ADHS : Krankheit der Stapel

Aufgrund der Aufschieberitis (Prokrastination) wird ADS / ADHS auch mal als „Krankheit der Stapel“ bezeichnet. Das mag stimmen.

Häufig ist es ja nun aber so, dass es bei ADHS eben dann noch einen ganzen Stapel weiterer Teilleistungsstörungen oder Probleme, aber eben auch „komorbide“ Begleit- und Folgeerkrankungen gibt. Anders ausgedrückt : ADHS kommt selten allein.

Wie dem nun auch sei : Bleiben wir einmal bei dem Bild des Stapels. Für die Betroffenen (bzw. die Eltern von ADHS-Familien) ist es so, dass sich immer mehr Aufgaben bzw. Probleme und Herausforderungen im Laufe der Zeit ergeben. Der Stapel wird höher. Und wie bei einem Stapel von Bierkästen wird es immer schwieriger, diesen Stapel vor dem Einsturz zu schützen.

Man kann sich gut vorstellen, dass ein solcher Stapel eben in „rauhen“ Umgebungsbedingungen noch weniger Halt und Sicherheit hat.

Mir geht es in diesem Beitrag eben weniger um die Aufschieberitis von Aufgaben, sondern stärker um das Bedrohungsgefühl und die Unsicherheit, wann es zum nächsten Einsturz kommt. Wie bei einem Turm aus Bierdeckeln ist es bei den ADHS-Stapeln ähnlich : Bis zu einem gewissen Ausmaß ist die Balance noch irgendwie machbar. Aber der Einsturz und damit die nächste Misserfolgsgeschichte sind vorhersehbar.

Das wiederum bedeutet, dass viele ADHSler eben in dieser ständigen Anspannung und negativen Erwartungshaltung verharren müssen, wann die nächste Katastrophe bzw. der nächste Einsturz ihres Stapels passieren wird. Und dann genau wissen, wie sich der nächste Problemstapel anhäufen wird und es in die nächste Runde der Katastrophe geht.

Nun könnte man als braver Verhaltenstherapeut ja sagen : Lassen sie es gar nicht soweit kommen. Räumen sie ihre Probleme aus dem Weg. Halten sie Ordnung. Seien sie organisiert und strukturiert.

Ja, stimmt schon. Doch fehlt es ja gerade bei der ADHS-Symptomatik an genau dieser neuropsychologischen Fähigkeit auf der Meta-Ebene. Das Überschauen wie hoch sich der Stapel entwickelt bzw. das vorausschauende Denken und Planen in Hinblick auf eigene Probleme misslingt ja gerade.
„Habe ich doch gewusst, dass es schiefgehen muss“, ist dann von Aussenstehenden zu hören. Das ist dann quasi die Krönung der Abwertung und Missachtung. Schlimm, wenn dies dann vom eigenen Partner oder eben dem eigenen Therapeuten passiert.

Was ist die Lösung für das Problem ? Hier bleibt schon das Delegieren dieser Metafunktion der Hirnleistungen erforderlich. Entweder über Coaching oder aber vorher festgelegte Pläne der Überprüfung der eigenen Situation. Das aber ist frustig, bzw. läuft der eigenen ADHS-Natur irgendwie zuwider.

Ist aber irgendwie notwendig.

Wie geht ihr mit den Stapeln und der Angst vor dem nächsten Zusammenbrechen der Selbstbeherrschung um ?

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4 Gedanken zu „ADHS : Krankheit der Stapel

  1. gotam

    Es kommt auf die Art von Stapel an. Es kommt darauf an welche Aufgaben zu erledigen und welche Art von Problemen zu lösen sind.
    Die Lebenssituation eines Menschen (ADHS Betroffenen) wird ja nicht (nur) von ihm selbst bestimmt sondern ergibt sich aus den sozialen, familiären und politischen Gegebenheiten.

    Welchen tatsächlichen Handlungsspielraum habe denn bei aufgezwungenen und faktisch nicht zu bewältigenden Stapeln?
    Menschen mit ADHS (und andere) die dringend eine praktisch-pragmatische und möglichst schnelle Lebenshilfe brauchen werden diese nur in sehr seltenen Fällen finden.
    Das hat „Unsinnstifter“ in seinem Beitrag sehr treffend beschrieben.

    Das Bedrohungsgefühl das die wachsenden und wankenden Stapel auslösen kann sich zu einer enormen Angst steigern die komplett lähmen kann.
    Wie geht man damit um?
    Wenn alle Kraft und Energie aufgebraucht sind und die rauen Umgebungsbedingungen so übermächtig sind das man nicht mehr dagegen ankommt, dann hat es sich irgendwann
    „ausgestapelt“.

    Ein Gleichgewicht ist nicht mehr zu erreichen, – und Hilfe nicht in Sicht.

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  2. Unsinnstifter

    Ich habe probiert ein Coaching zu bekommen, das im Sinne des betreuten Wohnens / persönlichen Budgets laufen kann.

    Pustekuchen. Man wird nicht nur hingehalten, sondern gilt erst dann als Bedürftig genug, wenn man bereits so kaputt ist, das man in die Klapse muss. Da wird überhaupt kein Wert darauf gelegt und es gibt nicht das geringste Know-How bei den Entscheidern geschweige denn auch nur ein Verstehen-Wollen. Kostet ja alles ein bischen Geld. Das ein wöchentliches Coaching erheblich! billiger ist, als eine spätere Behandlung der Folgen des totalen Scheiterns interessiert keine Sau und die Schreibtischtäter in den Entscheidungshierarchien sowieso nicht.
    Die gesamten Familienstrukturen und soziale Bindungskonzepte lösen sich gnadenlos auf und das ist auch politisch gewollt und gefördert.
    Für diejenigen, die auf der Strecke bleiben gibts dann eine lächerliche Ernährungsberatung und einen moralistischen Spießrutenlauf und mit etwas Glück und langem Atem darf man als Konsument den Pharmamarkt lebendig halten. Wehe man gerät an universitäre Institutionen, die vorgeben ADHSler zu betreuen, aber am Ende nur ihre Probanden und Fragebogen-Kundschaft pflegen.
    Überall dort wo machtvolle Interessengruppen vorherrschen, wo genug Lobbyismus im Eigeninteresse betrieben wird, da fließt das Geld hin. Selbst wenn es so schädlich, kurz und langfristig extrem teuer und gefährlich ist wie die Verstümmelungsoperationen der Adipositas Chirurgie oder zig Millionenfaches präventives verabreichen von Statinen zur Cholesterinsenkung, beruhend auf dünnen unbewiesenen Hypothese der Schädlichkeit eines unentbehrlichen lebenswichtigen körpereigenen Stoffes.
    Alles nicht wichtig, kostet zigtausende, kostet Millionen, Milliarden. Jedes Jahr.

    Aber für ein paar Kranke, die eine praktisch-pragmatische Lebenshilfe brauchen, für die ist nichts da. Dabei kostet der Papierkrieg warscheinlich mehr Zeit und Geld, ein Gerichtsverfahren deshalb noch mehr Geld und noch mehr Zeit und vor allem meine Lebenszeit und meine Chancen im Leben noch etwas mehr zu bewegen, mich in der Gesellschaft nützlich machen zu können, wieder berufstätig werden zu können, Ehrenämter wieder aufnehmen zu können.

    Interessiert alles nicht so richtig. Erst muss ich viele Psychiatrien abgesessen haben, mir am besten vielfache (oft falsche) Beurteilungen abholen (die man nicht mehr geändert bekommt hinterher) um eine Chance zu bekommen, vielleicht eventuell den IHP3 vom zuständigen Amt überhaupt bewilligt zu bekommen. Bis dahin läuft das alles unter Zeit schinden, Geldleistungen verweigern, ADHS verursachte Probleme nicht anerkennen. Zuerst muss man beweisen das man nicht mehr richtig tickt, völlig banane ist, lebensunfähig und vieles mehr. Dabei ist ADHS eben genau das nicht, es ist aber eine heimtückische beschissene in teilen Lebensunfähig machende Störung, vor allem wenn Asperger-Autismus hinzu kommt ist man – egal wie intelligent – geliefert.

    Das man kein sabbernder geistig-retardierter Behinderter ist, wird als Beleg genommen, das ja eigentlich alles ok ist. Das widerspricht aber genau diesen neurologischen angelegten Entwicklungsstörungen, man kann auch geistig retardiert sein und Betroffen, aber muss man nicht. Nur dann fehlt der sichtbare und damit der glaubwürdige Beweis.

    Hinzu zu diesem Problem und dem Ärger kommt die Unmöglichkeit irgendwelche Therapieplätze, Einrichtungen, Therapeuten zu finden, die einen nicht mit ihrem eigenen Schablonenscheiß überziehen. Oft noch junge dynamische Therapeuten frisch aus dem Lehrbetrieb, die ihr neu gewonnenes „Wissen“ gleich beweiskräftig umsetzen möchten und allerlei Ideen für Persönlichkeitsstörungen, Verhaltensstörungen und allem anderen Quatsch haben, aber kein Verständniss von ADHS und ggf. sogar ADHS die Existenz ableugnen. Geschweige denn, das dieses arrogante Gesindel in der Lage wäre, mit „Patienten“ oder „Klienten“ auf Augenhöhe zu kommunizieren. Alles muss für diese hippen Frischlinge auf der Therapeutenlaufbahn schön in die Bahnen technokratischer Konzepte fließen, da fehlt noch massig Erfahrung und Anpassungspotential. Nicht nur das, wird man in auf bestimmte Therapiemaßnahmen spezialisierten Einrichtungen natürlich auch so behandelt, wie es das Haus-Statut ansagt, nicht jedoch so, wie man es braucht.

    Das alles ist Teil meiner Stapel, die ich schon gar nicht mehr richtig abarbeiten kann. Und das ist das pathologische: Es geht um meine Existenz und ich bin in der Mitte des Lebens an der Belastungsgrenze, aber Hilfestellungen gibt es kaum. Besonders dann nicht, wenn man eine bestimmte Behandlung sucht, die einem hilft aber an der nicht die Ärzte, die Kliniken, die Therapeuten verdienen würden, sondern irgendwelche Sozialarbeiter, die dann (hoffentlich) ein rudimentäres Verständniss von ADHS haben und wissen, das es sich um praktische Hilfen handelt, nicht um Lernveranstaltungen. Bisher sehe ich auch da nicht die passenden Helfer.

    Nein, ich bin kein unverschämter Narr, kein Querulant sondern ein umgänglicher Typ, der nur einen Stubs, eine Hilfe zum anfangen, einen Takt- und Startgeber, einen Ruhepol zum fixieren braucht, aber keinen Antreiber oder Auspeitscher aus moralisch überheblichem bürgerlichen Hause.

    Mitlerweile liegen meine Stapel nur noch herum, die die übrig sind. Die letzte Bastion des Selbstschutzes ist nicht die Prokrastination, sondern es ist der Betriebsausfall – Die Unfähigkeit, Unwilligkeit überhaupt noch Projekte anzufangen, weil man gelernt hat das es nicht funktioniert. Und nein liebe null-acht-fuffzehn-Psychohanseln, damit ist nicht eine Form erlernter Hilflosigkeit gemeint, sondern die Dysfunktion in den Synapsen durch ADHS, durch motivationelle Dysfunktion, durch die angeborene Willensschwäche, durch Antriebsmangel und situative Anpassungsprobleme oder Sinnes-Überforderung bzw. Stressoren.

    Was soll man machen. Für gescheiterte Menschen hat und hatte diese Welt und soziale Gemeinschaft nie viel übrig. Da hilft der heutigen Gesellschaft das Feigenblatt der Minderheiten-Schutzpropaganda und Behindertenfürsorge (auf dem Papier!) auch nicht einen Jota. Ausser ritueller Lippenbekenntnisse und Feigenblätter gibts nicht wirklich Unterstützung – es sei denn diese Unterstüztungsbestrebungen nutzt auch anderen, die sich als Nutznießer und Lobby oder sogar als Mensch! (ja das gibts auch noch!) für das psychisch kranke Individuum einsetzen.

    So schauts aus, danke der Nachfrage :o)

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  3. tinkakartinka

    Prokrastinations-Umgehung:
    Ich erledige vieles sofort! Alles was sich unmittelbar erledigen lässt. Lieber öffne ich eine Rechnung erst, wenn ich weiss, dass ich sie gleich bezahlen kann.
    Lege ich das Papier erst mal auf den Stapel, hätte ich es genausogut in den Papierkorb werfen können. Weiss ja schon, was es ist. Überraschungseffekt verstrichen. Uninteressant, lästig.

    Sonst kompensiere ich mit Sport. Wenn ich das Gefühl habe, alles erdrückt mich, ich schaffe den Stapel (im übertragenen Sinne) nicht. Beim Biken oder Laufen kann ich besser nachdenken, als beim stillsitzen. Da ordnet sich vieles automatisch und kommen Ideen.
    Im Wind und Regen, Wald und Sonne fühle ich mich frei und stark. Ich bin in Bewegung und geerdet/im Körper, weg von den erdrückenden Alltagsaufgaben und bei mir. Und bin nachher auch wieder handlungsfähig.

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  4. Erdrandbewohner

    Es ist zwar keine Lösung, eher ein “Workaround”:

    Wenn ich das ungute Gefühl bekomme, daß ich gewisse Dinge nicht mehr im Griff habe oder sie mir zu entgleiten beginnen, dann bitte ich meine Frau um ihre Einschätzung und ggf. um ihre Mithilfe.

    Ihre Einschätzung erdet mich, denn oft basiert meine Angst (und Lähmung) nur auf einem Gefühl, welches grundlos wegen meinem Unvermögen, einen Überblick zu erlangen und zu behalten, getriggert wird.

    Sollte es tatsächlich “brennen”, dann bitte ich meine Frau um Mithilfe bei der Erstellung einer Prioritätenliste. Denn auch hier kann ich schlecht abschätzen, wie ich am besten vorgehe und neige dann entweder zur Blockade oder fühle mich so überfordert, daß ich die ausstehenden Aufgaben ausblende.

    Die Hilfe meiner Frau betrifft natürlich nur mein Privatleben. Ich arbeite gottseidank in einen Beruf, in der Organisationskram nur einen geringen Stellenwert einnimmt.

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