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Neurodiversität : Ich bin stolz auf dem ADHS-Spektrum zu sein

Greta Thunberg Autismus-Spektrum

Sicher, man sollte nun sich nicht heraus stellen, nur weil man anders ist.

Auf Vorträgen zum Thema ADHS-Spektrum betone ich das immer wieder, dass ich auch ein Verständnis für neurotypische Menschen (wie Lehrer, Erzieher, Beamte und sonstige Menschen, die so linear unterwegs sind) aufbringen kann und möchte. Und ich vielleicht ist es dann eben nicht immer richtig, wenn man nun ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyspraxie oder Hochsensibilität oder Hochbegabung als eine „besondere“ Art des Seins im Sinne verschiedener Neuro-Typen herausstellt.

Aber darum geht es doch gar nicht. Es geht nicht um besser oder schlechter. Gerade dieser Bewertungs-Schubladen wollen wir ja nicht mehr. Wir sollen „anders“ im Sinne von unterschiedlich akzeptieren. Aber auch akzeptiert werden.

Warum muss eine 16 jährige Schwedin nun gerade eigentlich simple Wahrheiten aussprechen, die von Wissenschaftler eigentlich weltweit verbreitet werden und sie wird dann doch von einigen Besserwissern nieder gemacht ? So wie sie sich für Klima-Awareness einsetzt, so ist sie – vermutlich völlig ungewollt – auch zu einem Vorbild in Sachen Spektrum-Besonderheiten = Neurodiversität geworden.

Adhs-Spektrum und mehr

Über viele Jahre propagiere ich und zahlreiche weitere Mitstreiter, ADHS-Formen als ein Spektrum der Spezies Mensch zu sehen. So wie es bei Autismus unterschiedliche Formen und Ausprägungen gibt. Und ja, ich möchte gar nicht anders sein und bin stolz auf meine ADHS-Besonderheiten.

Natürlich bin ich aber nicht stolz auf meine Macken, wenn ich mir selber ein Bein stelle bzw. in das nächste Fettnäpfchen tappe. Und ich bin nicht stolz darauf, dass ich dann (ziemlich ungewollt) über den persönlichen Quadratmeter oder die Meinungsgrenze von Anderen springe.

Noch problematischer : mein Selbstwertgefühl ist sicher nicht so stabil, wie es viele neuro-typische Menschen haben. Oder ich wirke vielleicht nach aussen anders und sicherer als es dann der Fall ist. Dann mag es so aussehen, als ob ich mir etwas zu meiner „Andersartigkeit“ einbilde, wenn ich in Vorträgen und Webinaren von mir und meiner Familie spreche.

Verhaltensempfehlungen für neurodiverse Menschen helfen auch Neurotypikern

Nicht nur Autisten nehmen häufig ihre Welt und Problemlösungen ziemlich klar und „echt“ wahr. Vielleicht zu echt und zu prägnant für ihre Mitmenschen. Aber ganz sicher sind eben neurodiverse Kinder, Jugendliche und Erwachsene beispielsweise in der Schule eher die Indikatorkinder für strukturelle Fehl-Entwicklungen bzw. Unstimmigkeiten.

Die Erfahrungen von Eltern bzw. selber betroffenenen Erwachsenen auf dem Spektrum sind aber nach meiner persönlichen (aber auch therapeutischen) Erfahrung wirklich unschätzbar. Würden nur häufiger Erzieher, Lehrer, Ärzte und Therapeuten darauf hören, was die Patienten und ihre Angehörigen an Erfahrungen und hilfreichen Strategien schon gesammelt haben, so wäre viel gewonnen.

Allergie gegen Pathologisierung

Ich habe ja nun auch schon Schwierigkeiten, wie man nun Menschen auf dem Spektrum richtig „tituliert“. Wenn man von ADHSlern oder Autisten spricht, dann ist das ja auch schon ein Label. Häufig genug eine Stigmatisierung.

Aber noch schlimmer ist es, wenn man dann von Quacksalbern und sonstigen „Therapeuten“ liest, dass sie Autismus „weg-therapieren“ oder präventiv verhindern wollen. Ähnlich könnte man es jetzt auf ADHS, vielleicht aber auch noch auf Hochbegabung oder Legasthenie beziehen ?

Man kann lernen, die möglichen Beeinträchtigungen und negativen Lernerfahrungen im Leben mit den Spektrum-Besonderheiten so gering wie möglich zu halten.

Aber kaum (kein) Autist würde jetzt auch nur auf die Idee kommen, dass man Autismus heilen müsste.



Leben mit den Besonderheiten

Die allermeisten Kinder und Jugendliche (aber auch wir Erwachsene) aus dem ADHS-Spektrum kommen prima im Leben zurecht.

Und die allerwenigsten möchten ohne ihre ADHS-Konstitution leben.

Wenn man nun die richtigen Informationen über die eigenen Wahrnehmungs- und Regulationsbesonderheiten erhält, besteht eine sehr gute und faire Chance, dass man gut und erfolgreich MIT den ADHS-Besonderheiten und nicht GEGEN sie leben kann.

Dies setzt aber auch ein Mindestmaß an Verständnis und Kooperation der neurotypischen Umwelt voraus….

Leider mangelt es aber genau daran häufig…

7 Kommentare zu „Neurodiversität : Ich bin stolz auf dem ADHS-Spektrum zu sein Hinterlasse einen Kommentar

  1. Jochen Lehmensick

    Vielen Dank für den Hinweis auf Greta Thunberg!

    Klar ist, daß Neurodiversity – ob Autismus- oder ADHS-Spekrum bei sehr viel Prominenz der allerersten Reihe zu diagnostizieren ist oder zumindest als wahrscheinlich angesehen werden kann. ADHS-Spektrum: Michael Jackson + (Diagnose: B. Levin), Michael Phelps, Donald Trump, Boris Johnson usw. usw.
    In Rücksicht auf die immer wieder auftretende Ableugnung der Existenz (!) der ADHS-Störung/Neurodiversität ist es meines Erachtens sehr gut, diesen Tatbestand stärker herauszustellen.
    ADHS-ler benötigen bekanntlich Diagnose, Beratung und gegebenenfalls Behandlung zum besseren Selbstverständnis, zur Eindämmung bzw. Abstellung ihrer Schwächen wie auch zum Ausbau ihrer Stärken … aber eben auch ein wohlwollendes Verständnis der Normalos, denen allzu häufig das Verhalten des ADHS-lers völlig unerklärlich ist. Auch dadurch könnte die Selbstachtung der ADHS-ler ganz erheblich verbessert werden. – JL

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  2. Greta Thunberg ist mit ihrem höchst integeren Charakter, ihrer Bereitschaft, sich für den Klimaschutz einzusetzen, ein Vorbild!, aber…

    …aber unabhängig von der persönlichen Integrität von Greta Thunberg habe ich ein Problem mit dem, wofür sie politisch steht… ich möchte nicht, dass eine 16-Jährige, deren gut situierte Eltern das Geld hatten, sie auf eine internationale Schule zu schicken, Verzicht predigt für diejenigen, die jedes Mal bei Lidl einkaufen müssen, weil für Edeka das Geld nicht reichen würde… ich möchte nicht, dass bodenständige Kohlearbeiter in der Lausitz oder im Hambacher Forst ihre Jobs verlieren, weil durch die Bewegung, die Greta Thunberg ins Rollen gebracht hat, die Politik in Deutschland unter Druck gesetzt wird, Vorzeigeschüler beim Klimaschutz zu sein… ich möchte nicht, dass von denen, die sich Verzicht leisten können, Verzicht gepredigt wird für die, die sich Verzicht nicht leisten können… ich möchte nicht, dass eine kosmopolitische 16-Jährige gestandenen 50-jährigen Stahlarbeitern in Ohio oder bei ThyssenKrupp im Pott sagt, ihre Jobs seien schädlich für das Klima und das Klima habe Vorrang vor ihrem Schicksal… so sehr Greta Thunberg auch dem Klimaschutz Schub gegeben hat, so sehr spaltet sie die Gesellschaft und ist ein politisches Konjunktur-Programm für AfD, Salvini und Co… und ich denke nicht, dass Greta Thunberg diese Spaltung der Gesellschaft in Sachen Klimaschutz will… weiter so an Greta, aber auch Greta wird die Welt mit 40 anders sehen als mit 16…

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    • Es ging in dem Text jetzt aber nicht um Greta. Antworten auf diesen Kommentar hätte ich genug, aber nicht hier, da geht es um Neurodiversität.
      Das ist für mich die Kernaussage des Texts. Dass Neurodiverse der Gesellschaft Einiges zu bieten hätten, wenn man ihre Schwierigkeiten respektieren würde und nicht versuchen würde, sie von sich selbst zu heilen.
      Frau Thunbergs Fixierung auf ihr Thema und ihre Beharrlichkeit hat tatsächlich etwas sehr autistisches an sich. Wegen ihrer Zugehörigkeit zum Spektrum kann ich ihr auch eher vertrauen, weil ich unter Autisten bis jetzt noch keine karrieregeilen Selbstdarsteller getroffen habe. Das wäre ganz und gar unautistisch.
      Ebenso gehe ich bei Bedarf an Rat und Hilfe lieber zu Jemandem, der selbst ADHS hat und gut genug zurechtkommt, um eine Praxis zu betreiben. Dem muss ich nicht so viel erklären, der weiss wie es ist. Und der wird mir auch keine Motive unterstellen, die ich nicht habe.

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