor wäre. Insofern muss man der Anatomie und der Vererbung vielleicht mehr Aufmerksamkeit schenken. Kollagenosen könnten noch eine Rolle spielen und Zusammenhänge mit der Fibromyalgie vielleicht erklären. Sonst bliebe nur noch Streß als Bindeglied und Ursache der verschiedenen Symptomerscheinungen im Gefolge einer streßinduzierenden Erstursache.
    Also: Auf ADHS folgt Streß, Streß belastet Körper und Seele auf die ADHS-Genotypen im Kern ähnlich reagieren und löst dabei im Laufe der Zeit einige Krankheitsbilder aus. Ziemlich simples Prinzip, klingt so logisch.

    Naja, bin nur Laie, will mir auch nix anmaßen, dafür reichts nun wirklich nicht.

    MFG

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