ADHS Vorurteile : ADHS existiert ja gar nicht ….

Ich habe dazu auf http://www.steemit.com einen Artikel geschrieben, der sich mit der Frage beschäftigt : Ist ADHS (k)eine Krankheit.

https://steemit.com/adhs/@martinwinkler/adhs-vorurteile-und-unwissen-teil-1

Wir wissen ja, wie schwierig die sachliche Argumentation mit „Unwissenden“ in Sachen ADS & ADHS ist bzw. wie schnell man dann selber aufgrund der Besonderheiten der Selbstbeherrschung die Fassung verliert. Ich versuche ein paar Argumentationshilfen zu bieten.

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4 Gedanken zu „ADHS Vorurteile : ADHS existiert ja gar nicht ….

  1. Overthesky

    Das Thema Evolution und ADHS fassen folgende Sätze des deutschlandweit führenden Genetikers (und auch einer der weltweit führenden Genetiker) zu ADHS Prof. Klaus-Peter Lesch von der Psychiatrie der Uniklinik Würzburg zusammen:”…Früher vermuteten die Forscher, einige wenige Gene würden ADHS auslösen; doch das trifft, wenn überhaupt, nur auf ganz wenige Familien zu. Für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gilt: Vermutlich sind es 500 bis 1000 Gene, die einen – jeweils minimalen – Einfluss auf das Temperament und die Konzentrationsfähigkeit des Menschen haben. Diese sind mithin auch keine Krankheitsgene, vielmehr gehören sie zur natürlichen Ausstattung des Menschen. “ADHS ist ein Extrem einer Persönlichkeitsvariante, das zunächst einmal gar keinen Krankheitswert besitzt”, bestätigt auch Klaus-Peter Lesch. Diese milden Ausprägungsformen von ADHS seien in einem Fünftel der Bevölkerung vorhanden und hätten sich im Laufe der Evolution des Homo sapiens immer wieder als vorteilhaft durchgesetzt. Lesch: “Der hohe Energiepegel, der Enthusiasmus, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen, die große Kreativität, die Fähigkeit zum Querdenken und der Gerechtigkeitssinn – all das sind Ressourcen, die für unsere Gesellschaft wichtig sind.” zu finden in dem Artikel des ADHS-Gegners Jörg Blech im Spiegel: MEDIZIN: Psychopille & Pausenbrot – DER SPIEGEL 26/2013
    Der evolutive Vorteil von ADHS-Genen ist im Ausmaß abhängig von den Umweltbedingungen. So gibt es Länder, Ethnien und Kulturen, die ADHS-Gene und ADHS evolutiv begünstigen (während andere es entsprechend benachteiligen). So erklären sich auch die in Wahrheit weltweit deutlich unterschiedlichen Prävalenzen von ADHS, die macherorts wahrscheinlich ein Mehrfaches der bis zu 10% in Deutschland erreichen. Zusätzlich zum Faktor evolutive Selektion kommt dann bei den ADHS-Prävalenzen noch der Faktor geographische Isolation hinzu, so auch betrffend wahrscheinlich die Inseln bzw. Inselgruppen Island, Kreta und Japan .
    Dass die Umweltbedingungen des 21. Jahrhunderts ADHS verstärkt von der Latenz in den sichtbaren Bereich rücken, versteht sich ebenfalls.
    So viel zur Evolutionären Anthropologie der ADHS.
    Was die Akzeptanz von ADHS erschwert, ist der sperrige Begriff aus 4 Großbuchstaben. Der Begriff “Autismus” (hier noch erwähnenswert: bis zu ca. 50% der Patienten mit Asperger sollen ebenfalls ADHS haben) z.B. ist viel weniger sperrig und flüssiger.
    Es wird mitunter von ADHS-Gegnern diverser Couleur argumentiert, dass sich hinter ADHS diverse andere Psychische Störungen verbergen können und es ADHS somit quasi gar nicht gäbe. Die Wahrheit ist viel eher: Hinter FAST allen anderen Diagnosen in der Psychiatrie KANN sich ADHS als kausale oder komorbide Störung verbergen. So auch z.B. die Prognose von Russel Barkley , dem weltweit renommiertesten Wissenschaftler zu ADHS , dass sich das ADHS-Spektrum irgendwann einmal als das zentrale Thema in der Psychiatrie insgesamt herausstellen wird.

    Man muss dazu noch sagen, dass bei einem Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 und einer Persistenz von zumindest einer Restsymptomatik in in Wahrheit 100% der Fälle die Prävalenz von ADHS in Deutschland bis zu 10% der Bevölkerung beträgt.
    Natürlich ist ADHS nicht Alles-oder-Nichts, sondern eine dimensionale wie auch eine kategoriale Angelegenheit, d.h. es gibt ganz leichte und ganz schwere Fälle und es gibt auch bei ca. gleichem Schweregrad Unterschiede auch in der Neurobiologie. Zudem KÖNNEN (nicht müssen) FAST alle anderen Störungen der Psychiatrie bei ADHS als Komorbidität vorkommen. Z.B. wird geschätzt, dass mehr als 1/3 der Patienten mit Schizoaffektiver Störung / Schizophrenie ebenfalls ADHS hat, bei Depression, “Burnout”, Borderline, Alkoholismus etc. ist es ähnlich.
    Der angeborene Part bei den multifaktoriellen Erklärungsmodellen zur Pathogenese Psychischer Erkrankungen geht auch mehr und mehr zu den Hirnentwicklungsstörungen und ADHS ist die mit Abstand häufigste Hirnentwicklungsstörung aufgrund der evolutiven Vorteile, die ADHS-Gene bzw. mitunter auch phänotypisch manifestes ADHS haben können.

    So viel zu der Frage, ab wann ADHS eine Krankheit und keine Persönlichkeitsvariante mehr ist…

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    1. Unsinnstifter

      Schöne ausführliche Erklärung! Viel Herzblut und Mühe!

      Trotzdem ist das evolutionstheoretische Modell, der gerne vereinfacht als Jäger und Sammler-Genvarianz erklärt wird, kein gültiges sinnvolles Erklärungsmuster.

      Psychopille & Pausenbrot – DER SPIEGEL 26/2013 < In so einem tendenziösen Artikel auch nur annähernd eine Wahrheit zu suchen ist schon mutig.

      Dieser Artikel kommt kaum auf die realen Probleme Betroffener zu sprechen. Das Aufmerksamkeitsdefizit ist nur ein Teil, Charaktereigenschaften müssen nicht so gleichartig sein. Persönlichkeitszüge ähneln sich durchaus selbst über soziale Grenzen hinweg schätze ich, weil je nach Charakter und Eigenschaften und sozialem Habitus dieselben Krankheitsphänomene kompensiert werden müssen.

      Verhalten trotz besserem Wissen und aufrichtigem Wollen und harter Arbeit nicht ändern zu können ist eines der Kernsymptome. Die Selbststeuerungsstörung und damit verbunden eine Leistungseinschränkung, die dazu führt, das viele normale alltägliche Tätigkeiten zu Anstrengung mutieren. Auch die strukturellen Denkunterschiede sind Kernpunkte, oberflächlicher Aufmerksamkeitsstil, Fehleranfälligkeit, gestörtes Arbeitsgedächtniss und vieles mehr.

      Jäger sterben wenn sie unaufmerksam sind, vergessen wo die Falle liegt und reintappen oder verhungern wenn sie ungeduldig und tolpatschig sind oder ihre Waffen vergessen.
      Es ist eine naive Vorstellung vom Leben als Jäger und Sammler, das ein Mensch mit typischer ADHS in der Lage wäre sich selbst in offenem Feld dauerhaft zu versorgen über das Jahr hinweg mit seinen Jahreszeitlichen Wechseln und ständigem Planung und Vorbereitungsphasen.
      Das Gegenteil dürfte passieren, wenn auch zugegebenermaßen, die Spannung durch Überlebensdruck so manchem Betroffenen helfen könnte am Ball zu bleiben.
      Nur ist das ein deutlicher Beleg dafür, das es sich um eine Krankheit oder vielleicht genauer: Behinderung handelt und keine Lebensart.

      Wer ADHS als Lebensart verkennt hat ADHS nicht verstanden. ADHS macht einem die Lebensart KAPUTT! Wieso sonst ist der Lebenslauf chaotisch? Betroffene oft Underarchiever? Umwelt ist da ja gerade deshalb kein Argument, weil sich das durch alle beruflichen und sozialen Bereiche zieht. Egal ob ein Betroffener Studium anstrebt oder Ausbildung als Koch oder Mechatroniker. Viel zu viele Enden ungelernt weil sie sich nicht Anpassen können, weil ihnen Selbststeuerungsfähigkeiten fehlen weil sie Teilleistungsschwächen haben etc.

      Nicht ohne Grund sagt Russel Barkley über dieses Hunter / Farmer Modell, das es nicht der Wissenschaft entspringt.

      Es ist eine schöne Geschichte und kann dem einen oder anderen Betroffenen Sand in die Augen streuen, der nicht wahr haben mag das er eine Art Behinderung hat. Muss jeder wissen ob er sein Leben auf einer Lüge aufbaut oder sich lieber der Realität stellt.

      Als Betroffener mit gutem Verständniss von Barkleys Modell kann ich nur sagen, das ich sein Modell in meinem Leben life beobachten kann.
      Schon ehe ich wußte was es damit auf sich hat, hatte ich Kernaspekte der ADHS bei mir im Blick. Ich machte mich auf die Suche und ADHS nach Barkleys Modell ist das, was real ist.

      Alles andere sind Wahrnehmungsverzerrungen. Die kommen daher weil nicht nur aber auch Fachleute mal mehr mal weniger gute Überlegungen mit einer !Interpretationsbrille! wie Evolutionsbiologie, Verhaltenspsychologie, Psychoanalytik oder Neurobiologen mit Fable für Plastizität, die die ADHS durch Lernprozesse einfach wegmachen könne. Ähnlich auch Pädagogen, die den gezähmten wilden Jungen schützen wollen – da beschleicht mich manchmal der Verdacht, diese Pädagogen haben noch ne Rechnung mit ihrer eigenen bürgerlich-feministischen Anpassung bzw. Herkunft offen :-p

      ADHS gehört in die Hand von Fachleuten, deren Job es ist, die Unterschiede zwischen gesunden und kranken Gehirnen zu erkennen. Es gehört nicht unbedingt in die Hand von Leuten, die ihre Sicht der Dinge mit der WIRK-lichkeit verwechseln.

      Gruß

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      1. Overthesky

        Ich habe ja darauf hingewiesen, dass ADHS nicht alles oder nichts ist, sondern eine dimensionale (und kategoriale) Angelegenheit, daher auch ADHS-Spektrum. Lesch, Reif, Thomas Brown aus Yale sehen das alle nicht so, wie es Barkley sieht. Wie gesagt, es gibt ADHS und es gibt die ADHS-Persönlichkeit und beides ist mehr oder weniger dasselbe, nur das letztere eben ohne Krankheitswert:

        zur ADHS-Konstitution: „…Cultural anthropologist Jay Fikes, Ph.D. , points out that members of traditional Native American hunting tribes normally behave differently from those who have traditionally been farmers. The farmers such as the Hopi and other Pueblo tribes are relatively sedate and risk-averse, he says, whereas the hunters, such as the Navajo, are „constantly scanning their environment and are more immediately sensitive to nuances. They´re also the ultimate risk takers. They and the Apaches were great raiders and warriors.“….“ auf das bin ich heute gestoßen, als ich nach „apaches adhd“ gegoogelt habe, ist aus „ADHD and the Edison Gene“ von Tom Hartmann von 2015. https://books.google.de/books?id=wmAoDwAAQBAJ&pg=PT35&lpg=PT35&dq=apaches+adhd&source=bl&ots=IaN44q3PjI&sig=zpHVZCAyXQ20IcxkObibPzLlbKE&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwji3svrw5DYAhXSFOwKHds2ADwQ6AEIeTAN#v=onepage&q=apaches%20adhd&f=false „Apache“ bedeutet meines Wissens „Fremder“, hatte möglicherweise, sofern meine Informationen korrekt, auch mit der Völkerwanderung dieser Ethnie aus Alaska zu tun. Wie sagt schon Prof. Andreas Reif von der Uni-Psychiatrie Frankfurt zu ADHS und Evolution: „…die dann aber auch ein Gebirge überquert haben…“ Ein „Unruhe“ und „Rastlosigkeit“ muss nicht nur rein kulturell bedingt sein bzw. was war zuerst, die Biologie/ Gene oder die Kultur – Henne-Ei-Problem… Speziell zu den Apachen und ADHS habe ich ja nun so manches schon gehört und ich nehme Gift darauf, dass der bis heute nachhallende legendäre Ruf der Apachen im 19. Jahrhundert nicht durch Zufall entstanden ist. Diplomatie war aber leider tendenziell nicht so das Ding bei dieser unangepassten, freiheitsliebenden Ethnie im 19. Jahrhundert und „die“ Apachen (es gibt wie immer solche und solche) standen am Ende des 19. Jahrhunderts kurz vor dem Genozid durch US-Amerika und Mexiko…

        … heute lebt der gängige mit ADHS Betroffene des 21. Jahrhunderts in Städten mit Autos, U-Bahn, Internet und Cybermobbing (Stichwort ADHS in Südkorea). Und das ist heute eine ganz andere Sozialisation und das sind ganz andere Umweltbedingungen als sie es bei nordamerikanischen Naturvölkern des 19. Jahrhunderts waren.

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  2. Franziska

    „Stinos = neuotypische Menschen so abwertend und unsensibel damit umgehen, wie wir sind.“

    Das habe ich selber so oft erlebt und leider auch so oft an meinem Kind beobachtet (das von der Oma- Mutter meines Mannes-der Tante und dem Onkel immer wieder angeschrien und sogar geohrfeigt wurde).

    Ich glaube, das beruht aber zum großen Teil auf die Ignoranz bezüglich des Wahrnehmungsstils des ADS Gehirns. Die Menschen erwarten im Allgemeinen von den Kindern eine (hohe) Anpassung an ihrer Umwelt: sie sollen sich so schnell wie möglich selbst beherrschen, „brav“ sein, was aber ADS Kinder/Jugendliche aufgrund ihrer Wahrnehmung und Selbststeuerungsschwäche nicht können. Aber diese „Andersartigkeit“ sehen die „Stinos“ von aussen nicht. Sie glauben, das Kind störe freiwillig, sei böse oder faul („stinkfaul“ sagte ein Lehrer über mein Kind mit ADHS und HB), es könne, wenn es wolle, aber strengt sich nicht an.

    Leider bin ich persönlich bei meinen Versuchen, diesen Leuten die Besonderheiten des Neurotransmitter-Stoffwechsels und folglich der anderen Wahrnehmung von ADS Betroffenen zu erläutern, kläglich gescheitert, sowohl bei der Familie meines Mannes als bei der Erzieherin und manchen Lehrern. ADS sei eine „Ausrede“ (ein Lehrer), eine „Modediagnose“ (Hausarzt!), keine „anerkannte Krankheit“ (eine Freundin).

    Das Schlimmste für Eltern und Betroffene ist, dass Fachleute selber diese Vorurteile haben und somit Diagnose und Behandlung verhindern können (ADS sei „eine Modediagnose“, „Ritalin eine gefährliche Droge“ hörte ich sogar von einer Kinderpsychologin in der stationären Kinderpsychiatrie!).

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