Soziale Phobie, Trauma und ADHS

Für den Kliniker ist es mitunter ausgesprochen schwer, eine Soziale Phobie bzw. Angststörung von ADHS zu unterscheiden. Wobei es ja nicht so sein muss, dass ein „ENTWEDER-ODER“ vorliegt, sondern eher ein „Sowohl-als-auch“. Das wird umso schwieriger, wenn dabei traumatische emotionale Erlebnisse eine Rolle spielen. Der Begriff „Trauma“ ist durch Definitionen der Posttraumatischen Belastungsstörung vielleicht zu „hart“ (wenn auch aus meiner Auffassung durchaus treffend). Ich selber bevorzuge derzeit einen amerikanischen Begriff, der aus dem Bereich „acadmic aboundancy“ stammt. Das ist eigentlich ein positiver Begriff, der so ähnlich wie Resilienz = erfolgreiche Fähigkeit zur Bewältigung von negativen Erlebnissen gemeint ist. Nur eben in Hinblick auf Lernen bzw. Alltagsanforderungen.

Kinder und Jugendliche mit ADHS (und anderen neuropsychiatrischen Besonderheiten, Teilleistungsstörungen etc) werden also vermehrt im Alltag in Fettnäpfchen, Blamagen und ähnliche emotional belastende, ja stark verletzende Situationen kommen.

Wenn man nun eine Patientin oder Patienten mit einer Sozialen Angststörung (Soziale Phobie) hat, sollte man sehr gründlich nach entsprechenden Irritationen bzw. Hilflosigkeitserfahrungen in der Kindheit fragen und speziell auch eine Diagnostik in Hinblick auf ADHS integrieren.

Das umso mehr, wenn sich Hinweise auf Störungen der Impulskontrolle bzw. der Emotionsregulation bzw. Hinweise auf Entwicklungsverzögerungen („zu jung für das Alter“) ergeben.

In der Studie zeigte sich, dass nun in der Gruppe von Klienten mit einer Sozialen Phobie UND ADHS-Diagnose weit mehr negative Erlebnisse (negative traumatische Erfahrungen) und Probleme der Impulskontrolle waren als in der Gruppe ohne ADHS.

ADHS ist quasi ein erschwerender Faktor bei der Sozialen Phobie bzw. muss dann in der Therapie gezielt berücksichtigt werden, wenn die Angststörung nicht chronifizieren soll bzw. es zu einer ausgeprägten Funktionsstörung im Alltag und Beruf kommt.

Eine ANGST ist ja für den Psychotherapeuten eigentlich klar definiert und geht in aller Regel mit Zeichen der vegetativen Erregung (Herzrasen, Blutdruckanstieg, Schwitzen etc) einher, zudem lassen sich typische (aber eben gerade irrationale) Befürchtungen und Vermeidungsverhalten vor der befürchteten Situation herausarbeiten. Typisch ist dabei bei einem Angstpatienten, dass die befürchtete Situation eben gerade nicht eintritt.

Bei ADHS-Klienten ist es dagegen so, dass sie ständig ins Fettnäpfchen treten bwz. Dinge vergessen und an Alltagsanforderungen scheitern. Ihre Befürchtungen sind also nicht irrational, sondern eine Summe von Erfahrungen, die immer und immer wieder auftreten. Und letztlich wissen die Betroffenen, dass es in der Zukunft mit mehr neuen Anforderungen an Selbstständigkeit eher schlimmer als besser wird.

Zumindest dann, wenn man die ADHS-Probleme nicht erkennt und nicht behandelt.

Atten Defic Hyperact Disord. 2016 Jan 21. [Epub ahead of print]
Attention deficit and hyperactivity in social anxiety disorder: relationship with trauma history and impulsivity.
Koyuncu A1, Çelebi F2, Ertekin E3, Kök BE4, Tükel R5.

Abstract
The aim of this study is to investigate the rate of childhood traumatic experiences and assess the relationship between childhood trauma and impulsivity in the presence of attention deficit-hyperactivity disorder (ADHD) in patients with social anxiety disorder (SAD). A total of 123 patients with a primary diagnosis of SAD were enrolled. All patients were assessed by using the clinical version of Structured Clinical Interview for DSM-IV (SCID-I/CV) and Schedule for Affective Disorders and Schizophrenia for School Age Children-Present and Lifetime version (K-SADS-PL), ADHD module. A clinical and sociodemographic data form and rating scales were filled out. We found higher rates of emotional traumatic experiences and impulsivity along with more severe symptoms of depression, anxiety and social anxiety in the group of SAD patients with childhood ADHD than in SAD patients without ADHD in childhood. The presence of ADHD is associated with higher severity in several domains in patients with SAD. Patients with SAD should be assessed carefully whether they have ADHD, especially when their SAD symptoms are severe, when they have a history of traumatic experiences or problems with impulse control.

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Ein Gedanke zu „Soziale Phobie, Trauma und ADHS

  1. heavypete

    Meine Erfahrung als hypoaktiver Betroffner ist, dass nicht die Impulsivität bei mir das Problem ist sondern die Langsamkeit. Ich bin mit lockerer Kommunikation oder auch was man im „Ruhrgebiet“ so mit Sprüche Wechseln“ bezeichnet überfordert gewesen.Gerade Schlagfertigkeit war nicht meine große Stärke obwohl ich das schon sein kann. Ich nehme Stratterra in einer ziemlich hohen Dosierung. Ich bin dadurch in sozialen Situationen entspannter und kann auch Schlagfertig sein. Früher wußte ich auch gar nicht was man von mir wollte wenn ein sog. „dummer Spruch“ kam. Mittlerweile bin ich gelassner und habe auch mehr Spass an Partys und sozialen Anlässen. Früher war ich da sehr gehemmt. Wie gesagt hilft da auch Stratterra. Außerdem macht das sich weghängen durch Tagträume einen nicht gerade kommunikativer. Ich wirkte daher auch immer etwas Unnahbar wie hinter einer Milchglasscheibe und das ist jetzt nicht mehr so sehr der Fall!

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