Methylphenidat verändert das Gehirn

Vernetzung im Gehirn bei ADHS

Methylphenidat hat einen Effekt im Gehirn :

Irgendwie ist es immer wieder ähnlich. Eine (in Worten EINE) Studie beschäftigt sich mit den neuroradiologischen Auswirkungen der Stimulanzientherapie in einer relativ kleinen Stichprobe. Und dann wird das Studienergebnis weder richtig verstanden und dann nach Lust und Laune negativ ausgeschlachtet.

Dabei war die Studie nun nicht dafür gedacht eine Aussage darüber zu machen, ob eine etwaige Veränderung im Gehirn nun gut oder schlecht sei. Sie wollte aber u.a. eine frühere Studie wiederholen bzw. bestätigen oder wiederlegen, die bereits einen Effekt auf die Vernetzung im Gehirn der Therapie nachgewiesen hat.



Es ist gar nicht so leicht, die Studie zu beschreiben. Es wurde quasi ein Maß für die Vernetzung der Hirnzellen neuroradiologisch bestimmt. Und dann bei Jungs (nicht aber Erwachsenen) eine Veränderung dieser Dichte in einer speziellen Messung festgestellt.

Ist das nun gut oder ist das gut ?

So wurde die Studie auch auf der Onlineseite des Deutschen Ärzteblattes vorgestellt und dann entsprechend von „Ritalin-Kritikern“ instrumentalisiert. Oder aber schlicht und ergreifend von Medien aufgegriffen, die in einer Wirkung eines Medikamentes im Gehirn sofort Gefahr wittern. Mal wieder ohne überhaupt den Hauch von Kenntnis über die wissenschaftlichen Zusammenhänge zu haben.

Leider ist aber auch der Tonfall des Artikels im Ärzteblatt irritierend, da eine der Hauptautorinnen keinesfalls „Bedenken“ hinsichtlich der Wirkung von Methylphenidat hat. Im Gegenteil : In einem Medscape-Interview wird deutlich, dass sie genau entgegengesetzt einen POSITIVEN Effekt im Einsatz der Medikation sieht. Aber nicht zu vorschnell bzw. zu euphorisch ihre Untersuchungsergebnisse bewerten will.

Also kurz nachgedacht bevor man nun dem einfachen Kurzschluss unterliegt : Ritalin schädigt das Gehirn … Aber ist dem denn überhaupt nach Ansicht der Autoren so ?

Eine der Hauptautorinnen ist Dr. Liesbeth Reneman aus Amsterdam.

Zitat : „While Reneman said the study wasn’t designed to determine whether white matter changes in boys taking methylphenidate were good or bad, a U.S. expert interpreted the changes as a „normalization“ of the brain.

„The normalization of the white matter for treated children is something we hope for and wish to be true, and this [study] gives validation to that,“ said Dr. Alan Geller. He’s a child, adolescent and adult psychiatrist in private practice and an attending psychiatrist at Gracie Square Hospital in New York City.“

Übersetzt etwa :

„Während Reneman sagte, dass die Studie nicht dazu bestimmt war, festzustellen, ob die Veränderungen der weißen Substanz bei Jungen, die Methylphenidat einnehmen, gut oder schlecht waren, interpretierte ein US-Experte die Veränderungen als eine „Normalisierung“ des Gehirns: „Die Normalisierung der weißen Substanz für behandelte Kinder ist etwas, auf das wir hoffen und wünschen dass es wahr ist, und diese[Studie] bestätigt das“, sagte Dr. Alan Geller. Er ist ein Kinder-, Jugend- und Erwachsenenpsychiater in einer Privatpraxis und ein behandelnder Psychiater am Gracie Square Hospital in New York City.“

Neurobiologie von ADHS

Eigentlich ist die jetzt vorgelegte Studie eher vor dem Hintergrund früherer Untersuchungen zur Wirkung von Methylphenidat zu verstehen, die sich mit der Vernetzung bzw. dem neuronalen Netzwerk im Bereich der weissen Hirnsubstanz beschäftigte. Schon vor Jahren hatte man Untersuchungen veröffentlicht, die eine Entwicklungsverzögerung der Hirnentwicklung bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS beschrieben. Dies machte sich in einer geringeren Vernetzung der Hirnzellen bzw. Hirnbereiche bzw. eben einer „dünneren“ weissen Substanz in bestimmten Hirnbereichen bei der ADHS-Gruppe bemerktbar.

Das sind nun keine Tests, die man auf ein einzelnes Kind diagnostisch anwenden oder nutzen kann. Sondern ziemlich komplexe mathematische Analysen in Vergleichsgruppen und eben bezogen auf die schon ziemlich ausgefuchste Auswertung von sehr speziellen neuroradiologischen Befunden, die die meisten Nicht-Radiologen vermutlich nicht verstehen.

Einfach ausgedrückt : Das Gehirn von ADHSlern ist hinsichtlich der Verschaltung von Nervenzellen also jünger und damit noch nicht so weit vernetzt wie bei neurotypischen Kindern. Es liegt eine Entwicklungsverzögerung von (im Schnitt) 30 Prozent vor. Bei einigen Kindern weniger, bei anderen mehr. Je stärker die Entwicklungsverzögerung, desto grösser die funktionellen = praktischen Auswirkungen in der Schule bzw. späteren Erwachsenenleben.

Kinder, die einen „guten“ Verlauf haben, holen bis zum frühen Erwachsenenalter (so um das 24. Lebensjahr) diesen Rückstand irgendwann auf. Eine andere Gruppe – meist mit einem schlechteren klinischen Verlauf – tut das leider nicht

Methylphenidat scheint nun diese Hirn-Vernetzung in der Behandlungsgruppe zu fördern. Ob das nun ein Effekt der Medikation ist bzw. ob das dauerhaft der Fall ist, ist noch nicht so klar.

Aber klar sollte sein : Eigentlich (und nicht nur eigentlich) ist das ja genau DAS, was die Medikation im allergünstigsten Fall mit erreichen sollte.

Daneben wirkt Methylphenidat noch als reversibler Wiederaufnahme-Hemmer für den Botenstoff Dopamin in bestimmten Bereichen des Gehirns. Das war die „frühere“ Hauptbegründung für den Einsatz der Medikation, weil ADHS-Kinder laut Untersuchungen eine erhöhte Anzahl bzw. Aktivität dieser Dopamin-Wiederaufnahme-Transporter (DAT) haben, die man zeitlich auf die Wirkdauer der Medikation begrenzt, blockieren kann.

Also : Viel heisse Luft. Die Medikation ist ein wichtiger Baustein in der multiprofessionellen / multimodalen Therapie bei ADHS. Und das ist sicherlicht gut so. Bisher sind nämlich die medikamentösen Ergebnisse mit weitem Abstand am besten untersucht und zeigen die höchste Effektstärke.

2 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Winkler,
    Daß die Dt. Ärztezeitung das Medikament M. als „umstritten“ charakterisiert, verwundert mich ein
    wenig. Im wesentlichen sind es doch Medien, die gegen M. polemisieren, z. T. mit massiven Vor-.
    würfen gegen die Wissenschaftler und Ärzte, die sich erstaunlich wenig dagegen wehren. M. ist wirksam und hat in der Regel keine schweren Nebenwirkungen. Was allerdings meines Erachtens fehlt, ist der Nachweis, daß es den Kindern und Jugendlichen über viele Jahre hinaus Vorteile bringt. Wo bleiben die Statistiken aus den USA, daß seit der seit vielen Jahren erfolgten vielfachen M-Verschreibung auch ein allgemeiner Rückgang des illegalen Drogenkonsums und der Jugendkriminalität folgt?
    Mit Dank für Ihre fortlaufenden Infomationen! JL

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    1. Dieser Nachweis ist gar nicht so einfach zu führen. Klinisch gesehen überzeugt die Stimulanzientherapie. Man kann auch zeigen, dass unbehandelt die Sterblichkeit erhöht ist. Und auch positive Effekte der Therapie nachweisen. Aber so richtig schön statistisch signifikant war es bisher nicht. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass es kaum Studienpopulationen gibt, bei denen die Langzeiteinnahme gesichert war.

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