Archiv der Kategorie: ADHS & Beruf

Achtsamer Sport machen dank MPH?

Es mag ja eine merkwürdige und zunächst trivial erscheinende positive Wirkung von Methylphenidat sein: Eine meiner Patientinnen schilderte mir vorhin, dass sie unter dem Psychostimulans zum ersten Mal in ihrem Leben Spass am Sport hatte. Sie habe sich auf den Sport als Selbstzweck konzentrieren und ihn erleben können. Und nicht wie sonst beim Laufen an alle möglichen sich selbst gestellten Zusatzaufgaben (Beobachten von Autokennzeichen mit bestimmten Buchstaben, Blumen, Anzahl von Papierkörben etc.) denken musste.

Sie habe mit Sport angefangen, weil ihr Arzt es ihr so gesagt habe. Aber Spass, Erfolg, innere Zufriedenheit oder sowas habe sie nie erlebt.

Bis gestern.

Nun muss man dazu sagen, dass die Diagnose ADHS ganz neu für sie ist. Sie war als Kind schon in kinderpsychiatrischer Behandlung. Und dann bei sehr guten Kollegen (ohne ADHS-Verdacht) zur psychiatrischen Behandlung. Dort u.a. wegen vielen Ängsten, auch der Angst vor Kontrollverlust oder Probleme beim Autofahren mit Koordinationsstörungen oder Konzentrationsstörungen und auch wegen Entfremdungserleben.  Auch bei der Arbeit sei sie wegen Konzentrationsproblemen schon aufgefallen.

Wobei sie aber eben immer leicht ablenkbar war bzw. sich immer zusammenreissen musste. Da ihr aber der Vergleich zum Erleben von anderen Menschen fehlte, hat sie dies für normal angesehen.

Jetzt erlebt sie unter der Medikation den Unterschied zwischen „normal“ und „normal“ aus Sicht der Normalos ohne ADHS …

Nicht nur beim Sport. Aber eben auch dort.

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ADHS und rechtliche Bewertung von Versäumnissen gegenüber Jobcenter und Co.

Wer kennt es als ADHSler nicht: Die leidige Erledigung von Formularen und das Einhalten von Fristen werden zum Horror. Umso mehr, wenn man es mit dem Jobcenter und ähnlichen Agenturen zu tun hat.

Die Rechtsanwältin Luisa Milazzo hat dazu –  ausgehend von einem Urteil aus Detmold – in ihrem Blog eine Bewertung verfasst. Sehr interessant. Mehr dazu hier.

Überhaupt sollte man sich Rechtsanwälte mit Erfahrung im Sozialrecht ganz ganz „warm“ halten und noch besser eine Rechtsschutzversicherung haben, die eben auch derartige sozialrechtlichen Fragen mit umfasst …

Ausbildung und ADHS

Im Rahmen meiner Vorbereitung auf einen Vortrag am 13.04.2013 in Wuppertal zum Thema ADHS und Beruf bin ich auf ein Ausbilderhandbuch gestossen, das sich recht lebenspraktisch  mit typischen Problemen von Lehrlingen und Ausbilder in Handwerk und Industrie beschäftigt. Kann auch für Eltern keine schlechte Lektüre zum Umgang mit einigen typischen Klippen in der Ausbildung sein.

Überhaupt finde ich es gut, wenn sich Ausbilder eben mit syndromtypischen Stärken und Schwächen beschäftigen würden und sich Betriebe mal überlegen, wie sie sich im Kontext des demographischen Wandels an die besonderen Anforderungen von Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS und Lernstörungen bzw. Teilleistungsstörungen anpassen könnten. Es lohnt sich bestimmt.

Auticon: IT-Jobs für Autisten

Wer Teilleistungsschwächen hat, der hat auch genauso Teilleistungsstärken. Und Autisten bzw. „Aspies“ haben eben nicht nur Probleme, sie weisen auch ganz spezielle Stärken und Interessen auf, die man nicht zuletzt im Beruf nutzen kann.

Dies wird modellhaft von der Firma Auticon im IT-Bereich genutzt. Hier werden speziell Menschen mit Asperger im Bereich Informatik eingesetzt.

Ich finde den Ansatz grundsätzlich prima und eigentlich auch auf ADHSler übertragbar. Nun bezeichne ich ADHSler gerne auch spasshaft als „Universaldilletanten“. Sie können sich schnell in neue Aufgaben eindenken, sie schauen schnell Fertigkeiten von wirklich guten Leuten ab und übertragen sie auf neue Gebiete. Ihnen fehlen nur „Fertigmacher“, die die letzten Details (und die Buchführung) von monotonen Aufgaben ausführen.

Gar nicht so leicht, hier ein spezielles Berufsfeld zu nennen. Aber umso wichtiger für Firmen, mal in diese Richtung zu denken, wie man eben die besonderen Wahrnehmungs- und Denkstile bei ADHS gewinnbringend einsetzen kann.

Unternehmer mit ADHS …. Wie geht es weiter

Vor fast einem Jahr im September 2011 schrieb ich Teil 1 über das Thema Selbstständige bzw. Unternehmer und ADHS. Es ging um Kevin L., der von seinem Geschäftspartner zu einem Termin bei mir verfrachtet wurde. Soweit so gut. Chaotisch anders kann eine Grundvoraussetzung für kreative und innovative Ideen bei einem Start up – Unternehmen sein. So wie auch bei diesen beiden Geschäftspartnern. Aber lest selber noch mal hier

Nun wollte Raphael als Leser des Blogs wissen, wie es weiter ging. Bzw. wie denn wohl die Therapie aussehen könnte.

Tja, ich weiss es nicht. Kevin L. kam natürlich nicht wieder, zumal er aus dem Süden Deutschlands zu mir verfrachtet wurde. Insofern kann ich nur fantasieren, wie es weiter ging. Und dazu passt der zeitliche Abstand von fast einem Jahr ganz gut …

Kevin wird sich fest vorgenommen haben, sich zu einer ADHS-Diagnostik bei einer bekannten Fachärztin für ADHS im Erwachsenenalter zu melden. Er hatte sogar da auch angerufen und wurde dann von einer freundlichen Sprechstundenhilfe einerseits auf einen Termin 3,5 Wochen nach dem Telefonat vertröstet (das ist absoluter Luxus für Supersonderprivatpatienten und Ungeduldlinge wie ihn). Und darauf hingewiesen, dass er schonmal einen Packen von Fragebögen bzw. Selbstauskunftsinfos ausfüllen und der Praxis zuschicken solle.

Na ja. Fand er blöd. Die Fragebögen wirkten abschreckend und der Termin war noch weit hin. Also erstmal weglegen. Als der Termin anstand, konnte er eh nicht. Termin bei der Bank.

Überhaupt hatte Kevin L. genug Trouble an der Hacke. Insofern musste er „Prioritäten setzen“ und eine ADHS-Diagnostik gehörte nicht zu den Top ten.

Die Wochen vergingen. Inszwischen verdüsterten sich die Wolken im Team. Eigentlich war die Entscheidung schon getroffen, dass Kevin L. nicht mehr tragbar war. Nur stellte sich die Frage, wer ihm dies verklickern sollte. Während sein Freund deshalb schlaflose Nächte hatte, interessierte sich Kevin L. für sein neues Hobby Gleitschirmfliegen. Was nicht gerade dazu beitrug, dass er häufig in der Firma anzutreffen war.

Insofern war dann die Teamsitzung eine logische Folge, die zum Streit führen musste. Der Anlass ist eigentlich nebensächlich. Kevin L. tappte zielsicher in die von ihm selber gestellte Falle. Zur Diskussion stand eine nicht gemachte Umsatzsteuergeschichte, die er am liebsten selber erledigen wollte, da der Steuerberater ein Abzocker sei. Nun gut. Im Team ging es jetzt um „grundsätzliche Dinge“. Darauf reagierte Kevin L. schon immer allergisch. Stellte sich auf stur.
Und liess sich erwartungsgemäss zu der Äußerung hinreissen: „Dann macht doch Euren Scheiss allein. Ich gehe!“
Während man ihn früher noch mit warmen Worten zurückgeholt hätte, blieb betretenes Schweigen bzw. ein Gefühl der Erleichterung. Niemand wollte ihn auf Knien zurück bitten.

Er war also raus. Raus aus dem eigenen Unternehmen.

Er redete es sich zunächst schön. Er hätte ja sowieso andere Ideen gehabt. Das Start up -Team habe nicht zu ihm gestanden. Überhaupt sei Mobilfunk und Internet eine Seifenblase. Und so weiter.

Dann stürzte er ab. Nicht beim Gleitfliegen. Aber ohne emotionalen Aufwind folgte die jähe Bruchlandung. Bei ihm in Form von Antriebslosigkeit und einer speziellen Form der Depressivität, die sich als bleierne Schwere bemerkbar machte.

Vorübergehend wollte er sich noch anderen Projekten widmen. Dann zumindest seiner Freundin mit gutem Rat bei der Umorganisation ihres Einzelhandelsgeschäfts in der Modebranche zur Seite stehen. Überhaupt sollte sie mal mit Onlinevertrieb als Ebay-Shop expandieren …

Sie hatte aber jetzt auch die Faxen voll. Schluss-Strich. Auch hier.

Also zog er erstmal wieder zu seinen Eltern. Die wiederum mich kontaktierten …

Teil 3 … vielleicht irgendwann … Was man machen könnte / sollte / müsste …

Murmel, Murmel, Aufschieberitis

Die Kugel rollt. Nein, nicht beim Roulette. Sondern in der Aufschieberitis-Ambulanz. Zumindest wenn man Stern-Online glauben soll.

Es geht um die Prokrastination von Studenten bei der Erledigung von unliebsamen Aufgaben. Erstmal die Erwartungen um 50 % kappen. O.k. Und sich selber damit motivieren, was man schon von den Aufgaben erledigt hat. Also beispielsweise dadurch, dass man jeweils für jede erledigte Pflicht eine Murmel in ein Gefäss legt und dadurch schaut, wieviel man schon geschafft hat.

Einerseits gefällt es mir besser, eine DONE-Liste für erledigte Dinge, als eine To-do-Liste für die bis in alle Ewigkeit noch nicht erledigten Dinge zu führen. Und grundsätzlich finde ich es auch gut, dass man Erfolge in dieser Form visualisiert = sichtbar macht. Ich habe auch schon entsprechend Zigarettenschachteln zur Selbstbeobachtungs-Tagebüchern für Veränderungen umfunktionieren lassen.

Dennoch weiss ich nicht, ob solche Verstärkerpläne bzw. Token-Systeme bei Studenten wirklich greifen.

Was hilft ist u.a. Aufgaben ins Rollen zu bringen bzw. eine eher langweilige oder unangenehme Aufgabe in einen Stapel von leichteren „runden Sachen“ zu legen und gleich mit zu erledigen. Also nicht anzuecken mit einer Aufgabe, sondern es „rund“ zu halten, damit es läuft.

Womit wir wieder bei Murmeln oder anderen Bällen wären …