Mensch auf Inline-Skates

ADHS verständlich machen

ADHS einer neurotypischen Person zu vermitteln ist in etwa so, wie wenn man den Genuss von Schokolade einer Person ohne Geschmackswahrnehmung der Zunge erklären will. (Jeremiah Hartmann)

Ich will ja nicht behaupten, dass Nicht-ADHSler „geschmacklos“ sind, aber sie nehmen eben seltener Rücksicht auf die besondere Reizoffenheit bei Reizfilterschwäche bei Menschen aus dem ADHS-Spektrum. Sie erleben ihre Welt weit weniger intensiv. Oder eben nur anders ? Aber wie soll / kann man „anders“ vermitteln ?

Normal ist relativ

ADHS ist Leben ausserhalb der Normalverteilung. Aber häufig eben auch Springen zwischen Unter- und Übererregung

Wenn man sich nicht anders kennt, erscheint das Leben mit ADHS normal. Und wenn man in einer neurodiversen Familie aufwächst, mit anderen ADHSlern um sich herum, wird vieles als normal umgedeutet, was nun ganz und gar nicht mehr bei anderen Familien vorkommt.

Weder in der Intensität, noch in der Frequenz der Ereignisse.

ADHS ist ein / das Syndrom der Extreme.


In einem Artikel las ich, dass das in etwa so ist, wie den Alltag auf Inline-Skates zu meistern. Oder alternativ auf Schlittschuhen, wenn es denn kühler wird…

Wenn man nun lebenslang tatsächlich auf Rollen oder Kufen unterwegs war bzw. mit Rollschuhen oder Inline-Skates verwurzelt wäre, mag das ja funktionieren. Aber wenn das Leben quasi nur auf der Überholspur ohne Bremse und ohne Schutz verläuft, dann sind Unfälle vorprogrammiert.

Dann ist schon das in die Gänge kommen schwierig. Aufstehen und nicht ständig wieder Hinfallen. Was mir gut an diesem Vergleich gefällt : Ins Rollen kommen ist schon nicht leicht. Aber für die meisten Anfänger auf Rollen ist dann das Bremsen ohne Sturz die nächste Herausforderung.

ADHS bedeutet eigentlich, dass man ständig am Aufstehen und wieder Hinfallen ist. Und kaum normal läuft. Oder es läuft selten normal.

Wäre ja auch langweilig.

Den Fahrstuhl des Lebens steuert man bei ADHS selten selber. Irgendwie scheinen andere Menschen und Einflüsse immer wieder zum Abwärts-Trend beizutragen

Aber die ständigen Rückschläge und Misserfolge zermürben. Und ich weiss gerade sehr gut, wovon ich rede.

Dann die „Krone richten“ und weiter machen, mag ja mal gehen. Aber immer wieder ?

Ein Dilemma für Kinder und Erwachsene aus dem ADHS-Spektrum ist eben, dass sie häufig schon fürchten, dass es den nächsten Sturz, die nächste Katastrophe geben könnte. Gerade, wenn es gerade mal läuft. Wenn man ins Rollen oder Gleiten bis zum Flow gekommen ist.

Dann kommt der nächste Absturz garantiert.


Wie erlebst Du das Auf und Ab bei ADHS ?

Welche Metapher = Vergleich beschreibt für Dich plastisch das Leben mit ADHS (ggf auch dem unaufmerksamen Subtyp) ?

17 Kommentare

  1. Jeder mit ADS findet früher oder später zu derEinsicht:
    „Wenn Du einer Minderheit angehörst, hast Du’s mit der Mehrheit zu tun. Und zwar immer und ohne Ausnahme!“
    Ich will diese ernüchternde Einsicht als Herausforderung und Ansporn anschauen, nicht alles mit mir so geschehen zu lassen. Deshalb finde ich, lieber Herr Dr. Winkler, diie Idee solche metaphorischen Sinn-Sprüche im Format von Plakaten oder z.B. auch Postkarten zu verbreiten genau das Richtige! Ich habe sie gerne gelesent und mich in jedem wiedergefunden! Es ist wie bei einer Begenung mit einem anderen Mensche mit AD(H)S – meist reichen ein paar Worte, oder nur ein Blick und man versteht sich, weiß, wie der andere denkt, weiß dass der andere ähnliche (nervige) Erfahrungen durchlitten hat. Man fühlt sich solidarisch. Das brauchen wir! Wir brauchen den Zusammenhalt einer starken Community um unsere Interessen zu schützen. Danke für Ihre tolle Arbeit!
    Ralf Schumann

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  2. ADHS ist der Janus mit den 2 Gesichtern, ADHS ist Licht und Schatten, Fluch und Segen, Mitgefühl, spontane Hilfsbereitschaft, beharrliches Engagement für andere auf der einen, aber auch manchmal unglaubliche emotionale Kälte und Kaltblütigkeit gegenüber anderen auf der anderen Seite (Der Porsche-Miteigner über seinen Cousin, den VW-Patriarch Ferdinand Piech: „…er hat sein eigenes Lebenswerk dadurch zerstört, wie er mit anderen umgegangen ist…“). ADHS ist kreative Dynamik und Impulsgeber in Wirtschaft und Technologie (Elon Musk mit Tesla), aber auch mangelnde Stabilität und Nachhaltigkeit als Unternehmenslenker… ADHS ist Charisma und Leute für sich Einnehmen können, siehe Boris Johnson in UK, ADHS ist aber auch Demagogie und planlose Politik aus dem Bauch heraus, siehe Boris Johnson in UK, ADHS ist ziemlich viel, aber eines jedenfalls nicht: eindimensional!… ADHS rockt!!!!… keep on rocking, ADHD!!!!

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  3. Der Beitrag hat mich sehr angesprochen und berührt. Habe gerade wieder so eine extreme Woche hinter mir – bis zum Tiefpunkt mit Worten/Gedanken wie: „Ich mag einfach nicht mehr…..und noch schlimmer“,

    „Wie erlebst Du das Auf und Ab bei ADHS? “

    Kräftezerrend und ermüdend – dabei fällt mein Blick gerade auf meine Herz-Wärmeflasche, dort steht:
    „Life isn’t about waiting for the storm to pass it’s about learning to Dance in de Rain“
    ….. und das immer und immer wieder…..

    ….und dazu brauchen wir unbedingt Menschen, die uns gut tun. Und immer wieder gute Erfahrungen, Erlebnisse – und den Blick auf das Schöne, Gute, Lustige, Kreative – auf all das Wertvolle, das uns auch ausmacht. Auf unsere, auch oft noch versteckten, Talente und Begabungen, die wir vielleicht oft noch gar nicht erkennen und ausleben, weil wir zu oft mit Stolpern und Aufstehen und funktionieren müssen beschäftigt sind und uns von Negativem, runter ziehen lassen.

    Wünsche uns allen viel Mut, Vertrauen und Kraft.

    52j. ADHS vorwiegend hypo

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  4. ADHS bedeutet, in einem schwarz-weiss Musical der hüpfende Farbklecks zu sein, mal zu leise, mal zu laut. Alle kennen die Choreographie und man versucht sich einzupassen und fliegt doch immer wieder aus dem Schritt, Takt oder schläft beinahe ein.
    Hat man Glück, so findet man seinen Platz unter anderen bunten Vögeln. Und die Balance, mal gesittet mit zu schwofen, dann wieder aus der Reihe zu tanzen oder sich eine Pause vom Lärm und Getümmel zu gönnen.

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  5. ADHS zu haben bedeutet, dass man nach langen schwierigen Jahren auf diesem Planeten zu der schmerzlichen aber befreienden Einsicht kommt, dass die anderen eine ganz andere Sprachen sprechen als man selbst.

    Wie ein Tourist in Peking sucht man im Wörterbuch verzweifelt nach einer Übersetzung für „Ich will mal einen Moment alleine sein, um mich zu ordnen“, aber die Menschenmenge um einen herum redet nur auf einen ein und scheint alles noch lustig zu finden.

    P.S.: Zwischenzeitlich gibt es gute Wörterbücher, man muss nur (endlich) begreifen, dass man eines braucht !

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  6. Das klingt heute aber sehr negativ, so kenne ich den Newsletter gar nicht. Ich finde das ADHS unseres jüngsten Sohnes seit nun vielen Jahren überhaupt nicht mehr schlimm, im Gegenteil. Man muss glaube ich im umgekehrten Zwiebelsystem lernen damit umzugehen. Erst muss Familie verstehen, dass hier jemand anders funktioniert. Dann muss man versuchen das Kind zu unterstützen und ihm Mechanismen vermitteln damit besser umzugehen, sicher zum Teil auch mit Methylphenidat, ja und dann muss man sich die Umwelt vor knöpfen: Menschen suchen, die Lust haben sich damit auseinanderzusetzen, es verstehen, dem Kind helfen, Sport suchen wo man sich auch Mal ein wenig körperlich reiben darf, etc. Ich habe den Schrecken verloren und geniesse die Vorteile,: Ein offenes herzliches Kind!

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  7. Die Gleichzeitigkeit mich selbst und andere zu überfordern. Für mich ist das normal und ich lote dabei meine Grenzen aus. Der kick ist möglichst die Kontrolle gerade so nicht zu verlieren. Andere fühlen sich dabei eher unwohl. Es ist nicht normal für sie. Ihre Normalität ist für mich langweilig. Normalität funktioniert nur individuell. Menschliche Vielfalt lässt sich nicht in einer gesellschaftliche Normalität fassen.

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  8. ADHS (in meinem Alter) ist langsam zu realisieren das die Erde wohl doch eine Scheibe ist. Nichts ist so wie man denkt und letztlich ist und bleibt man immer ein Aussenseiter. Es ist wie in einer Zwergenwelt zu leben, wenn man bei den Türen nicht immer wieder aufpasst gibt massive Kopfschmerzen und die Zwerge verstehen das Problem nicht.

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  9. ….wie Fahrradfahren auf einer vielbefahrenen Strasse, auf der es keine definierten Spuren gibt, Links sowie Rechtsverkehr herrscht, xbeliebiger Geschwindigkeit gefahren werden darf….

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  10. Metaphern finde ich immer etwas schwierig. Was mir aber tatsächlich auffällt: AD(H)S hat etwas von einer „Kinderkrankheit“. Also nicht im Sinne von Windpocken, sondern in Bezug darauf, dass vieles, was Kinder gerade von Erwachsenen unterscheidet, AD(H)S gerade kennzeichnet: mangelnde Affektkontrolle inklusive Wut, Streit und Tränen, Ablenkbarkeit und geringe Aufmerksamkeitsspanne (schau mal da fliegt ein Vogel….worum gings?), verquere Gedankengänge und ne Menge Fantasie/Einbildungskraft, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn (unfaires Verhalten gegenüber anderen und auch mir macht mich rasend), Überdrehtheit, aber auch schnelle Erschöpfung, etwas enthusiastisch anfangen, aber aus Langeweile oder Konfusion schnell wieder beenden (kein langer Atem)….mich würde ja interessieren, ob ihr auch Parallelen erkennt!

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  11. ADHS ist wie wenn man von der Achterbahn aus zuguckt, wie alle anderen Landstraße fahren. Auch mit knapp 50.
    Oder: Ein kurzer Blick auf meine völlig narbenübersäten Schienbeine.

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