Neurodiversität : Anders wahrnehmen und entdecken

Warum unser Bildungssystem von Humboldt vermutlich abgelehnt worden wäre. Oder unser Bildungssystem Humboldt ausgegrenzt hätte

Neurodiverse Menschen erleben und entdecken ihre Welt anders als die Anderen.

Erster Schultag in vielen Gemeinden. Und damit der Beginn einer Schulkarriere mit allen Höhen und Tiefen. Aber welche Chancen hätte ein Humboldt heute ? Würde seine Neugier auf die Welt und das Wissen eine Chance haben ? Was also in den schlauen Begrüssungsreden und Predigten im Schuleingangsgottesdienst den Kids und ihren Eltern gewünscht wird, wird dann durch die Realität häufig überholt.

Ich habe weder Schiller, Goethe noch Humboldt persönlich gekannt. Ich finde es auch nicht so sinnvoll, bei Promis nach ADHS-Eigenschaften zu fahnden. Schon gar nicht, wenn sie längst verwest sind.

Aber ich finde es faszinierend, dass gerade diese „Felsen“ der deutschen Grundbildung eben ganz sicher nicht im eigentlichen Sinne neurotypisch waren. Ich denke, Goethe wohl auch nicht.

Speziell Humboldt, nach dem nun zig Gymnasien und höhere Bildungseinrichtungen benannt sind, war eher eine Experimentator mit einem sehr lebendigen, schnell abgelenkten Geist.

Humboldt war ein Universalgelehrter. ADHSler gelten häufig als Universal-Dilettanten


Mögliche Konsequenzen bzw. Gefahren seiner Entdeckungsreisen waren nicht so direkt in seinem Wahrnehmungsfokus. Dafür hat er von anderen Menschen gelernt, war fasziniert vom Wissen und den Zusammenhängen. Ein funktionelles Verständnis, wie die Dinge zusammenhängen war ihm wichtig. Er brannte wohl dafür.

Er lernt eher durch eigene Erfahrung. Nicht selten mit einem Maximum von Gefahr.

Ich fürchte, heute würde ein Humboldt spätestens in der 3. oder 4. Klasse wegen Verhaltensstörungen ausgesiebt werden. Ihm (oder ihr) wäre der Unterricht schlicht zu langweilig, zu blöd und ohne Herauforderungen auf Experimentieren oder exploratives Wissen. Er würde den meisten Lehrern tierisch auf den Geist gehen.


Warum sollte man erst jahrelang blöde Fakten oder Dinge lernen, die man überhaupt nicht anwenden und in irgendeinem Zusammenhang auch im Alltag brauchen kann?

Lehrer als Mentor für neurodiverse Schüler

Es wäre unfair, alle Lehrer und Lehrerinnen über einen Kamm zu scheren. Denn natürlich gibt es auch Lehrer, die Wissen im Sinne einer Wissenschaft mit Neugier und Erfahrungen sammeln verknüpfen.

Ein oder zwei Lehrkräfte würden Spass an diesem Denk- und Wahrnehmungsstil finden. Erkennen, dass dieser Mensch besonders ist. Weil sie oder er anders ist. Aber auch diese wenigen Lehrkräfte hätten dann nur eine begrenzte Möglichkeit, ein Mentor zu sein. Spätestens mit dem Lehrerwechsel geht dieser Schutzschirm häufig verloren.

Eine der wichtigsten Variablen für Schulerfolg von neurodiversen Kindern ist es, ob sie in der Schule (oder ausserhalb über Oma, Opa, Vater, Mama oder wem auch immer) so einen Mentor finden. Der oder die das Anderssein fördert und nicht die Neugier erstickt.

Neugier und Entdeckergeist bei ADHS / Neurodiversität fördern

Warum Bücher für ADHSler blöd sind

Mir geht es wie Goethe. Ich lerne häufig in wenigen Minuten mit anderen neurodiversen Menschen mehr als in tausend Psychiatrie-Büchern stehen könnte.

Ich bin neugierig. Ich würde gerne intelligente Menschen treffen oder intelligente Dinge lesen. Oder vielleicht auf Konferenzen hören.

Die letzten Psychiatrie-Konferenzen, die ich erlebte, waren für mich nichts. Da wird nun in Variationen das wiederholt, was eh bekannt ist. Unbekanntes, neurodiveres Wissen hat keine Chance. Schon allein deshalb nicht, weil sich eben Klicken von Wissenschaftlern in den Seilschaften der Wissenschaft gar nicht bilden oder halten könnten.

Ehrlich geschrieben : Die meisten Bücher schaue ich mir nach wenigen Seiten schon gar nicht mehr weiter an. Weil sie eine Beleidigung für einen aufgeweckten Denk- und Wahrnehmungsstil sind. Da stehen doch nur Dinge drin, die man eh schon weiss. Als Datei oder Lexikon manchmal vielleicht unentbehrlich. Aber zum Lesen im Sinne von Wissen aneignen ?

Mir erschliesst sich zum Beispiel nicht, warum Psychiatrie-Bücher sich an neurotypische Menschen richten kann. Es ist doch anzunehmen, dass psychische „Störungen“ eher neurodiverse = von der Norm abweichende Menschen betreffen sollte. Wenn man aber die „Filter“ von Neurotypie anlegt, wird ein Missverständnis die Regel sein. Wie wenn man ein falsches Wörterbuch (z.B. Französisch-Deutsch) auf eine Reise in die USA nimmt. Möglicherweise kommt man dabei ein wenig weiter, aber das Scheitern ist doch vorprogrammiert

Lesen bildet – ist aber häufig nichts für ADHSler


Dazu kommt, dass man von einem Thema gefesselt sein muss, damit man das Buch auch zu Ende liest. Überhaupt den Sinn behalten und sinnerfassend lesen kann. Einer der Gründe, warum ich bisher keine Bücher geschrieben habe. (Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass sich das ändern mag).

Ich finde es gut, dass die neuen Techniken z.B. eine Umformatierung des Textes, Zusammenfassungen von Inhalten oder auch ein lautes Vorlesen ermöglichen. Aber bisher wird das noch viel zu wenig für neurodiverse Schüler und Erwachsene genutzt.

Ich bin sehr neugierig. Aber lese zu wenig. Mein Deutsch-Leistungskurs habe ich mit vielleicht 10 Büchern geschafft, die ich in der gesammten Schulzeit gelesen habe (davon 2 von Goethe und 3 von Hermann Hesse). Bleibt nicht mehr viel Allgemeinbildung. Einer der Gründe, warum sich viele ADHSler als unglaublich ungebildet ansehen.

Dabei ist es eine andere – neurodiverse Form – von Bildung und Erfassen der Welt.

Nehmen wir mal an, es gäbe ein Bildungssystem für neurodiverse Schüler und Schülerinnen. Wie müsste es für Euch aussehen ?

Oder anders gefragt : Vielleicht bietet Schule ja heute schon genau die Voraussetzungen, wird aber falsch von uns genutzt ?

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4 Kommentare

  1. PS: ADHS-Betroffene sind im Schnitt eher nicht weniger gebildet als Normalpersonen, ADHSler sind aber tendenziell folgendes: umstrukturiert gebildet und auf eine andere Art und Weise gebildet… das Wissen kann sehr wohl vorhanden sein, aber oft verhindert der emotionale Nebel, dass es geordnet und strukturiert betrachtet werden kann…

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  2. Angesichts der heute so unendlichen Möglichkeiten, die das Internet als größte Bibliothek der Menschheitsgeschichte bietet, ist es ein Jammer, dass das heutige von OECD und Konsorten auf neoliberales Effizienzdenken getrimmte Schulsystem den Wissensdurst von so vielen aufgeweckten Kindern im Keim erstickt. Herumdaddeln und Herumballern am IPad statt der Neugier auf die Welt freien Lauf zu lassen… ich habe mir zuletzt die römisch-indischen Beziehungen zur Zeit des Römischen Reiches auf Wikipedia durchgelesen, weil ich das einfach wissen wollte, ob Römer und Inder Kontakt hatten (ja, hatten sie), die Geschichte der Seefahrt (weil die Kenntnis der Monsunwinde für die Entwicklung der römisch-indischen Handelsbeziehungen eine Rolle spielte) habe ich mir dann gleich mit durchgelesen und die indirekten Kontakte der Römer mit China ebenfalls und dann zum Schluss noch die Vermutung der meisten Archäologen, dass es schon in der Antike sporadische ungewollte Überfahrten von vom Kurs abgekommenen phönizischen, griechischen und römischen Seefahrern nach Amerika gab (das Problem war weniger das Hinkommen nach Amerika, sondern das Zurückkommen war damals unmöglich und deshalb vermutet man, gibt es auch keinerlei Zeugnisse oder archäologische Spuren in Brasilien gestrandeter phönizischer Seefahrer)… all diese kostenlosen Informationsmöglichkeiten des Internets, die gab es vor 30 Jahren noch überhaupt nicht…

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  3. Sturm und Drang von Goethe und Schiller passt auch zu gut zu ADHS, ich würde Sturm und Drang heute neudeutsch als Passion and Power beschreiben, eben durch ADHS. Aber in den Biographien von Schiller als auch von Goethe findet man ja genug klare Hinweise auf ADHS. Über Humboldt wusste ich zuvor zu wenig, den hatte ich bisher als hochbegabten, etwas kauzigen Homosexuellen ohne ADHS eingestuft. Ich selber kenne wenige Gleichaltrige, die ein ebenso umfangreiches Allgemeinwissen haben wie ich, mein Allgemeinwissen war schon immer riesig (was mir immer wieder andere Personen, Freunde, Familie etc. so gesagt haben), das hat möglicherweise auch zu tun mit einer frühzeitigen Medikation meines ADHS beginnende mit 10 Jahren und einem damals noch für ADHS adäquateren Schulsystem als heute. Jedenfalls schlinge ich auch heute sämtliches Wissen, das ich bekommen kann, jeden Tag auf. „Alles zu wissen“ ist eines meiner zentralen Lebensziele.

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  4. Das ist so wahr! Deshalb bin ich begeisterter Anhänger von gut geführten Montessori-Schulen. Meine Kinder und auch ich hätten sehr davon profitiert. Leider musste dann das Elternhaus den vorhandenen Wissensdurst stillen, denn solche Schulen, besonders weiterführende, sind spärlich gesät. Vielleicht sind sie auch ein bisschen aus der Mode gekommen.

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