Archiv der Kategorie: ADHS Erwachsene

In diesem Bereich soll es um das Thema ADHS bei Erwachsenen gehen. Stärken, Ressorucen, Diagnostik und Therapie aber auch Strategien und Tipps im Umgang mit den syndromtypischen Herausforderungen von ADHS bei Frauen und Männern

ADHS-Fachpersonen finden

Immer wieder werden wir angefragt nach Adressen von erfahrenen ADHS-Fachpersonen. Dabei geht es um Abklärungs- und Therapiestellen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Wir haben weder den Überblick noch die Zeit, um diese Anfragen seriös bearbeiten zu können.

Was tun?

Auf der Internetseite ADHS.ch versuchen wir nun ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne „Garantie“, eine Liste von erfahrenen ADHS-Fachpersonen (D, CH, A) aufzubauen. Diese stellen sich und ihre Arbeit in einem Kurzporträt persönlich vor. Daraus und aus den verlinkten Informationen geht hervor, welches Grundverständnis die Fachkolleginnen und -kollegen bezüglich der ADHS haben, welche Bedeutung sie der Diagnostik beimessen und wie ihr Therapieverständnis ausschaut.

Wir hoffen, dass es einzelnen Ratsuchenden dadurch etwas einfacher gelingt, sich in ADHS-Fragen eine qualifizierte Unterstützung zu organisieren.

Wir laden Eltern mit ADHS-betroffenen Kindern sowie erwachsene ADHS-Betroffene ein, ihnen bekannte und bewährte Fachpersonen auf diese Liste aufmerksam zu machen.

ADHS-Fachpersonen, welche in diese Liste aufgenommen werden möchten, können sich hier melden.

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Selbstmanagement-Therapien? Teil II

(Selbstmanagement-Therapien? Zurück zu Teil I)


Corrie Neuhaus* schrieb in ihrem Kommentar:

„Tja- mache ja nun schon seit Jahren diese Kommunikations- und Selbstwert- Trainings. Da wirkt am besten , dass man visualisiert gut ” das Hirn” und die andere Funktionssteuerung erklärt und betont, dass jeder Mensch mit ADHS bei allen Strategien bezüglich des Managements der Zeit, Gegenstände, Finanzen und der Kommunikation v.a. selbst bestimmt ,ob das , was ihm da erklärt wird mit Störungsbildteaching für ihn plausibel, nachvollziehbar und Alltags- tauglich erscheint und er in seinem Rhythmus und nur , wenn er will, mal was ausprobiert und schaut, ob es passt…“

Hallo Corrie

Schön, von Dir zu lesen. Danke für dein Feedback!

Störungsbildteaching der Problematik und ein „Ausprobieren und schauen, ob es passt…“: Ja, ich sehe das ähnlich wie Du. Die therapeutischen Schritte müssen halt immer sehr individuell abgestimmt werden. Und ja: Erst, wenn man etwas ausprobiert, merkt man, ob es für einen selbst stimmt oder nicht.

Ein Schwierigkeit dabei liegt meines Erachtens darin, dass viele, ja sehr viele ADHS-Betroffene, die ich kennengelernt habe, keinen oder kaum noch Zugang zu ihren wirklichen Wünschen und Bedürfnissen haben. Wenn ich diesen Patienten früher jeweils offerierte, mit ihnen an ihrem Zeitmanagement zu arbeiten, sagten viele „Ja, bitte, es ist sogar sehr dringend, ich muss unbedingt noch …!“, oder: „Klar, finde ich sehr gut!“. Gleichzeitig stellte ich immer wieder fest, dass ihr Blick, ihre Mimik oder ihre Körperhaltung dann aber etwas ganz anderes signalisierten: Leere etwa, Resignation oder Trauer.

Wenn ich dann nachfragte: „Wollen sie das wirklich“? schwiegen Betroffene oftmals einen Moment. Oder brachen in Tränen aus. Und dann kam heraus, dass viele eben gar nicht wissen, was sie wirklich wollen. Oder sie berichteten mir, dass sie das schon ihr ganzes Leben lang nicht wissen, was sie wollen. Jahrelange Misserfolgserfahrungen, das fortwährende und notgedrungene Ja-Sagen und das gleichzeitige Nein-Denken, das instabile Selbstbild und die chronischen Selbstzweifel machen es für viele ADHS-Betroffene schwierig bis manchmal fast unmöglich, einfach so zu wissen und es sagen zu können, was ihnen gut tut oder was sie wollen und dann auch dazu zu stehen. Das gilt auch dann, wenn beispielsweise eine Selbstmanagement-Technik ausprobiert wurde und nun bewertet werden soll.

Und wenn Betroffene auf die ihnen offerierte ADHS-Selbstmanagement-Therapie mit einem „Nein danke!“ antworten, würden sie einmal mehr in der Zwickmühle sitzen. Sagen sie „Ja“ (was meistens der Fall ist) läuft es nicht selten auf dasselbe hinaus (weil ADHS-Betroffene halt oftmals nur ganz diffus spüren, dass es für sie eigentlich nicht stimmt, oder weil ihnen schlicht nichts anderes übrig bleibt).

Selbstbestimmt entscheiden, ob man in ein Therapieangebot einsteigen will oder nicht, hört sich gut an. Ist aber für viele Menschen mit einer ADHS alles andere als selbstverständlich. Jene, die es schaffen würden, „Nein“ zu sagen bzw. wirklich selbstbestimmt entscheiden können, was sie ausprobieren wollen oder was nicht (und nicht, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt), sind in ihrer Persönlichkeit wohl bereits so gefestigt, dass wir sie in der Psychotherapie-Sprechstunde kaum mehr sehen.

Es dünkt mich daher sehr wichtig, dass wir Fachleute sorgfältig prüfen, was wir unseren ADHS-Patienten an Interventionen offerieren.

Die Arbeit an den inneren Ambivalenzen, das Finden eines Zuganges zu sich selbst und damit verbunden das Lernen, „Nein“ zu sagen, dünken mich in der Therapie von Menschen mit einer ADHS elementar zu sein. Erst wenn die Basics einigermassen ‚sitzen‘, erwiesen sich meiner Erfahrung nach Selbstmanagement-Ansätze gelegentlich als wirksam. Viel öfters aber lief es darauf hinaus, die erwachsene ADHS-Betroffenen darin zu unterstützen, sich und ihre Grenzen zu akzeptieren, die verinnerlichten Grundannahmen zu verstehen und zu überwinden und sich in Sachen Exekutivfunktionen pragmatische Workarounds zu erarbeiten.

Corrie, magst Du Dein Kommunikations- und Selbstwerttraining hier im Blog vielleicht einmal vorstellen? Gerne würden wir Dir im Rahmen eines Gastbeitrages dafür Platz einräumen. Es wäre für Martin und mich, aber auch sicher für viele unserer der drei- bis vierhundert Leser/-innen, die täglich unseren Blog besuchen, sehr interessant, zu lesen, wie Du vorgehst, welches Deine Prämissen sind und was Du als zentral in der Therapie von ADHS-Betroffenen erachtest.

Gruss Piero + Martin

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* Cordula Neuhaus ist die wahrscheinlich erfahrenste ADHS-Spezialistin im deutschsprachigen Raum.  Sie hat zahlreiche und unbedingt lesenswerte ADHS-Ratgeberbücher verfasst, welche in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Wer  schon mit Cordula Neuhaus gesprochen hat, ihre Vorträge oder ihre Bücher kennt, merkt sofort, dass sie weiss, wovon sie spricht. Neben Ihrer Arbeit als Psychotherapeutin ist sie seit Jahren in der Weiterbildung tätig.

 

 (Selbstmanagement-Therapien? Zurück zu Teil I)

 

DSM-5: Fluch oder Segen? Eine Replik von Meinrad Ryffel

Im Folgenden publizieren wir hier als Gastbeitrag eine Replik meines geschätzten Kollegen Meinrad Ryffel zu meinem Beitrag: „ADHS-Kriterien nach DSM-5: Fluch oder Segen?„. Eine Stellungnahme meinerseits folgt.

DSM-5 ist m. E. weder ein Fluch noch ein Segen, sondern eine sinnvolle, leider nur unvollständige Aktualisierung der seit 1994 geltenden diagnostischen Kriterien nach DSM IV. Diese Kriterien sind primär von der amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie (APA) für die klinisch tätigen Kollegen in Praxis und Kliniken entwickelt worden, dies in Ergänzung zu den ICD-Kriterien der WHO. Dass diese später auch in der Forschung und für versicherungstechnische Fragen beigezogen wurde, ist verständlich und vernünftig. Dies war aber nicht der primäre Gedanke.

Gerade in unserem speziellen Fachgebiet der ADHS sind die DSM-Kriterien für den klinischen Alltag in Europa von grosser Bedeutung, da diese im Gegensatz zu ICD 10 die Realität (Hyperaktivität ist nicht obligatorisch!) wesentlich besser abbilden. Nicht nur für psychische Erkrankungen, sondern auch für viele weitere Erkrankungen (wo ist z.B. die Grenze beim Bluthochdruck, Diabetes oder Gross- resp. Kleinwuchs?) sind die diagnostisch zu verwendenden Kriterien dimensional und nicht kategorial zu sehen.

Um Diagnosen zu stellen braucht es aber notwendigerweise entsprechende Leitlinien, wobei gerade bei der ADHS die bestehenden diagnostischen Kriterien einen grossen Interpretationsraum offen lassen, so dass eine reine „entweder – oder – Diagnose“ häufig nicht der Praxis entspricht. Dass die zusätzlichen Diagnosekriterien für eine klinische bedeutsame Beeinträchtigung von vielen äusseren Faktoren abhängig sind, ist uns allen klar. Es ist die „diagnostische, resp. ärztliche Kunst“ im grossen Graubereich zwischen sicher „normal“ und sicher „pathologisch“ die richtige Entscheidung zu treffen und dazu sollen uns die DSM-Kriterien einen Dienst erweisen, vor allem auch deshalb, damit wir weltweit einigermassen vom Gleichen sprechen können.

Bereits 1999 (!) wurde übrigens mit den Vorarbeiten zur Revision der DSM IV begonnen und zwar unter Leitung und Finanzierung der APA und dem National Institute for Mental Health (und nicht von Pharmafirmen!). Rosmary Tannock aus Toronto hat diesen langwierigen, sorgfältig durchgeführten und durch unzählige internationale Konferenzen, Arbeitsgruppen etc. bestimmten Prozess in einer Übersichtsarbeit (Rethinking ADHD and LD in DSM 5: Proposed Changes in Diagnostic Criteria, J Learn Disabil Nov 9, 2012) übersichtlich dargestellt. Es ist nun wirklich nicht so, wie die Zeilen von Piero Rossi suggerieren, dass einige Experten mit Hilfe und Unterstützung der Pharmafirmen die neuen Kriterien entwickelt haben, um durch eine Ausweitung der Diagnosekriterien den Absatz der Medikamente zu erhöhen! Gerade um zu verhindern, dass mögliche Interessenkonflikte entstehen könnten, waren in den abschliessenden Arbeitsgruppen alle bekannten ADHS-Experten (wie z.B. Barkley, Brown und viele andere) ausgeschlossen, ob dies nun effektiv sinnvoll war, ist meiner Meinung nach mehr als zu hinterfragen.

Dies führt zur Frage der Rolle der von Piero Rossi wiederholt angesprochenen Pharmafirmen. Allgemein ist es in der Medizin so, dass Hersteller von Medikamenten mit den verschreibenden Ärzten zusammenarbeiten müssen. Es ist nicht möglich, fern von der klinischen Praxis im Labor Arzneimittel zu entwickeln und diese dann einfach einzusetzen. Es ist absolut notwendig, dass der Input für neue Medikamente und die anschliessende klinische Erprobung durch möglichst erfahrene Kliniker durchgeführt werden, eine andere Möglichkeit gibt es nicht! Dass Pharmafirmen – wie auch alle anderen Berufsleute inklusive Psychologen – dabei verdienen wollen, liegt in der Sache der Natur. Dass zwischen Pharmafirmen und verschreibenden Ärzten Interessenskonflikte entstehen können, ist bekannt, liegt ebenso in der menschlichen Natur, darf aber nicht verallgemeinert und in dieser Weise so hochgespielt werden! Gerade bei ADHS habe ich es selbst erlebt, wie sich der erste Methylphenidathersteller während Jahrzehnten überhaupt nicht bemüht hat, seine Medikamente zu vermarkten oder galenisch zu verbessern. Erst durch den Druck der in der Praxis und Klinik tätigen Fachleute haben dann andere Firmen die heute sicher auch von Piero Rossi nicht bestrittene Verbesserung im Angebot bewirken können. 

Zurück zu den Änderungen in DSM-5:

  1. Mit Herrn Rossi gehe ich einig, dass die neue Einteilung in „Neurodevelopemental Disorders“ vernünftig ist.
  2. Die Reduktion auf fünf Symptome bei Erwachsenen ist durch die klinische Realität mehr als zu begrüssen, viele Experten hätten ja gerne für Erwachsene z.T. ganz andere Symptome und Kriterien einführen wollen (vgl. z.B. die „Best Symptoms“ von Barkley auf Grund seiner ausgedehnten klinischen Studien). Diese Reduktion hat in Bezug auf die Differentialdiagnose m.E. keine Bedeutung. Wenn damit mehr erwachsene Betroffene diagnostiziert werden, ist das kein Nachteil, vor allem zu einer Zeit, wo die grosse Mehrheit der betroffenen Erwachsenen ja weiterhin nicht diagnostiziert wird.
  3. Die von Piero Rossi kritisierte Ergänzung in seinem zitierten Beispiel kann ich nicht verstehen, dies erinnert mich an Gymnasiallehrer, die mir erklären eine ADHS im Gymnasium gebe es nicht. Wenn ich die vielen erwachsenen ADHS-Patienten meiner Frau (Dr. med. Doris Ryffel) ansehe (unter ihnen u.a. viele Lehrer, Ärzte, Psychiater und auch Psychologen!), deren Lebensweg trotz akademischem Erfolg in vieler Hinsicht überaus beschwerlich war, entspricht die Argumentation von Herrn Rossi einfach nicht dem klinischen Alltag (vgl. dazu auch die vielen Arbeiten z.B. von Brown bzgl „High-IQ and ADHD“). Wenn von Piero Rossi solche Diagnosen jedoch angezweifelt werden, verkennt er dabei die durch Diagnose und Therapie deutlich erzielte Lebensverbesserung der betroffenen und „falsch“ diagnostizierten Patienten …
  4. Viele andere Fachleute sind hier der gegenteiligen Ansicht, es gibt auch solche die ASS und ADHS als Extreme der gleichen Störung betrachten… Es wäre deshalb so wichtig, wenn sich Piero Rossi vermehrt in den entsprechenden Fachkreisen, d.h. an Tagungen und Konferenzen bemerkbar machen und mitdiskutieren würde.
  5. Das Alterskriterium von bisher sieben Jahren war gemäss R. Tannock studienmässig nie belegt und eine grosse Literaturstudie hat dafür keine überzeugenden Hinweise ergeben, jedoch viele klinische Erfahrungen sprechen für eine Anhebung (und erneut nicht die Erweiterung des Absatzmarktes für Medikamente!), was ja auch die „gängige Praxis“ von Piero Rossi so zu belegen scheint.
  6. Hier sind wir uns wieder einig. Dass in der Forschung häufig mit der herrschenden „Fragebogenmedizin“ wenig seriös gearbeitet wird, ist auch mein Eindruck. Besonders bemühend ist, dass klinische Erfahrungen, die ich z.B. über Jahrzehnte sammeln konnte, die sog. Forscher an den Unis überhaupt nicht interessieren. Ich habe es deshalb aufgegeben, meinen Plan einer Kasuistik meiner über 30 jährigen Praxiserfahrungen zu erstellen, auszuführen. Es ist ja nicht „wissenschaftlich“… und lediglich retrospektiv… Zur Zusammenfassung (auch hier leider wieder der überspitzte und kontraproduktive Groll gegenüber den Pharmafirmen) ist nichts mehr beizufügen.

Dr. med. Meinrad Ryffel
Kinder-und Jugendarzt FMH
3047 Bremgarten
www.hansguckindieluft.ch                                                                                                                

ADHS und Partnerschaft

ADHS in der Paarbeziehung: Eine tolle, tägliche Herausforderung

Treue oder wenige treue Leserinnen und Leser von ADHSspektrum werden vielleicht bemerkt haben, dass das Thema ADHS und Partnerschaft bisher eher am Rande aufgegriffen wird.

Dabei sind tägliche Herausforderungen im Alltag einer Beziehung, aber eben auch Themen wie Treue oder Untreue schon ein Thema. Eher ein Thema, über das aber zu spät oder gar nicht gesprochen wird.

Gerade wenn dann eigene Kinder hinzukommen bzw. Kinderwunsch besteht und sich der Ärger des Alltags, finanzielle Probleme oder gar juristische Probleme häufen, sind Trennungsgedanken bzw. auch Scheidungen nicht selten.

Leider erlebe ich es in der Klink immer wieder, dass es eigentlich schon zu spät ist. Also erst nach der Trennung überhaupt das Thema ADHS in den Köpfen der Partner angekomen ist. Auch eine Form der Aufschieberitis ? Vielleicht. Sicher ist aber, dass eben gerade ADHS-Männer aufgrund der Besonderheiten der Selbst- und Fremdwahrnehmung bzw. der Unfähigkeit zum Perspektivenwechsel lange nichts von ADHS wissen wollen. Und sich immer mehr wie ein kleines Kind verhalten.

Welche Partnerin will aber an ihrer Seite einen Mann haben, der sich emotional bzw. hinsichtlich Verantwortungsübernahme wie ein 11 jähriger verhält ?

Ratgeber zum Thema ADHS und Partnerschaft

Zumindest auf dem deutschen Markt ist die Ratgeber-Literatur zum Thema ADHS und Partnerschaft bzw Sexualität schnell zusammengefasst. Im Prinzip gibt es hier quasi den Klassiker von Corrie Neuhaus „Lass mich, doch verlass mich nicht“. Auch wenn sich die ersten Seiten aus ADHSler-Sicht noch etwas schwierig lesen, ist dies vermutlich die erste Wahl. Kaum eine Therapeutin kann so gut die Besonderheiten von ADHS / ADS in Hinblick auf Selbst- und Fremdwahrnehmung, emotionale Regulation, Umgang mit Fremdgehen bzw. Angst vor dem Alleinsein und nicht zuletzt Auswirkungen auf die Kommunikation bzw. Fehlkommunikation darstellen. Das Frau Neuhaus sich auskennt, erlebt man auf jedem ihrer Vorträge. Hier eine schöne (ältere) Zusammenstellung eines ihrer Vorträge zu Thema ADHS und die verflixte Paarbeziehung

Dann gibt es noch die Bücher von Doris Ryffel-Rawak, die vermutlich auch in zahlreichen Bücherschränken von ADHSlerinnen stehen. Hier geht es eher anhand von Fallbeispielen (und häufig eher aus der Sicht der Frauen) um das Thema. „ADHS und Partnerschaft – Eine Herausforderung“ wäre so ein Beispiel.

Englischsprachige Ratgeber gibt es dagegen in Hülle und Fülle.

Frau Dr. Neuy-Bartmann hat in diesem Zusammenhang eine ganz schöne Anleitung für das Leben mit einem ADHSler (oder ADHSlerin) für ADHS-Deutschland verfasst.
Aber eine Gebrauchsanleitung bzw. der gute Rat für das ganze Leben wird vermutlich schwierig sein. Und ungelesen in der Ecke liegen bleiben. Je länger sie ist, desto weniger wird sie aufgenommen. Daher empfehle ich gerne die Anleitung von Frau Neuy-Bartmann…

ADHS verstehen – Psychoedukation die halbe Miete

In den letzten Wochen hatte ich häufiger die Konstellation, dass ich bei einem Partner ADHS diagnostizierte und es dann gerade bei der Partnerin zu jeder Menge Fragen kam. Aber auch viele Auffälligkeiten bzw. Problembereiche erklärlicher wurden. Einen Namen hatten bzw. überhaupt klar wurde, warum Ermahnungen und Kritik nun scheinbar ungehört verpufften.

Verstehen lernen, was denn die Stärken und Besonderheiten von ADHSlern ausmacht und wie man dann etwaige Herausforderungen gemeinsam meistert, setzt also zunächst einmal Information über ADHS voraus. Ob hier Informationsbroschüren der Pharmaindustrie ausreichend sind, glaube ich nicht.

Aufklärung (oder neumodischer „Störungsbildteaching“ bzw. Psychoedukation sollte dann ausgehend von neurobiologischen Grundlagen aus meiner Sicht besonders die Besonderheiten in folgenden Bereichen aufgreifen

* Selbst- und Fremdwahrnehmung (mit der Unfähigkeit zum Perspektivenwechsel)
* Stärken und Ressourcen: Was liebe ich an meiner Partnerin / meinem Partner
(schliesslich hat man sich ja nicht umsonst in seinen Partner verliebt…)
* Zeitgefühl bzw. Zeitwahrnehmung (Leben im Hier und Jetzt, Störungen des Zeitgefühls bzw. des sog. Prospektiven Gedächtnisses) und daraus verbunden
* Erwartungen an den Partner / Partnerin
* Emotionsregulation und Stress(in)toleranz
* Störungen bzw. Besonderheiten der höheren Handlungsfunktionen (Exekutivfunktionen) insbesondere im Bereich Planung, Prioritäten, Umgang mit Geld, Aufschieberitis (Prokrastination), Beginn von Aktivitäten = Selbstaktivierung

Wichtig ist dann, daraus abgeleitet sich spezieller mit Kommunikation zu beschäftigen. Miteinander reden ist die andere halbe Miete bei Beziehungsproblemen.

ADHSler haben häufig Probleme im Kurzzeitgedächtnis bzw. Zugriff auf Erfahrungen aber scheinbar ein Elefantengedächtnis für Kränkungen bzw. negative Erfahrungen. Häufig bezieht sich das auf Erlebnisse aus der Kindheit oder früheren Beziehungen für die der jetzige Partner aber gar nichts kann. Und von denen er oder sie nichts weiss.

Ich erkläre das gerne auch wie „Cookies“ eines Internetbrowsers. Viele ADHSler sind Bilderdenker bzw. „-fühler“. Sie speichern Erlebnisse eben in inneren Bildern ab. Gerade negative Erlebnisse werden dann wie nicht löschbare Cookies verarbeitet. Und scheinbar urplötzlich werden dann gerade in Streit- bzw. Alarmsituationen alte „Fenster“ bzw. Themen wieder eröffnet, die für den Partner / Partnerin überhaupt nicht vohersehbar sind.

Kommunikation, Selbstwert und Umgang mit Konflikten in der ADHS-Partnerschaft

Workshop : ADHS in der Paarbeziehung

Ausgehend von all diesen Überlegungen planen wir in unregelmässiger Reihenfolge in Bad Kösen (oder ggf. bei entsprechender Nachfrage auch vor Ort z.B. in Selbsthilfegruppen) Wochenend-Workshops mit dem Themenscherpunkt ADHS in der Paarbeziehung anzubieten. Dabei soll es ausdrücklich NICHT um ADHS bei Kindern gehen.

Vielmehr soll in einer entschleunigten und entspannten Atmosphäre das Miteinander reden gepflegt bzw. typische Stolperfallen in der Kommunikation bzw. Selbstwertregulation aufgegriffen werden.

Wir werden in einer kleinen Runde uns mit den Stärken und Ressourcen von ADHSlern und den Wünschen bzw. Erwartungen ihrer Partner / Partnerin auseinander setzen.

Einen Schwerpunkt wird dann die Erklärung der sog. Exekutivfunktionen bei ADHS in Hinblick auf die Paarbeziehung bilden. Wir werden gemeinsam erarbeiten, welche typischen Probleme es so geben kann bzw. welche Lösungsmöglichkeiten sich da so anbieten. Kurz- und Mittelfristig gesehen.

Natürlich wird dann das Thema Gefühlsabstürze bzw. Umgang mit Ärger, Frustration und Konflikten nicht zu kurz kommen.

Eben ein Workshop von und für ADHSler.

Interessiert? Der nächste Workshop ist bisher unverbindlich für den 17.- 19.Oktober 2014 in Bad Kösen geplant. Mehr dazu gerne per Email unter winkler(at)adhs.ch.

ADHS hört nicht mit dem Erwachsenenalter auf…

… liest man in einer selten inhaltsleeren Mitteilung einer Apothekerin der Techniker-Krankenkasse hier.

Und bevor man nun die Erwachsenen leitliniengerecht mit Methylphenidat bzw. Stimulanzien behandele, solle eine multimodale Therapie bzw. Betreuung durch Experten für Verhaltensstörungen erfolgen.

Prima.

Nur : Diese gibt es eben gar nicht für Erwachsene mit ADHS. Zumindest sind mir kaum Angebote bekannt, bei denen eine Psychotherapie oder gar Coaching für Erwachsene wohnortnah angeboten werden.

Selbst die Uni-Ambulanzen bieten für eigene Forschungszwecke nur Diagnostik und vielleicht auch mal eine Studie zur Medikation an. Psychotherapie vielleicht noch im Rahmen einer Gruppentherapiestudie zum Freiburger Konzept (das war das von Hesslinger mit dem DBT-Ansatz, der aber auch schon wieder in der Versenkung verschwindet).

Damit soll nicht gesagt werden, dass nun die alleinige Medikation der Königsweg bzw. eine Lösung wäre. Sicher nicht.

Sondern ich lege den Finger auf die Wunde, dass eben Psychotherapie bzw. Versorgung für Erwachsene im Sinne einer multimodalen Therapie einfach nicht existent ist.

Letzte Woche hatte ich dazu auch einen Mailwechsel mit einer Betreuerin, deren Klient mal in Homburg diagnostiziert wurde. ADHS und sicher auch Suchtprobleme, Traumata bzw. eben ein ganzer Sack voller Probeme. Sie sucht mehr oder weniger bundesweit nach einer Therapie.

Schön, wenn dann die Techniker-Krankenkasse solche Verlautbarungen macht. Ich habe übrigens für einen ADHS-Klienten dann mal bei der TK angerufen. Und tatsächlich : Sie haben mir ein Angebot gemacht : Bei einer Psychotherapeuten-Ausbildungsambulanz könnte man einen Termin innerhalb kurzer Zeit vereinbaren. ADHS-Erfahrung hätten die zwar nicht, aber es wäre dann ja wenigstens….

Ah ja… Danke.

Die Eltern bzw. die Ärzte wenden sich sicher nicht an mich als „Experte“, wenn sie dann mit einem Ausbildungskandidaten ohne ADHS-Erfahrung klar kommen könnten….

Realität und Wunschdenken der Krankenkasse liegen da doch etwas sehr weit auseinander….

Achtsamer Sport machen dank MPH?

Es mag ja eine merkwürdige und zunächst trivial erscheinende positive Wirkung von Methylphenidat sein: Eine meiner Patientinnen schilderte mir vorhin, dass sie unter dem Psychostimulans zum ersten Mal in ihrem Leben Spass am Sport hatte. Sie habe sich auf den Sport als Selbstzweck konzentrieren und ihn erleben können. Und nicht wie sonst beim Laufen an alle möglichen sich selbst gestellten Zusatzaufgaben (Beobachten von Autokennzeichen mit bestimmten Buchstaben, Blumen, Anzahl von Papierkörben etc.) denken musste.

Sie habe mit Sport angefangen, weil ihr Arzt es ihr so gesagt habe. Aber Spass, Erfolg, innere Zufriedenheit oder sowas habe sie nie erlebt.

Bis gestern.

Nun muss man dazu sagen, dass die Diagnose ADHS ganz neu für sie ist. Sie war als Kind schon in kinderpsychiatrischer Behandlung. Und dann bei sehr guten Kollegen (ohne ADHS-Verdacht) zur psychiatrischen Behandlung. Dort u.a. wegen vielen Ängsten, auch der Angst vor Kontrollverlust oder Probleme beim Autofahren mit Koordinationsstörungen oder Konzentrationsstörungen und auch wegen Entfremdungserleben.  Auch bei der Arbeit sei sie wegen Konzentrationsproblemen schon aufgefallen.

Wobei sie aber eben immer leicht ablenkbar war bzw. sich immer zusammenreissen musste. Da ihr aber der Vergleich zum Erleben von anderen Menschen fehlte, hat sie dies für normal angesehen.

Jetzt erlebt sie unter der Medikation den Unterschied zwischen „normal“ und „normal“ aus Sicht der Normalos ohne ADHS …

Nicht nur beim Sport. Aber eben auch dort.

Neuropsychologische Tests für die Diagnostik bei ADHS II

Es muss wahrscheinlich einmal mehr klar gestellt werden, dass keine neuropsychologischen Tests (oder Testreihen) existieren, welche eine zuverlässige ADHS-Diagnose (oder einen Ausschluss derselben) ermöglichen. Das wird es möglicherweise gar nie geben.

Hauptgrund ist der Umstand, dass diese Tests für viele ADHS-Betroffene schlicht zu interessant sind. Alles was neu, irgendwie „speziell“, interessant oder schwierig ist, lässt das ADHS-Hirn aufwachen und für eine (kurze) Weile normal ticken. Das kann und wird nie und nimmer zu zuverlässigen und wiederholbaren Testresultaten führen.

Wer „ADHS-Tests“ verkauft und vorgibt, damit eine ADHS-spezifische Aufmerksamkeitsstörung und eine ADHS-spezifische Impulsivität erfassen zu können, verspricht etwas, was er nicht einlösen kann.

Eine neuropsychologische Untersuchung bei Verdacht auf ADHS verfolgt nicht das Ziel, „objektive“ Beweise für das Vorliegen dieser Störung zu ermitteln. Dazu bietet der Alltag der Betroffenen und ihre Entwicklungsgeschichte wahrlich mehr als genug Belege.

Bei der neuropsychologischen Untersuchung geht es primär um etwas anderes. Nämlich um a) die Differenzialdiagnosen (was sonst könnte die Ursache der Impulsivität und der Konzentrationsprobleme sein?) und b) das Erfassen von therapierelevanten Komorbiditäten.

Das DSM-IV verlangt im Punkt E zwingend die Berücksichtigung von sogenannten Differenzialdiagnosen. Gemeint ist damit das konsequente Beachten von möglichen anderen Ursachen einer Krankheit, welche zu einem der ADHS ähnlichen Beschwerdebild führen könnten. Dazu zählen bei der ADHS nicht nur psychopathologische und neurologische Erkrankungen, sondern selbstverständlich auch Folgen von anderweitig verursachten zerebralen Funktionsstörungen.

Hier – zwar uralt, aber dennoch über weite Passagen noch  gültig – ein Vortragsmanuskript von 2003 mit dem Titel: (K)ein Fall von ADHS (PDF). Und wenn wir schon beim Thema sind, hier noch ein weiterer Artikel von 2008, in welchem Schritt für Schritt besprochen wird, wie eine zeitgemässe ADHS-Diagnostik ablaufen kann: Zur Diagnostik der ADHS (PDF).