ADHS-Kriterien nach DSM-5: Fluch oder Segen?

Das DSM-5 ist die fünfte und damit neuste Auflage des von der American Psychiatric Association (APA) herausgegebenen Klassifikationssystems „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“.

Seit 1952 wird der Inhalt des DSM – teils gestützt durch Feldforschungen, vorwiegend basierend aber auf Expertenmeinungen – alle paar Jahre neu festgelegt, um psychiatrische Diagnosen international verbindlicher zu gestalten. Das DSM umfasst auch eine Definition der diagnostischen Kriterien für die ADHS.

Zweck der DSM war und ist es, diagnostische Kriterien für die Festlegung von Ein- und Ausschlusskriterien für die Forschung sowie für Versicherungen zur Verfügung zu haben. Das DSM ermöglicht daher nur kategoriale, also rein theoretische „Entweder-oder-Diagnosen“.
Im klinischen Alltag spielen Diagnosen nach DSM keine grosse Rolle: Da werden Menschen behandelt und keine abstrakten Diagnosen. Und weil psychische Probleme schliesslich alles andere als statisch sind und einen fliessenden Ausprägungsrad aufweisen, also dimensionaler Art sind (und sich nicht mit einer „Entweder-oder-Logik“ erfassen und behandeln lassen).

Auch bezüglich der ADHS enthält die DSM-5 gegenüber der Vorgängerversion von 1994 Änderungen, auf die ich im Folgenden kurz eingehen will. Vorausschicken will ich, dass die Kernzüge der Definition der ADHS-Diagnose jener der Vorgängervision entsprechen: Die ADHS wird auch in der DSM 5 definiert durch eine überdauernde und situationsübergreifend auftretende Symptomatik von Aufmerksamkeitsstörungen und / oder Hyperaktivität / Impulsivität, welche dem Alter, dem Entwicklungsstand und der Intelligenz der oder des Betroffenen nicht angemessen ist und zudem (für eine ADHS-Diagnose zwingend) in verschiedenen Lebensbereichen zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führt.

Neu bzw. geändert wurde in der DSM-5 Folgendes:

  1. Bisher war die ADHS zusammen mit den Störungen des Sozialverhaltens in einer gemeinsamen Kategorie. Neu zählt sie zu den „Neurodevelopmental Disorders“.
    Kommentar: Das ist sicher sehr sinnvoll, denn in dieser Kategorie sind auch beispielweise der Autismus oder die Lese-/Rechtschreibstörung eingeordnet. Die neue Zuordnung kann dazu beitragen, die ADHS moralisch von sozial gestörtem Verhalten zu entkoppeln und damit zu „entkriminalisieren“.
  2. Die Zahl der für eine ADHS-Diagnose notwendigen Symptome werden in der DSM-5 für Betroffene ab 17 Jahren (also auch für Erwachsene) für die Störungsbereiche der Aufmerksamkeitsprobleme und der Hyperaktivität/Impulsivität von sechs auf neu fünf Symptome reduziert.
    Kommentar: Vorteil ist, dass auch ADHS-betroffene Erwachsene, welche nicht mehr alle ADHS-Kernsymptome aufweisen (was nachweislich oftmals der Fall ist), aber trotzdem stark unter ihren verbleibenden ADHS-Problemen leiden, diagnostisch erfasst und behandelt werden können (genau genommen war das allerdings schon mit der Version IV möglich). Nachteil: Die Absenkung der erforderlichen Kernsymptome führt zu einem Anstieg der ADHS-Diagnosen. Dies kann damit einhergehen, dass noch häufiger als bereits heute mögliche Differenzialdiagnosen der ADHS übersehen werden: Einige Patientinnen und Patienten werden also durch die Symptomreduktion noch öfters eine falsche (oder unvollständige) Diagnose erhalten. Ausserdem: Die Pharmaindustrie, welche bei der Entwicklung der DSM von Beginn weg die Finger (und Geld) mit im Spiel hatte, wird sich ob der Reduktion der erforderlichen ADHS-Kriterien sicherlich freuen.
  3. DSM 5 behält die 18 Kernsymptome, ergänzt diese aber teilweise. Beispiel: „Hat bei Aufgaben oder Spielen oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit längere Zeit aufrechtzuerhalten“ wird neu ergänzt mit: „z.B. Schwierigkeiten während Vorlesungen, Tagungen, Unterhaltungen, Lesen längerer Texte fokussiert zu bleiben“.
    Kommentar: Diese Ergänzung ist bezüglich ADHS vollkommen sinnlos. Wer es schulisch soweit bringen konnte, dass er Vorlesungen und Tagungen besuchen kann, leidet mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an einer ADHS. Ausserdem: Auch diese Ergänzung führt über kurz oder lang zu einem ungerechtfertigten Anstieg der ADHS-Diagnosen und somit zu einer Ausweitung des Absatzmarktes für ADHS-Medikamente (Neuroenhancing für unkonzentrierte Akademiker und Fachpersonen in der Fortbildung auf Kosten der Krankenkassen?).
  4. Neu ist in der DSM-5 die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS) kein Grund mehr dafür, dass keine ADHS-Diagnose gestellt werden darf. Die ASS zählt also neu zu den möglichen komorbiden Störungen der ADHS. Bisher schlossen sich diese Diagnosen aus.
    Kommentar: Eigene, langjährige Erfahrungen mit ADHS-Patientinnen und Patienten sowie mit ASS-betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zeigen mir immer wieder auf, dass es sich bei der ADHS und der ASS um zwei grundverschiedene Störungsbilder handelt. Siehe dazu das Fallbeispiel hier. Meines Erachtens führt auch diese Änderung zu einer ungerechtfertigten Ausweitung der Patientenkollektive, welche mit ADHS-Medikamenten behandelt werden können.
    Festhalten will ich, dass ich sehr wohl Patientinnen und Patienten kennengelernt habe, welche Symptome einer ADHS und gleichzeitig Merkmale einer ASS aufwiesen. In den mir bekannten Fälle war aber weder die Diagnose einer ADHS noch einer ASS gerechtfertigt. Die Möglichkeit, ADHS und ASS gleichzeitig zu diagnostizieren, könnte unter anderem die Erfassung und Erforschung eines neuen, bisher nicht präzis beschriebenen Störungsbildes erschweren.
  5. Neu wird in der DSM  das Alterskriterium für die Erstmanifestation von ADHS-Problemen vom siebten auf das 12. Jahr angehoben (also bis Ende des 12. Lebensjahres).
    Kommentar: In Einzelfällen stelle auch ich fest, dass sich vor allem bei Mädchen eine ADHS nicht schon vor dem siebten Lebensjahr, sondern zum Teil deutlich später manifestieren kann. Das sind aber Ausnahmen, denn in der Regel führt eine ADHS schon deutlich vor dem siebten Lebensjahr zu handfesten syndromtypischen Regulations- und Verhaltensstörungen (gilt auch für Mädchen). Diese Sonderfälle rechtfertigen es meines Erachtens nicht, das Alterskriterium so deutlich anzuheben.
    Einmal mehr drängt sich die Frage auf, wer tatsächlich Nutzen aus dieser Anpassung der diagnostischen Kriterien der ADHS zieht. Klar ist, dass die Anhebung des Alterskriteriums zu einer weiteren Anhebung der ADHS-Prävalenz und damit zu einer Ausweitung des Absatzmarktes für ADHS-Medikamente führen wird. Einem möglichen Einwand, dass dank der Ausweitung mehr Betroffene in den Genuss einer ADHS-Therapie kommen werden, halte ich entgegen, dass es schon lange gängige Praxis ist, bei Vorliegen einer ernsten ADHS-Problematik auch dann eine ADHS-Therapie durchzuführen, wenn die Erstmanifestation nach dem siebten Lebensjahr erfolgte.
  6. DSM 5 hebt hervor, dass neu mehrere Informanten bei der Diagnosestellung beigezogen bzw. berücksichtigt werden sollen. Dabei soll unter anderem klarer ersichtlich werden, ob die Problematik situationsübergreifend ist und sich tatsächlich in verschiedenen Lebensbereichen behindernd stark manifestiert.
    Kommentar: Volle Zustimmung. Nur: Wie dieser Anspruch in der Forschungspraxis und im klinischen Kontext konkret umgesetzt werden soll, ist mir noch ein Rätsel. Fact ist, dass sich Diagnosen in vielen Fällen primär auf Screeninginstrumente und einfache ADHS-Checklisten abstützen. Selbst für die Erhebung der frühen Krankengeschichte reicht in der Forschung, aber auch im klinischen Kontext oftmals ein kurzer, vom erwachsenen Betroffenen oder der Betroffenen selbst ausgefüllten Fragebogen (WURS). Von diesem ist bekannt, dass er alles andere als zuverlässig ist. Heute muss alles muss schnell gehen und vor allem billig sein. Gründliche Fremdanamnesen, welche für die Diagnose, die Differenzialdiagnose und die Erfassung von Komorbiditäten elementar sind, werden meines Wissens immer noch viel zu selten erhoben. Immerhin: DSM-5 versucht, diesbezüglich wenigstens moralisch Gegensteuer zu geben.

Zusammenfassend hinterlässt die Aktualisierung der diagnostischen Kriterien des DSM für die ADHS bei mir einen fahlen Nachgeschmack. Man muss sich einfach immer bewusst sein, dass auch im Bereich der Medizin, Psychiatrie und der Forschung wirtschaftliche Interessen eine sehr grosse Rolle spielen. Es ist nicht immer einfach abzuschätzen, ob Neuerungen primär der Gesundheit der Betroffenen oder in erster Linie dem Gedeihen der Pharma-Aktienkurse dienen. Das gilt auch bei der Etablierung von diagnostischen Kriterien von psychischen Erkrankungen. Handelt es sich um eine den Betroffenen und deren Therapie dienlichen Präzisierung der Symptomatik oder um eine Aufweichung der diagnostischen Kriterien zum Zweck der Marktausdehnung? Vielleicht beides, könnte man annehmen. Nur: Ich jedenfalls sehe bisher nichts, was das DSM-5 ADHS-Patienten konkret an Verbesserungen bringen könnte. Auch nicht indirekt (also etwa via ADHS-Forschung). Wahrscheinlich werde ich in Zukunft bei „Second Opinion“-Untersuchungen noch öfters als jetzt schon feststellen, dass eine vormals gestellte ADHS-Diagnose nicht gerechtfertigt ist.

Hinzu kommt, dass die Entscheidungen für die Neuerungen der DSM in erster Linie auf Expertenmeinungen beruhen. Gemeint sind Fachpersonen, bei welchen oftmals Interessenskonflikte vorliegen. Zudem spielen wissenschaftliche Untersuchungen bei der Definition der diagnostischen Kriterien nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Und schliesslich ist auch bei den empirischen Studien immer im Auge zu behalten ist, wer diese finanziert und möglicherweise beeinflusst hat.

Was heisst das alles ganz persönlich für Betroffene und Angehörige?

Nicht sehr viel. Denn im klinischen Alltag behandelt jede qualifizierte Psychologin und jeder sachkundige Psychiater Menschen und keine Symptome. Und sollte (was ich bisher nie gehört habe) einem Patienten oder einer Patientin eine ADHS-Diagnose und -Therapie allein aufgrund von nicht 100 % erfüllten DSM-Kriterien verwehrt werden, könnte das Gespräch mit dem betreffenden Arzt gesucht und bei Ausbleiben einer für beide befriedigenden Lösung ein Arztwechsel in Betracht gezogen werden.

Ausserdem: Wie „abgehoben“ es mit den diagnostischen DSM-Kriterien in der Praxis steht, erkennt man schon daran, dass jemand nach dem Erscheinen des Updates – quasi von einer Woche auf die andere – plötzlich nun doch an einer ADHS leiden kann, währendem bei der gleichen Person diese Diagnose  – gestützt auf die frühere DSM-5 – vormals verneint wurde. Das ist absurd. Auffallend ist zudem, dass das Umgekehrte durch das Update des DSM kaum möglich ist: Eine früher gestellte ADHS-Diagnose kann durch das Update nicht wirklich in Frage gestellt bzw. aufgehoben werden.

Das DSM-5 macht es meines Erachtens definitiv einfacher, eine ADHS-Diagnose zu erstellen. Ob inhaltlich gerechtfertigt oder nicht. Wenn DSM-Kritiker also von einer Ausweitung  psychiatrischer Diagnosen sprechen, scheint mir das nicht gänzlich grundlos zu sein (zumindest hinsichtlich der ADHS).

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20 Gedanken zu „ADHS-Kriterien nach DSM-5: Fluch oder Segen?

  1. Dr Martin Winkler

    Ich finde die Diskussion spannend, zumal eine ähnliche Diskussion wohl auch auf dem Weltkongress in Glaskow gelaufen sein muss (ich war nicht da, Piero wohl auch nicht, oder ?)

    Aber: Ich sehe es auch so, dass sich die Selbstregulationsstörung ADHS als angeborene Konstitution im gesammten Leben widerspiegelt. Es ist wie eine Handschrift oder Partitur, die eben sich in alle Bereiche als typisch zeigt. Die einen Diagnostiker mit Erfahrung (oder Mitpatienten) ja geradezu anspringt.

    Falsch ist dann natürlich, wenn man aus einzelnen Fragebogen-Symptomen eine Diagnose zusammenpuzzelt. Und noch falscher ist es, aus dem Nichtvorhandensein von neuropsychologischen Auffälligkeiten am PC-Test ADHS auszuschliessen. Die Neuropsychologie spielt eine Rolle, aber eben eher in der Ergänzung bzw. Abklärung anderer Ursachen.

    Ich kenne weltweit keinen besseren ADHS-Diagnostiker als Piero. Und das meine ich sehr ernst.

    Aber ich teile seine Auffassung nicht, dass man als Akademiker kein ADHS haben kann. Wobei dies dann eher eine Frage der Definition ist. Barkley definiert sehr schön, dass sich Selbstregulationsstörungen bei ADHS in verschiedenen Hierarchien bzw Aspekten zeigen. Von sehr fundamentalen Störungen der Handlungsfunktionen, zu komplexeren Sachen der sozialen Interaktion und Durchhaltefähigkeit, Selbstaktivierung etc. Hier kann man unterschiedlich betroffen sein. Oder eben ein stützendes Umfeld gehabt haben.

    Das wäre für MICH auch ADHS. Es wird gerade diskutiert, ob man dafür eine eigene Diagnose braucht (oder sie hilft), wenn es quasi so ein „adult onset“ gibt. Definitionsgemäss wäre es KEIN ADHS. Und da hat Piero wiederum recht.

    Man kann mit „school stuff“ zurechtkommen und an den Anforderungen im Studium verzweifeln. Dann muss aber eben deutlich werden, wie man den School stuff geschafft hat. Beispiel gestern : Eine Patientin erklärte mir, dass sie eine ständige Kompensation der Unruhe mit einem Zungenpiercing hatte. Sie litt wie Hölle an den ganzen Problemen der ADHS in der Kindheit. Aber sie hat sich zu helfen gewusst. Für mich persönlich ist das ADHS.
    Aber bei ihr würde man eben auch keiner unserer ADHS-Patienten anzweifeln, dass es ADHS ist. Sie „gehört dazu“.

    Dann wiederum gibt es Studenten, die „wollen dazu gehören“. Aber es passt irgendwie nicht. Sie suchen zig Fachleute auf, die sich dann vielleicht mal breitschlagen lassen. Aber es ist eben nicht wirklich ADHS. Und von solchen Leuten wird dann teilweise in Foren eben eine Ausweitung der ADHS-Diagnosen auf „Alles und Nichts“ propagiert. Sie haben Probleme. Keine Frage. Aber diese Probleme sind (noch nicht ?) unter der Diagnose ADHS zu subsummieren.

    Ich stimme ihm also auch zu, dass es nicht immer hilfreich ist, wenn man so vereinfacht Selbstwirksamkeitsstörungen oder gar nur Konzentrationsmangel mit ADHS gleichsetzt. Damit hilft man den Betroffenen überhaupt nicht.

    Ich habe mich ja auch schon häufig unbeliebt gemacht, weil ich darauf hinwies, wie unsinnig teilweise mit Stimulanzien bei angeblich „hypoaktiven“ Erwachsenen umgegangen wird. Und gerade in der Schweiz scheinen die dortigen „Fachleute“ recht eigene Definitionen von ADHS zu haben (gegen die sich Piero ja auch primär richtet), die wiederum zu Mond-Therapieversuchen führen, die überhaupt nichts mehr mit ADHS zu tun haben.

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    1. Dipl.-Psych. Piero Rossi Autor

      Um nicht missverstanden zu werden. Ich habe nicht geschrieben, dass man als Akademiker keine ADHS haben kann. Aus meiner Erfahrung ist es aber die grosse Ausnahme und nicht die Regel.

      In Barkleys Verständnis widerspiegeln sich meines Erachtens vor allem die immer höher werdenden gesellschaftlichen Anforderungen an die Anpassungs- und Selbstmanagement-Kompetenzen. Klar ist, dass im Zug der fortschreitenden Verlauf der Ökonomisierung des Subjekts und im Spiegel immer höherer Anforderungen an das Selbstmanagement genetisch bedingte Regulationsstörungen immer evidenter bzw. immer mehr als Problem oder „Schwäche“ in Erscheinung treten können. In dieser Buchbesprechung habe ich dieses Problem ausführlicher erörtert.

      Soweit ich die zur Diskussion stehende Problematik richtig verstanden habe, würde es sich für MICH bei den von Martin beschriebenen Problemen vorläufig um eine so genannte „Anpassungsstörung“ und nicht um eine ADHS handeln.

      „Anpassungsstörung“ ist eine offizielle Diagnose und bezeichnet eine psychische Reaktion auf einmalige oder fortbestehende identifizierbare psychosoziale Belastungsfaktoren, die die Entwicklung klinisch bedeutsamer emotionaler oder verhaltensmässiger Symptome zur Folge hat (Text übernommen aus Wikipedia).

      Im Zweifelfall würde ich von einer ADHS-Diagnose absehen. Eine „Ausweitung“ der diagnostischen Kriterien dient weder den Betroffenen, noch den Behandlern und erst recht nicht der Forschung. Warum nicht offen lassen und die Problematik phänomenologisch einfach mal beschreiben? Eine Zusammenstellung (und Publikation?) von Kasuistiken (= Fallbeschreibungen) wäre möglicherweise zielführender beim Bemühen, ADHS-ähnliche Probleme zu verstehen.

      Und nochmals: Klar ist, dass man klinisch relevante Beschwerden auch ohne klare klassifikatorische Zuordnung behandeln kann und soll. Viel öfters als man meinen könnte, ist auch in der Psychiatrie „der Fall“ gar nicht so klar. Oftmals wird auch erst im Lauf der Behandlung ersichtlich, worunter der Patient wirklich litt. Und manchmal findet man es nie heraus. Wichtig ist, das es den Patienten besser geht.

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      1. Camille

        Mir persönlich gibt das wirklich sehr viel Hoffnung, wenn Sie, Herr Rossi bei dieser Meinung, auch trotz Widerstandes aus eigenen Reihen ( damit meine ich nicht Hr. Winkler), bleiben. Für jemanden wie mich wäre eine Ausweitung der Kriterien hinderlich, da ich so sogar trotz Diagnose wieder in der Ecke des minderintelligenten ADHSlers ohne Support in der Kindheit landen würde, obwohl beides nicht der Fall ist. Ich bin nur eben trotz all der Dinge nicht in der Lage/gewesen „ausreichend zu kompensieren“ um ein meinen Fähigkeiten und Neigungen erfülltes Leben zu führen.
        Und ehrlich gesagt fühle ich mich auch nicht verstanden, wenn ADHS zu einem Problem der Unordnung, Aufmerksamkeit und Hyperaktivität, erst beeinträchtigend in sehr hohen Anforderungen, deklariert wird, denn bei mir, und auch bei einigen anderen, geht es um existenzielle Dinge, es geht um eine Ebene, die für einen unaufmerksamen Akademiker nicht mal wahrgenommen wird, weil es für ihn selbstverständlich ist.
        Bleiben sie dabei Herr Rossi, und werden Sie bitte nicht müde diese extrem einschränkende/behindernde Erkrankung auch öffentlich, vor allem vor Fachpublikum, auch als das zu deklarieren.

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  2. Hirnjogger

    Sehr geehrter Herr Rossi,
    es tut mir leid, dass ich das sagen muss, aber Ihre Aussagen zu Akademikern und AD(H)S beruhen auf Prämissen, die den Kontext in unstatthafter Weise simplifizieren.

    Hochschulstudiengänge z.B. stellen je nach Fach äußerst disparate Anforderungen an ihre Studierenden, zumal viele Diplom- oder Magisterstudiengänge vor der „Bologna“-Reform. Manche Fächer dürften für AD(H)S-Betroffene sogar günstigere Bedingungen bieten als eine Berufsausbildung (abgesehen davon ist es durchaus möglich, sich an einigen Stellen auch durchzumogeln).

    Das gleiche gilt für das einseitige Bild von Schule, das Sie hier zeichnen. Diese besteht eben nicht nur aus zu erfüllenden Anforderungen, sondern ist, als soziales System betrachtet, vor allem ein Kommunikationsraum, in dem soziale Sachverhalte zwischen den Akteuren ausgehandelt werden. Es gelten weit mehr Standards als nur Leistungsindikatoren, welche deswegen auch z.T. umgehbar sind etc. pp.

    Selbstverständlich gibt es eine Wechselwirkung zwischen Intelligenz und ADHS-Symptomatik, die in den günstigeren Fällen ‚kompensatorisch‘ wirken kann, etwa eine überdurchschnittliche Ratefähigkeit, mit der Konzentrationslücken a posteriori geschlossen werden können.

    Zudem berichten Betroffene, dass sie den Mangel an Reifilterung zuweilen als Vorteil erleben wenn es darum geht, vielschichtigere Zusammenhänge zu erfassen.

    Des Weiteren hilft naheliegender eine (natürlich kaum steuerbare) Hyperfokussierung, wenn das Studienfach mit Begeisterung studiert wird.

    Ihrer Argumentation nach könnten auch Menschen mit Teilleistungsstörungen kein Abitur absolvieren und schon gar kein Studium – beides ist nachweisbar der Fall.

    Ihr holzschnittartiges Schwarzweiß-Gemälde des Phänomens AD(H)S wird, an sozialwissenschaftlichen Kriterien gemessen, der sehr viel kompexeren Realität leider nicht gerecht.

    Mit freundlichen Grüßen
    Hirnjogger

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    1. Dipl.-Psych. Piero Rossi Autor

      „Ihr holzschnittartiges Schwarzweiß-Gemälde des Phänomens AD(H)S …“: Ich muss schmunzeln. So elegant wurde ich noch nie kritisiert.

      Meine Prämissen? Diese beruhen auf 31 Jahren Berufserfahrung. Ihre?

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      1. Hirnjogger

        Ca. 20 Jahre – Sie haben gewonnen. Auf meine Argumentation haben Sie damit aber noch nicht geantwortet. Ich leg gleich noch einen nach:

        Aus den Schulleistungsstudien der letzten Jahre wissen wir, dass es für den individuellen schulischen Bildungserfolg viele maßgebliche Faktoren gibt, vor allem ein supportives Elternhaus und Intelligenz. Weshalb sollten diese förderlichen Momente einige der Nachteile, die AD(H)S-Betroffene erleiden, nicht auffangen können?

        [The proof of the pudding is the eating. Gucken Sie sich an den Universitäten in ihrer näheren Umgebung mal näher um, Sie werden zahlreiche potentielle AD(H)S-Patient/innen entdecken, sowohl unter Studierenden als auch unter Professor/innen].

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      2. Dipl.-Psych. Piero Rossi Autor

        Die Anforderungen an die Exekutivfunktionen von Schülern/Studenten an Gymnasien, Fachmittelschulen, Fachhochschulen und Universitäten waren und sind hoch. Daran ändern auch schöne Worte nichts. Und das nicht nur in der Schweiz. Ich habe in Deutschland Abitur gemacht und studiert und habe auch einige Patienten aus Deutschland und Österreich behandelt, kenne also auch die aktuellen Anforderungen dieser Länder.

        Störungen der Exekutivfunktionen (= Kernproblematik bei der ADHS) sind bei Vorliegen dieses Störungsbildes evident und übergreifend. Es handelt sich dabei alles andere als um „einige Nachteile“, die sich durch Intelligenz oder sozialen Support wettmachen liessen. Das Gegenteil ist der Fall: Eine ADHS verhindert trotz hohem IQ + Unterstützung der Familie in den meisten Fällen, dass die Betroffenen ihr Potenzial entfalten und die schulischen Anforderungen erfolgreich bewältigen können. Genau das ist ja das Verheerende der ADHS!

        „…potentielle AD(H)S-Patient/innen … unter Studierenden als auch unter Professor/innen..“: Selbstverständlich sind zahlreiche Studenten und Professoren unkonzentriert, zerstreut, schusselig und unordentlich oder gar chaotisch. Aber das heisst noch lange nicht, dass deswegen eine ADHS vorliegen muss. Konzentrations- und Selbstmanagementprobleme darf man nicht mir der ADHS gleichsetzen. Sie können viele Ursachen haben. Nur wenn sich ADHS-typische Probleme im Lernen und Verhalten seit der Grundschule in einem behindernd starken Ausmass manifestieren und dazu führten, dass ein Kind sein Potential eben nicht auszuschöpfen vermochte (und es eben genau deswegen trotz gutem IQ nur in Ausnahmefällen ins Gymnasium schaffte), könnte eine ADHS die Ursache sein. Beeinträchtigend starke ADHS-Symptome manifestieren sich also nicht erst im Gymnasium oder an der Universität, sondern viel, viel früher. Und das wie gesagt in einem Ausmass, welches es den meisten Betroffenen auch bei gutem IQ und guter familiärer Unterstützung verunmöglicht, die mit einer höheren Schullaufban verbundenen Anforderungen an die Exekutivfunktionen zu bewältigen. Und selbst dann, wenn schon früh eine wirksame ADHS-Therapie erfolgte, bleibt für viele Betroffene die Schule ein harter, ja oft zu harter Brocken.

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      3. Hirnjogger

        Sehr geehrter Herr Rossi,
        zunächst einmal Danke, dass Sie sich auf das von mir angezettelte kontroverse Gespräch eingelassen haben. Zwischenzeitlich habe ich die Replik von Meinard Ryffel und Ihre Antwort darauf gelesen und verstehe Ihren Standpunkt nun wesentlich besser.

        Als sehr positiv empfinde ich Ihr Engagement dafür, dass AD(H)S keine Beliebigkeitsdiagnose sein oder werden darf, und insofern folge ich Ihnen ein Stück weit in Ihrer Rigidität bezüglich der Diagnose.

        Den behavioristischen Grundansatz, den das DSM seit jeher mitbringt, halte ich jedoch für nicht ausreichend, um die Komplexität eines Störungsbildes wie AD(H)S zu erfassen. Sicherlich handelt es sich (vor allem) um eine Störung der Exekutivfunktionen, die je nach Schweregrad die Handlungsfähigkeit eines Individuums beeinträchtigen. Störung heißt aber nicht „Ausfall“, das heißt, es kann z.B. gute und schlechte Tage geben; erfahrungsgemäß hängt das Ausmaß von Konzentrationstörungen eng mit der affektiven Bindung an das Handlungsziel zusammen usw.. Mit Selbsterfahrung kann man dies ein Stück weit in den Griff bekommen, oder indem man einige der wertvollen Praxistipps z.B. auf Ihrem Blog befolgt…

        Und schließlich leiden Menschen mit AD(H)S-Symptomen vor allem darunter, hohe Ziele, die sie sich kognitiv durchaus zutrauen, nur aufgrund dieser „verd…ten“ Unfähigkeit, sich darauf zu fokussieren, nicht erreichen. Der Maßstab des empfundenen Leides oder des Underachievement ist demnach ein subjektiver. Er entspricht qualitativ nicht den externen „objektiven“ Standards eines Gymnasialcurriculums oder des DSM-5.

        Soweit jede andere Ursache ausgeschlossen wurde, finde ich es daher schwierig, diesen konzentrationsgestörten Menschen zu sagen: Ihr habt kein AD(H)S. Mag ja sein, aber dann haben sie eben eine andere Störung, die noch einen eigenen Namen braucht. Außerdem hilft MPH offenbar auch diesen Menschen, ihr chaotisches Leben zu stabilisieren.

        Kurz gesagt: Wenn Akademiker mit AD(H)S-Symptomaik kein AD(H)S haben, brauchen sie dennoch eine Antwort und eine Lösung für ihre AD(H)S-ähnlichen Probleme.

        Mit freundlichen Grüßen
        H.

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  3. Marcus

    Sorry, das ist zu emotional…
    Wenn man sich die Studien zum Thema ansieht, dann wird man das bestätigt sehen.
    ADHS bedeutet nicht = Hilfsarbeiter, … ADHS bedeutet, dass Menschen hinter ihrem eigentlichen Potential bleiben, eigentlich mehr könnten, es aber letztlich nicht erreichen.
    Und da geht es leider auch nicht um mehrere ADHS-Betroffene, die man selber kennt, sondern z. B. bei besagten Studien, welche die derzeit umfangreichsten Langzeitstudien überhaupt sind, wurden mehrere Hundert Betroffene und Kontrollgruppen begleitet.

    Das ist die Welt der Fakten und Wissenschaft.

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    1. pero

      Ja, ganz genau. Sie erreichen auch später ihr Potential nicht weil sie Seminaren, Schulungen und Tagungen nicht konzentriert folgen können, auch wenn sie die Schule schon lange abgeschlossen haben und (zu recht) als erwachsen gelten.
      Und genau das steht jetzt in der Definition oder habe ich das falsch verstanden?
      Sie hingeben sagen das das keine Rolle spielt weil ADHSler solche Veranstaltungen gar nicht besuchen würden und das ist in meinen Augen und nach meiner Lebenserfahrung nicht richtig.

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  4. Marcus

    Hallo,

    Alles in Allem kann ich den Artikel nur voll unterschreiben, mit aber einer Ausnahme, bzw. einer Nachfrage, wenn’s ok ist (ich weiß ja, dass dies ein Blog und kein Diskussionsforum ist, aber es macht mich neugierig).
    Ich habe schon zu DSM IV Zeiten nicht verstanden, warum sich eine ASS und eine ADS gegeneinander ausschließen sollten.
    Bislang konnte ich keine plausiblen Gründe dafür finden, dass nicht beide Störungen gleichzeitig auftreten können.
    Was spricht dagegen?
    Ich habe eher den gegenteiligen Eindruck, dass diese Kombination durchaus öfter auftreten könnte.
    Ok, kann natürlich auch ein komplett eigenes Störungsbild sein.
    Aber wie kann man das erkennen?
    Eigentlich würde ich eher dazu neigen, gerade weil in der DSM V die ADHS auch unter die Entwicklungsstörungen fällt, es als logisch zu betrachten, dass beide Störungen gleichzeitig auftreten können.
    Das ist natürlich eine gänzlich unfachmännische Meinung, aber sie erscheint mir logisch und ich würd mich dazu wirklich über ein paar ergänzende Zeilen freuen, allein schon aus eigenem Interesse.

    Liebe Grüße
    Marcus

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    1. Dipl.-Psych. Piero Rossi Autor

      Gemeinsames Auftreten von ADHS und ASS: Warum ich denke, dass es sich bei der ADHS und der ASS um grundverschiedene Störungen handelt, kann man wohl am ehesten anhand des von mir im Beitrag erwähnten Artikels (Fallbeispiel) nachvollziehen.

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      1. Marcus

        Hallo Herr Rossi,
        danke für die schnelle Antwort.

        Das Fallbeispiel kenne ich natürlich (aus dem Originalartikel der neue Akzente Nr. 76 2007, gelesen habe ich es erstmalig 2010 ).
        Schon damals war bereits bei der anfänglichen Symptombeschreibung, die Ihnen die Eltern von David gegeben haben, mein erster Gedanke, dass hier eine ASS (Asperger war mein allererster Gedanke) mit ADS verwechselt wurde.
        Die gesamte Beschreibung zeigte zumindest mir deutlich, dass man es hier mit einem ASS Betroffenen zu tun hatte.
        Es stimmt natürlich, viele Symptome sind, oberflächlich betrachtet, sehr leicht zu verwechseln, aber gerade der Blick auf die Hintergründe zeigt schnell die Unterschiede und bei David war die ASS in meinen Augen, zumindest aus der Schilderung heraus, mehr als deutlich erkennbar.

        Aber das Fallbeispiel ist ein gutes Beispiel dafür, dass man ASS und ADS leicht verwechseln kann, da die Symptomatik nach außen hin sehr ähnlich ist, nicht aber, dass sich ein gemeinsames Auftreten ausschließt (auch wenn man da schon recht deutlich die ASS erkennen konnte).
        Um nur einige Punkte herauszugreifen, in denen beides zutreffen könnte, wie z. B. Gestik Mimik und kognitive Empathie, soziale Verhaltensregeln:
        Bei letzteren besteht der Unterschied zwischen ADS und ASS darin, dass der eine die Regeln zwar kennt, aber entweder einfach nicht beachtet oder aufgrund seiner Abgelenktheit, seiner Aufmerksamkeitsinkonsitstenz, die Zeichen nicht bemerkt hat und deshalb nicht angemessen reagiert, während der andere die die Regeln erst gar nicht kennt und daher nicht die angemessenen Reaktionen zeigen kann.
        Da wir es aber in beiden Fällen mit Spektrumsstörungen zu tun haben, bestünde nicht auch die Möglichkeit, dass jemand, der von beiden Störungen betroffen ist, sozusagen „doppelt gestraft“ sein könnte?
        Soll heißen:
        Nicht nur, dass er die Regeln (zumindest zum Teil) nicht kennt/ versteht.
        Möglicherweise kennt er sie ein wenig und hat vielleicht einiges rein kognitiv gelernt und könnte es sozusagen „datenbankbezogen“ aufgrund gemachter Erfahrungen und vorgemachter Verhaltensweisen anwenden, was aber nicht gelingt, weil ihm die Aufmerksamkeitsinkonsistenz dann auch noch dazwischenfunkt und der von seinem Gegenüber dann eh‘ nur noch die Hälfte mitbekommt.
        In einem solchen Fall würden sich die Symptome/ Probleme sozusagen addieren (natürlich nicht rein mathematisch betrachtet).
        Gleiches ließe sich bei Erkennen von Gestik und Mimik vermuten:
        Für einen von ASS Betroffenen sind Gestik und Mimik regelrechte Fremdsprachen, geschrieben obendrein in fremdländischen Buchstaben.
        Er kann es aber, wie wir wissen, zumindet zum Teil kognitiv erlernen, wenn man es ihm beibringt, zwar nur in Grenzen, aber immerhin.
        So wäre er zumindest in vielen Fällen in der Lage, eine Mimik zuordnen zu können, wenngleich auch nicht nativ, so dann aber immerhin auf der Basis seiner „in der Datenbank abgespeicherten Vergleichsmuster“.
        Das kostet allerdings Zeit und kognitive Kapazitäten, während es bei Nichtbetroffenen „nativ im Hintergrund“ abläuft.
        Um das zu können, muss der ASS-Betroffene nun also genau hinsehen und konzentriert auf das achten, was er sieht und es gleichzeitig mit seiner „Datenbank“ abgleichen.
        Kommt nun eine ADS hinzu, wird das zu einem Problem, denn aufgrund der damit einhergehenden Aufmerksamkeitsinkonsistenz gehen ihm wieder wichtige Informationen verloren und er hat wieder das Nachsehen.
        Auch hier würden sich beide Störungen verstärkend auswirken.

        Auch dieser Sortierungsdrang ….
        Einerseits kann man natürlich sagen, dass gerade ADS-Betroffene auch nicht selten von einer zwanghaften PS betroffen sein können, da sie ihr inneres und äußeres Chaos regelrecht „bezwingen“ wollen.
        Könnte es aber nicht andererseits auch sein, dass eben der ASS-Anteil hier nach System, Struktur und Ordnung verlangt, die aber das innere und äußere Chaos der ADS nicht oder nur eingeschränkt zulassen?
        Das wäre ein in meinen Augen mögliches und schwer erträgliches Dilemma, denn der Betroffene sucht, ja verlangt und braucht die Ordnung, stolpert aber permanent über sein eigenes Chaos.
        Bei einer solchen Person würde ich z.B. erwarten, dass da einerseits die Tassen im Schrank einer strengen Ordnung unterliegen, deren Änderung nicht geduldet werden kann, Kleider genau sortiert und streng geordnet sind, aber andererseits ein Arbeitsplatz das reinste Chaos sein wird.
        Dort, wo zu viele Änderungen und Aktivitäten stattfinden, kann die Ordnung nicht gehalten werden, während an anderen Stellen die „zwanghafte Perfektion“ deutlich erkennbar ist.
        Auch müsste man erkennen können, dass einige zwanghafte Rituale einerseits der ADS geschuldet sind, z.B. feste Prozeduren im Umgang mit Schlüsseln, mit dem Verlassen des Hauses, Rituale, die davor schützen sollen, etwas zu vergessen, während andererseits das Ausrichten von den Henkeln der Tassen im Schrank oder der Zahnpastatube im Badezimmer und den Etiketten der Handtücher keinerlei erkennbare Intention zugrunde liegt?

        Das Fallbeispiel von David zeigt mir einen auschließlich von ASS Betroffenen.
        Bei einer Kombination von ASS und ADS würde ich Widersprüchlichkeiten erwarten, teilweise extremer Natur.
        Ich fürchte nur, dass Betroffene wohl nur im fortgeschrittenen Erwachsenenalter überhaupt in der Lage sein dürften, sebst aktiv dabei helfen zu können, das Eine vom Anderen zu unterscheiden…

        Viele Grüße
        Marcus

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  5. pero

    Kommentar: Diese Ergänzung ist bezüglich ADHS vollkommen sinnlos. Wer es schulisch soweit bringen konnte, dass er Vorlesungen und Tagungen besuchen kann, leidet mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an einer ADHS.

    Das meinen Sie hoffentlich nicht ernst. Das würde bedeuten das alle Menschen die eine Ausbildung durchlaufen haben nicht unter ADHS leiden sollen. Für mich ist das ein zynischer Schlag ins Gesicht. Ich habe meine Diagnose erst mit 50 erhalten und bis dahin eine sehr beachtliche berufliche Karriere durchlaufen, aber unter welchem Preis? Durch die eindeutige Diagnose habe ich die Zusammenhänge meiner Probleme erkannt. Und das soll kein ADHS sein auch wenn alle Symptome passen? Was hat mich den in den Zusammenbruch geführt als der ständige Kampf mit meinen ADHS-Problemen.

    Mit diesem kurzen Satz haben sie sehr viel von meinem Respekt verloren. Dann leidet also auch Herr Edward M. Hallowell mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an ADHS? Ich glaube diese Erkenntnis dürfte ihn überraschen.

    Wenn jemand eine so anspruchsvolle Ausbildung absolvieren konnte, welche es ihm später erlaubt, an Vorlesungen oder anderen anspruchsvollen Weiterbildungen teilzunehmen, ist es in der Regel tatsächlich unwahrscheinlich, dass eine ADHS vorliegt (aber natürlich ist es kategorisch ausgeschlossen). Gemäss dem aktuellem Verständnis der ADHS müssen nämlich seit Kindheit beeinträchtigend starke Probleme vorliegen. Und zwar in einem Ausmass, welches das betroffene Kind nachhaltig und in verschiedenen Lebensbereichen daran hindert, über längere Zeit und zielführend eine seinen personalen und intellektuellen Möglichkeiten entsprechende Schul- und Ausbildungslaufbahn zu durchlaufen.

    Wenn nun jemand wie Sie trotz ADHS, unter enormem Kraftaufwand und offenbar ohne ADHS-Therapie es trotzdem schaffte, beruflich erfolgreich zu sein, ist das eine erfreuliche Ausnahme, aber halt nicht die Regel. Meine Äusserungen sind also kein Grund dafür, die eigene ADHS infrage gestellt zu sehen.

    Ob bei Herrn Hallowell eine ADHS vorliegt oder nicht, weiss ich nicht. Seinen eigenen Angaben zufolge soll dem so sein. Einige der von ihm in „Zwanghaft zerstreut“ beschrieben ADHS-Betroffenen erfüllen die diagnostischen Anspruchsvoraussetzungen gemäss DSM jedenfalls kaum.

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    1. Marcus

      Auch wenn es wie ein solcher Schlag wirken mag, so ist dennoch sachlich korrekt.
      Bei Betroffenen von ADHS, die ein Studium eigenständig erfolgreich abschließen konnten, muss man schon genauer hinschauen, denn das ist tatsächlich die Ausnahme (s. in diesem Zusammenhang auch die Ergebnisse aus den UMASS- und Milwaukee- Studien von Murphy, Fisher, Barkley et al).
      Das heißt nicht, dass es nicht möglich sei, aber es ist unwahrscheinlich und untypisch.
      Schon allein aus dem Grunde, dass ein eigenständig durchgeführtes Studium höchste Anforderungen an die exekutiven Funktionen stellt, welche aber bei ADHS zum einen entwicklungsverzögert sind, also im typischen Alter eines Studenten noch hinterherhinken, und sich außerdem nicht vollständig bis zum typischen Ende entwickeln, und demnach auch bei erwachsenen Betroffenen weiterhin beeinträchtigt bleiben.
      Auch mag es sich dabei um leichtere Fälle von ADHS handeln.
      Das bedeutet nicht, dass jene, die im höheren Alter diagnostiziert wurden, es leichter hatten oder weniger betroffen sind.
      Sie konnten ihre ADS vielleicht nur lange genug kompensieren, bis die Komorbiditäten den Rest besorgt haben.
      Aber in der Tat ist ein eigenständig absolviertes und abgeschlossenes Studium sehr sehr untypisch für Betroffene von ADHS, sofern es nicht nur um ein leichtes Bild der Störung geht.
      Letztlich ist ADHS ja nun mal eine Spektrumsstörung und geht von –> bis.

      Was Hallowells Buch „Zwanghaft zerstreut“ betrifft, so müssen wir auch da bedenken, dass es bereits 1994 erschienen ist und inzwischen auch schon wieder 20 Jahre Forschung dazwischen liegen.

      Viele Grüße
      Marcus

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    2. pero

      Ach so, nur jemand der ein Studium absolviert hat kann an Tagungen oder Fortbildungsseminaren teilnehmen?
      In welcher Welt leben sie? Bedeutet bei ihnen ADHS = Hilfsarbeiter?
      Denken sie wirklich es ist die absolute Ausnahme das jemand mit ADHS eine Ausbildung absolviert, sich in Parteien, Vereinen oder Gewerkschaften engagiert?
      Da habe ich eine ganz andere Lebenserfahrung. Ich kenne mehrere ADHSler und alle haben Ausbildungen durchlaufen, nicht wenige haben Meisterkurse absolviert. Daher ist für mich die Erweiterung der Definition durchaus sinnvoll, insbesondere bei Erwachsenen die in der Kindheit nicht diagnostiziert wurden.

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    3. Doro Böhm

      Vielen Dank für Ihren Kommentar, Sie haben vollkommen recht. Wer es bis zu „Vorlesungen und Tagungen“ bringt, kann sehr wohl „AD(H)S haben“, und sie oder er hatte diesen Zustand mit Hilfe guter formaler Intelligenz äußerlich erfolgreich – aber unter erheblichem inneren Energieaufwand – kompensierten können.
      Die Betroffenen haben gute oder sehr gute Noten und fallen in der Schule unter Umständen gar nicht auf. Sie tragen allerdings ein deutlich erhöhtes Risiko, gesundheitliche und/oder psychisch Zusammenbrüche zu erleiden, manche in den späteren Schuljahren, andere erst im Studium, einige schaffen es bis zur Hälfte des Lebens, wenige ereilt es noch später. Es gibt eine interessante Korrelation zwischen Zeitpunkt der AD(H)S-Diagnose und IQ !
      Psychiater erkennen und behandeln zwar Depression, die sozusagen die klassische Form des Zusammenbruchs bei unerkannter weil äußerlich kompensierter AD(H)S darstellt, fragen aber viel zu selten, ob vielleicht der neurobiologischer Grundzustand, Profilierung und Kapazität der automatischen Selbstregulation (ASR = „Autopilot“ des Menschen) die betreffenden Patienten vulnerabel und zusammenbruchsgefährdet gemacht hat. Weil die automatische Selbstregulation (ASR) bei 85% der ASR-Defizienzen passager medikamentös wirksam angehoben werden kann, wäre diese Expertise bei Ärzten dringend, und ist sachgerechte Information sehr wichtig. (Denn sonst greifen Menschen mit unerkannten ASR-Defiziten zur Selbstmedikation mit Zigaretten, die helfen nämlich auch, haben aber gravierende gesundheitliche Langzeitfolgen. Kurz gefasst: Das ideologisch-gescholtene „Ritalin“ (Wirkstoff Methylphenidat) ist im Vergleich zu Zigaretten ein Vitaminpräparat.

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      1. Dipl.-Psych. Piero Rossi Autor

        Eine ADHS kann man nicht kompensieren. Bestenfalls kann man sich eine Weile zusammenreissen. Aber nur in den seltensten Fällen so lange und so wirksam, dass jemand während Jahre den Anforderungen eines Gymnasiums und eines Hochschulstudiums gewachsen ist. Es gehört zur Kernspezifik der ADHS-Symptomatik, dass diese bei monotonen, stillen, subjektiv uninteressanten und/oder fremdbestimmten Aktivitäten immer „stört“. Bei Menschen, die in der Grundschule weder durch übermässige Verträumtheit noch durch eine zu hohe Impulsivität auffallen, liegt in den meisten Fällen keine ADHS vor. Da gibt es nichts schönzureden.

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      2. Torsten Steintor

        Diesen Satz finde ich sehr schade, auch wenn er als Frage verfasst wurde:

        „(Neuroenhancing für unkonzentrierte Akademiker und Fachpersonen in der Fortbildung auf Kosten der Krankenkassen?)“

        Auch wenn sie einräumen, dass Menschen mit ADHS auf dem ersten Bildungsweg und ohne Therapien jeglicher Art, studieren können, finde ich den Satz als Anmaßung. Studenten, die Methylphendiat einnehmen, sind in erster Linie Betrüger.

        Ich habe mein Abitur auf dem ersten Bildungsweg erhalten und habe danach studiert. Ich habe mein Diplom bekommen und hab auch später auf Tagungen Vorträge gehalten. Dennoch haben mehrere kompetente Spezialisten bestätigt, dass ich ADHS habe.

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