ADHS Vorurteile und Unwissenheit in Deutschland

Was der gemeine Deutsche über ADHS / Hyperaktivität zu wissen meint und was er dann an Behandlungen empfiehlt

Studie aus der Uni Greifswald u.a. zu Vorstellungen bzw Vorurteilen der Deutschen Durchschnittsbevölkerung zu ADHS

Eigentlich ist die vorgelegte Untersuchung zum Heulen. Jahre nachdem die Selbsthilfeorganisationen und dann das Zentrale ADHS-Netz mit einer Information über das Hyperkinetische Syndrom bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sich engagieren und zu Zeiten, wo kaum ein Spiegel, die Zeit, Welt oder FAZ die Sommerlöcher mit Meinungsartikeln zum Für und Wider von ADHS und Medikation füllen, herrscht dumpfe Unwissenheit über das Thema. Oder anders / neuraler ausgedrückt :

Wissenschaftliche Erkenntnis und öffentliche Meinung verlaufen genau entgegen gesetzt.

Ich fürchte, ja nicht nur bei der Durchschnittsbevölkerung, sondern leider auch bei „Profis“, die im Kontext Erziehung bzw. Jugendhilfe und Frühförderung, Schule oder aber Therapie und Förderung im weitesten Sinne mit dieser Klientel zu tun haben. Wenn ich dann sehe, wieviele Symposien bzw. Fortbildungen im Bereich Autismus von Pädagogen oder auch Wohneinrichtungen in Anspruch genommen werden und wie selten wirklich eine Weiterqualifizierung im Bereich ADHS thematisch sinnvoll ist, dann werden die vorliegenden Ergebnisse noch in ein besonders düsteres Licht gerückt.

Unwissenheit und Stigmatisierung bei ADHS

Wer nicht selber „betroffen“ ist bzw. Kontakt zu ADHS-Familien hat, hat ja dennoch eine Meinung. Oder folgt der Meinung, die von den Medien oder z.B. Erziehern / Lehrkräften verbreitet wird. Diese Meinungsmache wird durch die Medien bzw. Interessengruppen aber in eine Richtung gelenkt, die genau entgegengesetzt zum Stand der Wissenschaft in Sachen ADHS ist. Und nicht zuletzt dazu beiträgt, dass einerseits der Zugang und die Compliance für eine sinnvolle multiprofessionelle Therapie erschwert, verzögert oder gar verhindert wird. Andererseits werden aber eben dann Tendenzen bei den Familien verstärkt, sich völlig zu Unrecht als schuldig bzw. Versager zu fühlen und damit die Selbstwertprobleme und sekundären Folgen der lebenslangen ADHS-Konstitution in Richtung von Angststörungen, Depressionen, Sucht, Essstörungen etc noch deutlich verstärkt. Auch Suizide sind in diesem Zusammenhang deutlich gehäuft zu erwarten und wissenschaftlich nachgewiesen.

ADHS hat hinsichtlich Beeinflussung der Lebensqualität bzw. Verkürzung der Lebenserwartung mindestens den Stellenwert von Erkrankungen wie Asthma oder Diabetes mellitus. Aber eben keinesfalls die Anerkennung oder gar Förderung wie diese Erkrankungen.

Über 1000 Personen über Telefonumfrage ausgewählt

Für die Studie wurden Fragen zu 2 Fallbeispielen / Fallvignetten (jeweils ein Kind und ein Erwachsener) mit typischen Merkmalen von ADHS an über 1000 zufällig ausgewählte Teilnehmer gestellt bzw. dann über ein systematisches Interview Einstellungen zu Ursachen und dann auch „Behandlungsempfehlungen“ ausgewertet.

Auch bei anderen psychiatrischen Erkrankungen ist ja bekannt, dass Unwissenenheit bzw Vorurteile zur Stigmatisierung der Betroffenen und ihrer Angehörige beitragen.

Armes Deutschland. Funktionierende Inklusion und Umsetzung von leitliniengerechter ADHS-Therapie ist noch weit und breit nicht zu erkennen

Die Fragestellungen der Untersuchung

Wie wird ADHS / Hyperaktivität in der Öffentlichkeit wahrgenommen und welche Therapien werden empfohlen ?

Vorsicht ist angebracht. Natürlich sagt eine solche Telefonbefragung noch nichts darüber aus, wie nun die Haltung zu einer fachlich fundierte Diagnostik und Therapie sein könnte. Aber gerade im Bereich ADHS fällt es eben auf, wie schnell Diskussionen emotional aufgeladen bzw. polarisierend geführt werden.

Über 90 Prozent der Befragten hatten schon von ADHS gehört. Von diesem Personenkreis sagten dann aber 20 Prozent, sie hielten ADHS nicht für eine „reale“ Erkrankung

Dann überrascht es schon kaum noch, was dann als mögliche Ursachen der Problematik bzw. von ADHS in der Befragung angegeben wurde. Mehrfachangaben waren offenbar möglich.

Aus medizinischer bzw. psychotherapeutischer Sicht relevante Ursachen bzw. Erkenntnisse zu ADHS (also eine angeborene und hochgradig vererbte Veranlagung mit Imbalance im Botenstoffsystem (und meinetwegen auch noch mit unzureichender Selbstkontrollfähigkeit) tauchen nur unter ferner liefen in dieser „Hitliste“ auf.

Aufklärung zur multiprofessionellen Therapie ist dringend weiter erforderlich

Manchmal habe ich das Gefühl, dass auch viele Uni-Grössen sich scheuen, sich klar und eindeutig zur multimodalen bzw. multiprofessionellen Therapie bei ADHS zu bekennen. Wenn man aber sieht, welchen schlechten Ruf die medikamentöse Therapie bei ADHS hat, dann wird der Aufklärungsbedarf umso deutlicher.

Ich habe nicht nur in Diskussionen mit „Laien“, sondern auch vielen Kinderpsychiatern und natürlich Psychologen immer wieder die Ablehnung der Stimulanzientherapie mitbekommen. Fast 80 Prozent der Deutschen lehnen hier Psychopharmaka ab, 2/3 in den hier dargestellten Fallvignetten.

Nach meiner Interpretation ist und bleibt die Pharmakotherapie der Goldstandard, was die Evidenz = Wirksamkeitsnachweise der Therapien angeht. Sicher ist das nicht gleichbedeutend damit, dass man nun „NUR“ auf die Medikation setzt. Wenn aber nur unter 10 Prozent überhaupt zur Stimulanzientherapie raten würden, dann wird die Aufklärung und Überzeugung der Eltern bzw. erwachsenen ADHS-Patienten umso mehr eine Herausforderung.

Häufig werden zunächst unwirksame und möglicherweise schädliche Therapien empfohlen bevor es zur leitlinengerechten Hilfe bei ADHS kommt

In der Tabelle sind die von den Befragten empfohlenen Maßnahmen bei Kindern (in Klammern bei Erwachsenen) angegeben bzw. von denen gerade abgeraten wird.

Wenn man weiss, wie sinnfrei und wirkungslos Konzentrations- und Gedächtnistraining bei ADHS ist bzw. wie häufig dies noch von Praxen angeboten wird oder das dann autogenes Training oder gar Homöopathie weit häufiger als eine hilfreiche Therapie eingeschätzt wird, so sind wir doch offenbar in Deutschland in Sachen ADHS-Aufklärung ungefähr in der frühen Barockperiode steckengeblieben.

Damit möchte ich ja das Engagement der Aktiven in keiner Weise kritisieren. Ich fände es aber gerade seitens der Fachverbände und der Universitätskliniken bzw. Schwerpunktzentren an der Zeit, sich noch klarer in der Öffentlichkeit in Sachen ADHS-Aufklärung auf den aktuellen Stand der Wissenschaft zu fokussieren.

Nebenschauplätze wie Diätverfahren, Neurofeedback oder anderer Schnick-Schnack darf ja gerne sein. Aber es geht erstmal darum, dass es gelingt die Mehrzahl der Betroffenen zu informieren und leitliniengerecht zu behandeln.

9 Kommentare

  1. Das schlimme ist an den Vorurteilen das man sich in bestimmten Gruppen z. B. alternativen Menschen nicht als ADSler oder ADHSler outen kann. Gerade das ADS ohne Hyperaktivität ist für viele schwer nachvollziehbar. Ich umschreibe mittlerweile meine Probleme. Ich spreche von Symptomen als von der Diagnose, damit fahre ich besser als wenn ich anders verfahre.

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  2. Guten Abend,
    ich bin Mama von 2 Kindern die ADS und ADHS haben.

    Meine Tochter 11 Jahre hat ADS und mein Sohn 8 Jahre alt hat ADHS. Bei beiden diagnostiziert. Sie haben beide Pflegestufe, meine Tochter 1 und mein Sohn hat Stufe 2.

    Meine Tochter hat eine schlimme Grundschulzeit, die Lehrer waren total überfordert, schlussendlich hat man zusätzlich Dyskalkulie festgestellt. Sie konnte, nach langem Kampf auf eine Förderschule wechseln, auf der sie sehr gut mitkommt und gute Noten mitbringt.
    Mein Sohn hat motorische Schwierigkeiten, tut sich schwer beim Schreiben und in der Feinmotorik.

    Wir kämpfen an vielen Fronten. Uns stehen Entlastungsleistungen zu, aber wir können sie nirgends einsetzen, da in unserer Umgebung die Stellen alle nur auf alte Menschen eingestellt sind. Es ist manchmal zum Heulen.

    Aber die Liebe zueinander trägt uns durch diese Zeit und wir halten zusammen und ich kämpfe weiter für meine Kinder.

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    1. Toll. Genau darum geht es ja mir auch. Die Kinder haben es schon schwer genug und sollten nicht noch für ihre Neurodiversität von der Gesellschaft bzw. Schule / Kindergarten / Ärzten zusätzlich stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Gerade Schreiben bzw. Feinmotorik ist ja ein großes Problem…

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  3. Die Unwissenheit über ADHS nimmt insbesondere in der Generation unter 30 aber recht rapide ab bzw. das Bewusstsein über ADHS in dieser Altersgruppe zu. Die Studie zum Bewusstsein und Wissen über ADHS bezog sich auf die Gesamtbevölkerung… bei Omis in ländlichen Gebieten oder insgesamt bei Personen ab 40, da verwundert mich das nicht diese Ignoranz und das Unwissen über ADHS. Die Zukunft wird aber gestaltet von der Generation unter 30 und da bin ich zuversichtlich. Allein schon das immer häufiger in Universitätsstädten wie Freiburg thematisierte Gespenster-Thema „Hirndoping“ hat den willkommenen Nebeneffekt, dass dadurch indirekt ADHS immer stärker dort in studentischen, städtischen Milieus ins Bewusstsein rückt… die ADHS-Lobby ist erfreulicherweise insgesamt in der Offensive und diese Offensive wird wohl anhalten… ich bin mal gespannt, wann die nächste prominente Persönlichkeit sich mit einer ADHS-Diagnose outet… jetzt nicht nachlassen, wir gewinnen jeden Tag an Boden…

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  4. BRAVO!!
    Lieber Herr Dr. Winkler,
    vielen Dank für Ihre Arbeit und Ihren Einsatz für Menschen mit ADHS! Ich bin seit 26 Jahren in der Suchtarbeit tätig und arbeite seit über 15 Jahren als Suchttherapeut, aktuell in einer Reha-Klinik für junge Drogenabhängige. Ich teile alle von Ihnen dargestellten Standpunkte. So kann oder sollte man ein Kommentar nicht einleiten, ich mach`s aber trotzdem. Denn! Die Schieflage, die die von Ihnen dargestellte Umfrage zeigt, braucht einen klaren und vordringlichen Standpunkt, der gesehen wird! Ich spreche bei der Arbeit täglich in Gruppen- und Einzelgesprächen mit Betroffenen. In diesen Gesprächen stelle ich mich meinen Patienten zwischenzeitlich so vor, als „vermutlich einer der ersten Menschen, bei denen ADHS (bei mir ADS) diagnostiziert wurde. Die ausführliche Geschichte (ich bin 49 Jahre alt), wie ich mir mein Wissen und meine Selbsterkenntnis langwierig, mühsam, kleinteilig, mit vielen Rückschlägen und gegen arrogante Widerstände von Ärzten, Beratern, oder anderen Wichtigtuern, die meist selber nicht betroffen sind, erkämpfen musste, hat sich zwischenzeitlich als fester Bestandteil und Werkzeugt für meine therapeutische Arbeit entwickelt! Doch! Am Beginn unserer Gespräche stehen nämlich fast nie Frage nach Diagnostik, Erscheinungsweisen, Lebenszeitprävalenzen, defizitäre Symptomatiken… oder ähnlicher Quatsch im Vordergrund. Nein! Im Vordergrund steht meist: „Du bist verarscht, ausgelacht, im Stich gelassen, gemobbt, gedemütigt, verraten und abgezockt worden…“. Wenn ich neue Patienten mit ADS zu Beginn der Therapiegespräche in dieser oder ähnlicher Weise anspreche passiert fast immer das gleiche. Mit großen, hoffnungsvollen Augen und bestätigender Geste beteuern mir meine Patienten spontan sich endlich verstanden zu fühlen. Der eben noch müde und depressiv wirkende junge Mensch hat auf einmal ein Leuchten in den Augen, hält den Blickkontakt und findet plötzlich eifrig Worte, um sich ins Gespräch einzuschalten. Meine Patienten mit einem ADS empfinden zu Beginn ihrer Therapie eine ganz große Dankbarkeit und Entlastung, wenn sie sich gesehen und bestätigt fühlen, nicht als „Zappelphillip“ oder „aufmerksamkeitsdefizitär“. Sondern als wachsamer Kenner der Situation, als wissender Beobachter mit großer Weitsicht und Einfühlungsvermögen, als sensibler, achtsamer und guter Zuhörer (auch jene mit Hyperaktivität!).
    Ihre Initiative ist richtig, überfällig und braucht Gehör und Unterstützung! Ich sage meinen Patienten immer, „wenn Du einer Minderheit angehörst, hast Du`s mit der Mehrheit zu tun!“ Ich staune selbst, meine Patienten verstehen das direkt und wissen was gemeint ist. DIE BESTÄTIGUNG ALS MENSCH MIT ADS/ADHS DISKRIMINIERT UND MISSACHTET WORDEN ZU SEIN, am Beginn der gemeinsamen therapeutischen Arbeit mit der Sucht und ADS muss am Anfang stehen. Damit mache ich nur sehr gute Erfahrungen! Wir arbeiten in der Folge an der Korrektur des Selbstbildes und der Ressourcenaufwertung, was ebenso flüssig funktioniert. Aber auch in meiner Arbeit tauschen die von ihnen genannten Hindernisse auf. Mein Chef ist nicht ganz meiner Meinung. Er ist mir wohl gesonnen, aber selbst kein Betroffener. In einem Therapiegespräch habe ich einen Patienten mal gefragt, „Sagen sie mal (ich spreche mit „sie“), wenn wir von uns reden, sagen wir z.B. „wir ADSler“. Wie können wir eigentlich die anderen nennen?“ Mein Patient antwortete kurz und trocken: „Das sind die Tunnelblickmenschen!“ Wir beide lachten spontan und herzlich über diesen Geistesblitz. Der „Tunnelblickmensch“ und diese Geschichte dazu sind seither fester Bestandteil und Werkzeug in meiner aufklärerischen-therapeutischen Arbeit geworden.
    Ich möchte mich nochmal für Ihre Initiative bedanken! Obwohl mich der Klinikalltag oftmals aufzufressen scheint, würde ich mich gerne für ihre Initiative engagieren!
    Mit freundlichem Gruß!
    Ralf Schumann

    Gefällt 1 Person

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