ADHS im Erwachsenenalter ohne ADHS-Kriterien ?

Ich gebe gerne zu, dass ich innerlich zerrissen bin.

Aktuell diskutiert die Fachwelt, ob es ADHS ohne ADHS gibt. Ich weiss schon, dass jetzt die lieben Skeptiker sich das Maul zerreissen werden.

In den USA diskutiert man, ob es ein „late onset ADHD“ gibt, bei dem nun alle Kriterien für ADHS erfüllt sind, aber eben nicht das Alterskriterium für den Nachweis von Symptomen im Kindes- und Jugendalter. Je nach verwendeten Kritierien also vor dem 7. Lebensjahr oder zumindest in der Pubertät.

Schön und gut bzw. schlecht.

Damit begibt man sich in die Gefahr, Symptome wie Konzentrationsmangel, Ablenkbarkeit oder Impulsivität, die man bei allen möglichen und unmöglichen anderen psychischen Belastungen, bei Schlafmangel oder auch sonstigen kurzzeitigen Beschwerden findet, zur psychiatrischen Erkrankung zu definieren.

Zumindest dann, wenn man nun die aus meiner Sicht unbrauchbaren „Checklisten“ des DSM-V oder gar ICD 10 anwendet. Danach ist es dann ein Kinderspiel, die Symptomhäufigkeit zu erfüllen, aber eben KEIN ADHS im Sinne der von mir und vielen anderen ADHS-Experten diskutierten Regulationsstörung im Bereich der Exekutivfunktionen zu erfüllen.

Ich befürchte, dass in Deutschland (und in den USA vermutlich auch) nur wenige Fachleute sich wirklich mit den syndromtypischen Besonderheiten von ADHS abseits der Symptomlisten nach den Fragebögen beschäftigen.

Für mich wären aber eben die Reizfilterschwäche und die daraus resultierenden Besonderheiten im Bereich der Reizverarbeitung, Emotionsregulation und Impulskontrolle und letztlich die Störungen der Anwendung von altersgemässen Selbstorganisationsfertigkeiten das entscheidende Kriterium.

Diese kann man nicht in Fragebögen abfragen. Hier braucht es Geschichten bzw. Zeit. Ein roter Faden, der sich dann aus den Darstellungen ergibt. Nicht aber ein einzelner Zeitpunkt der Abfrage.

Dann könnte ich eine ganze Reihe (besonders von Frauen) mit ADHS-Symptomen im Erwachsenenalter benennen. Ich würde mich selber sogar dazu zählen. Gemeint sind Klienten, die in der Kindheit und Jugend eben gerade noch nicht an die Grenzen ihrer Exekutivfunktionen geraten sind. Sei es, weil sie so intelligent waren, dass sie es kompensieren konnten. (Darüber haben wir hier im Blog ja schon eine Diskussion geführt …)

Sei es, dass eben die Eltern bzw. das Umfeld so viel (zu viel ?) äußere Struktur und Abnehmen von Selbstorganisation übernahmen, dass man als Kind eben gerade nicht auffällig wurde. Da hätte ich auch genug Patientien/Patientinnen zu präsentieren, die dann eben eher wegen Ängsten und mangelnder Selbstwirksamkeit auffallen. Nicht aber eben mit allen Kriterien des ADHS. Die jetzt aber „ganz typisch“ auf mich und andere ADHSler als ADHSler wirken.

Macht es also Sinn, ADHS auch dann zu diagnostizieren, wenn es in der Kindheit nicht erinnerlich bzw. deutlich war? Brechen wir die letzte „Hemmschwelle“?

Wie sind Eure Meinungen?

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10 Gedanken zu „ADHS im Erwachsenenalter ohne ADHS-Kriterien ?

  1. Z

    Zu ihrer letzten Frage: Ja! Bin immer wieder baff, froh, gerührt, wie ich mich in Ihren Texten/Beschreibungen wiederfinde…Vielen Dank!

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  2. Doro Böhm

    Vielleicht kann eine neue Nomenklatur helfen. Im meinem Verständnis ist AD(H)S der bekannteste Symptomkomplex auf der Basis eines umfassenderen Zustands, den ich als „entwicklungsbedingt verminderte automatische Selbstregulation (ASR)“ bezeichnen möchte.

    Der Zustand einer ASR-Defizienz entsteht teilweise genetisch, teilweise epigenetisch und durch chronische Stressbelastung in den ersten drei Lebensjahren, dem Zeitintervall des sog. „growth spurts“ für die entsprechenden Hirnareale und neuronalen Funktionsverbände.

    Eine defiziente ASR ist kein homogener Zustand, weil so viele Bereiche davon betroffen sind: Verhalten, Wahrnehmung, Motorik, sogar physiologische Regelkreise. Sie kann äußerlich durch das Vorliegen von AD(H)S kenntlich werden aber auch durch Hochsensibilität, emotionale Labilität, und/oder motorisch: Artikulationsprobleme, Dyspraxie, oder durch „sensorische Integrationsstörungen“, je nach Profil der stärkst betroffenen Subsysteme.

    Eine defiziente ASR kann aber auch gänzlich asymptomatisch bleiben und sich „nur“ dadurch manifestieren, dass für „ganz normale“ Anforderungen (Schule, Ausbildung, Studium, Beruf, Familie, etc.) chronisch deutlich mehr Kraft als sozusagen vorgesehen verbraucht wird. In diesem Stadium wissen weder Profis noch Familienangehörige, oft nicht einmal die Betroffenen selbst, von ihrem Zustand. Woher soll man denn auch wissen, ob bestimmte Aufgaben für andere Menschen ähnlich schwierig sind oder nicht…

    Spätestens, wenn so ab 40/50 die Kräfte nachlassen, oft allerdings schon viel eher, zumal wenn lebenstechnische Belastungen dazu kommen (Beziehungsverluste durch Umzüge, Scheidungen, etc. Berufsverlust oder -wechsel), kommt es dann mit geradezu tragischer Zwangsläufigkeit zu Folgeschäden. Absoluter Klassiker ist die Depression, aber auch (Auto)immunstörungen, psychosomatische Erkrankungen, bis hin zum regelrechten psychomentalen Zusammenbruch, auf der Ebene der Somatik sind Bluthochdruck, Tinnitus, Reizdarm, Fibromyalgie, usw.

    Auf welcher Ebene (Hirnbiochemie, -physiologie oder – histologie) der Kern der Störung in der Kompetenzentwicklung der ASR liegt, darüber müsste ich spekulieren. Von den Folgeproblemen aber, und zwar sämtlichen (!), glaube ich behaupten zu können, dass sie im Kern auf einer veränderten Funktionalität der sog. HPA-Achse (CFR, ACTH, NNR-Hormone: Adrenalin und Cortisol) beruhen und zwar dergestalt: Das Stressverarbeitungssystem wird durch chronische Stressbelastung in der frühen Kindheit geprimed, also sozusagen auf Daueralarm gestellt. Es kommt zu einer veränderten, zunächst erhöhten Cortisolausschüttung (bei 90% der U3-betreuten Kindern messbar!) mit Abflachung des physiologischen Tagesprofils, später kommt es zu einer NNR-Organerschöpfung, die Cortisolspiegel sind dann niedrig oder fast normal, aber das System ist außerstande, in Anforderungssituationen (lebenstechnischer Stress, Infektionskrankheiten) mit einer adaptiven Ausschüttung von Cortisol zu reagieren. Die Betreffenden sind dauererschöpft und anfällig für diverse Krankheiten (vor allem systemische Entzündungen).

    Die ungünstigen und lebenslang wirksamen Folgen von chronischer Stressbelastung in der frühen Kindheit sind zwar inzwischen recht gut erforscht (und haben dazu geführt, dass Prügelstrafen verboten sind), weil aber nicht nur Vernachlässigung und Misshandlung sondern auch U3-Tagesbetreuung diesen chronische Stressbelastung verursachen, hätte die angemessene Verwertung dieser Ergebnisse so gravierende Auswirkungen auf die Politik, vor allem Familienpolitik, dass sie systematisch ignoriert und gezielt geleugnet werden. Nun ja.

    Ausgehend vom Anfangspunkt möchte ich voraussagen, dass wir zwar die vor 70 Jahren ausgelösten epigenetischen Kriegs- und Nachkriegsbeschädigungen allmählich überwinden werden, aber über die einseitige finanzielle Förderung von massivem chronischem Stress bei Kleinkindern einen deutliche Zunahme von Menschen mit AD(H)S und daher auch mit „asymptomatischer AD(H)S“ sehen werden.

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    1. Ulrich Brennecke

      Liebe Frau Dr. Böhm,
      sie schreiben mir direkt aus dem Herzen. Das ist brilliant auf den Punkt gebracht.
      Herzlichen Dank !

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  3. Ulrich

    „Reizfilterschwäche und die daraus resultierenden Besonderheiten im Bereich der Reizverarbeitung, Emotionsregulation und Impulskontrolle und letztlich die Störungen der Anwendung von altersgemässen Selbstorganisationsfertigkeiten“

    Hallo,

    ich denke ebenfalls, dass die AD(H)S-typischen Symptome kausal aus der Reizfilterschwäche resultieren. Ich frage mich aber, ob für eine AD(H)S-Symptomatik (iSv: das Maß der Folgesymptome erreicht Störungsintensität) nicht noch etwas hinzutreten muss, in dem Sinne, dass eine Reizfilterschwäche zwar zwingende Voraussetzung, nicht aber alleinige Ursache sein kann. um die AD(H)S-typischen Störungen der Selbstorganisationsfertigkeiten zu bewirken.

    Ich leite meine Überlegungen aus Folgendem ab:
    Hochsensibilität teilt sich mit AD(H)S die Reizfilterschwäche. Ich kenne etliche wirklich hochsensible Menschen, die allesamt AD(H)S-ähnliche Symptome in den genannten Bereichen haben – und zwar deutlich mehr als Nichthochsensible, aber eben auch deutlich unter der Intensitätsschwelle, die für eine AD(H)S-Diagnose erforderlich wäre.
    Diese Menschen sprechen dabei durchaus auf Methylphenidat an (insbesondere Stressreduzierung bei zu vielen Menschen) – was nicht wundert, denn MPH schließt ja den Reizfilter. Was sie von AD(H)S unterscheidet, ist also nicht der zu weit offene Reizfilter (hier reagieren sie genau so empfindlich wie AD(H)S-Betroffene), sondern „nur“ die Intensität der kausalen Folgesymptome (die Intensität ist deutlich geringer, wobei sehr wohl Traumata wie Missbrauch oder ähnliche Kindheitserfahrungen bestehen, die bei AD(H)S-Disposition die entsprechenden Gene hätten aktivieren müssen; DRD4 als für den Reizfilter zuständiges Gen wurde auch bei ihnen aktiviert; vielleicht aber nicht die weiteren ?).
    Die Folgesymptome sind also vorhanden, aber eben so sehr viel geringer, dass am Ende eine noch ausreichende Selbstorganisationsfähigkeit besteht.

    Hat jemand dazu eine Idee ?

    p.s.: Aus meiner Annahme, dass Reizfilterschwäche mit Hochsensibilität gleichsetzbar oder zumindest eng verwandt ist, würde sich ergeben, dass AD(H)S-Betroffene und Hochsensible – aufgrund eben dieser Reizfilterschwäche – eine deutlich geringere Intensität von Erlebnissen benötigen, um traumatisiert zu reagieren.

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  4. Forscher

    Ich sehe das auch kritisch, weil gerade Depressionen ähnliche Symptome hervorrufen können, auch wenn ursächlich nicht ADHS oder Autismus dahinterstecken („Reizfilterschwäche und die daraus resultierenden Besonderheiten im Bereich der Reizverarbeitung, Emotionsregulation und Impulskontrolle und letztlich die Störungen der Anwendung von altersgemässen Selbstorganisationsfertigkeiten“ sind für mich auch Kernsymptome von Autismus).

    Aber in den beschriebenen klaren Strukturen der Kindheit (und teilweise noch Schulzeit) fallen weder ADHSler noch Autisten zwingend auf, besonders, wenn Reizfilterschwäche nicht so massiv ausgeprägt ist. Die Frage ist dann eher, ob es überhaupt Symptome im Kindesalter gegeben hat. Und das sollte sich bei den meisten doch mit ‚Ja‘ beantworten lassen.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Sehr richtig. Ich diskutiere das derzeit offen mit meinen Patienten. Und empfehle auch, mal ein halbes oder ganzes Jahr Zeit verstreichen zu lassen. Zu schauen, ob sich die Reizoffenheit bzw. die Selbstorganisationsprobleme durch Coaching oder Veränderung der Umgebungsfaktoren beeinflussen lassen.

      Und zeitgleich sich damit beschäftigen, die Funktionsweise des Gehirns im Sinne von Mentalisierung und anderen höheren Hirnfunktionen zu verstehen.

      Bei einem anderen Teil probiere ich dann aber schon (erfolgreich) Stimulanzien. Nicht, um damit ADHS zu beweisen. Aber um zu zeigen, wie sich das Gehirn „anders“ in Ruhe anfühlen kann. Formal sind das Patienten, die offziell kein ADHS haben. Aber sie profitieren eben von der Behandlung und dem Wissen, was ich dann vermittel

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  5. anneinsideoffice

    Ich höre immer von Erwachsenen welche nach der Diagnose ihres Kindes auch zur Abklärung gingen, weil ihr Leiden plötzlich einen Namen hatte…ich denke dass man bei solchen Fällen, die Kriterien sicher weiter setzen kann..

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  6. Johannes Drischel

    Ich sehe da zwei Ängste:
    Die Angst des Hilfesuchenden, bei einem generell passenden Symptombild wegen EINES fehlenden Kriteriums von dem Fachmann/Fachdienst abgeschnitten zu werden, den man eben als hilfreich erkannt hat.
    Die Angst des Hilfesystems, plötzlich „für alle zuständig zu sein“ die sich in das Syndrom hineindefiniert haben.
    Das Problem sehe ich darin, dass sich ADHS und PTBS (nebst allen Anverwandten) auf einer Ebene sehr ähnlich sehen. Die Lösung wäre, dass die Fachleute der jeweiligen Zielgruppe das jeweils andere, benachbarte Feld zumindest als solches erkennen würden und nach der Diagnostik und dem Ausschluss nicht das ende der Strecke, sondern die Weiche ins andere Feld stellen würden.
    Wer mangels früher ADHS-Hinweise in der Biographie beim ADHS-Doc falsch ist, würde aber doch sehr von einer Hilfestellung im Bereich Trauma, Überforderung, Burnout, Hochsensibilität profitieren.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Definitiv. Aber soweit wollte ich ja noch nicht einmal gehen. Ich diskutierte gerade letzte Woche mit 2 Patientinnen genau diese Abgrenzung. Wobei aber eben bei der Reizfilterschwäche und den erlebten Hilflosigkeitserfahrungen (z.B. ständiges „Antreiben“ zu Haus bei Hausaufgaben, Blossstellungen in der Schule etc) bei Träumerchen eben „Traumata“ entstehen, die ja auch keine „echten“ Traumata sind. Zumindest im Sinne der Herren und Damen Diagnostiker nach ICD…

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    2. Cordula Mannherz

      Genau diese Probleme sehe ich ebenfalls. Ich sehe selbst, dass man im Erwachsenenalter mit PTBS eine ganze Reihe typischer ADHS-Symptome „hinkriegt“, aber es gibt eben doch Unterschiede, und vermutlich würden die Betroffenen von einer ADHS-Therapie nicht oder nur wenig profitieren.
      Meines Erachtens ist es nicht sinnvoll, eine ADHS-Diagnose als „Krücke“ zum Einstieg ins Hilfesystem zu stellen. Ich hoffe natürlich auch, dass Patienten eben nicht beim „ADHS-Doc“ landen, wie Johannes es formuliert, sondern bei jemandem, der die Weichen in die benachbarten Störungsgebiete kennt und erkennt.

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