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ADHS bei Senioren

ADHS bei Senioren

Lebensqualität hängt vom Ausmaß der Exekutivfunktions-Beeinträchtigungen bei ADHS ab

Wir werden immer älter. Und das ist ja auch gut so. Das Thema ADHS und „Alter“ ist aber noch relativ jung.

Die bekannte „Entwicklungsverzögerung“ von bis zu 30 Prozent führt nicht selten dazu, dass Senioren mit ADHS viel vitaler bzw. jünger wirken, als sie es vom Personalausweis sein sollten. Das muss natürlich nicht so sein. Andererseits kann es sein, dass die neuropsychologischen Besonderheiten im Bereich von Arbeitsgedächtnis bzw. der höheren Handlungsfunktionen dann vielleicht an eine Demenz denken lassen, obwohl das nun ganz und gar nicht der Fall ist.

Wichtig aus meiner Sicht wäre es, dass Ärzte (und speziell hier natürlich dann auch Gerontopsychiater) sich mit den Besonderheiten von ADHS im höheren Lebensalter vertraut machen.

In meiner eigenen Familie haben wir da so einen Fall deutlich „über 80“. Langjährig in Behandlung wegen einer chronischen Schmerzstörung. Dafür erhält der Patient u.a. Opiate zur Schmerzbehandlung (darüber kann man streiten…). Aber weil diese Medikation nun wiederum eine heftige Müdigkeit auslöste, verordnete die behandelnde Schmerztherapeutin „off-label“ein interessantes Medikament gegen die „Fatigue“ : Ritalin adult ….

Nun führt diese Medikation überraschend nicht nur zur Besserung der Müdigkeit bzw. Abnahme der Schmerzintensität. Auch die Selbstorganisation und der soziale Umgang (Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen) und Vergesslichkeit nehmen unter der Medikation ab.

Eine ADHS-Diagnose gibt es – zumindest nach meiner Kenntnis – nicht. Aber aus meiner Sicht wäre die Diagnose durchaus gerechtfertigt (würde aber nicht akzeptiert werden). Also dann über den Umweg der Schmerztherapie…

ADHS und Konflikte in der Familie

Mein „ältester“ ADHS-Patient ist 73 Jahre und benahm sich in der Klinik wie ein Lausbub. Er war selbstverständlich nicht wegen ADHS in der Klinik, sondern wegen „Depressionen“. Eigentlich aber, weil er sich mit seiner Familie nun wiederholt überworfen hatte. Ganz heftige Streits mit einem „Sturkopf“, so dass seine Kinder den Kontakt mit ihm abgebrochen bzw. den Umgang auch mit den Enkeln untersagt hatten. Heftig.

Neuropsychiatrisch gesprochen : Seine kognitive Flexibilität und Umstellungsfähigkeit bzw die Fähigkeit, die Auswirkungen seines Verhaltens auf ANDERE zu übersehen war minimal.

Aus Sicht meines Klienten waren immer die ANDEREN Schuld. Das zog sich wie ein roter Faden auch durch den Klinikaufenthalt, wo wir so unsere liebe Not mit dem anspruchsvollen Patienten hatten, der sich so ganz und gar nicht an Regeln und normale Abläufe halten konnte.

Eher durch absoluten Zufall kam ich dann darauf, dass sein – auch nicht mehr ganz taufischer Sohn in meinem Alter – in seiner Kindheit wegen ADHS und einer Störung mit oppositionellem Trotzverhalten in kinderpsychiatrischer Behandlung war.

Vorsichtig sprach ich dann das Thema an und es zeigte sich, dass die neuropsychiatrischen ADHS-Besonderheiten sich lebenslang nachweisen liessen. Durchaus gar nicht zum Nachteil für den Patienten, der dadurch zu einer sehr erfolgreichen Persönlichkeit wurde. Aber eben auch mit Nachteilen, die über sehr weite Teile seines Lebens dann zu psychiatrischen Auffälligkeiten führte, die man aber keinesfalls mit einer seit der Kindheit bestehenden Konstitution in Verbindung brachte.

Die Diagnosestellung und dann ein Therapieversuch mit Elvanse (in niedriger Dosierung) brachte eine spürbare Entlastung. Vielleicht noch wichtiger : Es kam zu einem Versöhnungsgespräch in der Familie ! Immerhin gibt es da eben dann doch die gemeinsame Disposition, die bei Vater und Sohn eben dazu führte, dass die Sturköpfe nicht aus ihrer Rolle konnten. Die Erklärungen zu ADHS und den Besonderheiten der Exekutivfunktionen waren hier eine Art „Mediator“.

Nicht zuletzt half die Diagnosestellung dann aber auch, dass die Schul-und Verhaltensprobleme von 2 Enkelkindern meines Patienten nun kinderpsychiatrisch noch einmal neu beleuchtet werden…

Wer sich weiter in dieses interessante Thema einlesen möchte (und der englischen Sprache mächtig ist), dem empfehle ich eine aktuelle Studie bzw. Zusammenfassung, die sich mit der Rolle der Exekutivfunktionen bei Senioren beschäftigt : Hier

Welche Erfahrungen habt ihr bei „älteren“ Mitbürgern (in der eigenen Familie ?) im Zusammenhang mit ADHS gemacht ?

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ADHS Erwachsene

5 Kommentare zu „ADHS bei Senioren Hinterlasse einen Kommentar

  1. http://www.noz.de/deutschland-welt/kult … -jahre-alt

    Der Autor von „Der Medicus“ Noah Gordon wurde erst im Alter von 70 Jahren mit ADHS diagnostiziert. Offensichtlich war man aber bereits in der zweiten Hälfte der 90er Jahre in den USA so weit, dass dort auch bei 70-Jährigen ADHS diagnostiziert wurde.

    Nur wenige Fans der ab 1986 erschienenen „Medicus“-Triloge, die die Medizinerdynastie der Familie Cole im Mittelalter beschreibt, werden von der Tortur wissen, der Gordon sich beim Schreiben unterziehen musste. Wegen einer erst im Alter von 70 Jahren diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADHS) quälte Gordon sich oft über Stunden, um klare Gedanken zu fassen und zu Papier zu bringen. „Eine Fülle, ein Überangebot schneller Gedanken“ sei ihm dabei durch den Kopf gerauscht, sodass er sich übermäßig stark konzentrieren musste, um gedanklich überhaupt bei einem Thema zu bleiben

    der Skateboardpionier Titus Dittmann hat auch erst mit um die 70 seine Diagnose ADHS bekommen https://www.tagesspiegel.de/gesellschaf … 10468.html

    @ Angela Blumberger: es ist niemals zu spät und auch 75-Jährige verdienen es, zu wissen, weshalb sie so sind, wie sie sind.

    Gefällt 2 Personen

  2. Moin. Ich bin manchmal unsicher, wie weit es noch Sinn macht, jemadem über 75 Jahren die ADHS oder ASS Diagnostik in Aussicht zu stellen?! Eine Klientin, bei der ich ADHS vermutete, bekam schon seit ihrem 16. LJ Barbiturate. Ich weiß nicht, ob sie sich einer Diagnostik in einer Klinik unterzogen hat. Was empfehlen Sie? LG Angela Blumberger

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    • Ich gehöre zur Generation 60+. Für uns gab es keine Diagnosen. Für uns gab es schlechtes Verhalten, Faulheit bei Intelligenz. Wenn man es doch zu etwas gebracht hat (Schulabschluss, eventuell Studium, oder sogar längerfristige Arbeitsverhältnisse) war das der Beweis dafür, dass man vorher nur faul und undiszipliniert war. Meine Generation hat meist Eltern, die im Krieg erwachsen wurden. Viele von uns haben sich emotional um ihre Eltern gekümmert, die selbst nicht dazu in der Lage waren, mit ihren Gefühlen umzugehen. Da durften wir keine Störfaktoren sein.
      Von außen betrachtet habe ich ein sehr erfolgreiches Leben geführt. Keiner fragt nach dem Preis dafür, keiner mag die emotionalen biografischen Brüche sehen. Es zählt einzig das Ergebnis.
      Seit meiner Jugend nehme ich auf grund eines Anfallsleidens Barbiturate. Das wiederum führt dazu, dass kein Arzt genau in Richtung ADHS-Behandlung schauen mag. Da ich die Medikamente sowieso nicht nehmen könne, bräuchte man auch nicht genauer hin gucken.
      Und so blieb es bei den Verdachtsdiagnose ADHS plus autistische Züge.

      Wir sind die undiagnostizierten Generationen, die sich ich irgendwie durchschlagen musste. Viele von uns sind gescheitert. Viele der „ erfolgreichen“ sind jetzt im Alter am Ende ihrer Kräfte. Viele schaffen es nicht, nach all der Anstrengung der Berufsjahre einen würdevollen Übergang in den Ruhestand für sich zu organisieren.
      Mit dem Argument: „Sie haben es bislang ohne Hilfe geschafft“ wird zukünftige Hilfe verweigert.

      Ja ich finde, dass eine Diagnose unbedingt hilfreich ist, unabhängig vom Alter. Und auch unabhängig davon, ob eine Medikation aufgrund anderer Medikamente überhaupt möglich ist.

      Wir sind es wert, dass wir nun wenigstens Frieden mit uns selbst machen können.

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      • Vielen Dank für das Feedback. Ich meinte allerdings nicht im Sinne „es nicht wert zu sein“ sondern ob es nicht mehr (emotionale) Probleme nach sich zieht, als Nutzen hat. Mein Denken ist auch, dass es für das eigene Selbst friedensstiftender ist, und Sie bejahen das ja. Danke.
        Die Diagnostik wurde erst in den 90er Jahren vermehrt gemacht, so dass heutzutage auch etliche (Kinder-)Ärzte der Meinung sind, dass es eine „Mode-Diagnose“ sei.

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      • Wenn sich überhaupt die Frage nach einer Diagnose noch stellt, dann ist der/die Betroffene doch schon mit gesundheitlichen / sozialen Problemen vorstellig geworden oder hat selbst einen Verdacht geäußert.
        Wie kann eine Diagnose eine Frage des Nutzens sein? Wer beurteilt das denn?
        Wir unbehandelten ADHS-Oldies haben schon viele emotionale Stürme alleine meistern müssen. Wäre doch schön, wenn der durch die Spätdiagnose Hervorgerufene ( ja, der wird kommen, wenn man sieht, dass man ein für sich gar nicht passendes Leben gelebt hat, nur um in der Außenperspektive so zu sein wie alle anderen) mit einer verständigen therapeutischen Begleitung durchlebt werden könnte.
        Also keine Angst vorm Sturm liebe Therapeuten, wir sind ja dabei 🙂

        Dass Sie nicht ausdrücken wollten, alte Menschen seien es nicht wert, ist mir klar.

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