Selbstüberwachung (Teil 1b) und Sponsoring

Eigentlich wollte ich ja schon bei Teil 2 zum Thema Selbstüberwachung und Exekutivfunktionen sein. Der Kommentar von Anita zum ersten Teil hat aber noch ein wenig (Er-)Klärungsbedarf bzw. Gedankenwirrwarr bei mir erzeugt, den ich hier mir von der Seele schreiben möchte.

Ich sehe es auch so, dass im Wesentlichen die Eltern (sprich hier meist die Mama) quasi als Ersatz-Frontalhirnfunktion präsent sein muss. Zwangsläufig und sei es nur als eine Art „Aufmerksamkeits-Fokus“, der im Hintergrund eine andere Tätigkeit (in Vorträgen sage ich immer „Bügeln“) erledigt, aber allein schon durch die Anwesenheit eine Form der Selbstüberwachung bzw. Aufmerksamkeits-Fokussierung ermöglicht, die das ADHS-Kind allein nicht leisten könnte.

Sehr richtig ist aber auch der Hinweis, dass die Mama dann bei den geringsten Störungen des normalen Ablaufs (beispielsweise durch ein Verständnisproblem, Irritationen oder fehlende Unterlagen aufgrund „loser Blätter“ ) sofort „sprungbereit“ sein muss, damit das Lernen überhaupt möglich bleibt und das Kind nicht in einem Absturz oder Wutanfall aussteigt und aufgibt.

Das wäre für sich genommen schon ein Grund, Pflegestufe bzw. Pflegegeld für sein ADHS-Kind zu fordern, da genau dieser erhöhte Kontrollbedarf als Pflege gezählt wird. (Leider ist dies aber bei „reinem“ ADHS bisher noch nicht so in die praktische Umsetzung der Gutachter vorgedrungen). Auf jeden Fall ist es extrem energieraubend dies ständig und immer auf Abruf leisten zu sollen. Speziell wenn man selber ADHS-Betroffene ist bzw. die eigenen Exekutivfunktionen gerade durch weitere Stressoren und / oder Schlafmangel gerade nicht ihre beste Zeit haben.

Ich bezeichne diese ständige Kontrolle bzw. „Nach-Hilfe“ gerne auch als Sponsoring. Eigentlich ist es aber ein „Ausleihen“ von Hirnfunktionen, die das Kind, der Jugendliche oder der Lebensgefährte nicht leistet, weil er / sie sie nicht leisten kann.

Es geht aber um Handlungsstrategien und letztlich eine Anleitung zur Vorplanung bzw. Herausarbeiten der relevanten Informationen, damit das Wissen angewendet bzw. überhaupt geübt und damit generalisiert  werden kann.

Häufig genug muss man dann aber eben auch als Tröster bzw. „Psychologe“ als Eltern Wunder vollbringen, damit das Kind wieder in den Prozess des Lernens einsteigen kann.

Neuropsychologische Defizite haben nichts mit Intelligenz oder Wille  zu tun

Grundsätzlich meinen viele Erzieher, Ergotherapeuten oder gerade Lehrer, dass das Kind doch „intelligent genug sein müsste“, um die Aufgaben allein zu erledigen. Keine Frage, an der Intelligenz mangelt es (dem Kind) nicht. Zumindest ist das nicht der Punkt, der die Probleme erklärt. Ebenso ist es eine Frage von Wollen oder Nicht-Wollen.

Unter den ADHSlern gibt es intelligente wie weniger intelligente, kreative oder eben weniger kreativ talentierte Menschen. Darum geht es nicht.
Es lässt aber auf ein tiefes Unverständnis bzw. Nicht-Verständnis von den Handicaps bei Teilleistungs- und Lernstörungen bzw. eben ADHS- und Autismus-Spektrumproblemen schliessen, wenn nun eine Selbstständigkeit  und eben eine Handlungskontrolle eingefordert wird, die dieses Kind eben nachweislich nicht bringen kann.

Das zu frühe Einfordern von Eigenständigkeit und eigener  Handlungskontrolle über sein eigenes Tun ist der sicherer Untergang für ADHSler.

Anita schreibt in ihrem Kommentar zu Teil 1 völlig richtig:

Die Handlungsplanung muss bei meinen Kindern über einen viel längeren Zeitraum kontrolliert und geübt werden, bevor sie “reibungslos” funktioniert. Aber vermittel das mal einem Lehrer, der Deine Kinder als “zu intelligent” für solch kleine Schritte einschätzt.

Besonders bitter (für das Kind) ist dann, wenn als Vergleichsmaßstab ein Geschwisterkind bzw. Mitschüler herangezogen werden, die neurotypisch veranlagt sind, möglicherweise aber strohdumm. Die aber anscheinend ohne Probleme durch die Schule kommen.

Hier werden dann Äpfel mit Birnen verglichen bzw. ein bitterer Un-Sinn verzapft.

Im Prinzip müssen ADHS-Kinder gefordert und gefördert werden. Also eher eine zu kniffelige Aufgabe bzw. eine Herausforderung, die aber handlungsorientiert, kleinschrittig und plausibel ist statt immer und immer wieder eine (zu) einfache monotone Aufgabe, die sich das Kind selber herleiten soll, aber nicht kann.

Einfach oder schwer sind hier die falschen Dimensionen zum Verständnis der Problematik.

Wieviel Unterstützung braucht das Kind von mir noch ?
Natürlich stellt sich dabei immer die Frage, wieviel Sponsoring braucht das Kind noch gerade.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Ungünstig ist es sicher, wenn nun über den idealen Einsatz der Mutter und vielleicht noch Nachhilfe bei Schulleistungsproblemen in der Schule das Kind bzw. Jugendlicher durchgeschleppt bzw. getrieben wird. Aber letztlich selber überhaupt nicht die eigenen Voraussetzungen im Bereich des Lernens bzw. der höheren Handlungsfunktionen hat, um dann weiterführend in der Lehre oder einem Studium klar zu kommen. Egal, wie intelligent das Kind nun sein mag.

Ich habe aber auch mehrfach erlebt, dass sich selber Schüler mit einem Abschluss von 1,4 oder 1,5 im Abitur als „dumm“ ansahen, weil sie eben eigentlich den Lernstoff nun auf Lücke verinnerlicht hatten und sofort nach der Prüfung wirklich „Null-Ahnung“ mehr hatten. Aber eben mit Unterstützung bzw. sehr rigider Selbstüberforderung sich durch die Anforderungen durchgequält haben.

Ich glaube, sie hätten sogar ein besseres Abitur verdient (wenn man in dieser Liga überhaupt noch von besser sprechen sollte). Denn es war ja kein Problem der Intelligenz oder des Wissens. Vielmehr mussten sie unglaublich viel Energie und Intelligenz dafür aufbringen, wie man denn nun durch die Schule kommt, wenn die elementaren Fertigkeiten der höheren Handlungsfunktionen, der Aufmerksamkeit, des Arbeitsgedächtnisses und der emotionalen Reife fehlen bzw noch nicht dem eigentlichlichen intelektuellem Anspruch entsprechen können.

Nichts-tun ist keine Alternative aber häufig eine zwangsweise eintreffende Realität

Nicht alle Kinder haben das Glück, eine Mutter wie Anita zu haben, die präsent ist und präsent sein kann. Und es kann, präsent zu wirken:

Und die noch dazu offenbar eigene Strategien im Umgang mit den Stärken und Problemen der Exekutivfunktionsstörungen entwickelt und situationsangemessen anpassen kann.

Erfahrene Mütter bzw. Eltern von ADHS-und Spektrum-Kindern wie Anita praktizieren dann ein ein“fordern“, wie sie richtig schreibt. Super.

Das ständige Fordern erfordert aber eben auch, dass man da sein kann.

Ich habe viele  Klienten und Klientinnen, bei denen waren (real oder subjektiv erlebt) die Eltern nicht da. Sei es, weil sie als Ärzte zeitlich involviert waren, einen eigenen Betrieb oder eine Gastwirtschaft betrieben haben oder sich für andere als Lehrer oder Erzieher engagierten und fälschlich davon ausgingen, dass das Kind nun allein schon klar kommen würde.

Die eigene Notlage ihres Kindes nicht gesehen haben, weil sie ja gar nicht auf die richtige Ebene des Problems schauen konnten. Weil sie genug andere Probleme hatten und weil selbst Fachleute, das nicht erkennen.

Besonders schlimm ist es dann, wenn man dann als Kind und Jugendliche nicht Unterstützung, sondern Abwertung, Kritik oder gar kalte Missachtung erfährt. Weil man nicht so funktioniert, wie es zu erwarten ist. Leider die Regel für ADHS-Kinder.
Aus Sicht des Vaters, der Mutter, der Verwandten , im Fernsehen oder der Presse.
Das Nicht-Erkennen bzw. WAHR-Haben und WAHR-Nehmen ist vermutlich sogar noch schlimmer als die blanke Ablehnung. Aber diese Betroffenen haben dann eben nicht allein durch die ADHS-Symptomatik sondern besonders durch diese tief verankerte Hoffnungslosigkeit und Angst vor erneuter Hilfosigkeit bzw. Alleinsein eine zusätzliche psychische Problematik.

Dissoziationen von Können und Ergebnis
Ein weiterer Aspekt der „Intelligenz“ in diesem Zusammenhang ist, dass es zwangsläufig zu einem inneren Schere zwischen den gut funktionierenden kognitiven Fähigkeiten bzw. „intakten“ neuropsychologischen Funktionen und den scheinbar gestörten bzw. leicht irritierbaren Störungen der Exekutivfunktionen bzw. weiterer jeweils syndromtypischer Abweichungen kommt. Anders ausgedrückt : Das Kind ist ja nun nicht in allen Bereichen „gestört“, vielmehr bestehen besondere Stärken und Talente bzw. es besteht eine deutliche innere Diskrepanz zwischen dem eigentlich zu erwartenden Anspruch und der tatsächlichen Ausführung bzw. dem Ergebnis.

In  der Neuropsychologie von erworbenen Exekutivfunktiosstörungen (z.B. nach einem Unfall) wird dies auch als Dissoziation bezeichnet. Die Auswirkungen der Unterschiede zwischen „gesunden“ und betroffenen Funktionen im Gehirn können sowohl beim Klienten, wie auch bei dem Umfeld für Irritationen sorgen.

Manchmal „geht“ es und das Kind kommt zu einem tollen Resultat. Dann „übt“ man und die Ergebnisse werden nicht besser, sondern immer schlechter. Zum Mäusemelken.

Wenn man das aber nicht begreift, bzw. begreifen kann oder will (als Institution Schule), wird man dem Kind bzw. seinen Bezugspersonen nur die Auswahl lassen, sich verbiegen zu lassen und unsinnige bzw. falsche Handlungsstrategien bzw. pädagogische Prinzipien  sich aufdrücken zu lassen oder aber quasi auf „Eigenmodus“ umschalten, wenn denn überhaupt ein Lerneffekt möglich sein soll.

Das Kind muss dann in der Schule es so machen , wie Lehrer X es will. Mit der Wechsel zu Lehrerin Y wird aber ein völlig anderes Prinzip gelehrt. Das fängt schon bei der Unsystematik von Farben von Hefteinbindungen oder aber der Raumzuordnung und Klassenraumwechseln an. Hört da aber noch längst nicht auf.

Leider ist es in der Realität häufig so, dass die Schüler auf Lehrkräfte treffen, deren Exekutivfunktionen aus welchen Gründen auch immer (nicht mehr) auf der Höhe der Zeit sind. Oder gestresst, so dass auch der „Verstand“ bzw. der „Anstand“ nachlässt. Gerade mit diesen Kollegen und Kolleginnen wird es dann aber Reibungsprobleme geben. Meistens ist dann das Kind oder der Jugendliche der Leidtragende bzw. „verliert“.

Mit „Vorbild-Paukern“, die gerecht und berechenbar sind, haben die meisten Kinder mit Exekutivfunktionsstörungen keine Probleme.

Dabei wird durchaus richtig wahrgenommen, dass die Methodik, die Struktur oder das Auftreten des Lehrers oder der Lehrerin inadäquat ist bzw. die Lernmethode nie und nimmer zu einem Erfolg führen kann.

Aber wie soll man sich da als Kind oder Eltern richtig verhalten ?

Im Zweifel wird aber nicht die Lehrkraft ausgetauscht, sondern das Kind ausgeschlossen bzw. aufgegeben.

Alles wäre „leicht“ veränderbar, wenn man sich in der Beschreibung und Behandlung weniger auf Symptome oder Klassifikationen, sondern auf die Ebenen der Funktion bzw. Exekutivfunktionen begeben könnte…

 

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18 Gedanken zu „Selbstüberwachung (Teil 1b) und Sponsoring

  1. Anita

    @ leidenschaftlichwidersynnig

    Zitat: „Aber ich habe nicht die erforderliche professionelle Distanz, die auch nötig ist. Und wie soll das Kind sich je,als abnabeln, wenn es so intensiv auf die Mutter angewiesen ist?“

    tja, dass kommt dann im zweiten Schritt, dann muss das Kind, der Jugendliche oder Jungerwachsene halt in betreutes Wohnen und dort Alltagspraxis und Selbstständigkeit „gewaltsam“ erlernen. Wer dort dann scheitert, wird stationär oder medikamentös behandelt. Und Nein, dass ist keine Ironie. Das ist Realität und wurde von uns Eltern beim Ältesten gerade noch mal abgewendet!!

    Nein, die letzten Monate waren alles andere als in irgendeiner Form leicht zu ertragen!

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  2. Anita

    @ Unsinnstifter

    das mag ja bei einem Kind noch irgendwie funktionieren. Und selbst da ist es Selbstaufgabe! 💡

    Aber mit jedem Kind mehr potentiert sich dies. Bei vier Kindern in unterschiedlichen Altersklassen kann ich aber schon nicht mehr von 4hoch4 ausgehen. Der Faktor ist wesentlich höher.

    Und ja, ALLES, was andere nicht erledigen können, wird bei den Eltern abgeladen.

    Aber, „der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“
    und das Eltern mit ADHS/ADS Kindern noch weniger Unterstützung bekommen finde ich übrigens absolut NICHT in Ordnung.

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  3. Darius Krutzek

    Spannender Artikel. Wir treffen hier bei uns auch immer wieder auf das Phänomen der „sprungbereiten“ Mamas und Papas. Leider ist die Hausaufgabensituation daheim halt oft schon derart belastet, dass das Kind ganz einfach dicht macht. Mögliche Ursachen dafür beschreibst du ja kurz im Abschnitt „Dissoziationen von Können und Ergebnis“.

    Was das betrifft, habe ich die Erfahrung machen können, dass es da für die Eltern in der Praxis sehr schwierig ist, sich im Sinne einer ausgewogenen und sinnvollen Unterstützung, die sich mit Hinblick auf die konkrete methodische Arbeitsweise und der Auseinandersetzung mit Schulkram generell, irgendwo zwischen Helikopter und „lass mal machen“ bewegt, einzupendeln. Finde ich ob der häufig sehr diffusen Gesamtproblematik auch nachvollziehbar.
    Wir haben Schüler, die, analog zum Lernen am Küchentisch daheim, bei Trainingsaufnahme immerzu auf Impulse warten. Wird nicht gleich mit solchen geantwortet, passiert überhaupt nichts – keine Chance, Blackout. In dem Moment scheint das dann auch wirklich überhaupt keine Willensfrage zu sein, sondern bspw. verkümmerte SWE.
    Jedenfalls grundsätzlich schwierig und für alle Beteiligten frustrierend. Setzt man sich das Ziel, so etwas umzukonditionieren, muss man wirklich unheimlich viel Geduld mitbringen und Vertrauen aufbauen und auch Elternarbeit ist da fundamental. Aber oft bleibt eben keine Zeit mehr.

    Du schreibst dann, dass Kinder und Jugenliche mit Aufmerksamkeitsstörungen/exekutiven Beeinträchtigungen bei Lehrern, denen sie vertrauen, keine (Verhaltens?-)Probleme haben. Das beobachten wir hier auch sehr oft so, aber genauso signifiknant kontrastiert das Verhalten dann auch auf der Leistungsebene. Da gab es vor kurzem bei einer Schülerin, die wir betreuen, einen unerklärlichen Leistungsabfall nach einem Lehrerwechsel im selben Fach, und das war m.E. kein Kompetenzproblem der Schülerin. Bei uns im Training zeigte sie weiterhin gute Leistungen und machte auch messbare Fortschritte, allerdings sind diese auf dem Niveau nur noch isoliert bei uns im Trainingssetting abrufbar. Die Schülerin hat keine Prüfungsängste. Sie selber kann sich diese Entwicklung auch nicht so richtig erklären, sagt sie.

    Bei den Eltern erzeugt dieses wechselhafte Gesamtverhalten und -Leistungen wohl halt eine Dissonanz, und die Kinder bekommen da dann bisweilen auch von den Eltern beim Lernen die volle Breitseite ab, eben weil das ganze Thema Schule und lernen ja oftmals schon so lang belastet ist.
    M.E. müsste schon beim Diagnostik-Abschlussgespräch regelmäßig viel mehr individualisierte(!) Psychoedukation stattfinden. Welche Meinung/Erfahrungen haben andere hier dazu?

    Ich tendier dazu, dass mögliche neurobiologische Ursachen (über die ich persönlich jetzt keine profunden fachlichen Kenntnisse habe) in manchen Fällen auch mit div. Maladaptionen konfundiert sein können. Vielleicht u.a auch, weil die betreffenden Schülerinnen wegen vergangener Misserfolge (und nachfolgenden Tadeln, Strafen, Demütigungen etc.), die in ihren verminderten Aufnahme- und Lernfähigkeiten mitbegründet liegen, lieber gleich resignieren. Dann kann es selbstwertmäßig aus Schülersicht wenigstens nicht schlimmer werden, als es eh schon ist und der unangenehme Thrill zwischen Klausurenabgabe und Notenerhalt wird halt geskipped. So klar hat mir das allerdings bisher noch kein Schüler artikuliert.
    Oder halt eben der berühmte Pygmalion-Effekt. Und was das betrifft, ist dann auch unsererseits halt schon immer abzuwägen: Diagnostik bei den Eltern anregen, oder so weit es geht aufschieben? Und Diagnose ggf. der Schule mitteilen, oder nicht? Wenn man weiß, wie Aufmerksamkeitsstörungen so assoziiert werden, mag man da schon eher zögerlich sein…

    Ist jetzt etwas mehr geworden, sorry, aber wurde mir an der Stelle dann ebenfalls zum Bedürfnis, mir mal was von der Seele zu schreiben.

    Liebe Grüße aus Köln

    Darius

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    1. Anita

      Wenn der Lehrer, für den Schüler eine unspezifische oder schlecht verständliche Sprache spricht……….. dann ist dieser Effekt durchaus nachvollziehbar.

      Für einen autistischen Schüler zB ist nichts unmöglicher, als wenn ein Lehrer sich in einem Satz selber widerspricht und zur Anfangsthese zurückkehrt. Das geht übrigens in jedem Fach. Wenn dann auf Nachfragen der Widerspruch wiederholt wird und keine klare Sprache benutzt wird, dann schaltet das Gehirn meines Ältesten einfach auf Notstrom und dann kann er in einer Klausur auch keine (befriedigende) Antwort mehr geben.

      Dann kommt bei ignoranten Lehrern noch der Fakt des Verweigerns ins Spiel. Das man eben nicht gesehen wird. Das Fragen als Dummheit deklariert werden und Schüler einfach nicht mehr wollen. Bei einem anderen Lehrer geht das Problem dann aber, weil der Schüler ernst genommen wird.

      Manche Schüler benötigen den Anschub von hinten tatsächlich und man kann sie anders nicht motivieren etwas zu tun. Das ist extrem anstrengend. Vor allem für den Schüler!

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  4. leidenschaftlichwidersynnig

    Was du hier schreibst ist eine tolle Zusammenfassung unserer Erfahrungen mit Lernen und Schule.
    Zum Glück durften wir aber noch weitere machen: Schluss mit ausschließlichem Schulbesuch nach dem Hauptschulabschluss, rein in die ( handwerkliche) Praxis. Mit Begleitung aufgeschosssener und wohlwollender (Sozial) -Pädagogen und Handwerksmeister.
    Und siehe da: Mutti, die Dolmetscherin wird immer weniger gebraucht.
    Toll für den Jugendlichen: ein Wissens-Test bei der Bundesagentur f. Arbeit attestiert Realschulniveau auch ohne 10 Klasse 🙂 .
    Manchmal geht lernen ohne Schule eben besser.
    Ein hoher Bildungsabschluss ist eine feine Sache. Aber kein Garant fürs Klarkommen im Leben.
    Ich plädiere dafür, ganz genau hinzuschauen: was bringt unsere Kids wirklich weiter?
    Gerade wer immer wieder die SICHTBARE Kontrolle braucht, was er gerade macht, was er geschafft hat und was noch vor ihm liegt, kann so manches besser in der Praxis als nur theoretisch lernen.
    Was ja nicht heißt, dass der hohe Bildungsabschluss ein für alle Mal adé ist. Wer in seinem Selbstwert nicht total zerstört wurde, wird das angehen, wenn die Zeit dafür reif ist.

    Zum Thema ‚Mutti hilft‘ noch was: immer gegenwärtig, aber dennoch nicht zu eng. Ich bereue keinen Tag meines anstrengenden Dolmetscher- Einsatzes und bin gleichzeitig froh um jede Stunde, die ich jobbedingt nicht da sein konnte.
    Hat uns beiden gut getan.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Ich möchte versuchen, mehr Erfahrungen zur richtigen Strategie mit Spektrum-Kids zu vermitteln bzw. überhaupt erstmal für mich zu finden. Vermutlich gibt es ja jede Menge Bücher zu Autismus oder ADHS. Aber es gibt sehr wenig darüber, wie man nun aus der Innensicht der Besonderheiten heraus eine pragmatische Hilfe zur Selbsthilfe bzw. Leben MIT den Besonderheiten ermöglicht. Ich habe gestern eine kurze Antwort von Corrie Neuhaus erhalten, wo ich nach konkreten Projekten für Jugendliche und Erwachsene in der beruflichen Rehabiliation fragte, die nun Regulations- und Exekutivfunktionsstörungen berücksichtigen. Vermutlich gibt es durchaus gute Sozialpädagogen in bestimmten Einrichtungen, aber zumindest mir ist da zu wenig bekannt.

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      1. Anita

        Ob es nun schon Bücher von ADHS’Betroffenen oder entsprechende Blogs gibt, kann ich nicht sagen. Aber im Bereich Autismus gibt es einige sehr gute!#

        Mal um das Verständnis über die „andere Verdrahtung“ zu bekommen, mal mit Handlungs-Ideen aus Sicht Betroffener für Betroffene.

        Das ist schon eine tolle Hilfe für Eltern. Denn dann können sie aus der Innensicht, vor allem Spätdiagnostizierter, lernen.

        Wissenschaftliche Arbeiten sind gerade für Eltern sehr schwer verständlich geschrieben und lassen sich schlecht in die Alltagspraxis umsetzen. Vor allem die Fremdwörter benötigen wieder einen Übersetzer. Damit man den Kontext erschließen kann.

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  5. 'ne mama

    Das beschreibt alles sehr gut Probleme, die ich mit meinen autistischen Kindern habe – handelt es sich einfach um Schwierigkeiten, die Autisten ebenso wie AD(H)Sler haben, oder gibt es da Unterschiede? Bisher dachte ich immer, es handle sich um klar voneinander abgegrenzte Wesensvarianten.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Hier versuche ich zunächst einmal eher „Gemeinsamkeiten“ der Exekutivfunktionen bzw. überhaupt der Empfindsamkeit und Regulation von Wahrnehmungen und Emotionen zu beschreiben. Natürlich gibt es dann schon (deutliche) Unterschiede zwischen Autismus und ADHS. Aber mein Hintergedanke ist eher das GEMEINSAME und nicht so sehr das trennende im Sinne von Schubladen zu beschreiben. Das entspricht dann eher dem Spektrum-Gedanken bzw. dem Konzept von ESSENCE von Gilberg in Skandinavien.

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    2. Anita

      Einerseits sind es klar voneinander abzugrenzende „Störungen“.
      Andererseits gibt es sehr viele, die beide Störungsmuster haben.

      Ich habe hier Asperger-Autisten nur mit Hochbegabung, oder zusätzlich mit ADS oder ADHS. Mal abgesehen von unterschiedlich ausgeprägten Begabungen (der eine mathematisch – logisch, der andere künstlerisch – musisch) gibt es dann auch unterschiedliche Aufnahmekapazitäten der Verständnisebene.
      Hohe Sensibilität ist ein weiterer Faktor, der bei uns bei allen Kindern mit rein spielt.
      Alle haben eine „gestörte“ Körperwahrnehmung. Aber ebenso haben alle unterschiedliche Bereiche, wo es dann auffällt. So ist der Eine besonders schmerzempfindlich, der Nächste fühlt so gut wie keine Schmerzen. Ein Anderer kann die äußere Begrenzung seines Körper nur schlecht wahrnehmen. Dies drückt sich dann nicht immer sozial adäquat aus.
      Zudem wird gerade bei Asperger-Autisten oder atypischen Autisten (besonders jene, die gut kompensieren können) häufig als erste Diagnose ADS / ADHS in Betracht gezogen.

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  6. Anita

    Und wie vermittelt man nun dieses sehr gut zusammengefasste Wissen den entsprechenden Personen, die den Kreislauf von „nicht-arbeiten-können“ und verlieren befeuern??

    Ich bin schon auf Lehrer gestoßen, die mich ernst genommen haben und tatsächlich mich haben machen lassen. Aber auch auf die Fraktion von Lehrern die mich mit Helikopter-Eltern verglichen haben.

    Und der Punkt des „Da sein (können)“ ist der wichtigste überhaupt. Die meisten Eltern können sich nicht den „Luxus“ leisten, hier so zu agieren. Und wenn sie, was ja sehr häufig der Fall ist, selber betroffen sind, dann können Sie es auch in der Form selten oder gar nicht leisten. Das wird von Schule und Arzt aber sehr oft als Unwillen dargestellt. Es ist aber kein Unwillen, ebenso wenig wie bei den Kindern. Diese Denkmuster müssen aufgebrochen werden und die Bedarfe müssen anders ermittelt werden. Bei den Kindern und bei den Eltern. Schule muss dazu verpflichtet werden, hier gut zu unterstützen.

    Mal davon abgesehen, dass den Eltern sehr plausibel erklärt wird, dass ihr Verhalten (so wie ich es beschrieben habe) vollkommen falsch ist. Auch Therapeuten haben mir schon gesagt, dass meine Handlungsstrategie und die von mir gewünschte Unterstützung in diesen Punkten der falsche Ansatz sei, bzw. dass ich ein falsches Verständnis von Therapie hätte.

    Im Autismus-Bereich gibt es übrigens noch ein weiteres Phänomen, mit dem Eltern konfrontiert werden. Die Eltern werden zu Co-Therapeuten „ausgebildet“. Und sollen irgendwann dann die „Therapie“.in Eigenregie „erledigen“. Ob das für ADHS’ler so auch praktiziert wird, weiß ich nicht, kann es mir aber gut vorstellen.

    Eltern bräuchten aber Supervision und Ansprache. Wie jeder Therapeut eben auch. Das fällt aber sofort weg, wenn die Therapie von Sozial- oder Jugendamt finanziert war und dann eingestellt wurde. Wie soll dies nun funktionieren?

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Tja, DIE Lösung habe ich auch nicht. Vor diesen beiden Teilen des Artikels habe ich an einem Artikel zur Vorbereitung auf einen Eltersprechtag bzw. Lehrergespräch gearbeitet. Dabei habe ich aber eben auch gemerkt, dass es sehr schwer zu vermitteln ist. Speziell wenn die Lehrer es nicht verstehen und aufnehmen wollen / können, ist es fruchtloses Bemühen. Erstmal geht es aber darum, es für mich selber besser zu erfassen bzw. dann wirksame, alltagsrelevante Strategien zu formulieren und besonders von anderen Eltern zu lernen.

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      1. Anita

        Diese Frage stellt sich mir nicht mehr. 😦 Unsere systemisch arbeitenden Familientherapeuten aus dem Autismus-Bereich haben sich jetzt genau damit verabschiedet. Ich bin die Fachfrau und mache die Therapie nun alleine für meine vier Kinder weiter……………………

        Das ich einfach nur Mutter sein möchte, danach fragt mich niemand! Leider 😦

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      2. leidenschaftlichwidersynnig

        Mal im ernst: es ist doch nicht von ungefähr, dass Psychotherapeuten nicht ihre Freunde, Partner usw. therapieren. Mir wird hier eine Rolle zugewiesen, die ich weder erfüllen kann noch will. Klar kenne ich mein Kind am beseten. Aber ich habe nicht die erforderliche professionelle Distanz, die auch nötig ist. Und wie soll das Kind sich je,als abnabeln, wenn es so intensiv auf die Mutter angewiesen ist?

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      3. Unsinnstifter

        @Anita 08.12.2014 um 22:04

        Diese Frage stellt sich mir nicht mehr. 😦 Unsere systemisch arbeitenden Familientherapeuten aus dem Autismus-Bereich haben sich jetzt genau damit verabschiedet. Ich bin die Fachfrau und mache die Therapie nun alleine für meine vier Kinder weiter……………………

        Das ich einfach nur Mutter sein möchte, danach fragt mich niemand! Leider 😦

        Mutter oder Vater sein, heißt doch letztlich alle nötigen Rollen anzunehmen, die es braucht, die Kinder zu ihrem individuellen Wachstum zu verhelfen, oder?
        Also sind Sie nicht nur Mutter beim Freundin sein für die Kinder, Kochen, Putzen, Waschen und Krankenschwesterln, sondern auch bei der Rollenaufgabe: Therapeut/Therpeutin, ob systemisch oder psychospackologisch, interessiert nicht die Bohne! Das Ziel ist bei Ihnen sogar klarer definiert: Das Wohl der Kinder! Nicht das Stundenziel, nicht vorgaben eines Ministeriums oder irgendwelcher Leitlinien, sondern nur das Wohl des Nachwuchses.
        Sehen Sie die Vorteile, Sie sind näher am Kind und können mehr auf seine Bedürfnisse eingehen. Gut, sie können keine Rechnungen stellen, dafür müssen Sie auch keine AOK Abrechnungsrichtlinien oder Zeitsparmaßnahmen einhalten :o)

        Viel Erfolg Ihnen *wink

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      4. Dr Martin Winkler Autor

        Ja, stimmt.
        Um aber diese Koordinationsleistung von allen Rollen und Funktionen einschliesslich Lehrer, Nachhilfelehrer, Seelentröster, Arzt, Psychologe, Ergotherapeut, Köchin, Waschfrau, Chaosbändigerin GLEICHZEITIG zu intergrieren, müsste man entweder unendliche Kräfte haben, oder aber über funktionierende Exekutivfunktionen verfügen.

        Nur das Sonderinteresse KIND führt dazu, dass man da quasi einen Hyperfokus hat. Schön und gut. Das Problem ist, dass dies unmenschlich auszuhalten ist auf Dauer. Besonders dann, wenn einem von Lehrern bzw. Therapeuten dann immer mehr eigentlich dort angesiedelte Aufgaben zufallen, weil die nicht erledigt werden (können) und übrigbleiben.

        Es ist dann so wie in meiner alten Klinik. Dort wurden alle Aufgaben, die zu doof waren, dass sie ein Normalsterblicher Mensch ausführen und abschliessen wollte, den Ärzten aufgedrückt. Weil nämlich dort am Ende mit dem Entlassungsbrief alles zusammenlief. Alle Aufgaben, die dann nicht erfüllt waren (extrem viel Dokumentation bzw. Verwaltung) wurden von anderen mit der Begründung abgelehnt, dafür nicht zuständig zu sein bzw. es sei schlicht zu doof, sowas zu machen.
        Also müssen es dann Ärzte in der Extrazeit ohne Überstunden machen.

        Dies wird bei Mamas ebenso erwartet, was dann einen ungedeckten Dispo auf einem Zeitkonto bedingt und zum Burnout führen muss. Die Rechnungen, die man stellen müsste, werden nicht bezahlt. Und man muss dauernd Zeit sparen. Bei sich selber.

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      5. Unsinnstifter

        Stimmt schon, aber wenn etwas Lebenssinn und Kraft gibt und eine Aufgabe von Wert ist, dann doch der eigene Nachwuchs. Näher am Leben kann man gar nicht sein. Insofern ist Selbstlosigkeit durch Liebe ist der einzige Motor, die erst Leer wird, wenn man vergisst, das man aus Liebe und Selbstlosigkeit handelt … 😉

        Zu Unternehmen die hochqualifiziertes Personal auslutschen und zeitraubende und oder Energiefressende niedere Arbeiten von diesen verlangen oder dulden das es bei diesen landet, kann ich nur sagen das die nächste Unternehmensberatung gerne hilfsbereit ist, dem Management einen Grundkurs zu bieten. Diese Frechheit muss erlaubt sein. Überspitzt gesagt: Am Ende putzt der Arzt das Klo für 80 Euro die Stunde, weil man sich die Putzfrau für 8,50 Euro die Stunde einsparen will.
        So funktioniert Sparen nicht. Selbst dann nicht, wenn die nicht genommenen Überstunden nicht vergolten oder nur auf einem nie abgerufenen Zeitkonto landen – Die Arbeitskraft eines Facharbeiters ist begrenzt und hochqualifizierte Arbeitskräfte nutzt man nicht bis zum zerbrechen, sondern verhätschelt sie wie ein besonders teures Werkzeug.

        Vielleicht sollte das auch für Eltern ein bischen mehr gelten, denn der Staat bzw. die Gesellschaft als Sammlung von Nutznießern und Profiteuren aus dem Gemeinschaftswesen nutzt die Arbeitskraft dieser ja ebenfalls auf diese Art bis zum Zusammenbruch. Irgendwie alles nicht das Wahre, am Ende müsste man in jedem der Zusammenhänge die Systemfrage stellen, das führt aber auch zu nix.

        Vielleicht sollten Eltern wenigstens die Arbeit absetzen können?
        Sich bei sich selbst anstellen geht schlecht. Aber als haushaltsnahe Dienstleistungen eine Erleichterung heran holen, vorausgesetzt man kann es sich leisten … Und wenns nur der eine Tag in der Woche ist, der für die Selbstorganisation bleibt, damit man auch morgen noch für die Kinder da sein kann.

        Beste Grüße

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