Psychostimulanzien bei ADHS und Angst

Bildschirmfoto 2015-11-30 um 16.14.22Angststörungen treten nicht selten bei ADHS-Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf. Dabei ist es gar nicht so einfach, eine klassische Panikstörung, eine Soziale Phobie oder auch Generalisierte Angststörung von den Kernsymptomen der ADHS zu differenzieren. Speziell dann nicht, wenn man unterscheiden soll, ob es sich nicht auch um Real-Ängste bzw. wiederholt erlebtes Scheitern handeln könnte.

Ganz klar, ein Psychotherapeut bzw. Fachleute sollten hier mit einer sorgfältigen Diagnostik der besonderen Merkmale der Angstreaktionen mit einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems aber auch typischen Verhaltensmerkmalen wie das Vermeidungsverhalten und die daraus später auftretende Angst vor der Angst mit entsprechenden Vermeidungsverhalten differenzieren.

Nun war lange ein mehr oder weniger unausgesprochener Konsens = Übereinkunft, dass man dann bei Vorliegen von Angst und ADHS auf die Gabe von Psychostimulanzien wie Methyphenidat oder Amphetaminen verzichten sollte. Das begründete sich u.a. darin, dass ja in der Anfangsphase der Medikation die Stimulanzien zu einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems führen, d.h. Puls und Herzschlag, Schwitzen oder Schwindel oder Veränderungen der Atmung (schnellere, flachere Atmung) durch diese Aktivierung des Sympathikus auftreten könnten. Das wiederum könnte den sog. Teufelskreis der Angst aktivieren bzw. unterstützen. Also dazu führen, dass nun Angstattacken oder zumindest Angstsymptome ausgelöst oder verstärkt würden.

Zu den „Nebenwirkungen“ der Stimulanzientherapie wurde so das Auftreten oder die Verstärkung von Angst gezählt.

Wenn überhaupt hat man daher sehr niedrige Dosierungen von Methylphenidat bei Vorliegen von Angst und ADHS gewählt. Oder aber gleich auf Antidepressiva wie Strattera oder Venlafaxin gesetzt. Die für 2016 geplante Einführung von Guanfacin (ein ur-ur-ur-uraltes Blutdruckmedikament) als „neues“ Mittel speziell für die Indikation ADHS und Angst spricht da ja auch schon Bände.

Die Frage ist bzw. war also, wie eigentlich die wissenschaftliche Studienlage zum Einsatz von Methylphenidat bei Angst und ADHS aussieht.

Anhand einer Meta-Analyse mit über 3000 Kindern und Jugendlichen wurde nun geschaut, wie sich denn das wissenschaftlich gesehen wirklich darstellt. Und überraschend für die Autoren zeigte sich, dass die Gabe von Methylphenidat letztlich eher die Angstsymptome bzw. Auswirkungen der Angststörungen reduzierte und keinesfalls verstärkte.

Soweit ich erkennen konnte, wurde die Auswertung der Meta-Studie nicht von der Industrie gesponsert. Fairerweise muss man aber annehmen, dass ein Teil der Studiendaten eben auch unter Einfluss der Pharmaindustrie entstanden bzw. erhoben wurde.

Aber so oder so: Es entspricht auch durchaus meinem klinischen Eindruck, dass man Methylphenidat sehr wohl – oder gerade – auch bei Angststörungen einsetzen sollte.

Ich arbeite ja nun überwiegend mit Erwachsenen. Dabei habe ich in den vergangenen zwei Monaten eben wiederholt Patientinnen mit einer Angststörung erlebt, die u.a. aufgrund von eigenen ADHS-Kindern auf das Thema ADHS aufmerksam wurden. Die Diagnostik und dann eingeleitete Pharmakotherapie mit Methylphenidat bzw. Amphetamine, führte zu einer für alle Beteiligten in der Klinik erstaunlichen Verbesserung.

Dabei geben die Patienten einerseits eine ABNAHME und eben nicht Zunahme der inneren Unruhe an. Wichtiger ist aber vielleicht, dass im Kopf jetzt eine Klarheit und kein Chaos von Gedanken und Gefühlen besteht. Auch der innere Abstand von Gefühl und Verhalten bzw. die Fähigkeit wie aus einer Vogelperspektive das eigene Verhalten und dabei ausgelöste Emootionen und körperliche Reaktionen wahrzunehmen und darauf Einfluss zu nehmen (Mentalisierung) wird wesentlich positiv durch die Medikation beeinflusst.

In keinem der „Fälle“ habe ich eine Zunahme von Unruhe oder Angstsymptomen unter der Medikation erlebt (obwohl ich selber halt immer wieder diese Angst selber hatte….).

Fazit: Es lohnt sich aus meiner Sicht auf jeden Fall Stimulanzien bei Vorliegen von ADHS und Angst einzusetzen. Und es ist für mich ganz wichtig geworden, genauer zu differenzieren, ob nicht die Angstsymptomatik auf der Grundlage einer lebenslangen ADHS-Konstitution und Überforderung bzw. inneren Konflikten mit entsprechendem emotionalen Chaos entstanden ist.

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6 Gedanken zu „Psychostimulanzien bei ADHS und Angst

  1. TS

    Ich kann aus eigenem Erleben bestätigen, dass MPH Angststörungen verschwinden lassen kann.
    Während einer Jahre zurückliegenden medikamentösen und verhaltenstherapeutischen Behandlung einer generalisierten Angststörung ist bei mir eine Verbesserung eingetreten, die ich als friedliche Koexistenz zwischen der Angst und mir beschreiben würde. Weg waren sie aber nie, die Ängste, die mich seit meiner Kindheit immer mal wieder heimgesucht hatten.
    Jahre später bin ich über AD(H)S „gestolpert“ und diagnostiziert worden.
    Es hat dann noch etwas gedauert bis ich davon überzeugt war, dass MPH eine Hilfe für mich sein könnte.
    Nun, ich nehme MPH seit einigen Jahren und einer der Effekte, die mich echt verblüfft haben, ist das vollständige Ausbleiben von Angstattacken. Als ich jetzt den Blog-Eintrag gelesen habe konnte ich ein breites, „rechthaberisches“ Grinsen nicht unterdrücken.

    Wer sich näher mit dem Thema Angststörungen befassen möchte und eine fundierte, mutmachende Einführung in das Thema sucht, dem sei folgendes Buch empfohlen:

    Borwin Bandelow
    Das Angstbuch: Woher Ängste kommen und wie man sie behandeln kann

    Über ADHS steht da nix, aber den möglichen Zusammenhang hat ja gerade der Blog-Eintrag hergestellt.

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  2. Jupp Hupp

    @ Milie: Kann ich auch bestätigen. Bei mir genauso. Steht übrigens sogar im Beipackzettel bei Nebenwirkungen das mit Angst und so! Es tut zwar gut und macht nach außen ruhiger aber innerlich nervös bis zu Muskelanspannung. Schlaflosigkeit sowieso. Kenne von meinen Leidgenossen sowieso keinen einzigen der nicht mies schläft auf Ritalin Metylphenidat usw.
    Die Formel „Wenn die beschriebene Aktivierung des vegetativen Nervensystems, zu welcher es zu Beginn einer Therapie mit Stimulanzien gelegentlich kommen kann, länger als ein, zwei Tage andauert, dann kann das ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass gar keine ADHS vorliegt.“ ist schon arg einseitig reduziert. Was halt nicht sein darf kann halt nicht sein so kommt mir das vor. Und wer von Antidepripillen nervös ängstlich wird, hat dann auch keine Depression, auch wenn das da ebenso im Zettel drin steht? Aber was nicht sein darf darf eben nicht sein. Ritalin und so helfen halt gegen alles, Angst Aggression Unruhe und wahrscheinlich auch Alterskrebs. Wenn nicht, dann haste halt kein ADHS. Allet jut jetzt, wa?

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  3. Piero Rossi

    Ängste lösen immer Veränderungen im Aufmerksamkeitssystem aus. In der Evolution hatten (und haben) immer jene Lebewesen einen Überlebens- und Selektionsvorteil, welche sich einer wahrgenommenen Gefahr möglichst aufmerksam zuwandten. Sie flüchteten oder brachten sich anderweitig in Sicherheit. Die anderen wurden vom Säbeltiger gefressen, vom Hochwasser weggespült oder vom Buschfeuer verbrannt. Klar ist, dass während der Bedrohung sich diese Lebewesen nicht mehr locker auf Beeren, Pilze oder einen potentiellen Partner konzentrieren konnten. War der Schock gross genug, war ihr inneres Verteidigungssystem noch lange auf Alarmbereitschaft geschaltet. Das ist bis heute so bei Menschen und Tieren. Und es kann unser Leben retten.

    Angst verändert immer das Aufmerksamkeitsverhalten. Alles andere wäre biologisch total unsinnig. Bei gemobbten Kindern und Jugendlichen etwa, welche mir wegen eines Verdachtes auf eine ADHS vorgestellt wurden, habe ich wiederholt feststellen können, dass deren Angst und eben nicht eine ADHS Ursache ihrer Konzentrationsprobleme und ihrer Unruhe waren. Das Beispiel zeigt einmal mehr, wie wichtig bei Verdacht auf eine ADHS eine sehr gründliche Abklärung ist. Immer noch werden zu schnell und zu häufig Konzentrationsschwächen und Unruhe kurzerhand mit der ADHS gleichgesetzt. Was einfach nur falsch ist.

    Bei Vorliegen einer ADHS kann es bei Kindern und Jugendlichen vorübergehend zu Ängsten kommen. Dass diese so ausgeprägt sind, dass eine Angst-Diagnose gerechtfertigt ist, habe ich nicht oft gesehen. Anders bei Erwachsenen: Die mit der ADHS verbundenen Traumatisierungen können mit den Jahren zu Ängsten und Vermeidungsverhalten führen, sodass nicht selten zusätzlich zur ADHS eine Angststörung diagnostiziert werden muss. Auch ich kenne eine ganze Reihe erwachsener ADHS-Patienten mit Angststörungen, welche erst nach Erkennung und (medikamentöser) Behandlung der ADHS auf die Verhaltenstherapie der Angsterkrankung angesprochen haben.

    Wenn die beschriebene Aktivierung des vegetativen Nervensystems, zu welcher es zu Beginn einer Therapie mit Stimulanzien gelegentlich kommen kann, länger als ein, zwei Tage andauert, dann kann das ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass gar keine ADHS vorliegt. Im Normalfall nämlich reagieren ADHS-Betroffene eben nicht mit dieser vegetativen Aktivierung (aktiviert bzw. normalisiert werden vielmehr jene neuronalen Netzwerke im Gehirn, welche für die Aufmerksamkeits- und Impulskontrolle zuständig sind). Wiederholt habe ich sogar festgestellt, dass der Blutdruck der ADHS-Betroffenen sich unter der Therapie mit Stimulanzien etwas senkt. ADHS-Betroffene haben unter der Wirkung von Stimulanzien weniger Stress. Das lässt sie innerlich etwas Ruhe kommen.

    Bei meinen erwachsenen ADHS- und Angst-Patienten habe ich jedenfalls nie beobachtet, dass es unter der Therapie mit Stimulanzien zu einer Verstärkung der Angstproblematik gekommen ist. Im Gegenteil: Die Betroffenen fühlen sich ihren Angst-auslösenden körperlichen Reaktionen und den die Angst verstärkenden Kognitionen nicht mehr so ausgeliefert. Es schien, als liesse ihnen ihr Gehirn unter der Wirkung von Stimulanzien etwas mehr Zeit, um die Inputs „überlegter“ verarbeiten zu können.

    Die in Martins wertvollem Beitrag formulierten Feststellungen kann ich somit vollumfänglich teilen.

    Ausserdem: Bei therapieresistenten Angst-Patienten kann es sich lohnen, in der Krankengeschichte genau zu prüfen, ob in der Kindheit eine bisher unerkannte ADHS vorgelegen hat. Immerhin zählt die ADHS zu den häufigsten psychischen Störungen des Kindes-und Jugendalters. Eine Therapie mit Stimulanzien kann Angst-Patienten nämlich auch dann helfen, wenn nur noch eine ADHS-Residualsymptomatik vorliegt. Aber natürlich nicht also Mono-Therapie, sondern immer in Verbindung mit einer spezifischen Angst-Verhaltenstherapie.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Ein schönes Beispiel dafür, dass der Kommentar wertvoller bzw. inhaltsreicher als der Blog-Beitrag selber ist 🙂 Ganz herzlichen Dank ! Eigentlich müsste man den Kommentar direkt als eigenen Beitrag umwandeln. Er fasst genau das zusammen was ich gestern beim Lesen der Studie auch dachte. Aber ich war etwas zu schreibfaul, das nun im Detail zu tippen. Herzlichen Dank !

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  4. Millie Sloan

    [der Anfangsphase der Medikation die Stimulanzien zu einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems führen, d.h. Puls und Herzschlag, Schwitzen oder Schwindel oder Veränderungen der Atmung (schnellere, flachere Atmung) durch diese Aktivierung des Sympathikus auftreten könnten. Das wiederum könnte den sog. Teufelskreis der Angst aktivieren bzw. unterstützen. Also dazu führen, dass nun Angstattacken oder zumindest Angstsymptome ausgelöst oder verstärkt würden.]

    Genau der Fall ist bei mir eingetreten.
    Ich hatte Medikenet Adult, ob das bei anderen ADHS Medikamenten auch so wäre weiß ich nicht.
    Irgendwie fange ich, nachdem ich sowas lese, wieder das zweifeln an meiner Diagnose an.
    Falls meine Diagnose ADHS trotzdem richtig ist, finde ich es Schade das es bei mir keinen Positiven Verlauf hatte.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Wie ich mit dem Beitrag verdeutlichen wollte, sollte man schon sehr sehr genau schauen, WAS nun vorliegt und was alles beteiligt ist.

      Ich behaupte ja, dass quasi alle ADHSler auch einen dissoziativen Anteil im Sinne eines Traumas (durch das lebenslange ADHS) haben können. Dieser Anteil wird nicht unbedingt besser mit MPH. Im Gegenteil, manchmal verschlimmbessert sich die Symptomatik. Leider dosieren dann einige Kollegen immer höher und höher…. Das finde ich nicht unbedingt hilfreich…

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