Archiv des Autors: Piero Rossi

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ADHS 2027 (Teil 3/3)

Auch wenn es hoffentlich nicht so schlimm kommen mag, wie in Teil 1 skizziert, so habe ich bezüglich dem zukünftigen Verständnis von Menschen mit einer ADHS und deren Therapie doch einige Bedenken.

Ich hoffe einfach, dass sich noch viel mehr Betroffene und Fachpersonen zusammentun, sich beispielswiese in Selbsthilfegruppen engagieren und gemeinsam versuchen, der künftigen Entwicklung ihren Stempel „von unten“ aufzudrücken. Wer nicht will, dass in Zukunft Computersysteme statt Menschen ADHS- und andere psychiatrische Diagnosen stellen und wer nicht will, dass Psychopharmaka dereinst unser täglich Brot werden, muss die „Sache“ selbst an die Hand nehmen und darf sich nicht nur auf die Spezialisten verlassen.

Mit diesem Beitrag  verabschiede ich mich von den Leserinnen und Lesern. Seit 2011 habe ich für dieses Blog zahlreiche Artikel rund um die ADHS verfasst. Dabei ging es mir nicht primär um theoretische Erläuterungen. Mein Anliegen war, Fachinformationen einzubringen, welche praxisrelevant sind. ADHS-Betroffene und/oder Angehörige sollten einen praktischen Nutzen aus diesen Informationen ziehen können. Andererseits war es mein Anliegen, auch auf die gesellschaftlichen Dimensionen der ADHS aufmerksam zu machen. Ich hoffe, das ist mir mehrheitlich gelungen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Und Danke auch den zahlreichen Kommentatorinnen und Kommentatoren. Die Rückmeldungen und Diskussionen waren auch für mich immer bereichernd.

Und ein dickes Merci schliesslich an Chris G., welche seit Jahren unser Blog-BackOffice managt und uns immer wieder mit guten Inputs und konstruktiver Manöverkritik unterstützt.

Piero Rossi

 

Teil 1 | Teil 2

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ADHS 2027 (Teil 2/3)

Zurück auf Null.

Wir schreiben das Jahr 2027.

Echt stark, was sich in den letzten Jahren bezüglich Verständnis von und Umgang mit ADHS-Betroffenen und deren Therapie so alles verbessert hat. Aufzeigen will ich das mit einer unvollständigen Aufzählung von Innovationen in der Behandlung von Kindern mit einer ADHS.

Diagnose: Diagnostische Untersuchungen erfolgen in unklaren Fällen heute EU-weit in multidisziplinären ADHS-Kompetenzzentren. Und dies im Rahmen eines ein- bis dreimonatigen Aufenthaltes. In diesen Fachzentren besuchen die Kinder auch eine Klinikschule. An zwei Tagen pro Woche sind auch die Eltern anwesend. Ein Team von gut ausgebildeten Fachpersonen aus verschiedenen Disziplinen untersucht und beurteilt das verhaltensauffällige Kind und leitet die Behandlung ein. Weil dabei auch Sozialarbeiterinnen mitwirken, können psychosoziale Belastungen, welche zu ADHS-ähnlichen Verhaltensauffälligkeiten führen, besonders gut erfasst werden.
Da immer auch eine neuropsychologische Untersuchung erfolgt, kann zudem gewährleistet werden, dass auch neuropsychologische Störungen, die zu ADHS-ähnlichen Problemen führen können, erfasst werden können. Dazu zählen unter anderem primäre Merkfähigkeits- oder Raumverarbeitungsstörungen.
Auch im ambulanten Bereich verzeichnen wir grosse Fortschritte. So existieren nicht nur bezüglich Diagnosen, sondern auch hinsichtlich des Workflow von Untersuchungen verbindliche, evidenzbasierte Leitlinien. Diese und andere Massnahmen brachten es mit sich, dass in den letzten Jahren trotz gleichbleibender Auftretenshäufigkeit weniger ADHS-Diagnosen gestellt wurden. Multidisziplinäre Teams, Qualitätssicherung etc. führten nämlich dazu, dass mögliche Differenzialdiagnosen besser beachtet werden konnten. Es werden heute viel weniger falsch-positive ADHS-Diagnosen gestellt als früher. Das senkte auch die Behandlungskosten massgeblich.

Therapie: Die Therapieeinleitung erfolgt in den ADHS-Kompetenzzentren oder in deren regionalen Niederlassungen, welch ihrerseits bestens mit den lokalen Kinderärztinnen und Psychologen vernetzt sind. Zum Glück verfügen wir seit drei Jahren über ADHS-Depot-Medikamente, welche eine Wirkdauer von einem Monat gewährleisten. Das macht die Behandlung viel unkomplizierter. Erfreulich auch die Fortschritte in der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern mit einer ADHS. Diese ist mittlerweile EU-weit „Pflicht“. Und was noch wichtiger ist: Die Versorgung ist (fast) überall flächendeckend gesichert.

Alternative Therapien: Anbieter von so genannt alternativen ADHS-Therapien erhalten gegen eine tragbare Mitfinanzierung bei einer von der öffentlichen Hand getragenen und unabhängigen Fachstelle die Möglichkeit, ihre Behandlungen auf Wirksamkeit und Risiken überprüfen zu lassen. Ohne die Anerkennung dieser Fachstelle ist es seit zwei Jahren untersagt, Methoden oder Substanzen zur Behandlung der ADHS zu bewerben und zu verkaufen. Diese Massnahme bewirkte schon bald, dass sehr vielen ADHS-betroffenen Kindern und deren Angehörigen ein langer Leidensweg – verursacht durch unwirksame „Therapien“ – erspart bleiben konnte. Das gilt auch für die früher öfters eingesetzte Therapie mit Neurofeedback, Homöopathie, Chiropraktik, Hypnose und diversen Diäten. Es zeigte sich deutlich, dass viel zu wenige Kinder von dieser Behandlung im Schul- und Familienalltag ganz konkret zu profitieren vermochten. Ihr Leidensweg wurde unnötig verlängert.

Schulen: Seit 2020 ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass alle Schulen eine Anlaufstelle für Kinder mit einer Behinderungen haben müssen. Die zuständigen Fachpersonen stellen sicher, dass die Kinder bei Bedarf eine heilpädagogische Unterstützung erfahren und dass – falls erforderlich – ein Nachteilsausgleich gewährt wird. Heute wissen alle Lehrpersonen über die ADHS prima Bescheid. Kein Vergleich zu früher! Dadurch können Kinder mit einer ADHS früher erfasst und behandelt werden. Das führte nicht nur für das betroffene Kind und die Lehrperson, sondern meistens auch für den ganzen Klassenverband zu einer grossen Entlastung.

ADHS-Eltern- und Selbsthilfegruppen: Diese können seit ein paar Jahren auf Antrag vom Gesundheitsamt finanziell unterstützt werden. Damit können die Nebenkosten (Raummiete, Telefon etc.), aber auch Fortbildungen finanziert werden. Voraussetzung sind neben einer Mindestgrösse unter anderem, dass keine finanzielle Unterstützung von der Pharmaindustrie beansprucht wird. Selbsthilfegruppen haben heute einen viel grösseren Stellenwert als früher. Dies unter anderem auch deswegen, weil die Berührungsängste zwischen Eltern betroffener Kinder und Fachpersonen, mit Kindern mit einer ADHS, abgenommen haben. So engagieren sich heute immer mehr Fachpersonen als gleichberechtigte Teilnehmer in den ADHS-Elterngruppen. Übrigens: Wie zu erwarten war, sind die meisten ehemaligen ADHS-Fachverbände eingegangen. Sie haben Tagungen veranstaltet (oder auch nicht) und haben geredet und geredet. Bis alles eingeschlafen ist.

Pharmaindustrie: Seit fünf Jahren ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass die Pharmaindustrie Fachpublikationen und alle Ärzte und Psychologen mögliche Interessenskonflikte öffentlich ausweisen. So können heute Eltern schon vor Behandlungsbeginn klären, ob ihr Arzt etwa durch die Beteiligung an klinischen Studien Geld oder andere Vergünstigungen erhält und dadurch bei der Therapie des Kindes bestimmte Medikamente bevorzugen könnte. Diese Regelung ermöglichte es, dass Eltern dem Arzt gegenüber konsumentenbewusster auftreten konnten und diese Punkte ansprachen. In vielen Fällen führte dies zu einer Verbesserung der Beziehung zum Arzt, was dann auch dem betroffenen Kind zugute kam.

ADHS-Forschung: Seitdem der Staat und nicht mehr primär die Pharmaindustrie die ADHS-Forschung bezahlt (finanziert auch durch Steuererhöhungen bei den Pharmaunternehmungen), können nun endlich auch Gebiete erforscht werden, welche bisher völlig unbeachtet blieben. Es werden auch mehr Mittel bereitgestellt für die Erforschung psychotherapeutischer und neuropsychologischer Therapiemöglichkeiten der ADHS. Beispiel: Seit Jahrzehnten weiss man, dass sich bei vielen Kindern mit einer ADHS die Problematik mit der Adoleszenz teils oder ganz auswächst. Warum dies so ist und ob und wenn ja welche therapeutische Implikationen das hat, wird erst seit zwei Jahren erforscht.

Träumen darf man ja. Und trotzdem. Ich mache ich hier mal einen Punkt.

Und morgen dann Teil 3.

Zurück zu Teil 1

ADHS-Fachpersonen finden

Immer wieder werden wir angefragt nach Adressen von erfahrenen ADHS-Fachpersonen. Dabei geht es um Abklärungs- und Therapiestellen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Wir haben weder den Überblick noch die Zeit, um diese Anfragen seriös bearbeiten zu können.

Was tun?

Auf der Internetseite ADHS.ch versuchen wir nun ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne „Garantie“, eine Liste von erfahrenen ADHS-Fachpersonen (D, CH, A) aufzubauen. Diese stellen sich und ihre Arbeit in einem Kurzporträt persönlich vor. Daraus und aus den verlinkten Informationen geht hervor, welches Grundverständnis die Fachkolleginnen und -kollegen bezüglich der ADHS haben, welche Bedeutung sie der Diagnostik beimessen und wie ihr Therapieverständnis ausschaut.

Wir hoffen, dass es einzelnen Ratsuchenden dadurch etwas einfacher gelingt, sich in ADHS-Fragen eine qualifizierte Unterstützung zu organisieren.

Wir laden Eltern mit ADHS-betroffenen Kindern sowie erwachsene ADHS-Betroffene ein, ihnen bekannte und bewährte Fachpersonen auf diese Liste aufmerksam zu machen.

ADHS-Fachpersonen, welche in diese Liste aufgenommen werden möchten, können sich hier melden.

ADHS 2027 (Teil 1/3)

Wir schreiben das Jahr 2027.

Der Anteil an Elektroautos am Privatverkehr stieg zwischenzeitlich auf satte 86 %. Die Kosten für den öffentlichen Verkehr (Bahn, Bus etc.) wurden halbiert. Roboter saugen nicht nur unsere Böden, sondern begleiten unsere Kinder auch beim Erledigen der Hausaufgaben (und anschliessend beim Spielen). Bargeld wurde abgeschafft. Kinder erhalten ab Schuleintritt eine Geld- bzw. Kreditkarte. Alte Smartphones von 2021 sind zwar vereinzelt noch im Umlauf. Und noch dominieren intelligente und rein sprachgesteuerte Armbänder, welche die Smartphones ablösten. Erfolgreiche Versuche am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lassen uns hoffen, dass wir uns in ein, zwei Jahren schmerzlos einen Mikrochip unter die Haut implantieren lassen können. Dieser wird alle Funktionen der früheren Smartphones enthalten  (und noch viel mehr können). Die Steuerung wird über Sprache und Gesten erfolgen sowie dereinst auch mental (also via Gedanken).

Der rasante technologische Wandel macht auch nicht Halt in der Entwicklung der Behandlung von Krankheiten. Begünstigt wird die rasante Entwicklung durch die Privatisierung der meisten Universitäten, welche ab 2020 einsetzte. Die Übernahme einzelner Institute durch die Pharmaindustrie setzte grosse unternehmerische Ressourcen frei. Dies vor allem auch, weil Forschung und Lehre bis heute immer noch zu 75 % vom Staat finanziert werden.

Auch hinsichtlich der Diagnostik und der Therapie von ADHS verzeichnen wir gewaltige Fortschritte. Wegbereitend war die Revision des DSM-5 im Jahr 2019, welche zu einer beeindruckenden Umsatzentwicklung von ADHS-Medikamenten führte.

Die diagnostischen Kriterien im DSM-6 entsprachen zwar weitgehend den Vorgängerversionen von 1994 und 2015. Geändert wurde im DSM-6 vor allem das diagnostische Kriterium „B“: Hiess es im DSM-IV von 1994 noch, die Erstmanifestation der ADHS-Symptome müsse “ … vor dem siebten Lebensjahr“ liegen, wurde dies 2015 (DSM-5) angepasst auf „… vor dem zwölften Lebensjahr“. 2019 schliesslich wurde im DSM-6 das Alter, vor welchem sich die ADHS-Symptome zeigen müssen erneut abgeändert. Und zwar auf das 18. Lebensjahr. Damit trug DSM-6 (endlich) dem Umstand Rechnung, was Feldforschungen und Konsensuskonferenzen schon lange anzeigten, dass nämlich das frühe Erstmanifestationsalter einfach nicht mehr den klinischen Gegebenheiten entsprach. Zu vielen ADHS-Betroffenen seien bisher wirksame Therapien vorenthalten worden, wurde reklamiert.

Mit den bereits 2010 (oder sogar früher?) erstmals beschriebenen und zwischenzeitlich hochdifferenziert erforschten ADHS-Biomarkern ist es mittlerweile mit einer Zuverlässigkeit von 99,4 % möglich geworden, bei einem Individuum festzustellen, ob eine ADHS vorliegt und um welchen Subtyp genau es sich handelt (wir kennen heute bekanntlich acht Subtypen).

ADHS-Biomarker sind messbare und für die ADHS charakteristische biologische Merkmale wie Gene, Hormone oder elektrophysiologische Werte (EEG). Damit wurde es auch möglich, zuverlässig festzustellen, welche Menschen eine genetische Disposition für eine ADHS in sich tragen. Vorbei also die alten Zeiten, als Ärztinnen und Psychologen sich noch auf wacklige aktuelle Befunde und die unsichere Anamnese abstützten mussten. Früher blieben die Patientinnen und Patienten der persönlichen Beurteilung der Fachperson ausgeliefert. Dank Biomarkern und der damit ermöglichten Diagnose des je persönlichen vorliegenden Subtyp der ADHS wurde es auch möglich, individuell massgeschneiderte medikamentöse Therapien einzusetzen. Im Gegensatz zu früher haben wir heute subjektiv unverfälschte biologische Fakten, welche uns computergestützt Diagnosen und Therapiepläne liefern. Ein grosser Fortschritt, denn die Schwachstelle Mensch konnte damit definitiv umgangen werden.

Bereits 2022 wurde aufgrund der schon lange bekannten und nachweislich hohen Erblichkeit der ADHS damit begonnen, sämtliche Geschwister von ADHS-betroffenen Kindern ab dem dritten Lebensjahr vorsorglich mit Stimulanzien behandeln. Diese präventive Behandlung mit Stimulanzien erfolgt seit einem Jahr auch dann, wenn nicht beim Kind selbst, sondern lediglich bei einem Elternteil oder bei einem Verwandten ersten Grades eine klinisch manifeste ADHS oder eine mittels Biomarkern festgestellte genetische ADHS-Disposition vorliegt.

Die präventive medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien gilt offiziell zwar immer noch als freiwillig, wurde de facto aber zur Pflicht. Und zwar weil alle bezahlbaren Krankenkassen bei klinischer Manifestation einer ADHS sonst ihre Leistungen verweigern würden. Zu teuer sind die Folgen einer nicht oder zu spät erkannten und behandelten ADHS, argumentieren die Krankenkassen.

Weil präventive Behandlung mit psychoaktiven Medikamenten bei Kindern nicht nur bei einer ADHS-Disposition, sondern seit einem Jahr auch bei positiven Biomarkern für Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen sowie bei anderen psychischen Erkrankungen zur Anwendung kommen, entwickelte die Pharmaindustrie  – gestützt auf Biomarker  – individualisierte Kombinationspräparate. Der „personalisierten Medizin“ sei an dieser Stelle für ihr grosses Engagement herzlich gedankt.

Neu ist seit ein paar Jahren, dass diese Medikamente gleichzeitig auch Wirkstoffe gegen unerwünschte Arzneimittelwirkungen enthalten. Das hat auch die ADHS-Therapie massgeblich vereinfacht. Zudem wird in klinischen Studien bereits seit einem halben Jahr erprobt, wie sich bei Kindern implantierte ADHS-Medikamentenpumpen bewähren. Die Dosierung kann vom erwachsenen Patienten sowie von Eltern betroffener Kinder via Smartphone-App in einem gewissen Spielraum selbst gesteuert werden. Später soll im Unterricht auch eine Steuerung durch die Lehrpersonen möglich werden.

Erstaunlich wenig umstritten sind die jüngsten Bestrebungen der Krankenkassen, eine mögliche ADHS-Disposition bereits im Rahmen der Pränataldiagnostik zu erfassen. Dies liegt wahrscheinlich am grossen Engagement der seit 2019 in allen medizinischen Zentren durchgeführten humangenetischen Beratungen (obligatorisch für Schwangere). Vielen Eltern konnten die Skrupel genommen werden, nicht nur ihren Kindern mit manifesten Behinderungen, sondern auch jenen mit  potentiellen künftigen Erkrankungen durch einen Abbruch der Schwangerschaft einen lebenslangen Leidensweg zu ersparen. Widerstand gegen die pränatale ADHS-Diagnostik regt sich zurzeit einzig von einigen fundamentalistischen Uralt-68ern sowie von einzelnen Pharmaunternehmungen, welche um ihre Umsätze bangen.

Auch die psychotherapeutische Behandlung der ADHS hat gewaltige Fortschritte gemacht. Der für die Patientinnen und Patienten doch immer mühsame Besuch in der Sprechstunde des Psychotherapeuten oder der Psychiaterin entfällt heute weitgehend. Zum Einsatz kommen vielmehr automatisierte Therapieprogramme, welche die Eltern mit ihren Kindern in virtuellen „in vivo“ Therapieübungen durchführen. Kontrolliert werden sie dabei via Daten, welche in Echtzeit an die Therapeutinnen und Therapeuten übermittelt werden.

Schöne Fortschritte machte auch die apparative ADHS-Therapie. So wurde mittlerweile der therapeutische Einsatz von App-gesteuerten und teils automatisierten und adaptiven Stromimpulsgeräten zur Abgewöhnung unerwünschten Verhaltens (früher übrigens in ähnlicher Form in der Hundeerziehung eingesetzt) zum festen Bestandteil von ADHS-Therapien bei Kindern. Neu ist die Kombination mit der Freisetzung von nicht süchtig machenden euphorisierenden Medikamenten (via implantierter Medikamentenpumpe). Diese arbeitet immer dann (entweder automatisch und/oder von den Eltern oder der Lehrpersonen aktiviert), wenn das Kind die gewünschten Reaktionen zeigt (Belohnung). Musste das zu behandelnde Kind zu diesem Zweck bis 2022 noch ein 24h-Therapiearmband tragen (versehen mit einem Akku und 20 – 30 Edelstahlkontakten zur Stromimpulsübertragung), übernimmt neu ein kleines, implantiertes Gerät diese Funktionen. Für die behandelten Kinder stellt dies ein grosser Fortschritt dar, da sie sich in den meisten Fällen gar nicht mehr so bewusst sind, dass sie behandelt werden. Sie gewöhnen sich so viel schneller an den Schmerz bei unerwünschtem und das Hochgefühl bei erwünschtem Verhalten. Je früher diese Verhaltenstherapie erfolgte, umso wirksamer war sie.

Selbstverständlich haben wir auch im Jahr 2027 mit der Therapie von Menschen mit einer ADHS noch gewisse Probleme. Trotz Widerstand einzelner, um ihre Umsätze bangenden Pharmaunternehmen, wird die ADHS-Prävalenz dank der ADHS-Pränataldiagnostik und deren Auswirkungen ab der kommenden Generation auf einen kleinen Promille-Bereich zurückgehen. Es wird ein medizinhistorisch bedeutsamer Fortschritt darstellen, wenn es uns dadurch dereinst gelingen wird, die Krankheit ADHS endgültig zu besiegen. Dies rechtfertigt es allemal, von Forschungsbemühungen in Sachen ADHS-Therapie mittelfristig ganz abzusehen. Mit anderen Worten: Das Problem wird sich mittel- bis langfristig von selbst lösen.

Ungelöst ist zurzeit eigentlich nur die Frage, wie die Gesellschaft mit jenen ADHS-Betroffenen umgehen will, welche sich unter Beihilfe verhaltensauffälliger und meistens psychisch kranker Eltern allen therapeutischen Bemühungen in der Kindheit entzogen und welche sich standhaft weigern, sich vor Erreichen des 18. Lebensjahres operativ oder chemisch unterbinden zu lassen. Eine gewisse Erleichterung wird das neue Gesundheitsgesetz bringen, welches 2029 in Kraft tritt. Unter anderem verpflichtet dieses die Eltern nicht nur wie bisher, ihre kranken Kinder behandeln zu lassen, sondern neu und unter Strafandrohung auch dafür, dass diese sich vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter unterbinden lassen.

Auch wenn 2027 noch nicht alles zum Besten steht: Die Therapie der ADHS machte Fortschritte,  von denen wir vor zehn Jahren nicht zu träumen wagten.

Hier geht es zu Teil 2.

 

ADHS: Auf dem Weg zur Lifestyle-Diagnose?

Hier habe ich mich vor einer Weile zu den diagnostischen Kriterien der ADHS im neuen DSM-5 geäussert. Ich habe neben einigen positiven Neuerungen auch auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht. So stellte ich unter anderem fest, dass die Kriterien der ADHS gegenüber der Vorgängerversion (DSM-IV) insgesamt gesehen ‚offener‘ definiert wurden.

In diesem Zusammenhang möchte ich Folgendes ergänzen: Bei meinen bisherigen Vergleichen DSM-IV und DSM-5 habe ich übersehen, dass in der neuen Fassung das ganz zentrale diagnostische Kriterium „D“ komplett anders definiert wurde.

Vorab aber noch Informationen zu den anderen diagnostischen Kriterien der ADHS:

  • A: Definiert werden in den Bereichen Unaufmerksamkeit (A1) und Hyperaktivität/Impulsivität (A2) achtzehn Kriterien, von denen für eine ADHS-Diagnose je sechs erfüllt sein müssen.
  • B: Betrifft das Alter bei Erstmanifestation.
  • C: Probleme müssen situationsübergreifend auftreten.
  • E: Probleme dürfen nicht durch eine andere Erkrankung besser erklärbar bzw. verursacht sein.

Zunächst zum Kriterium „D“ im ‚alten‘ DSM-IV. Es lautet wie folgt:

„D: Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen vorhanden sein.“

Und so wird das das Kriterium „D“ im neuen DSM-5 formuliert:

„D: Es sind deutliche Hinweise dafür vorhanden, dass sich die Symptome störend auf die Qualität des sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren.“

Während die Symptomatik gemäss DSM-IV zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führen musste, um die Diagnose ADHS stellen zu können, reicht es nunmehr aus, dass sich die Symptomatik störend im Alltag auswirkt.

Auch wenn dieser Unterschied auf den ersten Blick unscheinbar oder unwichtig erscheint, muss festgehalten werden, dass das DSM-5 an diesem Punkt eine 180 Grad-Kehrtwende vollzogen hat.

Um das nachvollziehen zu können, muss man wissen, was Fachpersonen unter „klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen“ genau verstehen. Von „klinisch“ wird in medizinischen und psychiatrischen Fachkreisen dann gesprochen, wenn bei einer Patientin oder bei einem Patienten aktuell Symptome und Beschwerden in Erscheinung treten, die einer vermuteten oder gesicherten Krankheit zugeordnet werden können. Klinisch bedeutsam sind Symptome und Beschwerden dann, wenn sie beim betroffenen Individuum mit Leiden (z.B. Schmerz) verbunden sind, wenn sie zu Freiheitsverlust führen (z.B. wenn Kinder im Unterricht wegen Konzentrationsstörungen anhaltend nicht mithalten können oder etwa bei Stellenverlust wegen chronischer Vergesslichkeit) und wenn sie ein hohes Risiko mit sich bringen, dass sich die Symptome, die damit verbundenen Beeinträchtigungen und die Krankheit an sich verschlimmern könnten. Wenn Ärztinnen oder Psychologen vom „klinischen Bild“ sprechen, meinen sie das gesamte, je aktuelle Beschwerdebild einer Patientin oder eines Patienten.

Zusammengefasst: Wenn von „klinisch bedeutsam“ die Rede ist, betrifft dies ernste Anzeichen / Symptome einer Erkrankung.

Im DSM-5 wird dieser klinische Kontext nicht mehr erwähnt. Zur Erfüllung des Kriteriums „D“ reicht es nunmehr aus,  dass sich die Symptome störend auf die Qualität des (…) Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren. Mit dieser neuen Definition wurde die Schwelle zur Erfüllung des Kriteriums „D“ (und damit für die ADHS generell) auf einen Schlag von der Zone der Erkrankung in jene des Alltags herabgestuft. Es reicht nunmehr aus, dass sich eine definierte Anzahl von Konzentrationsproblemen und/oder eine zu hohe Impulsivität im Alltag störend auswirken und die die soziale oder berufliche Anpassung erschweren. Die Symptome müssen also gemäss DSM-5 nicht mehr den Schweregrad einer Erkrankung aufweisen.

Es mag überspitzt klingen. Und ist es vielleicht auch. Aber wenn man gemäss DSM-5 nicht mehr krank sein muss, um eine Diagnose ADHS zu erhalten, wird aus der ADHS bald einmal tatsächlich eine Lifestyle-Diagnose.

Man mag nun einwenden, dass dies doch eine positive Änderung sei. Nun sei es endlich möglich, dass auch Menschen mit leichten Symptomen eine ADHS-Diagnose und eine passende ADHS-Therapie erhalten würden. Dem ist aber nicht so. Wie hier aufgezeigt, können bereits mit dem DSM-IV alle ADHS-Betroffenen erfasst werden (sofern ihre Beschwerden klinisch relevant sind) . Dass immer noch zu wenige Menschen mit einer ADHS erfasst und behandelt werden, liegt nicht an den diagnostischen Kriterien, sondern alleine an der immer noch ungenügenden Versorgungssituation.

Das DSM-5 führt dazu, das mehr Menschen als bisher die Voraussetzungen für die Diagnose ADHS erfüllen. Heikel ist diese ‚Aufweichung‘ der diagnostischen Schwelle für die ADHS-Diagnose deswegen, weil die Anzahl der falsch-positiven Diagnosen weiter zunehmen wird und weil noch mehr Patientinnen und Patienten irrtümlich mit ADHS-Medikamenten behandelt werden dürften. Es handelt sich um einen weiteren Schritt in die falsche Richtung: Immer mehr Lebensbereiche und Befindlichkeiten wegen zugänglich gemacht für psychiatrische Diagnosen und noch mehr Menschen werden so zu guten Kunden von Apotheken.

Ob „klinisch bedeutsam“ oder „störend“ ist nicht doch so wichtig! Sind das nicht akademische Spitzfindigkeiten? Und ist das alles nicht bloss Wortklauberei?

Man muss sich vor Augen halten, dass dem DSM-5 in der Forschung, bei Versicherungen, im klinischen Alltag und auch bei der Rechtssprechung eine hohe Bedeutung zukommt. Ähnlich einem Gesetzestext hat auch im DSM-5 jedes Wort und jede Formulierung Gewicht. Nichts ist einfach nur so nebenbei daher geschrieben. Zudem: Alle grossen ADHS-Studien stützen sich bei der Definition ihrer Ein- und Ausschlusskriterien auf das DSM-5 (wer gehört zu Untersuchungsgruppe der Patienten, wer zu den Gesunden?). Auch für alle neuen ADHS-Tests bilden die diagnostischen Kriterien des DMS-5 der Goldstandard.

„Und was bedeutet das alles für mich als Mutter einer Kindes mit einer (möglichen) ADHS oder für mich als erwachsener ADHS-Betroffener? Heisst das nun, dass die ADHS in Wirklichkeit gar nicht existiert?“

Keine Sorgen. Die ADHS-Problematik ist evident, seit Jahrzehnten bekannt und gut erforscht. Meine obige Kritik betrifft nicht die ADHS als echtes Problem realer Menschen. Sondern den Sachverhalt, dass mit dem neuen DSM-5 die Schwelle für eine ADHS-Diagnose noch tiefer angesetzt wird. Das ist mit möglichen Problemen verbunden. Und nur darum geht es mir bei meinen Ausführungen.

Wer unsicher ist, ob die eigene oder die ADHS-Diagnose seines Kindes korrekt und/oder vollständig ist (etwa bei fortbestehenden Problemen), soll mit dem behandelnden Arzt oder der zuständigen Psychologin Rücksprache halten. Bei Bedarf kann man sich auch eine Zweitmeinung einholen.

 


 

Siehe zu dieser Thematik auch hier: ADHS-Kriterien nach DSM-5: Fluch oder Segen?

 

Schlau aber ….

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Gerne möchte ich auf ein Buch aufmerksam machen, welches sich einmal sehr vernünftig mit dem Thema der Förderung von Exekutivfunktionen bei Kindern auseinandersetzt.

Schlau, aber …
Kindern helfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln durch Stärkung der Exekutivfunktionen.
Verlag Hand Huber 2012

Dieses Buch geht von entwicklungspsychologisch begründeten Stadien in der Entwicklung der Exekutivfunktionen aus. Und gibt sehr praktische Tipps, wie Kinder gefördert werden können.

Das Buch eignet sich auch, um den den erzieherischen Umgang mit Kindern, die von einer ADHS betroffen sind, zu optimieren.

Falls jemand eine Buchbesprechung schreiben möchte, kann diese gerne hier als Gastbeitrag veröffentlicht werden (Kontakt).

 

Selbstmanagement-Therapien? Teil II

(Selbstmanagement-Therapien? Zurück zu Teil I)


Corrie Neuhaus* schrieb in ihrem Kommentar:

„Tja- mache ja nun schon seit Jahren diese Kommunikations- und Selbstwert- Trainings. Da wirkt am besten , dass man visualisiert gut ” das Hirn” und die andere Funktionssteuerung erklärt und betont, dass jeder Mensch mit ADHS bei allen Strategien bezüglich des Managements der Zeit, Gegenstände, Finanzen und der Kommunikation v.a. selbst bestimmt ,ob das , was ihm da erklärt wird mit Störungsbildteaching für ihn plausibel, nachvollziehbar und Alltags- tauglich erscheint und er in seinem Rhythmus und nur , wenn er will, mal was ausprobiert und schaut, ob es passt…“

Hallo Corrie

Schön, von Dir zu lesen. Danke für dein Feedback!

Störungsbildteaching der Problematik und ein „Ausprobieren und schauen, ob es passt…“: Ja, ich sehe das ähnlich wie Du. Die therapeutischen Schritte müssen halt immer sehr individuell abgestimmt werden. Und ja: Erst, wenn man etwas ausprobiert, merkt man, ob es für einen selbst stimmt oder nicht.

Ein Schwierigkeit dabei liegt meines Erachtens darin, dass viele, ja sehr viele ADHS-Betroffene, die ich kennengelernt habe, keinen oder kaum noch Zugang zu ihren wirklichen Wünschen und Bedürfnissen haben. Wenn ich diesen Patienten früher jeweils offerierte, mit ihnen an ihrem Zeitmanagement zu arbeiten, sagten viele „Ja, bitte, es ist sogar sehr dringend, ich muss unbedingt noch …!“, oder: „Klar, finde ich sehr gut!“. Gleichzeitig stellte ich immer wieder fest, dass ihr Blick, ihre Mimik oder ihre Körperhaltung dann aber etwas ganz anderes signalisierten: Leere etwa, Resignation oder Trauer.

Wenn ich dann nachfragte: „Wollen sie das wirklich“? schwiegen Betroffene oftmals einen Moment. Oder brachen in Tränen aus. Und dann kam heraus, dass viele eben gar nicht wissen, was sie wirklich wollen. Oder sie berichteten mir, dass sie das schon ihr ganzes Leben lang nicht wissen, was sie wollen. Jahrelange Misserfolgserfahrungen, das fortwährende und notgedrungene Ja-Sagen und das gleichzeitige Nein-Denken, das instabile Selbstbild und die chronischen Selbstzweifel machen es für viele ADHS-Betroffene schwierig bis manchmal fast unmöglich, einfach so zu wissen und es sagen zu können, was ihnen gut tut oder was sie wollen und dann auch dazu zu stehen. Das gilt auch dann, wenn beispielsweise eine Selbstmanagement-Technik ausprobiert wurde und nun bewertet werden soll.

Und wenn Betroffene auf die ihnen offerierte ADHS-Selbstmanagement-Therapie mit einem „Nein danke!“ antworten, würden sie einmal mehr in der Zwickmühle sitzen. Sagen sie „Ja“ (was meistens der Fall ist) läuft es nicht selten auf dasselbe hinaus (weil ADHS-Betroffene halt oftmals nur ganz diffus spüren, dass es für sie eigentlich nicht stimmt, oder weil ihnen schlicht nichts anderes übrig bleibt).

Selbstbestimmt entscheiden, ob man in ein Therapieangebot einsteigen will oder nicht, hört sich gut an. Ist aber für viele Menschen mit einer ADHS alles andere als selbstverständlich. Jene, die es schaffen würden, „Nein“ zu sagen bzw. wirklich selbstbestimmt entscheiden können, was sie ausprobieren wollen oder was nicht (und nicht, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt), sind in ihrer Persönlichkeit wohl bereits so gefestigt, dass wir sie in der Psychotherapie-Sprechstunde kaum mehr sehen.

Es dünkt mich daher sehr wichtig, dass wir Fachleute sorgfältig prüfen, was wir unseren ADHS-Patienten an Interventionen offerieren.

Die Arbeit an den inneren Ambivalenzen, das Finden eines Zuganges zu sich selbst und damit verbunden das Lernen, „Nein“ zu sagen, dünken mich in der Therapie von Menschen mit einer ADHS elementar zu sein. Erst wenn die Basics einigermassen ‚sitzen‘, erwiesen sich meiner Erfahrung nach Selbstmanagement-Ansätze gelegentlich als wirksam. Viel öfters aber lief es darauf hinaus, die erwachsene ADHS-Betroffenen darin zu unterstützen, sich und ihre Grenzen zu akzeptieren, die verinnerlichten Grundannahmen zu verstehen und zu überwinden und sich in Sachen Exekutivfunktionen pragmatische Workarounds zu erarbeiten.

Corrie, magst Du Dein Kommunikations- und Selbstwerttraining hier im Blog vielleicht einmal vorstellen? Gerne würden wir Dir im Rahmen eines Gastbeitrages dafür Platz einräumen. Es wäre für Martin und mich, aber auch sicher für viele unserer der drei- bis vierhundert Leser/-innen, die täglich unseren Blog besuchen, sehr interessant, zu lesen, wie Du vorgehst, welches Deine Prämissen sind und was Du als zentral in der Therapie von ADHS-Betroffenen erachtest.

Gruss Piero + Martin

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* Cordula Neuhaus ist die wahrscheinlich erfahrenste ADHS-Spezialistin im deutschsprachigen Raum.  Sie hat zahlreiche und unbedingt lesenswerte ADHS-Ratgeberbücher verfasst, welche in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Wer  schon mit Cordula Neuhaus gesprochen hat, ihre Vorträge oder ihre Bücher kennt, merkt sofort, dass sie weiss, wovon sie spricht. Neben Ihrer Arbeit als Psychotherapeutin ist sie seit Jahren in der Weiterbildung tätig.

 

 (Selbstmanagement-Therapien? Zurück zu Teil I)